{"id":4418124,"date":"2016-12-12T07:19:23","date_gmt":"2016-12-12T06:19:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/?p=4418124"},"modified":"2026-04-22T08:24:00","modified_gmt":"2026-04-22T06:24:00","slug":"in-der-pipeline-die-fast-3-milliarden-euro-pro-minute-transferiert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/in-der-pipeline-die-fast-3-milliarden-euro-pro-minute-transferiert\/","title":{"rendered":"In der Pipeline, die fast 3 Milliarden Euro pro Minute transferiert"},"content":{"rendered":"<p>Und warum man sich keine Sorgen machen sollte, wenn es darin mal wieder ein wenig unausgeglichen wird.<\/p>\n<p><Center><a title=\"Installation einer Mehrplattenr\u00f6hre von Tomas Castelazo (Eigenes Werk) [CC BY-SA 3.0 (http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0) oder GFDL (http:\/\/www.gnu.org\/copyleft\/fdl.html)], via Wikimedia Commons\" href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File%3A12_foot_pipe_installation_s.jpg\"><img decoding=\"async\" width=\"356\" alt=\"12 foot pipe installation s\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/f\/f1\/12_foot_pipe_installation_s.jpg\"\/><\/a><br \/>\n<em>Installation einer Mehrplattenr\u00f6hre<\/em><\/center><\/p>\n<p>Mit einem durchschnittlichen Volumen von 2,7 Milliarden Euro (3 Milliarden US-Dollar) pro Minute im Laufe eines jeden Werktages ist das <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/TARGET2\" target=\"_blank\">TARGET2<\/a>-Abwicklungssystem des Euro-W\u00e4hrungsgebiets eines der bedeutendsten Teile des weltweiten Finanz-Rohrleitungssystems.<\/p>\n<p><!--more Weiterlesen...--><\/p>\n<p>Wie die meisten R\u00f6hren einer Pipeline auch ist es in der Regel aus den Augen und &#8211; au\u00dfer f\u00fcr extreme monet\u00e4re Fetischisten &#8211; aus dem Sinn. Dies bedeutet jedoch nicht, dass die Menschen TARGET2 nur als als einen Teil der Infrastruktur missdeuten sollten, da es interessante Einsichten in Spannungen innerhalb des Eurosystems bietet.<\/p>\n<p>Also, was ist es dann aber genau?<br \/>\nTARGET2 ist ein Zahlungssystem f\u00fcr Banken. Wenn eine Bank Geld zu einer anderen Bank verschieben muss, \u00fcbertr\u00e4gt sie die Mittel elektronisch \u00fcber TARGET2. Diese Transaktion ist dabei sehr einfach.<\/p>\n<p>Jede Bank im Euro-W\u00e4hrungsgebiet verf\u00fcgt \u00fcber ein Konto bei der eigenen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Europ%C3%A4isches_System_der_Zentralbanken#Nationale_Zentralbanken\" target=\"_blank\">nationalen Zentralbank<\/a>. Wenn eine irische Bank zum Beispiel Geld an eine deutsche Bank \u00fcberweisen will, informiert sie die irische Zentralbank \u00fcber ihre Transaktion. Die Zentralbank von Irland kontaktiert dann die Bundesbank, wo die deutsche Zielbank ein Konto besitzt und die Transaktion ist damit abgeschlossen. Die Zentralbank von Irland belastet das Konto der irischen Bank, und die Bundesbank kreditiert das Konto der deutschen Bank.<\/p>\n<p><Center><a href=\"https:\/\/assets.bwbx.io\/images\/users\/iqjWHBFdfxIU\/iItnVbW9k_iw\/v0\/-1x-1.png\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/assets.bwbx.io\/images\/users\/iqjWHBFdfxIU\/iItnVbW9k_iw\/v0\/-1x-1.png\" width=\"612\" alt=\"\" title=\"\"\/><\/a><\/Center><\/p>\n<p>Alles wirklich sehr einfach. Und dabei auch noch sehr schnell, 99,9 Prozent aller Transaktionen sind innerhalb von f\u00fcnf Minuten abgeschlossen. Grunds\u00e4tzlich ist TARGET2 also nicht mehr als eine normale Telefonleitung.<\/p>\n<p>Warum lese ich dann aber hier immer noch?<br \/>\nNun, die Dinge werden interessant, wenn die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Europ%C3%A4ische_Zentralbank\" target=\"_blank\">Europ\u00e4ische Zentralbank<\/a> neues Geld in den Mix einf\u00fcgt. Kehren wir zur\u00fcck zu unserem Beispiel einer Transaktion zwischen einer irischen und einer deutschen Bank. Und lassen Sie uns den Kalender auf eine Zeit Mitte 2009 zur\u00fcck stellen.<\/p>\n<p>Die irische Bank hatte seit 2006 \u00fcber drei Jahre 100 Millionen Euro von einer deutschen Bank ausgeliehen, als irische Banken noch wie eine gute Anlageform erschienen. Doch Mitte 2009 sahen die Dinge nun anders aus und die irische Bank sa\u00df auf einer f\u00e4lligen 100-Millionen-Euro-Rechnung, wobei niemand auf dem Markt bereit war, ihre etwas zu leihen.<\/p>\n<p>Zum Gl\u00fcck hatte die Europ\u00e4ische Zentralbank seit kurzem umfassende Liquidit\u00e4tshilfen zur Verf\u00fcgung gestellt, so dass sich die irische Bank das Geld von der irischen Zentralbank leihen und die Zahlung abwickeln konnte.<\/p>\n<p>Wenn wir jedoch diese Transaktion durch das Prisma von TARGET2 betrachten, tritt etwas Seltsames auf. Das Geld, das dem Konto der irischen Bank gutgeschrieben wurde, damit es die deutsche Bank bezahlen konnte, kam nicht von irgendjemandem. Es tauchte einfach so im System auf.<\/p>\n<p><Center><a href=\"https:\/\/assets.bwbx.io\/images\/users\/iqjWHBFdfxIU\/i9SC1Z5vBIV0\/v0\/-1x-1.png\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/assets.bwbx.io\/images\/users\/iqjWHBFdfxIU\/i9SC1Z5vBIV0\/v0\/-1x-1.png\" width=\"612\" alt=\"\" title=\"\"\/><\/a><\/Center><\/p>\n<p>Dieses Geld begann in der Peripherie des Euro-W\u00e4hrungsgebiets zu erscheinen, als die Krise zu immer mehr Ungleichgewichten im TARGET2-System f\u00fchrte, wie ein Kredit, der ohne eine entsprechende Belastung erzeugt wurde. Es ist dabei wichtig zu beachten, dass die transnationalen Ungleichgewichte nur solange existierten, wie sich die Finanzierungskrise auf bestimmte L\u00e4nder konzentrierte.<\/p>\n<p><Center><a href=\"https:\/\/assets.bwbx.io\/images\/users\/iqjWHBFdfxIU\/i5ZphWhjyvlA\/v2\/-1x-1.png\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/assets.bwbx.io\/images\/users\/iqjWHBFdfxIU\/i5ZphWhjyvlA\/v2\/-1x-1.png\" width=\"612\" alt=\"\" title=\"\"\/><\/a><\/Center><\/p>\n<p>Als die Bankenfinanzierungskrise nach der ber\u00fchmten Rede des EZB-Pr\u00e4sidenten <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Mario_Draghi\" target=\"_blank\">Mario Draghi<\/a> (&#8222;Was auch immer n\u00f6tig sein mag&#8220;) abebbte, begann auch die Abh\u00e4ngigkeit der peripheren Banken von der Liquidit\u00e4t der Zentralbanken zu sinken. Mit der R\u00fcckzahlung dieses Geldes an ihre nationale Zentralbank wurden diese Ungleichgewichte wieder ausgel\u00f6scht.<\/p>\n<p>Warum sollte mich das dann heute noch interessieren?<br \/>\nWie man aus dem obigen Diagramm entnehmen kann, haben die TARGET2-Salden wieder zugenommen. Dies l\u00e4sst sich darauf zur\u00fcckf\u00fchren, dass die EZB mitten in einer normalen TARGET2-Transaktion Geld schafft und dem Bankensystem hinzuf\u00fcgt, aber an einem etwas anderen Punkt &#8211; und zwar auf direktem Weg.<\/p>\n<p>Vor dem H\u00f6hepunkt der Krise hatten periphere Zentralbanken bis Mitte 2012 Zahlungsmittel an Banken im eigenen Land ausgeliehen, und diese Banken nutzten dann dieses Geld, um ihre Schulden an die Banken im Kern der Eurozone zur\u00fcckzuzahlen.<\/p>\n<p>Da die EZB Anfang 2015 ihr <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Europ%C3%A4ische_Zentralbank#.E2.80.9EExpanded_asset-purchase_programme.E2.80.9C_zum_Ankauf_von_Euro-Wertpapieren_im_Januar_2015\" target=\"_blank\">Asset-Purchase-Programm<\/a> gestartet hat, schaffen die nationalen Zentralbanken nun wieder Geld, aber diesmal belasten sie die Banken nicht direkt, sondern die Bankkonten der Anleger, deren Anleihen sie kaufen. Dieses Mal wird daher das Ungleichgewicht in den L\u00e4ndern erzeugt, in denen die Bankkonten liegen, von denen die Anleihen verkauft werden.<\/p>\n<p>Wie <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Peter_Praet\" target=\"_blank\">Peter Praet<\/a>, der Chef\u00f6konom der Europ\u00e4ischen Zentralbank, in einer <a href=\"https:\/\/www.ecb.europa.eu\/press\/key\/date\/2016\/html\/sp160915.en.html\" target=\"_blank\">Rede im September<\/a> erl\u00e4uterte, befinden sich die meisten dieser Konten in Deutschland. Also, wenn die Bank von Spanien zum Beispiel einige spanische Staatsanleihen auf dem Markt kaufen m\u00f6chte, wird der Verk\u00e4ufer wahrscheinlich ein Konto in Deutschland unterhalten. Im TARGET2 sieht die Transaktion dann so aus:<\/p>\n<p><Center><a href=\"https:\/\/assets.bwbx.io\/images\/users\/iqjWHBFdfxIU\/inLT7KON7s1s\/v0\/-1x-1.png\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/assets.bwbx.io\/images\/users\/iqjWHBFdfxIU\/inLT7KON7s1s\/v0\/-1x-1.png\" width=\"612\" alt=\"\" title=\"\"\/><\/a><\/Center><\/p>\n<p>Da das Geld von der Bank von Spanien geschaffen und dann an die Bundesbank verschoben wird, entsteht die Verschuldung nicht in Deutschland, sondern in Spanien.<\/p>\n<p>Im Vorfeld der Krise 2012 waren die TARGET2-Salden n\u00fctzlich, um einen Hinweis darauf zu geben, wo die Abh\u00e4ngigkeit von der Liquidit\u00e4t der EZB am h\u00f6chsten war. Mit dem Start des EZB-Asset-Purchase-Programm sagen sie uns nur noch, wo die Anleihegl\u00e4ubiger am liebsten eine Bank nutzen.<\/p>\n<p>Aber zumindest wei\u00dft man jetzt, wie das Ganze funktioniert.<br \/>\nAbschlie\u00dfend k\u00f6nnte die EZB einen Gro\u00dfteil der TARGET2-Verwirrung recht einfach beseitigen, indem sie die nationalen Zentralbanken einfach aus dem System entfernt und sich selbst allein in den Mittelpunkt s\u00e4mtlicher Transaktionen stellt &#8211; jede Bank im Euro-W\u00e4hrungsgebiet h\u00e4lt ihre Konten dann nur noch bei ihr und nicht mehr bei den nationalen Zentralbanken &#8211; doch das k\u00f6nnte momentan eine Reform zu viel sein.<\/p>\n<p><em>(eigene \u00dcbersetzung eines <a href=\"https:\/\/www.bloomberg.com\/news\/articles\/2016-09-21\/inside-the-pipeline-that-transfers-2-7-billion-euros-a-minute\" target=\"_blank\">Artikels<\/a> des irischen Wirtschaftsjournalisten Lorcan Roche Kelly)<\/em><\/p>\n<p>Weitere Einzelheiten zu den TARGET2-Salden gibt es \u00fcbrigens auch noch in diesem <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/rechte-tasche-linke-tasche-der-europaeischen-zentralbanken-das-unverstaendnis-ueber-die-target2-salden-geht-weiter\/\" target=\"_blank\">Beitrag<\/a>.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Und warum man sich keine Sorgen machen sollte, wenn es darin mal wieder ein wenig unausgeglichen wird. 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