{"id":6602,"date":"2013-08-27T12:30:48","date_gmt":"2013-08-27T11:30:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/?p=6602"},"modified":"2024-10-18T08:03:22","modified_gmt":"2024-10-18T06:03:22","slug":"wettbewerb-der-nationen-als-saldenmechanisches-paradoxon","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wettbewerb-der-nationen-als-saldenmechanisches-paradoxon\/","title":{"rendered":"Wettbewerb der Nationen als saldenmechanisches Paradoxon"},"content":{"rendered":"<p>Wie in dem Beitrag <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/der-wettbewerb-der-nationen-abwertungswettlauf\/\" title=\"Der Wettbewerb der Nationen\">Der Wettbewerb der Nationen<\/a> bereits angesprochen, will ich hier diesen Konkurrenzkampf der Staaten einmal unter der Lupe der saldenmechanischen Grunds\u00e4tze betrachten.<\/p>\n<p> <center><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.boeckler.de\/cps\/rde\/xbcr\/hbs\/\/data\/impuls_grafik_16_2018_6_Lohnstueckkosten_rdax_1024x563_75s.jpg\" width=\"540\" alt=\"\" \/><br \/>\n<\/center><\/p>\n<p>Nicht nur fast alle EU-Staaten haben im Zuge der Euro-Krise ihre Finanzpolitik umgestellt und &#8222;sparen&#8220; nun. Ebenso sind auch die Privaten in ihrer Mehrheit dazu \u00fcbergegangen, eine \u00e4hnliche Politik zu verfolgen.<\/p>\n<p><!--more Weiterlesen...--><\/p>\n<p>Wie aber kann es dann sein, dass diese &#8222;Spar&#8220;-Politik in Europa momentan so wenig Erfolg hat? Die Arbeitslosenquoten in den Krisenl\u00e4ndern steigen genauso wie die \u00f6ffentlichen Schuldenst\u00e4nde (hierzu siehe diverse Beitr\u00e4ge auf <a href=\"http:\/\/www.querschuesse.de\" title=\"www.querschuesse.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">www.querschuesse.de<\/a>). Wie kann das sein, wenn doch alle sparen?<\/p>\n<p><strong>Das Konkurrenzparadoxon wirkt auch beim Wettbewerb der Nationen<\/strong><br \/>\nIn dem Beitrag <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/saldenmechanik-erklaerende-und-vertiefende-beispiele\/\" title=\"Saldenmechanik - Beispiele\">Saldenmechanik &#8211; erkl\u00e4rende und vertiefende Beispiele<\/a> hatte ich bereits den Begriff des <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Konkurrenzparadoxon\" title=\"Konkurrenzparadoxon\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Konkurrenzparadoxons<\/a> n\u00e4her erl\u00e4utert.<\/p>\n<p>Auf volkswirtschaftlicher Ebene f\u00fchrt die Anwendung einzelwirtschaftlicher Wettbewerbsgedanken genau zu diesen Problemen, die mit dem &#8222;Konkurrenzparadoxon&#8220; so passend bezeichnet werden. Dabei ist in erster Linie die Vorstellung nicht richtig, dass Kostensenkungen gleich welcher Art mit unternehmerischem Wettbewerb gleichgesetzt werden k\u00f6nnten und in jedem Fall immer erfolgreich und zum gesamtwirtschaftlichen Wohle einer Volkswirtschaft sind. <\/p>\n<p>Sicherlich, wenn ein Unternehmen seine Kosten senkt, erh\u00f6ht es ohne Zweifel seine Wettbewerbsf\u00e4higkeit und damit zumeist auch seinen Marktanteil. Doch gilt das, was f\u00fcr eine Firma richtig ist, auch f\u00fcr die Gesamtheit aller Unternehmen? Gibt es nicht, wenn man die saldenmechanische Logik im Sinne eines Wolfgang St\u00fctzel und seines Vorg\u00e4ngers <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wilhelm-lautenbach-der-deutsche-keynes\/\" title=\"Wilhelm Lautenbach\">Wilhelm Lautenbach<\/a> beachtet, Nullsummenspiele, bei denen am Ende keiner wirklich gewinnen kann?<\/p>\n<p>Betrachten wir dies mit Hilfe eines einfachen Beispiels:<br \/>\nEin Unternehmen senkt seine Kosten, indem es seine Besch\u00e4ftigten davon \u00fcberzeugt, auf Teile des Lohnes oder eine Erh\u00f6hung desselben zu verzichten. Dieser Abbau von Kosten der einen Firma aber wirkt sich zwingend auf die anderen Unternehmen als Verminderung der Einnahmen aus. In der Folge m\u00fcssen auch diese rationalisieren und ebenfalls die Kosten senken. Bei einigen f\u00fchrt dies dann im Endeffekt auch zum Abbau von Arbeitspl\u00e4tzen. Damit sinken dann aber auch die Einkommen der privaten Haushalte in ihrer Gesamtheit und damit auch ihre Ausgaben f\u00fcr G\u00fcter, die von diesen oder\/und anderen Unternehmen produziert werden.<\/p>\n<p>Ist der Staat verpflichtet, die Arbeitslosen zu unterst\u00fctzen, so steigen seine Ausgaben und seine Einnahmen gehen wegen sinkender Steuerertr\u00e4ge zur\u00fcck. Hat er sich aber entschlossen zu sparen, so wird er versuchen, sein Defizit durch Einsparungen an anderer Stelle konstant zu halten. In der Summe sinken damit die Einnahmen der Unternehmen weiter, weil neben den privaten Haushalten nun auch der Staat spart.<\/p>\n<p>Die Kostensenkung (Sparen) eines Unternehmens f\u00fchrt aus gesamtwirtschaftlicher Sicht nicht zu einer Verbesserung der Lage der Unternehmen insgesamt, da immer die Ausgaben des einen die Einnahmen des anderen sind. <\/p>\n<p>Anders verh\u00e4lt es sich bei dem &#8222;echten&#8220; Wettbewerb der Unternehmen, n\u00e4mlich dem um Ideen und Innovationen. Hat ein Firmeninhaber einen Einfall, wie man die bereits vorhandenen Faktoren Kapital und Arbeitskraft effektiver miteinander kombinieren kann, so kann er schlussendlich aufgrund der gestiegenen Produktivit\u00e4t seines Betriebes seine Produkte billiger anbieten.<\/p>\n<p>\u00dcber alle Unternehmen als Gesamtheit hinweg haben solche gesunkenen Preise vor allem mehr Kaufkraft zur Folge, weil entweder die G\u00fcter diese Pionierbetriebes bei gleicher Belegschaft mehr nachgefragt werden oder \u00fcber die gesteigerte Kaufkraft andere G\u00fcter gekauft werden, deren Produzenten dadurch mehr Arbeitspl\u00e4tze schaffen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Dieser echte unternehmerische Wettbewerb ist immer positiv zu bewerten, weil er im Gegensatz zur reinen Kostensenkung eben kein Nullsummenspiel ist.<\/p>\n<p><b>Wettbewerb der Nationen als &#8222;echter&#8220; unternehmerischer Wettbewerb?<\/b><br \/>\nWie zu Beginn unserer \u00dcberlegungen bereits ausgef\u00fchrt, wird ja gerade in Deutschland der Wettbewerb der Nationen gleichgesetzt mit dem unternehmerischen Wettstreit. Ebenso wird der positive &#8222;Output&#8220; dieses Konkurrenzkampfes der Staaten beschworen.<\/p>\n<p>Nun, schon <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/der-wettbewerb-der-nationen-abwertungswettlauf\/\" title=\"Der Wettbewerb der Nationen\">im ersten Teil<\/a> haben wir gesehen, dass der reine Kostensenkungswettlauf der Staaten z. B. \u00fcber Steuersenkungen in keinster Weise mit dem Wettbewerb der Unternehmer um neue Produkte und Produktionsverfahren zu vergleichen ist. Im Gegenteil sind gerade Steuersenkungen oder Lohndumping nicht innovativ, sondern zwingen andere Nationen dazu, das zu tun, was andere schon vorher gemacht haben. <\/p>\n<p>Gewinnen wird dabei letztendlich niemand, da wir es dann mit dem geradezu klassischen Fall eines Konkurrenzparadoxon zu tun haben. Im Gegenteil, es ist davon auszugehen, dass alle verlieren werden, wenn Regierungen dabei \u00fcberziehen und ihre Staaten so sehr schw\u00e4chen, dass sie ihre ureigensten Aufgaben nicht mehr zufriedenstellend erf\u00fcllen k\u00f6nnen. <\/p>\n<p><b>Was passiert mit den Verlierern des Staaten-Wettkampfs?<\/b><br \/>\nEin weiteres, vielleicht noch gravierenderes Problem entsteht bei der Gleichstellung des Konkurrenzkampfes der Nationen mit dem unternehmerischen Wettbewerb. Ein Unternehmen kann es sich zum Ziel machen, durch Innovationen oder aber durch schlichte Kostensenkungen ein anderes Unternehmen endg\u00fcltig vom Markt zu verdr\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Passiert dies durch die Anwendung neuer Produktionsverfahren oder anderen fortschrittlichen Ideen, so kann sich dieser Verdr\u00e4ngungsprozess zwischen Unternehmen durchaus aufgrund obengenannter Folgen positiv auf die Gesamtwirtschaft auswirken.<\/p>\n<p>Ganz anders sieht es dagegen aus, wenn ein Staat &#8222;siegreich&#8220; aus dem Wettkampf der Nationen hervorgeht. Ein wirtschaftlich &#8222;besiegter&#8220; bzw. &#8222;verdr\u00e4ngter&#8220; Staat kann seinen B\u00fcrgern nicht mehr die notwendigen Einkommensquellen zur Verf\u00fcgung stellen, was letztlich dazu f\u00fchrt, dass sie die G\u00fcter der \u00fcberlegenen Nation nicht mehr kaufen k\u00f6nnen. Um den Staus Quo aufrecht erhalten zu k\u00f6nnen, muss der Sieger dann die Unterlegenen alimentieren, um ihnen \u00fcberhaupt noch etwas verkaufen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die Wiedervereinigung nach 1989 ist ein geradezu klassisches Beispiel eines solchen staatlichen Verdr\u00e4ngungswettbewerbs. <\/p>\n<p>Ein souver\u00e4ner Staat wird allerdings in der Regel Mittel und Wege suchen, um sich in diesem Wettkampf der Nationen wehren zu k\u00f6nnen. Folge dieser Entwicklung sind dann Abwertungs- und Kostensenkungswettl\u00e4ufe, die bei den momentan niedrigen Inflationsraten unausweichlich direkt in eine Deflationsspirale f\u00fchren.<\/p>\n<p>Synonym gilt dies \u00fcbrigens \u00e4hnlich auch f\u00fcr den privaten Sektor: wenn alle nur sparen, wie aus der eingangs dargestellten Tabelle ersichtlich, und daraufhin die notwendigen Investitionen fehlen, ist die deflation\u00e4re Entwicklung nicht zu verhindern, vor allem dann, wenn auch die Staaten das Gleiche tun. <\/p>\n<p>Der Wettbewerb der Nationen ist also immer ein Abwertungswettlauf mit anderen Mitteln. Steht wie in der europ\u00e4ischen Union das Mittel der Abwertung der W\u00e4hrung den einzelnen Staaten aber nicht zur Verf\u00fcgung, so muss die Lektion aus der Eurokrise und den zahlreichen anderen Desastern der letzten Jahrzehnte sein, die Ertr\u00e4ge aus der wirtschaftlichen Entwicklung im Inland zu konsumieren und das Entstehen von Handelsungleichgewichten als Folge unterschiedlicher Lohnst\u00fcckkostenentwicklungen zu verhindern bzw. abzubauen.<\/p>\n<p>Dies bedeutet, wie bereits in diesem Blog \u00f6fter gefordert, dass die Produktionszuw\u00e4chse der einzelnen Nationen der W\u00e4hrungsunion f\u00fcr inl\u00e4ndische Lohnsteigerungen verwendet werden sollten, so dass die Lohnst\u00fcckkosten sich nach diesen Steigerungen der Produktivit\u00e4t sowie des Inflationszieles der Europ\u00e4ischen Zentralbank entwickeln k\u00f6nnen (siehe auch <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/warum-eigentlich-sollte-die-inflation-in-der-euro-zone-in-die-lohnerhohungen-mit-einfliesen\/\" title=\"Warum sollte die Inflation in der EURO-Zone in die Lohnerh\u00f6hungen mit einflie\u00dfen?\">Warum sollte die Inflation in der EURO-Zone in die Lohnerh\u00f6hungen mit einflie\u00dfen?<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/zusammenhang-lohne-produktivitat-lohnstuckkosten-und-inflation\/\" title=\"Zusammenhang L\u00f6hne, Produktivit\u00e4t, Lohnst\u00fcckkosten und Inflation\">Zusammenhang L\u00f6hne, Produktivit\u00e4t, Lohnst\u00fcckkosten und Inflation<\/a>).<\/p>\n<p>Erstaunlich ist, dass bereits Wolfgang St\u00fctzel in den F\u00fcnfziger-Jahren und vor ihm Wilhelm Lautenbach in der gro\u00dfen Weltwirtschaftskrise zu \u00e4hnlichen Gedanken \u00fcber den Wettbewerb der Nationen gekommen sind.<\/p>\n<p>So schrieb St\u00fctzel in seiner Einleitung zu Lautenbachs Werk <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/Lautenbach (1952) Zins Kredit und Produktion.pdf\" title=\"Lautenbach: Zins, Kredit und Produktion (PDF; 1,6 MB)\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Zins, Kredit und Produktion (PDF; 1,6 MB)<\/a>:<\/p>\n<blockquote><p>\nAlle L\u00e4nder wollen&#8230;mehr exportieren als importieren. Es ist wieder von vornherein klar, da\u00df sie nicht zum Ziel kommen werden. Grunds\u00e4tzlich theoretisch gibt es hier zwei M\u00f6glichkeiten. Entweder betreiben alle Staaten aktive Exportf\u00f6rderung und lassen die Importe frei: In einem Taumel internationaler Austauschlust wird das Gesamtexportvolumen steigen, ohne da\u00df in summa irgend jemand mehr exportiert als importiert h\u00e4tte. <\/p>\n<p>Oder aber \u2013 und das ist das Wahrscheinlichere und leider immer wieder historisch Gegebene: Man wird zur Gewinnung eines aktiven Leistungsbilanzsaldos die Importe zu beschr\u00e4nken suchen.<\/p>\n<p>Damit kann auch kein Land mehr seinen Export steigern. Im Gegenteil. Das allgemeine Streben nach einer Differenz zwischen Export und Import wird das Gesamtaustausch- volumen kumulativ zur\u00fcckgehen lassen. Das Ergebnis ist Kampf um Absatzm\u00e4rkte, internationaler Konkurrenzneid, Krieg zun\u00e4chst aller gegen alle und schlie\u00dflich vielleicht \u00abImperialismus als h\u00f6chstes Stadium des Kapitalismus\u00bb!<\/p><\/blockquote>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie in dem Beitrag Der Wettbewerb der Nationen bereits angesprochen, will ich hier diesen Konkurrenzkampf der Staaten einmal unter der Lupe der saldenmechanischen Grunds\u00e4tze betrachten. 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