{"id":5634077,"date":"2017-06-27T07:18:34","date_gmt":"2017-06-27T05:18:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/?p=5634077"},"modified":"2017-06-27T07:18:34","modified_gmt":"2017-06-27T05:18:34","slug":"john-maynard-keynes-und-die-wirtschaftlichen-moeglichkeiten-fuer-unsere-enkelkinder-teil-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/john-maynard-keynes-und-die-wirtschaftlichen-moeglichkeiten-fuer-unsere-enkelkinder-teil-2\/","title":{"rendered":"John Maynard Keynes und die wirtschaftlichen M\u00f6glichkeiten f\u00fcr unsere Enkelkinder \u2013 Teil 2"},"content":{"rendered":"<p><em><b>Weiter von <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/john-maynard-keynes-und-die-wirtschaftlichen-moeglichkeiten-fuer-unsere-enkelkinder-teil-1\/\" target=\"_blank\">Teil I<\/a>:<\/b><\/em><\/p>\n<p><Center><a title=\"John Maynard Keynes von IMF [Public domain oder Public domain], via Wikimedia Commons\" href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File%3AJohn_Maynard_Keynes.jpg\"><img decoding=\"async\" width=\"200\" alt=\"John Maynard Keynes\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/6\/66\/John_Maynard_Keynes.jpg\"\/><\/a><br \/>\n<em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/John_Maynard_Keynes\" target=\"_blank\">John Maynard Keynes<\/a> 1946<\/em><\/center><\/p>\n<p><Center><b>II.<\/b><\/Center><\/p>\n<p>Wir wollen einmal unterstellen, dass es uns allen von heute an in hundert Jahren in wirtschaftlicher Hinsicht im Durchschnitt achtmal besser geht als heute. Dies br\u00e4uchte uns ganz gewiss nicht zu \u00fcberraschen. <\/p>\n<p>Nun ist es wahr, dass die Bed\u00fcrfnisse der Menschen uners\u00e4ttlich zu sein scheinen. Aber sie zerfallen in zwei Klassen \u2212 solche Bed\u00fcrfnisse, die absolut in dem Sinne sind, dass wir sie f\u00fchlen, wie auch immer die Situation unserer Mitmenschen sein mag, und solche, die relativ in dem Sinne sind, dass wir sie nur f\u00fchlen, wenn ihre Befriedigung uns \u00fcber unsere Mitmenschen erhebt, uns ein Gef\u00fchl der \u00dcberlegenheit gibt. <\/p>\n<p><!--more Weiterlesen...--><\/p>\n<p>Bed\u00fcrfnisse der zweiten Klasse, also solche, die das Verlangen nach \u00dcberlegenheit befriedigen, m\u00f6gen in der Tat uners\u00e4ttlich sein; je h\u00f6her das allgemeine Niveau, desto h\u00f6her sind sie. Aber dies gilt nicht in gleicher Weise f\u00fcr die absoluten Bed\u00fcrfnisse \u2212 es mag bald ein Punkt erreicht sein, vielleicht viel eher, als wir uns alle bewusst sind, an dem diese Bed\u00fcrfnisse in dem Sinne befriedigt sind, dass wir es vorziehen, unsere weiteren Kr\u00e4fte nicht-wirtschaftlichen Zwecken zu widmen.<\/p>\n<p>Nun zu meinen Folgerungen, die Sie, wie ich glaube, immer verbl\u00fcffender finden werden, je l\u00e4nger Sie dar\u00fcber nachdenken. Unter der Annahme, dass keine bedeutenden Kriege und keine erhebliche Bev\u00f6lkerungsvermehrung mehr stattfinden, komme ich zu dem Ergebnis, dass das wirtschaftliche Problem innerhalb von hundert Jahren gel\u00f6st sein d\u00fcrfte, oder mindestens kurz vor der L\u00f6sung stehen wird. Dies bedeutet, dass das wirtschaftliche Problem \u2212 wenn wir in die Zukunft sehen \u2212 nicht das best\u00e4ndige Problem der Menschheit ist.<\/p>\n<p>Warum, werden Sie fragen, ist das so verbl\u00fcffend? Es ist verbl\u00fcffend, weil \u2212 wenn wir statt in die Zukunft, in die Vergangenheit blicken \u2212 wir finden, dass das wirtschaftliche Problem, der Kampf ums Dasein, bisher immer die wichtigste, allerdringlichste Aufgabe der Menschheit war \u2212 nicht nur der Menschheit, sondern des gesamten biologischen K\u00f6nigreichs von den Anf\u00e4ngen des Lebens in seinen primitivsten Formen.<\/p>\n<p>Folglich sind wir durch die Natur ausdr\u00fccklich zu dem Zweck entwickelt worden \u2212 mit all unserer Antriebskraft und unseren tiefsten Trieben \u2212, das wirtschaftliche Problem zu l\u00f6sen. Wenn das wirtschaftliche Problem gel\u00f6st ist, wird die Menschheit eines ihrer traditionellen Zwecke beraubt sein.<\/p>\n<p>Wird dies eine Wohltat sein? Wenn man \u00fcberhaupt an die wirklichen Werte des Lebens glaubt, so er\u00f6ffnet sich zum mindesten die Aussicht auf die M\u00f6glichkeit einer Wohltat. Dennoch denke ich mit Schrecken an die Umstellung der Gewohnheiten und Triebe des durchschnittlichen Menschen, die ihm \u00fcber ungez\u00e4hlte Generationen anerzogen wurden, und die er nun in wenigen Jahrzehnten aufgeben soll.<\/p>\n<p>Um die heutige Sprache zu gebrauchen \u2212 m\u00fcssen wir nicht mit einem allgemeinen \u201eNervenzusammenbruch\u201c rechnen? Wir haben schon einen kleinen Vorgeschmack von dem, was ich meine \u2212 einen Nervenzusammenbruch jener Art, der in England und den Vereinigten Staaten bereits unter den Ehefrauen der wohlhabenden Klassen bekannt<br \/>\nist, ungl\u00fcckliche Frauen, die durch ihren Wohlstand ihrer traditionellen Aufgaben und Besch\u00e4ftigungen beraubt wurden \u2212 die es nicht hinreichend unterhaltend finden k\u00f6nnen, ohne den Druck wirtschaftlicher Notwendigkeit zu kochen, sauberzumachen und zu flicken und derzeit noch nicht in der Lage sind, irgend etwas mehr Unterhaltendes zu finden.<\/p>\n<p>F\u00fcr diejenigen, die f\u00fcr ihr t\u00e4gliches Brot schwitzen m\u00fcssen, ist Freizeit eine langersehnte S\u00fc\u00dfigkeit \u2212 bis sie sie bekommen. Es gibt eine \u00fcberlieferte Grabinschrift, die eine alte Putzfrau f\u00fcr sich selbst geschrieben hat: \u201eTrauert nicht um mich, Freunde, und weint um mich nimmer, denn ich werde nun nichts mehr tun f\u00fcr immer und immer.\u201c <\/p>\n<p>Dies war ihr Himmel. Wie andere, die sich auf Freizeit und Mu\u00dfe freuen, stellte sie sich vor, wie sch\u00f6n es sein w\u00fcrde, ihre Zeit nur mit Radio h\u00f6ren zu verbringen \u2212 denn es gab noch ein anderes Reimpaar, das in ihrem Gedicht vorkam: \u201eMit Psalmen und s\u00fc\u00dfer Musik werden die Himmel erklingen, doch ich werde nichts zu tun haben mit diesem Singen.\u201c Das Leben wird also nur f\u00fcr die ertr\u00e4glich sein, die mit dem Singen zu tun haben \u2212 aber wer von uns kann schon singen!<\/p>\n<p>Zum ersten Mal seit seiner Erschaffung wird der Mensch damit vor seine wirkliche, seine best\u00e4ndige Aufgabe gestellt sein \u2212 wie seine Freiheit von dr\u00fcckenden wirtschaftlichen Sorgen zu verwenden, wie seine Freizeit auszuf\u00fcllen ist, die Wissenschaft und Zinseszins f\u00fcr ihn gewonnen haben, damit er weise, angenehm und gut leben kann.<\/p>\n<p>Die emsigen und zielbewussten Gesch\u00e4ftsm\u00e4nner m\u00f6gen uns alle mit sich in den Scho\u00df des wirtschaftlichen \u00dcberflusses ziehen. Aber es werden nur solche Menschen sein, die am Leben bleiben k\u00f6nnen und eine h\u00f6here Perfektion der Lebenskunst kultivieren, sich nicht f\u00fcr die blo\u00dfen Mittel des Lebens verkaufen, die in der Lage sein werden, den \u00dcberfluss zu genie\u00dfen, wenn er kommt.<\/p>\n<p>Allerdings, so glaube ich, gibt es noch niemanden, der dem Zeitalter der Freizeit und der F\u00fclle ohne Furcht entgegenblicken k\u00f6nnte. Denn wir sind zu lange trainiert worden, zu streben statt zu genie\u00dfen. F\u00fcr den durchschnittlichen Menschen ohne besondere Begabungen ist es eine be\u00e4ngstigende Aufgabe, sich selbst zu besch\u00e4ftigen, besonders, wenn er nicht mehr mit der Heimat oder den Sitten und Gewohnheiten oder den geliebten Gepflogenheiten einer traditionellen Gesellschaft verwurzelt ist. <\/p>\n<p>Nach dem Verhalten und den T\u00e4tigkeiten der heutigen wohlhabenden Klasse in irgendeinem Viertel der Welt geurteilt, sind die Aussichten sehr deprimierend! Denn diese stellen sozusagen unsere Vorhut dar \u2212 diejenigen, die das verhei\u00dfene Land f\u00fcr uns \u00fcbrige auskundschaften und dort ihr Lager aufschlagen. Die meisten von denen, die ein eigenst\u00e4ndiges Einkommen haben, aber ohne Anhang oder Pflichten oder Bindungen sind, haben, so scheint es mir, bei der L\u00f6sung der ihnen gestellten Aufgaben katastrophal versagt.<\/p>\n<p>Ich bin sicher, dass wir mit ein wenig mehr Erfahrung die neu gefundenen Gaben der Natur ganz anders nutzen werden als es die Reichen heute tun, und dass wir einen Lebensplan f\u00fcr uns entwerfen werden, der ganz anders als der ihre ist.<\/p>\n<p>F\u00fcr lange Zeiten wird der alte Adam in uns noch so m\u00e4chtig sein, dass jedermann w\u00fcnschen wird, irgendeine Arbeit zu tun, um zufrieden sein zu k\u00f6nnen. Wir werden mehr Dinge f\u00fcr uns selbst tun k\u00f6nnen, als es bei den Reichen heute \u00fcblich ist, und nur allzu froh sein, dass wir kleine Pflichten, Aufgaben und Routinesachen haben. Aber dar\u00fcber hinaus sollten wir uns bem\u00fchen, die Butter auf dem Brot d\u00fcnn zu streichen \u2212 um die Arbeit, die dort noch zu tun ist, soweit wie m\u00f6glich zu teilen. <\/p>\n<p>Mit Drei-Stunden-Schichten oder einer F\u00fcnfzehn-Stunden-Woche kann das Problem eine ganze Weile hinausgeschoben werden. Denn drei Stunden am Tag reichen v\u00f6llig aus, um den alten Adam in den meisten von uns zu befriedigen!<\/p>\n<p>Es gibt auch Ver\u00e4nderungen in anderen Bereichen, die wir erwarten m\u00fcssen. Wenn die Akkumulation des Reichtums nicht mehr von hoher gesellschaftlicher Bedeutung ist, werden sich gro\u00dfe Ver\u00e4nderungen in den Moralvorstellungen ergeben. Wir sollten imstande sein, uns von vielen der pseudomoralischen Grunds\u00e4tze zu befreien, die uns seit zweihundert Jahren peinigen und durch die wir einige der unangenehmsten menschlichen Eigenschaften zu h\u00f6chsten Tugenden gesteigert haben. <\/p>\n<p>Wir sollten uns wagen, den Geldtrieb nach seinem wahren Wert einzusch\u00e4tzen. Die Liebe zum Geld als ein Wert in sich \u2212 was zu unterscheiden ist von der Liebe zum Geld als einem Mittel f\u00fcr die Freuden und die wirklichen Dinge des Lebens \u2212 wird als das erkannt werden, was sie ist, ein ziemlich widerliches, krankhaftes Leiden, eine jener halb-kriminellen, halb-pathologischen Neigungen, die man mit Schaudern den Spezialisten f\u00fcr Geisteskrankheiten \u00fcberl\u00e4sst. <\/p>\n<p>Wir werden dann endlich die Freiheit haben, uns aller Arten von gesellschaftlichen Gewohnheiten und wirtschaftlichen Machenschaften zu entledigen, die die Verteilung des Reichtums und der wirtschaftlichen Belohnungen und Strafen betreffen, und die wir jetzt unter allen Umst\u00e4nden, so widerlich und ungerecht sie auch sein m\u00f6gen, mit allen Mitteln aufrechterhalten, weil sie ungeheuer n\u00fctzlich f\u00fcr die F\u00f6rderung der Kapitalakkumulation sind.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich wird es immer noch viele Leute mit einer starken, unbefriedigten Zielstrebigkeit geben, die dem Reichtum blindlings nachjagen werden \u2212 bis sie einen annehmbaren Ersatz finden k\u00f6nnen. Aber wir \u00fcbrigen werden nicht mehr verpflichtet sein, ihnen Beifall zu spenden und sie zu ermutigen. Denn wir werden wesentlich wissbegieriger, als es heute opportun ist, nach dem wahren Charakter dieser \u201eZielstrebigkeit\u201c fragen, mit der die Natur beinahe alle von uns in verschiedenen Abstufungen ausgestattet hat. <\/p>\n<p>Denn Zielstrebigkeit sollte eigentlich hei\u00dfen, dass wir uns mehr mit den Ergebnissen unseres Handelns in einer ferneren Zukunft als mit ihrer eigenen Qualit\u00e4t oder mit ihren kurzfristigen Auswirkungen auf unsere eigene Umgebung besch\u00e4ftigen. Der \u201ezielstrebige\u201c Mensch versucht immer, f\u00fcr seine Handlungen irgendeine nicht vorhandene Unverg\u00e4nglichkeit vorzut\u00e4uschen, indem er ihre Bedeutung permanent in die Zukunft verschiebt.<\/p>\n<p>Er liebt nicht seine Katze, sondern die K\u00e4tzchen seiner Katze; in Wirklichkeit auch nicht die K\u00e4tzchen, sondern die K\u00e4tzchen der K\u00e4tzchen, und immer so weiter bis zum Ende des Katzentums. F\u00fcr ihn ist Marmelade nicht Marmelade, es sei denn, es handelte sich um Marmelade von morgen und niemals um Marmelade von heute. Indem er so seine Marmelade immer vorw\u00e4rts in die Zukunft schiebt, versucht er, seinem Akt des Kochens Unverg\u00e4nglichkeit zu verleihen.<\/p>\n<p>Erlauben Sie mir, Sie an den Professor in \u201eSylvie &#038; Bruno\u201c<Sup><a href=\"#eins\"><b>*<\/b><\/a><\/Sup> zu erinnern:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eNur der Schneider, Herr Professor, mit einer kleinen Rechnung\u201c, meldete eine sanfte Stimme vor der T\u00fcr. \u201eAh, gut, seine Sache kann ich schnell erledigen\u201c, sagte der Professor zu den Kindern, \u201ewartet nur eine Minute. Wie viel ist es dieses Jahr, mein Lieber?\u201c W\u00e4hrend er sprach, war der Schneider eingetreten. \u201eWissen Sie, es hat sich im Laufe der Jahre verdoppelt\u201c, entgegnete der Schneider etwas schroff, \u201eund ich glaube, dass ich das Geld nun wirklich haben m\u00f6chte. Es sind tats\u00e4chlich zweitausend Pfund!\u201c<\/p>\n<p>\u201eOh, das ist gar nichts!\u201c, bemerkte der Professor unbek\u00fcmmert und f\u00fchlte in seine Tasche, als ob er zumindest diesen Betrag immer bei sich h\u00e4tte. \u201eAber wollen Sie nicht lieber ein weiteres Jahr warten und dann viertausend berechnen? \u00dcberlegen Sie einmal, wie reich Sie sein w\u00fcrden! Sie k\u00f6nnten ein K\u00f6nig werden, wenn Sie nur wollten!\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch wei\u00df nicht, ob mir wirklich daran l\u00e4ge, ein K\u00f6nig zu sein\u201c, sagte der Mann nachdenklich. \u201eAber es klingt nach einer gro\u00dfen Menge Geld! Nun, ich denke, ich werde warten.\u201c \u201eNat\u00fcrlich werden Sie!\u201c, sagte der Professor. \u201eIch sehe, Sie haben Verstand. Auf Wiedersehen, mein Guter!\u201c<\/p>\n<p>\u201eWerden Sie ihm jemals diese viertausend Pfund bezahlen m\u00fcssen?\u201c fragte Sylvie, nachdem sich die T\u00fcr hinter dem Gl\u00e4ubiger geschlossen hatte. \u201eNiemals, mein Kind!\u201c, antwortete der Professor nachdr\u00fccklich. \u201eEr wird es immer wieder verdoppeln lassen, bis er stirbt. Du siehst, es lohnt sich immer, ein weiteres Jahr zu warten, um doppelt so viel Geld zu bekommen!\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Vielleicht ist es kein Zufall, dass das Volk, das am meisten dazu beigetragen hat, das Versprechen der Unsterblichkeit in Herz und Wesen unserer Religionen zu pflanzen, auch am meisten f\u00fcr den Grundsatz des Zinseszins getan hat und diese zweckhafteste der menschlichen Institutionen besonders liebt.<\/p>\n<p>Ich sehe deshalb f\u00fcr uns die Freiheit, zu einigen der sichersten und zuverl\u00e4ssigsten Grunds\u00e4tze der Religion und der althergebrachten Werte zur\u00fcckzukehren \u2212 dass Geiz ein Laster ist, das Eintreiben von Wucherzinsen ein Vergehen, die Liebe zum Geld abscheulich, und dass diejenigen am wahrhaftigsten den Pfad der Tugend und der ma\u00dfvollen Weisheit beschreiten, die am wenigsten \u00fcber das Morgen nachdenken.<\/p>\n<p>Wir werden die Zwecke wieder h\u00f6her werten als die Mittel und das Gute dem N\u00fctzlichen vorziehen. Wir werden diejenigen ehren, die uns lehren k\u00f6nnen, wie wir die Stunde und den Tag tugendhaft und gut vorbeiziehen lassen k\u00f6nnen, jene herrlichen Menschen, die f\u00e4hig sind, sich unmittelbar an den Dingen zu erfreuen, die Lilien auf dem Feld, die sich nicht m\u00fchen und die nicht spinnen.<\/p>\n<p>Aber Achtung! Die Zeit f\u00fcr all dies ist noch nicht gekommen. F\u00fcr wenigstens noch einmal hundert Jahre m\u00fcssen wir uns selbst und allen anderen vormachen, dass das Anst\u00e4ndige widerlich und das Widerliche anst\u00e4ndig ist; denn das Widerliche ist n\u00fctzlich, das Anst\u00e4ndige ist es nicht. <\/p>\n<p>Geiz, Wucher und Vorsicht m\u00fcssen f\u00fcr eine kleine Weile noch unsere G\u00f6tter bleiben. Denn nur sie k\u00f6nnen uns aus dem Tunnel der wirtschaftlichen Notwendigkeit ans Tageslicht f\u00fchren.<\/p>\n<p>Ich freue mich also auf die nicht zu fernen Tage, auf den gr\u00f6\u00dften Wandel, welcher sich jemals in der physischen Lebensumwelt der Menschheit als Ganzer ereignet hat. Aber nat\u00fcrlich wird sich alles nach und nach ereignen, nicht als eine Katastrophe. Tats\u00e4chlich hat es schon begonnen. Der Gang der Dinge wird einfach der sein, dass es immer gr\u00f6\u00dfere und gr\u00f6\u00dfere Schichten und Gruppen von Menschen geben wird, f\u00fcr die sich Probleme wirtschaftlicher Notwendigkeit einfach nicht mehr stellen. <\/p>\n<p>Der entscheidende Unterschied wird erreicht sein, wenn dieser Zustand so allgemein geworden ist, dass sich die Natur unserer Pflicht gegen\u00fcber unserem N\u00e4chsten ver\u00e4ndert. Denn es wird vern\u00fcnftig bleiben, wirtschaftlich zielgerichtet f\u00fcr andere zu handeln, nachdem es f\u00fcr einen selbst aufgeh\u00f6rt hat, vern\u00fcnftig zu sein.<\/p>\n<p>Die Geschwindigkeit, mit der wir unserem Ziel der wirtschaftlichen Seligkeit n\u00e4her-kommen, wird von vier Dingen bestimmt werden \u2212 unserer Macht, das Bev\u00f6lkerungs-wachstum zu regulieren; unserer Entschlossenheit, Kriege und Auseinandersetzungen im Inneren zu vermeiden; unserer Bereitschaft, der Wissenschaft die Lenkung jener Dinge anzuvertrauen, die das eigentliche Gebiet der Wissenschaft sind; und der Akkumulations-rate, die sich aus der Spanne zwischen unserer Produktion und unserem Konsum ergibt; wobei sich dies letzte leicht von selbst regeln wird, wenn die drei ersten gegeben sind.<\/p>\n<p>Unterdessen kann es nicht schaden, sachte Vorbereitungen f\u00fcr unsere Bestimmung zu treffen, indem sowohl die Lebenskunst als auch die zweckdienlichen Aktivit\u00e4ten unterst\u00fctzt und ausprobiert werden.<\/p>\n<p>Vor allem aber lasst uns die Bedeutung der wirtschaftlichen Aufgabe nicht \u00fcberbewerten oder ihren vermeintlichen Notwendigkeiten andere Dinge von gr\u00f6\u00dferer und best\u00e4ndigerer Bedeutung opfern. Sie sollte eine Sache f\u00fcr Spezialisten werden, wie Zahnheilkunde. Wenn \u00d6konomen es fertig bringen w\u00fcrden, dass man sie f\u00fcr bescheidene, sachkundige Leute, Zahn\u00e4rzten vergleichbar, halten w\u00fcrde, das w\u00e4re gro\u00dfartig!<\/p>\n<p><b>Anmerkung:<\/b><br \/>\n<Sup><a name=\"#eins\"><b>*<\/b><\/a><\/Sup> <em>Keynes bezieht sich auf den 1889 erschienenen Roman des englischen Mathematik-professors Charles Lutwidge Dodgson (1832-1898), der unter dem Pseudonym Lewis Carroll neben \u201eSylvie &#038; Bruno. Die Geschichte einer Liebe\u201c mit \u201eAlice im Wunderland\u201c eines der ber\u00fchmtesten und bekanntesten Kinderb\u00fccher der Weltliteratur geschrieben hat.<\/em><\/p>\n<p><em>Aus dem Englischen von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Norbert_Reuter\" target=\"_blank\">Norbert Reuter<\/a><\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weiter von Teil I: John Maynard Keynes 1946 II. 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