{"id":2702243,"date":"2016-02-19T09:37:29","date_gmt":"2016-02-19T08:37:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/?p=2702243"},"modified":"2025-10-06T08:13:11","modified_gmt":"2025-10-06T06:13:11","slug":"die-einfuhr-von-menschen-ist-etwas-anderes-als-die-einfuhr-von-aepfeln","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/die-einfuhr-von-menschen-ist-etwas-anderes-als-die-einfuhr-von-aepfeln\/","title":{"rendered":"Die &#8222;Einfuhr&#8220; von Menschen ist etwas anderes als die Einfuhr von \u00c4pfeln"},"content":{"rendered":"<p>Eine Auseinandersetzung mit der &#8222;\u00fcblichen&#8220; \u00f6konomischen Betrachtungsweise von Migration:<br \/>\n<em>&#8222;Der Kerngedanke der wirtschaftlichen Argumentation f\u00fcr die Migration ist sehr einfach: Es ist derselbe, wie er auch f\u00fcr die M\u00e4rkte im Allgemeinen gilt.<\/em><\/p>\n<p><Center><a title=\"Weltkarte mit farblich dargestelltem Immigrantenanteil pro Staat von Thebainer (Stephen Bain) (Own work, derived from Image:BlankMap-World6.svg) [GFDL (http:\/\/www.gnu.org\/copyleft\/fdl.html) or CC BY-SA 3.0 (http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0)], via Wikimedia Commons\" href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File%3ACountries_by_immigrant_population.svg\"><img decoding=\"async\" width=\"412\" alt=\"Countries by immigrant population\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/8\/82\/Countries_by_immigrant_population.svg\/512px-Countries_by_immigrant_population.svg.png\"\/><\/a><br \/>\nWeltkarte mit L\u00e4ndern, die entsprechend ihrer Einwanderungsbev\u00f6lkerung<br \/>\nals Prozentsatz der Gesamtbev\u00f6lkerung eingef\u00e4rbt sind<\/Center><\/p>\n<p><em>Wenn Menschen auf der Grundlage ihres \u00f6konomischen Eigeninteresses Entscheidungen treffen, so maximieren sie dadurch auch das Wohlergehen der Gesellschaft insgesamt. Dies gilt \u00fcberall dort, wo Menschen leben und genau so viel (oder auch mehr) arbeiten, wie es f\u00fcr den Kauf und Verkauf von Waren und Dienstleistungen notwendig ist. <\/p>\n<p><!--more Weiterlesen...--><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich k\u00f6nnen M\u00e4rkte dabei versagen, ebenso wie auch in anderen F\u00e4llen, und &#8222;mehr Markt&#8220; ist nicht immer unbedingt besser. Doch die generelle Auffassung, dass im Allgemeinen M\u00e4rkte sehr gut sind bei der Zuteilung von Ressourcen &#8211; einschlie\u00dflich der menschlichen Ressourcen &#8211; wird unter den \u00d6konomen weitestgehend geteilt.<\/p>\n<p>Und diese Analogie gilt auch in einem engeren, eher technischen Sinne. <b>Das klassische Argument f\u00fcr den Freihandel, so wie es von Adam Smith entwickelt wurde, ist nicht nur \u00fcbereinstimmend, sondern auch formal identisch mit dem Argument der Freiz\u00fcgigkeit.<\/b> Es ist sehr einfach, dies so zu erkennen. In \u00f6konomischer Hinsicht erscheint es v\u00f6llig identisch, jemanden die Einreise in sein Land zu gestatten, um mit ihm Handel zu treiben (oder f\u00fcr sich arbeiten zu lassen oder bei ihm besch\u00e4ftigt zu sein) oder eben die Handelsschranken mit seinem Land zu beseitigen.&#8220;<\/em><\/p>\n<p><em>Eigene \u00dcbersetzung aus dem Blogbeitrag <a href=\"http:\/\/www.iea.org.uk\/blog\/the-economic-case-for-migration\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">The economic case for migration<\/a> des britisch-amerikanischen Wirtschaftswissenschaftlers <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Jonathan_Portes\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Jonathan Portes<\/a><\/em><\/p>\n<p>Aber kann man diese f\u00f6rmlich &#8222;autistisch&#8220; wirkende \u00f6konomische Ansicht der Wirtschafts-wissenschaftler so akzeptieren? Jenseits der reinen Theorie geht es hier schlie\u00dflich um die Zuwanderung von Menschen und nicht um den Import von \u00c4pfeln oder anderen Waren.<\/p>\n<p>Es sind nicht nur &#8222;Arbeitsleistungen&#8220; und die &#8222;Nachfrage der Verbraucher&#8220;, die die Grenzen \u00fcberqueren; es handelt sich dabei um Personen. Und es gibt noch sehr viel mehr \u00fcber Menschen zu sagen als nur die Konzentration auf Arbeitsleistung und Konsumnachfrage, wobei Lohntarife und Transportkosten die einzigen Unterschiede darstellen, ob man sich nun innerhalb oder au\u00dferhalb der Grenzen befindet.<\/p>\n<p>Die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Totale_Faktorproduktivit%C3%A4t\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">totale Faktorproduktivit\u00e4t<\/a> (TFP) ist schlie\u00dflich nicht irgendein geologisches Merkmal wie etwa der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kanadischer_Schild\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kanadische Schild<\/a>. Es muss daher Gr\u00fcnde geben, warum einige L\u00e4nder reich und wohlhabend sind und andere Staaten eher hoffnungslose F\u00e4lle darstellen. <\/p>\n<p>Au\u00dfer in dem eher seltenen Gl\u00fccksfall, dass ein Land auf gro\u00dfen Stauseen von \u00d6l sitzt und jemand anderes diese Leute daf\u00fcr bezahlt, um es aus dem Boden zu pumpen, m\u00fcssen diese Gr\u00fcnde etwas mit sozialen\/wirtschaftlichen Institutionen zu tun haben, und solche <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sozio%C3%B6konomie\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">sozio\u00f6konomischen<\/a> Institutionen scheinen immer auch etwas mit Menschen zu tun zu haben.<\/p>\n<p>Zieht man allerdings ein Modell zu Rate, welches die totale Faktorproduktivit\u00e4t als exogen (= nur von au\u00dfen beeinflusst) abhandelt, so kann man zu dem Schluss kommen, dass es eine gute Sache sein w\u00fcrde, wenn die &#8222;Ressourcen&#8220; aus Orten mit niedriger TFP zu Orten mit hoher TFP flie\u00dfen, so wie es die unsichtbare Hand erledigen w\u00fcrde, wenn man sie nur wie in der Theorie wirken lie\u00dfe.<\/p>\n<p>Doch hier sollte man unterbrechen und sich fragen: &#8222;Moment mal, <em>warum<\/em> ist eigentlich die TFP an einigen Stellen h\u00f6her als an anderen?&#8220;. Was prompt zur n\u00e4chsten Frage f\u00fchren sollte: &#8222;Ich frage mich, ob die TFP wirklich nur exogen auf die Art von Politik-Experiment wirkt, f\u00fcr welche ich mein Modell verwende?&#8220;. Und weiter: &#8222;Ich frage mich daher ebenso, ob auch sozio\u00f6konomische Institutionen diese Modell-Experimente nur exogen beeinflussen w\u00fcrden?&#8220;<\/p>\n<p>Doch soziale und \u00f6konomische Institutionen wirken und entstehen eindeutig endogen. Und sie sind nicht Teil einer unver\u00e4nderlichen geologischen Landschaft. Diese Institutionen geh\u00f6ren untrennbar zu all den Dingen, die Menschen tun; sie sind Teil davon, wie Menschen miteinander interagieren und Leute erwarten, wie andere mit ihnen umgehen. Und nicht nur im Prinzip gibt es \u00fcberhaupt keinen Grund, warum die sozialen\/wirtschaftlichen Organe in Bezug auf unsere Importe und Exporte nur exogen sein sollten.<\/p>\n<p>Wie genau werden sich diese Institutionen ver\u00e4ndern, wenn wir Menschen &#8222;importieren&#8220;? Nur Gott allein wei\u00df das. Sie k\u00f6nnten sich zum Besseren wandeln; sie k\u00f6nnten sich aber auch zum Schlechteren ver\u00e4ndern. Es h\u00e4ngt von diesen Menschen ab und es h\u00e4ngt auch von uns ab. Aber sie werden sich mit ziemlicher Sicherheit \u00e4ndern. <\/p>\n<p>Und wenn man noch nicht einmal diese Frage sehen will oder kann, und sich auch nicht dar\u00fcber wundert, dann fehlt einem wirklich etwas, dass selbst der gro\u00dfe ungebildete P\u00f6bel sehen kann. Und dieser P\u00f6bel wird dann noch weniger Glauben in das setzen, was die intellektuellen Eliten  ihnen sagen, was sie denken sollen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Thatcherismus\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Frau Thatcher<\/a> lag nicht v\u00f6llig falsch, sie wurde aber auch erheblich missverstanden. Es gibt tats\u00e4chlich so etwas wie eine Gesellschaft, aber diese Gesellschaft kann nicht abseits der Regeln des Handelns und Glaubens der Menschen existieren, die sie geschaffen haben und st\u00e4ndig neu erschaffen. Wir machen das eben nicht nur einmal und belassen diese Gemeinschaft dann so, als w\u00e4re sie in Beton gegossen; wir erstellen sie jeden Tag neu. <\/p>\n<p>Denn wie bereits <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Thomas_Hobbes#Staatskunde\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Thomas Hobbes<\/a> wusste, ist der Mensch in erster Linie ein soziales Wesen und die totale Faktorproduktivit\u00e4t spielte schon zu seinen Zeiten keine wirklich gro\u00dfe Rolle im Vergleich zum <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Naturzustand#Hobbes_und_der_brutale_Naturzustand\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Zustand der Natur<\/a>.<\/p>\n<p><em>(Eigene \u00dcbersetzung eines Blogbeitrages des kanadischen \u00d6konomens <a href=\"https:\/\/carleton.ca\/economics\/cu-people\/rowe-p-nicholas\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Nick Rowe<\/a>)<\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Auseinandersetzung mit der &#8222;\u00fcblichen&#8220; \u00f6konomischen Betrachtungsweise von Migration: &#8222;Der Kerngedanke der wirtschaftlichen Argumentation f\u00fcr die Migration ist sehr einfach: Es ist derselbe, wie er auch f\u00fcr die M\u00e4rkte im Allgemeinen gilt. 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