{"id":4226683,"date":"2016-12-15T08:07:08","date_gmt":"2016-12-15T07:07:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/?p=4226683"},"modified":"2021-02-01T07:19:47","modified_gmt":"2021-02-01T06:19:47","slug":"ueber-eine-neue-strukturierte-oekonomie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/ueber-eine-neue-strukturierte-oekonomie\/","title":{"rendered":"\u00dcber eine &#8222;neue&#8220; strukturierte \u00d6konomie"},"content":{"rendered":"<p>Bietet die \u00f6konomische Theorie so etwas wie ein konkretes Paket verl\u00e4sslicher Strategien zur Schaffung eines nachhaltigen Wirtschaftswachstums in einem sogenannten &#8222;Middle-Income&#8220;-Staat? <\/p>\n<p><Center><a href=\"https:\/\/4.bp.blogspot.com\/-jWlynxFUlm0\/WA-e3w2II9I\/AAAAAAACakk\/1lJWGljQqygHpafYdoGxu5-AMkZZZgxJgCLcB\/s1600\/indonesia_factory.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/4.bp.blogspot.com\/-jWlynxFUlm0\/WA-e3w2II9I\/AAAAAAACakk\/1lJWGljQqygHpafYdoGxu5-AMkZZZgxJgCLcB\/s1600\/indonesia_factory.jpg\" width=\"412\" alt=\"\" title=\"\"\/><\/a><br \/>\n<em>Blick in eine Fabrikhalle in Indonesien<\/em><\/Center><\/p>\n<p>Einige zeitgen\u00f6ssische \u00d6konomen sind der Ansicht, dass es m\u00f6glich ist, diese Frage positiv zu beantworten. Allerdings sollte man hinterfragen, ob dieses Vertrauen tats\u00e4chlich gerechtfertigt erscheint.<\/p>\n<p><!--more Weiterlesen...--><\/p>\n<p>Einer dieser Wirtschaftswissenschaftler ist <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Justin_Yifu_Lin\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Justin Yifu Lin<\/a>. Lin gilt als einer der f\u00fchrenden chinesischen Volkswirte, der zudem 2008-2012 auch als Chef\u00f6konom bei der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Weltbank\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Weltbank<\/a> t\u00e4tig war. So konnte sich Lin ein umfangreiches Wissen \u00fcber die Erfahrungen der Entwicklungs-l\u00e4nder und ihre Bem\u00fchungen zur Erzielung eines nachhaltigen Wachstums erwerben. <\/p>\n<p>Er glaubt, dass die Antwort auf die oben gestellte Frage &#8222;ja&#8220; sei, und er legt die zentralen Komponenten einer solchen Politik in einem Rahmen dar, den er als &#8222;neue Struktur-\u00f6konomie&#8220; bezeichnet. Seine Analyse hat er mit der Studie <a href=\"https:\/\/www.amazon.com\/gp\/product\/0821389556\/ref=as_li_tl?ie=UTF8&#038;camp=1789&#038;creative=9325&#038;creativeASIN=0821389556&#038;linkCode=as2&#038;tag=danlithompag-20&#038;linkId=0b3e16f399e6c5ec38d9e92810fc219f\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">New Structural Economics: Eine Struktur f\u00fcr ein Umdenken bei Wachstum und Politik<\/a> vorgelegt (auch als Buch im PDF-Format bei der Weltbank <a href=\"https:\/\/www.google.com\/url?sa=t&#038;rct=j&#038;q=&#038;esrc=s&#038;source=web&#038;cd=1&#038;ved=0ahUKEwjV5LTKwfbPAhWE64MKHTZ7B3IQFggjMAA&#038;url=http%3A%2F%2Fsiteresources.worldbank.org%2FDEC%2FResources%2F84797-1104785060319%2F598886-1104951889260%2FNSE-Book.pdf&#038;usg=AFQjCNFX8woDVANlz6oe3HPQNujxMTq9aw&#038;sig2=Hn1ljM8XjwyvkAPVdfD0hA\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">direkt erh\u00e4ltlich<\/a>).<\/p>\n<p>Lins Analyse soll f\u00fcr alle L\u00e4nder mit niedrigen und mittleren Einkommen relevant sein (z. B. Brasilien, Nigeria oder Indonesien); doch prim\u00e4r bezieht sie sich vor allem auf China. Seine Frage stellt sich demnach haupts\u00e4chlich so: Welche Schritte muss der chinesische Staat unternehmen, um aus der &#8222;mittleren Einkommensfalle&#8220; auszubrechen und das Pro-Kopf-Einkommen im Land bis zur H\u00f6he der Staaten mit hohen Einkommen in der OECD zu steigern?<\/p>\n<p>Was sind also die Kernprinzipien von Lins Analyse des nachhaltigen Wirtschafts-wachstums? Zwei der grundlegendsten: Der Markt sollte die Preise bestimmen, und der Staat sollte intelligente Strategien und Investitionen einsetzen, um die &#8222;richtige Art&#8220; der Innovation in der Wirtschaftst\u00e4tigkeit im Land  zu f\u00f6rdern. Hier ist eine erweiterte Beschreibung der Kernanspr\u00fcche des Buches:<\/p>\n<blockquote><p>\nLangfristig nachhaltiges und integratives Wachstum ist die treibende Kraft f\u00fcr die Armutsbek\u00e4mpfung in den Entwicklungsl\u00e4ndern und f\u00fcr die Konvergenz mit den Industriel\u00e4ndern. Die gegenw\u00e4rtige globale Krise, die schwerwiegendste seit der Gro\u00dfen Depression, fordert ein Umdenken der \u00f6konomischen Theorien. <\/p>\n<p>Es ist daher eine gute Zeit f\u00fcr \u00d6konomen, auch die Entwicklungstheorien neu zu untersuchen. Dieses Papier diskutiert die Evolution des Denkens \u00fcber Wachstum seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und stellt eine grundlegende Struktur vor, um es Entwicklungsl\u00e4ndern zu erm\u00f6glichen, ein nachhaltiges Wachstum zu erreichen, die Armut zu beseitigen und die Einkommensl\u00fccke zu den entwickelten L\u00e4ndern zu verkleinern. Der vorgeschlagene Rahmen, ein neoklassischer Ansatz zur Strukturierung und Ver\u00e4nderung des Prozesses der wirtschaftlichen Entwicklung (kurz: neue Struktur\u00f6konomie) basiert dabei auf folgenden Ideen:<\/p>\n<p>Erstens entwickelt sich die Struktur der Faktorausstattung einer Volkswirtschaft von einer Entwicklungsstufe zur n\u00e4chsten. Daher wird die industrielle Struktur einer bestimmten Wirtschaft auf verschiedenen Ebenen der Entwicklung auch unterschiedlich sein. Jede industrielle Struktur erfordert eine entsprechende Infrastruktur (sowohl materiell als auch immateriell), um ihre Operationen und Transaktionen zu f\u00f6rdern.<\/p>\n<p>Zweitens stellt jedes Niveau der wirtschaftlichen Entwicklung einen Punkt entlang des Kontinuums von einer einkommensschwachen agrarischen Wirtschaft zu einer hochindustriellen \u00d6konomie mit hohen Einkommen und keine Aufteilung in zwei \u00f6konomische Wachstumslevel (&#8222;arm&#8220; versus &#8222;reich&#8220; oder &#8222;aufkommend&#8220; gegen &#8222;industrialisiert&#8220;) dar. Industrielle Modernisierungs- und Infrastrukturverbesserungsziele in Entwicklungsl\u00e4ndern sollten nicht unbedingt aus den bereits in L\u00e4ndern mit hohen Einkommen bestehenden entworfen werden.<\/p>\n<p>Drittens ist der Markt auf jeder gegebenen Entwicklungsstufe der grundlegende Mechanismus f\u00fcr eine effektive Ressourcenallokation. Die wirtschaftliche Entwicklung als dynamischer Prozess beinhaltet jedoch strukturelle Ver\u00e4nderungen, die eine industrielle Modernisierung und entsprechende Verbesserungen der &#8222;harten&#8220; (greifbaren) und &#8222;weichen&#8220; (immateriellen) Infrastrukturen auf jeder Ebene mit sich bringen. <\/p>\n<p>Solche Verbesserungen und Steigerungen erfordern eine inh\u00e4rente Koordination mit gro\u00dfen Externalit\u00e4ten gegen\u00fcber Transaktionskosten und Kapitalertr\u00e4gen der Unternehmen. Daher sollte die Regierung neben einem wirksamen Marktmechanismus eine aktive Rolle bei der Erleichterung struktureller Ver\u00e4nderungen spielen. (S. 14-15)\n<\/p><\/blockquote>\n<p>Ein Staat muss also die Voraussetzungen f\u00fcr gut funktionierende M\u00e4rkte sichern; und unbedingt eine <strong><em>industrielle Strategie<\/em><\/strong> etablieren, die durch eine sorgf\u00e4ltige empirische Analyse der komparativen Vorteile dieses Landes im globalen wirtschaftlichen Umfeld geleitet wird. <\/p>\n<p>In der Praxis scheint diese Idee dann darauf hinauszulaufen, dass die \u00d6konomien mit den mittleren Einkommen die untergehenden Industrien der f\u00fchrenden Volkswirtschaften identifizieren und mit diesen auf der Grundlage von Arbeitskosten und &#8222;Mid-Level&#8220;-Technologie konkurrieren sollten. <\/p>\n<p>Lin unterstreicht auch die wichtige Rolle des Staates bei der Bereitstellung geeigneter Infrastrukturinvestitionen zur Unterst\u00fctzung der gew\u00e4hlten Industriestrategie. Dabei handelt es sich um eine &#8222;strukturelle \u00f6konomische Theorie&#8220;, weil sie von der Vorstellung geleitet wird, dass eine wachsende Wirtschaft einen strukturellen Wandel aus einer bestimmten Mischung von Landwirtschaft, Industrie und Dienstleistung ben\u00f6tigt, um schrittweise einen Nachfolgemix auf der Grundlage der Ressourcen dieses Landes zu erreichen, damit ein Vorteil in einem bestimmten Satz von Technologien und Produktionstechniken hergestellt werden kann. Hier eine repr\u00e4sentative Aussage:<\/p>\n<blockquote><p>\nL\u00e4nder mit unterschiedlichem Entwicklungsstand haben aufgrund ihrer Divergenzen verschiedene \u00f6konomische Strukturen. Die Faktorausstattung f\u00fcr L\u00e4nder auf einer fr\u00fchen Entwicklungsstufe sind typischerweise durch eine relative Knappheit des Kapitals und der relativen F\u00fclle von Arbeit oder Ressourcen gekennzeichnet. <\/p>\n<p>Ihre Produktionsaktivit\u00e4ten sind in der Regel arbeitsintensiv oder ressourcenintensiv (meist in der Subsistenzlandwirtschaft, Viehzucht, Fischerei und im Bergbau) und setzen in der Regel auf konventionelle, ausgereifte Technologien und produzieren &#8222;reife&#8220;, gut etablierte Produkte. <\/p>\n<p>Abgesehen von Bergbau und Plantagen verf\u00fcgt ihre Produktion nur \u00fcber begrenzte <a href=\"https:\/\/www.onpulson.de\/lexikon\/economies-of-scale\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Skalenertr\u00e4ge<\/a>. Ihre Firmen sind in der Regel relativ klein, mit oft nur informellen Markttransaktionen auf lokalen M\u00e4rkten begrenzt auf vertraute Menschen. Die f\u00fcr die Erleichterung dieser Art von Produktion und Markttransaktionen erforderliche harte und weiche Infrastruktur ist begrenzt und relativ einfach und rudiment\u00e4r. (S. 22)\n<\/p><\/blockquote>\n<p>Einige gemeinsame Entwicklungsstrategien entsprechen nicht diesen Ideen. So ist z. B. die Importsubstitution eine schlechte Grundlage f\u00fcr die wirtschaftliche Entwicklung, weil sie den Markt untergr\u00e4bt und die Anlagestrategien des Staates und des privaten Sektors verzerrt; sie scheitert daran, die vorhandene Wirtschaft dieses Landes auf einen Weg zu leiten, der einen inkrementellen komparativen Vorteil verfolgt (S. 18).<\/p>\n<p>Was diese Analyse v\u00f6llig unterschl\u00e4gt und au\u00dfen vor l\u00e4sst, ist das Ziel der wirtschaftlichen Entwicklung &#8211; die Verbesserung des menschlichen Wohlergehens. Tats\u00e4chlich erscheint dieses Wort nicht ein einziges Mal im gesamten Buch. Und ebenso fehlt die Entwicklungsperspektive von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Amartya_Sen\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Amartya Sen<\/a> aus seiner Theorie \u00fcber Potentiale und realisierte Erkenntnisse v\u00f6llig. <\/p>\n<p>Das erscheint sehr bedauerlich, denn es bedeutet, dass dieses Buch nicht auf das wichtigste Thema in der Entwicklungs\u00f6konomie eingeht: was eigentlich das fundamentale Gut der \u00f6konomischen Entwicklung sein soll und wie wir dieses Gut am besten erreichen k\u00f6nnen. <\/p>\n<p>Sens Antwort besteht daraus, dass das fundamentale Gut die Erh\u00f6hung des Wohlbefindens der Weltbev\u00f6lkerung sei; er interpretiert dieses Ziel in Bezug auf seine Idee des menschlichen Gedeihens. (Sens Theorie des wirtschaftlichen Wachstums gibt es beispielsweise hier <a href=\"https:\/\/www.amazon.com\/gp\/product\/0385720270\/ref=as_li_tl?ie=UTF8&#038;camp=1789&#038;creative=9325&#038;creativeASIN=0385720270&#038;linkCode=as2&#038;tag=danlithompag-20&#038;linkId=c9afe593726f4f0ee64c40d21cffd488\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Entwicklung als Freiheit<\/a>. Es gibt zudem eine aktuelle Stellungnahme von Sen, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Joseph_E._Stiglitz\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Stiglitz<\/a> und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Jean-Paul_Fitoussi\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Fitoussi<\/a> dar\u00fcber, warum das Bruttoinlandsprodukt (BIP) und damit auch das Wachstum des BIP nur unzureichende Ma\u00dfst\u00e4be f\u00fcr den Fortschrittserfolg darstellen: <a href=\"https:\/\/www.amazon.com\/gp\/product\/1595585192\/ref=as_li_tl?ie=UTF8&#038;camp=1789&#038;creative=9325&#038;creativeASIN=1595585192&#038;linkCode=as2&#038;tag=danlithompag-20&#038;linkId=daf92fed4cdb0163f4c0f9147f9b1ae9\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Die fehlerhafte Vermessung unserer Existenz: Warum das BIP nicht steigt<\/a>).<\/p>\n<p>Sens fundamentale Sicht ist diese: das wichtigste Ziel, das ein Staat haben kann, sei es, eine Politik zu schaffen, die die Entwicklung der menschlichen F\u00e4higkeiten seiner Bev\u00f6lkerung erh\u00f6ht. <\/p>\n<p>Insbesondere sollten soziale Ressourcen eingesetzt werden, um Bildung, Gesundheit, Wohnsituation und pers\u00f6nliche Sicherheit zu verbessern. In solch einer Umgebung k\u00f6nnen Einzelpersonen die vollste Zufriedenheit f\u00fcr ihre Lebensziele erreichen; gleichzeitig k\u00f6nnen sie zudem produktivste Beitr\u00e4ge zu Innovationen und Wachstum in ihren Gesellschaften darstellen. Gut ausgebildete und gesunde Menschen sind ein wesentlicher Bestandteil des wirtschaftlichen Erfolges eines Landes. Doch Lin bezieht sich ausdr\u00fccklich \u00fcberhaupt nicht auf diese Faktoren der &#8222;Lebensqualit\u00e4t&#8220; (eine weitere Formulierung, die nicht in seinem Buch genannt wird).<\/p>\n<p>Noch weniger l\u00f6st die Theorie von Lin jene Probleme, die von <a href=\"http:\/\/www.suedwind-magazin.at\/gegen-die-verwestlichung-der-welt\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">&#8222;Post-Development&#8220;<\/a>-Denkern wie <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Arturo_Escobar_(anthropologist)\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Arturo Escobar<\/a> in der <a href=\"https:\/\/www.amazon.com\/gp\/product\/0691150451\/ref=as_li_tl?ie=UTF8&#038;camp=1789&#038;creative=9325&#038;creativeASIN=0691150451&#038;linkCode=as2&#038;tag=danlithompag-20&#038;linkId=32bf422903671277f9f34eddae640bc9\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Begegnung mit der Entwicklung: \u00dcber das Entstehen und Verschwinden der Dritten Welt<\/a> aufgeworfen werden. Escobar fordert einige der grundlegendsten Annahmen der klassischen \u00f6konomischen Entwicklungstheorie heraus, beginnend mit der Vorstellung, dass die strukturelle Transformation in der Industrie der einzige Weg sei, die Prosperit\u00e4t der Menschen in der weniger entwickelten Welt zu verwirklichen. <\/p>\n<p>Escobars Kritik beinhaltet mehrere Ideen. Erstens die Beobachtung, dass die \u00f6konomische Entwicklungstheorie seit 1945 eurozentrisch und implizit kolonial sei, da sie von exotisierten Darstellungen des industrialisierten Nordens und des traditionellen landwirtschaftlichen S\u00fcdens abh\u00e4nge. <\/p>\n<p>Gegen diese koloniale Repr\u00e4sentation der globalen Entwicklung unterstreicht Escobar die Notwendigkeit eines mehr ethnographischen und kulturellen Entwicklungsverst\u00e4ndnisses. Zweitens bringt diese eurozentrische Sichtweise einige entscheidende Implikationen f\u00fcr die Verteilung mit sich &#8211; im Wesentlichen, dass die Ressourcen und die Arbeitnehmer der Entwicklungsl\u00e4nder weiterhin einen Teil des \u00dcberschusses ausmachen sollten, der den Wohlstand des Nordens unterst\u00fctzt. Drittens wirft Escobar Zweifel am Nutzen von Entwicklungs-&#8222;experten&#8220; bei der Gestaltung von Entwicklungsstrategien f\u00fcr arme L\u00e4nder im S\u00fcden auf (S. 46). <\/p>\n<p>Lokales Wissen ist ein wichtiger Teil des gesunden wirtschaftlichen Fortschritts f\u00fcr L\u00e4nder wie Nigeria, Brasilien oder Indonesien; Doch die Entwicklungsprofession versucht lokales Wissen durch Expertenwissen zu ersetzen. So hebt Escobar die lokale Erfahrung, die Bedeutung der Kultur sowie die Bedeutung der Selbstbestimmung in Theorie und Politik als Schl\u00fcsselbestandteile eines nachhaltigen Plans f\u00fcr die wirtschaftliche Entwicklung in den L\u00e4ndern des postkolonialen S\u00fcdens hervor.<\/p>\n<p>Warum sind diese alternativen Ans\u00e4tze zur Entwicklungstheorie so wichtig? Warum ist das Fehlen einer Diskussion \u00fcber das Wohlergehen, Gedeihen oder die Kultur der Dritten Welt eine wichtige L\u00fccke in den <em>New Structural Economics<\/em>? Weil sich ansonsten eine Sicht auf die wirtschaftliche Entwicklung ergibt, die keinen Kompass mehr hat. <\/p>\n<p>Denn wenn wir nicht genau dar\u00fcber nachgedacht haben, was das Ziel der Entwicklung sein soll &#8211; und Sen zeigte durchaus, dass dies m\u00f6glich ist -, dann werden wir nur durch eine Reihe von Empfehlungen geleitet: Steigerung der Produktivit\u00e4t, Steigerung der Effizienz, Steigerung der Durchdringung der M\u00e4rkte, Steigerung des Pro-Kopf-Einkommens. <\/p>\n<p>Aber die Tatsache eines erheblichen Anstiegs der wirtschaftlichen Ungleichheiten durch einen Wachstumsprozess bedeutet auch, dass es sehr gut m\u00f6glich sein kann, dass nur eine Minderheit der B\u00fcrger davon betroffen sein wird. Und der Umstand, dass ein typisches Familieneinkommen um 50% gestiegen sei, kann weniger wichtig f\u00fcr das gesamte Wohlbefinden sein als die Verf\u00fcgbarkeit einer nahe gelegenen Klinik. <\/p>\n<p>Genau diese beiden \u00dcberlegungen scheinen im Falle Chinas von erheblicher Bedeutung zu sein. Es ist gut dokumentiert, dass es einen erheblichen Anstieg der Ungleichheiten bei den chinesischen Einkommen (und Reicht\u00fcmern) in den letzten drei\u00dfig Jahren gab (<a href=\"http:\/\/understandingsociety.blogspot.com\/2013\/06\/change-in-peasant-china.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Link<\/a>). Und es ist auch einigerma\u00dfen klar, dass Chinas Engagement f\u00fcr die soziale Absicherung weit unter dem der OECD-L\u00e4nder liegt. Damit erscheint China aber auch weit davon entfernt, durch die j\u00fcngste Wachstumsphase eine wirklich proportionale Verbesserung der Lebensqualit\u00e4t und der menschlichen Bl\u00fcte f\u00fcr die Masse ihrer Bev\u00f6lkerung erreicht zu haben (<a href=\"http:\/\/understandingsociety.blogspot.com\/2011\/11\/health-disparities-in-us-and-china.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Link<\/a>).<\/p>\n<p>Die unbest\u00e4tigte Annahme f\u00fcr L\u00e4nder, die diesen Rezepten folgen (Beibehaltung effizienter M\u00e4rkte; Verfolgung einer industriellen Strategie, die Verschiebungen des komparativen Vorteils pr\u00e4zise nachbildet, Unterst\u00fctzung von Investitionen in eine angemessene Infrastruktur zur Senkung der Transaktionskosten) verspricht langfristig ein \u00fcberdurchschnittliches Wachstum sowie die Gew\u00e4hrleistung von wesentlichen Verbesserungen in der Lebensqualit\u00e4t ihrer B\u00fcrger. <\/p>\n<p>Doch das ist nichts als naives Vertrauen in die sogenannte <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Trickle-down-Theorie\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">&#8222;Trickle-down&#8220;-\u00d6konomie<\/a>. Es ignoriert v\u00f6llig das Problem der Wahrscheinlichkeit steigender wirtschaftlicher Ungleichheiten, und es liefert keine detaillierte Analyse, wie die Lebensqualit\u00e4t und das menschliche Wohlbefinden ansteigen sollen. Eine Entwicklungs\u00f6konomie ohne Ausblicke auf Potentiale und das Wohlergehen der Bev\u00f6lkerung ist inh\u00e4rent unvollst\u00e4ndig; schlimmer noch, es stellt einen schlechten Leitfaden f\u00fcr politische Entscheidungen dar.<\/p>\n<p><em>(eigene \u00dcbersetzung eines <a href=\"http:\/\/understandingsociety.blogspot.de\/2016\/10\/new-structural-economics.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Blogbeitrages<\/a> des amerikanischen Philosophen <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Daniel_Little\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Daniel Little<\/a>)<\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bietet die \u00f6konomische Theorie so etwas wie ein konkretes Paket verl\u00e4sslicher Strategien zur Schaffung eines nachhaltigen Wirtschaftswachstums in einem sogenannten &#8222;Middle-Income&#8220;-Staat? Blick in eine Fabrikhalle in Indonesien Einige zeitgen\u00f6ssische \u00d6konomen sind der Ansicht, dass es m\u00f6glich ist, diese Frage positiv<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[24,44,18],"class_list":["post-4226683","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-oekonomie","tag-globalisierung","tag-volkswirtschaftslehre","tag-wirtschaft"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4226683","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4226683"}],"version-history":[{"count":39,"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4226683\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":16288062,"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4226683\/revisions\/16288062"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4226683"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4226683"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4226683"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}