{"id":4309147,"date":"2016-11-27T07:00:01","date_gmt":"2016-11-27T06:00:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/?p=4309147"},"modified":"2025-10-06T12:11:42","modified_gmt":"2025-10-06T10:11:42","slug":"die-makrooekonomischen-lehrbuecher-koennten-bei-angebot-und-nachfrage-falsch-liegen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/die-makrooekonomischen-lehrbuecher-koennten-bei-angebot-und-nachfrage-falsch-liegen\/","title":{"rendered":"Die makro\u00f6konomischen Lehrb\u00fccher k\u00f6nnten bei Angebot und Nachfrage falsch liegen"},"content":{"rendered":"<p>Wie man vielleicht erwarten kann, neigen \u00d6konomen dazu, \u00fcber viele Dinge in den Relationen von Angebot und Nachfrage zu reden. Bei der Makro\u00f6konomie ist das nicht anders. Das grundlegende Modell \u00fcber Rezessionen und Booms, welches im Eingangs- studium der Wirtschaftswissenschaften gelehrt wird, beruht auf den Begriffen der aggregierten Nachfrage und des aggregierten Angebots. <\/p>\n<p><Center><a title=\"Frisch geerntete Orangen von No machine-readable author provided. Jak assumed (based on copyright claims). [Public domain], via Wikimedia Commons\" href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File%3AOrange_Crop_Kufr_Jammal.JPG\"><img decoding=\"async\" width=\"312\" alt=\"Orange Crop Kufr Jammal\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/d\/d2\/Orange_Crop_Kufr_Jammal.JPG\/512px-Orange_Crop_Kufr_Jammal.JPG\"\/><\/a><br \/>\n<em>Frisch geerntete Orangen in <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Kafr_Jammal\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Kafr Jammal<\/a>, <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/West_Bank\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">West Bank<\/a>, Pal\u00e4stina<\/em><\/Center><\/p>\n<p>Genau wie die Nachfrage nach Orangen die Zahl der Orangen ist, die Menschen zu einem bestimmten Preis kaufen wollen, besteht die Gesamtnachfrage aus der Menge der <em>Dinge im Allgemeinen<\/em>, die die Menschen erwerben wollen &#8211; Autos, R\u00fcckenmassagen, Videospiele, aber auch Unternehmen und Gesch\u00e4fte.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Und das Gesamtangebot stellt die Menge all dessen dar, was die Verk\u00e4ufer verkaufen wollen. Die Wechselwirkung zwischen diesen beiden Aggregaten bestimmt, ob das Wachstum hoch oder niedrig ausf\u00e4llt.<\/p>\n<p>Auch die \u00f6ffentliche Konversation ist voll mit Bez\u00fcgen auf dieses Modell. <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Keynesianismus\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Keynesianer<\/a> glauben, dass Rezessionen &#8211; oder zumindest die meisten davon &#8211; durch Defizite in der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage verursacht werden, die die Regierung dann korrigieren muss. <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Monetarismus\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Monetaristen<\/a> nutzen den Angebot-und-Nachfrage-Rahmen ebenfalls &#8211; <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Scott_Sumner\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Scott Sumner<\/a>, jetzt am <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Mercatus_Center\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Mercatus Center<\/a> an der <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/George_Mason_University\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">George Mason University<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.themoneyillusion.com\/?p=10571\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">beschrieb es einst<\/a> als &#8222;das Goldilocks-Modell&#8220;.<\/p>\n<p>Aber tief im Bauch der Wissenschaft haben \u00d6konomen lange hinterfragt, ob es sinnvoll sei, \u00fcber die Makro\u00f6konomie auf diese Weise nachzudenken. Es gibt viele Wege zu zeigen, dass Nachfrage und Angebot in der Praxis nicht unterscheidbar sein k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Vor etwa 10 Jahren wiesen die \u00d6konomen <a href=\"https:\/\/www.aeaweb.org\/articles?id=10.1257\/aer.96.4.1293\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Paul Beaudry und Franck Portier<\/a> bereits auf eine dieser M\u00f6glichkeiten hin. Sie theoretisierten, dass sich eine Rezession ereignen w\u00fcrde, wenn die Menschen erkennen, dass ein Produktivit\u00e4tsabschwung in der Zukunft kommen k\u00f6nnte. Wenn man morgen eine geringere Produktivit\u00e4t erwartet, w\u00fcrden die Unternehmen Investitionen reduzieren, Arbeiter entlassen und die Produktion abbauen.<\/p>\n<p>W\u00e4re diese Rezession dann durch einen Angebots- oder Nachfrage-Schock verursacht worden? Traditionell denken wir \u00fcber zuf\u00e4llige Produktivit\u00e4tsver\u00e4nderungen als Angebotsschocks, da sie die Mengen beeinflussen, die Unternehmen produzieren k\u00f6nnen. Doch in der kurzen Frist erscheinen die K\u00fcrzungen bei Investitionen und Besch\u00e4ftigung im Modell von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Paul_Beaudry\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Beaudry<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.tse-fr.eu\/people\/franck-portier\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Portier<\/a> eher wie ein Nachfrageschock. Die beiden Begriffe sind einfach nicht mehr deutlich genug, sobald die Dinge beginnen kompliziert zu werden.<\/p>\n<p>Vor kurzem haben einige Makro\u00f6konomen \u00fcber die entgegengesetzte Richtung der Kausalit\u00e4t nachgedacht. Es g\u00e4be M\u00f6glichkeiten, dass ein kurzfristiger R\u00fcckgang der Nachfrage dazu f\u00fchren k\u00f6nnte, dass auch das Angebot auf lange Sicht sinken w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Ein Grund daf\u00fcr k\u00f6nnte sein, dass eine reduzierte wirtschaftliche Aktivit\u00e4t dazu f\u00fchren k\u00f6nnte, dass Unternehmen weniger in neue Technologien investieren. Neue Technologie ist einer der Haupttreiber des Produktivit\u00e4tswachstums, aber sie f\u00e4llt normalerweise nicht vom Himmel. Sie braucht Geld &#8211; zuerst f\u00fcr die Forschung, dann f\u00fcr die Implementierung und die \u00dcbernahme der neuen Technologien. <\/p>\n<p>Selbstfahrende Autos zum Beispiel werden viele Milliarden Dollar bis zur Marktreife ben\u00f6tigen. In einer Rezession mit vielen Unternehmen knapp bei Kasse haben Firmen generell weniger Geld zum Ausgeben. So k\u00f6nnten sich neue Technologien jahrelang verz\u00f6gern, was zu einem langsameren langfristigen Wachstum f\u00fchren w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Dies ist die Grundlage f\u00fcr zwei neue theoretische Ver\u00f6ffentlichungen. <a href=\"http:\/\/www.nber.org\/papers\/w22005\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Das erste Paper<\/a> von <a href=\"https:\/\/sites.google.com\/site\/diegoanzoa\/home\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Diego Anzoategui<\/a>, <a href=\"http:\/\/economics.dartmouth.edu\/people\/diego-comin\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Diego Comin<\/a>, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Mark_Gertler_(%C3%96konom)\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Mark Gertler<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.josebamartinez.me\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Joseba Martinez<\/a> benutzt ein Standard-Modell Nachfrage-basierter Rezessionen &#8211; wie es auch viele Zentralbanken verwenden, und welches auch vom Nobelpreistr\u00e4ger <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Paul_Krugman\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Paul Krugman<\/a> und vielen anderen bef\u00fcrwortet wird &#8211; und f\u00fcgt die Idee hinzu, dass neue Technik Geld kostet. <\/p>\n<p>Sie stellen fest, dass das Produktivit\u00e4tswachstum sinkt, nachdem die Nachfrage von einem Schock getroffen wurde, und dass dies zu Rezessionen f\u00fchren kann, die viele Jahre l\u00e4nger dauern k\u00f6nnen als sie es sonst tun w\u00fcrden. Das zweite Paper von Gianluca Benigno und Luca Fornaro kommt zu \u00e4hnlichen Schlussfolgerungen. <\/p>\n<p>Das scheint mit den Erfahrungen der Staaten \u00fcbereinzustimmen, die von der Finanzkrise und der Rezession von 2007-2009 hart getroffen wurden. Zuerst haben alle in Panik ihre Ausgaben gestoppt &#8211; die Konsumenten h\u00f6rten auf zu konsumieren, die Unternehmen hielten Investitionen und Neueinstellungen zur\u00fcck und die Arbeitgeber begannen Arbeitnehmer zu entlassen. <\/p>\n<p>Es war ein klassischer Lehrbuch-R\u00fcckgang der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage. Aber die Rezession zog sich dann noch jahrelang weiter, und das Produktivit\u00e4tswachstum verlangsamte sich, genau wie es diese Modelle vorhergesagt h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Es gibt auch noch andere Wege, wie Nachfrage-R\u00fcckg\u00e4nge dazu f\u00fchren k\u00f6nnen, dass auch das Angebot sinkt. Die Wirtschaftswissenschaftler <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/J._Bradford_DeLong\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Brad DeLong<\/a> und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Lawrence_Summers\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Larry Summers<\/a> haben nahegelegt, dass, wenn Rezessionen Menschen aus der Arbeit werfen, ihre beruflichen F\u00e4higkeiten, ihre Arbeitsmoral und die Gesch\u00e4ftsverbindungen entwertet werden k\u00f6nnen, so dass sie in der Zukunft weniger produktive Arbeiter sind. <\/p>\n<p>Eine andere Gruppe hat <a href=\"http:\/\/www.sas.upenn.edu\/~vr0j\/papers\/brs_Sept_27_2012.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">theoretisiert<\/a>, dass niedrige Nachfrage die Produktivit\u00e4t verringern k\u00f6nnte, indem sie die Menschen weniger angestrengt nach Dingen suchen l\u00e4sst, die sie ansonsten gern kaufen m\u00f6chten, und so verhindert, dass Unternehmen neue Wege finden, ihre Bed\u00fcrfnisse zu erf\u00fcllen.<\/p>\n<p>Jede dieser Theorien ben\u00f6tigt eine Menge empirische Best\u00e4tigung, bevor sie konventionelle Weisheit wird. Aber die Idee, dass die Nachfrage das Angebot beeinflussen kann, wirft die M\u00f6glichkeit auf, dass wir \u00fcber Makro\u00f6konomie bisher v\u00f6llig falsch gedacht und diskutiert haben. <\/p>\n<p>Es k\u00f6nnte sein, dass Ma\u00dfnahmen, mit denen die Nachfrage in einer Rezession angekurbelt werden &#8211; vielleicht steuerliche Anreize oder monet\u00e4re Lockerung &#8211; auch das Produktivit\u00e4tswachstum schneller erh\u00f6hen k\u00f6nnten, so dass die Wirtschaft nicht nur kurzfristig, sondern \u00fcber viele Jahre w\u00e4chst.<\/p>\n<p>Diese Idee, die manchmal auch &#8222;<a href=\"https:\/\/www.bloomberg.com\/view\/articles\/2016-02-24\/the-sanders-case-for-more-spending-and-faster-growth\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Verdoorn&#8217;s Gesetz<\/a>&#8220; genannt wird, hat in wirtschaftswissenschaftlichen Kreisen allerdings noch keine gewichtige Akzeptanz gefunden. <\/p>\n<p>Die Vorstellung, dass die Produktivit\u00e4t von allein w\u00e4chst und nicht durch Impulse beschleunigt werden kann, ist noch tief verankert. Doch diese neuen Theorien zeigen, dass es zumindest die M\u00f6glichkeit gibt, dass die konventionelle Ansicht falsch w\u00e4re, und dass die Steigerung der Konjunktur in der kurzen Frist dazu f\u00fchren kann, auch noch \u00fcber viele Jahre in der Zukunft ihre Dividenden zu ernten.<\/p>\n<p><em>(eigene \u00dcbersetzung eines <a href=\"https:\/\/www.bloomberg.com\/view\/articles\/2016-11-09\/econ-101-might-be-wrong-about-supply-and-demand\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Blogbeitrages<\/a> des amerikanischen \u00d6konomen <a href=\"http:\/\/noahpinionblog.blogspot.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Noah Smith<\/a>)<\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie man vielleicht erwarten kann, neigen \u00d6konomen dazu, \u00fcber viele Dinge in den Relationen von Angebot und Nachfrage zu reden. Bei der Makro\u00f6konomie ist das nicht anders. 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