{"id":3387,"date":"2013-07-07T21:11:06","date_gmt":"2013-07-07T19:11:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/?p=3387"},"modified":"2024-03-22T09:30:44","modified_gmt":"2024-03-22T08:30:44","slug":"sparen-und-investieren-versuch-einer-richtigstellung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/sparen-und-investieren-versuch-einer-richtigstellung\/","title":{"rendered":"Sparen und Investieren &#8211; Versuch einer Richtigstellung"},"content":{"rendered":"<p>In dem Artikel \u00fcber <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wilhelm-lautenbach-der-deutsche-keynes\/\" title=\"Wilhelm Lautenbach - der deutsche Keynes\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">den deutschen \u00d6konomen Wilhelm Lautenbach<\/a> hatte ich ja bereits ausgef\u00fchrt, dass dieser &#8222;deutsche Keynes&#8220; unter anderem auch die Vorstellung &#8222;Nur Gespartes k\u00f6nne investiert werden&#8220; als fehlerhaftes Dogma der klassischen Volkswirtschaftslehre entschl\u00fcsselt hatte.<\/p>\n<p><Center><a href=\"https:\/\/de.statista.com\/infografik\/2884\/saisonbereinigte-investitionsquote-der-nichtfinanziellen-kapitalgesellschaften-im-euroraum\/\" title=\"Infografik: Europas Unternehmen investieren seit der Krise weniger | Statista\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.statcdn.com\/Infographic\/images\/normal\/2884.jpeg\" alt=\"Infografik: Europas Unternehmen investieren seit der Krise weniger | Statista\" width=\"400\" height=\"auto\" \/><\/a><br \/>\nMehr Infografiken finden Sie bei <a href=\"https:\/\/de.statista.com\/infografik\/\">Statista<\/a><\/center><\/p>\n<p>Wie aber funktioniert dann dieser zentrale Zusammenhang wirklich? Wie kann es sein, dass z. B. die Sparanstrengungen der EU-Staaten nicht zu neuen Investitionen f\u00fchren, sondern tats\u00e4chlich das Wachstum verringern, wie in obiger Grafik nachgewiesen?<\/p>\n<p><!--more Weiterlesen...--><\/p>\n<p><b>Absprache in der Tauschwirtschaft &#8211; anonyme Geldwirtschaft<\/b><br \/>\nDa wird allerorten von den Politikern unter Beratung ihrer \u00d6konomen immer wieder gepredigt, dass an allen \u00dcbeln der gro\u00dfen Finanz- und Wirtschaftskrise und damit nat\u00fcrlich auch der Eurokrise vor allem das Schuldenmachen &#8222;schuld&#8220; sei.<\/p>\n<p>Wer nicht flei\u00dfig spare und sich tugendhaft m\u00f6glichst jedweder Verschuldung verweigere, der habe bald auch nichts mehr zu investieren, so wird immer wieder flei\u00dfig angemahnt.<\/p>\n<p>Was aber bedeutet Sparen eigentlich, und was ist der Unterschied zwischen einzelwirtschaftlichem und gesamtwirtschaftlichem Sparen?<\/p>\n<p>In einer primitiven \u00fcberschaubaren Tauschwirtschaft (dies ist \u00fcbrigens die klassische Art, wie seit Adam Smith den Menschen volkswirtschaftliche Zusammenh\u00e4nge erkl\u00e4rt werden) m\u00fcsste tats\u00e4chlich jeder, der seine eigene Produktivit\u00e4t erh\u00f6hen will, erst auf Konsum verzichten und etwas ansparen, um dann mit diesen Mitteln seine Investition durchf\u00fchren zu k\u00f6nnen. <\/p>\n<p>Dabei ist es allerdings unerl\u00e4sslich, dass er seine Tauschpartner \u00fcber diesen Sparplan unterrichtet, damit sich diese auf den sinkenden Konsum des Sparers einstellen k\u00f6nnen in der Hoffnung auf einen erh\u00f6hten &#8222;Ausschuss&#8220; seiner sp\u00e4ter (hoffentlich) erfolgreichen Investition.<\/p>\n<p>Dieses sch\u00f6ne Beispiel mag auf Anhieb \u00fcberzeugend klingen und die Neoklassiker in ihrem Dogma best\u00e4tigen, hat allerdings (mindestens) einen entscheidenden Haken:<\/p>\n<p>In der Realit\u00e4t haben wir es nicht mit einer Tauschwirtschaft sondern mit einer anonymen arbeitsteiligen Geld- und Marktwirtschaft zu tun.<\/p>\n<p>In einem solchen System aber existieren keine individuellen Absprachen zwischen Sparer und Investor, es gibt nur Signale durch das Nachfrage- und Konsumverhalten der einzelnen Akteure, die auf unpers\u00f6nlichen M\u00e4rkten mit Giral- oder Papiergeld agieren.<\/p>\n<p>Daher ist genau dieses aktuelle Nachfrageverhalten der Konsumenten f\u00fcr die Produzenten der einzige wirkliche Faktor zur Ermittlung ihres zuk\u00fcnftigen Verhaltens. Sinkt aber der jetzige Konsum durch das Sparverhalten, so wird daraus gesamtwirtschaftlich eben gerade kein Spar- und Investitionserfolg. Stattdessen f\u00fchren die Sparbem\u00fchungen makro\u00f6konomisch zu einem allgemeinen Einkommensr\u00fcckgang. <\/p>\n<p>In der Folge reagieren die Unternehmen auf den durch die Einkommenssenkung unverk\u00e4uflichen Teil ihrer Produktion und schr\u00e4nken ihre Fertigung ein. Dieser R\u00fcckgang der Kapazit\u00e4tsauslastung f\u00fchrt zu Arbeitslosigkeit und damit zu weiterer Schw\u00e4chung der Nachfrage. <\/p>\n<p>Somit setzt praktisch jeder Sparversuch eine Kettenreaktion mit sinkenden Einkommen, Nachfrager\u00fcckgang und schw\u00e4chelnder Investitionsbereitschaft in Gang.<\/p>\n<p><b>Auswirkungen des Sparens von Geld<\/b><br \/>\nWenn man dann die Auswirkungen des Sparverhaltens in einer Geldwirtschaft betrachtet, so \u00e4ndert sich prinzipiell erst mal nichts. Ein Teil des Einkommens wird nicht wieder ausgegeben, sondern in Form von Guthaben auf einem Konto oder in Wertpapieren angelegt.<\/p>\n<p>Um aber mit diesen Ersparnissen Ertr\u00e4ge in Form von Zinsen zu erzielen, m\u00fcssen sie von den Banken als Kredite an andere Wirtschaftsteilnehmer ausgegeben werden, d. h. diese m\u00fcssen sich in dieser H\u00f6he verschulden. Dabei ist es zudem erforderlich, dass mit diesen Schulden realwirtschaftliche Investitionen und ebensolche Gewinne erwirtschaftet werden, um am Ende die Zinsen zur\u00fcckzahlen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Findet diese Verschuldung nicht statt, fehlt auf den G\u00fcterm\u00e4rkten  der Konsum in genau der H\u00f6he der angesparten Einkommen.<\/p>\n<p>Die Auswirkungen des Geld-Sparens ohne erfolgreiche Investitionen und Verschuldung sind wieder eine sinkende Nachfrage und entsprechende Kapazit\u00e4tsverringerungen der Unternehmen, die bereits oben angef\u00fchrte Kettenreaktion wird wieder in Gang gesetzt.<\/p>\n<p>Zudem verringern sich damit auch die Einkommen der Unternehmer, denen damit weniger Gewinn und letztlich auch weniger Mittel f\u00fcr Investitionen zur Verf\u00fcgung stehen, diesen Zusammenhang hatte ja bereits Wilhelm Lautenbach in den 30er Jahren nachgewiesen.  <\/p>\n<p><b>Sparen und Investieren in der Gesamtwirtschaft<\/b><br \/>\nNach der volkswirtschaftlichen Saldenmechanik (ich komme demn\u00e4chst darauf noch ausf\u00fchrlich zur\u00fcck) bleiben dabei die Ersparnisse der Volkswirtschaft exakt gleich, ein Sparerfolg wird trotz des Versuchs nicht erreicht.<\/p>\n<p>Der Grund daf\u00fcr ist, dass Geldschulden und Geldverm\u00f6gen immer exakt gleich sind, weil die Ersparnisse des einen die Schulden des anderen sind. Da insgesamt nur das verbraucht werden kann, was produziert worden ist, gilt deshalb stets, dass die Summe aller Guthaben und Schulden Null ist. <\/p>\n<p>Diese Regel ist \u00fcbrigens auch f\u00fcr die Finanzierungssalden der einzelnen Sektoren einer Volkswirtschaft, also private Haushalte, Unternehmen, Staat und Ausland g\u00fcltig. Je mehr also bei den einen gespart wird, desto mehr m\u00fcssen sich andere Sektoren verschulden. <\/p>\n<p>Die obige Grafik zeigt die Ver\u00e4nderungen bei den Investitionen der Unternehmer weg von Real- zu Finanzkapital und Wertpapieren. Die Auswirkungen dieser &#8222;Sparversuche&#8220; sind seit Jahren gravierend und zeigen sich in stagnierendem Konsum und extrem steigender Staatsverschuldung. Ebenso musste sich das Ausland in immer gr\u00f6\u00dferem Ausma\u00df bei uns verschulden.<\/p>\n<p>Alle diese Zusammenh\u00e4nge machen eins klar: <\/p>\n<p><strong>Ohne Schulden geht es nicht!<\/strong><\/p>\n<p>Damit der eine erfolgreich investieren kann, muss sich ein anderer verschulden.<\/p>\n<p><strong>Wenn alle gleichzeitig sparen (m\u00fcssen), kann es keinen wirtschaftlichen Aufschwung geben.<\/strong><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In dem Artikel \u00fcber den deutschen \u00d6konomen Wilhelm Lautenbach hatte ich ja bereits ausgef\u00fchrt, dass dieser &#8222;deutsche Keynes&#8220; unter anderem auch die Vorstellung &#8222;Nur Gespartes k\u00f6nne investiert werden&#8220; als fehlerhaftes Dogma der klassischen Volkswirtschaftslehre entschl\u00fcsselt hatte. Mehr Infografiken finden Sie<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[27,43,36,28,32,29,44,18],"class_list":["post-3387","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-oekonomie","tag-investition","tag-keynes","tag-lautenbach","tag-saldenmechanik","tag-schulden","tag-sparen","tag-volkswirtschaftslehre","tag-wirtschaft"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3387","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3387"}],"version-history":[{"count":62,"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3387\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":24291126,"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3387\/revisions\/24291126"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3387"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3387"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3387"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}