{"id":21664121,"date":"2023-02-09T07:00:49","date_gmt":"2023-02-09T06:00:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/?p=21664121"},"modified":"2026-04-01T14:03:31","modified_gmt":"2026-04-01T12:03:31","slug":"oekonomen-muessen-mehr-ueber-unsere-gefuehle-wissen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/oekonomen-muessen-mehr-ueber-unsere-gefuehle-wissen\/","title":{"rendered":"\u00d6konomen m\u00fcssen mehr \u00fcber unsere Gef\u00fchle wissen"},"content":{"rendered":"<p>Gef\u00fchle sind wichtig. Das liegt auf der Hand. Weniger offensichtlich ist, was Sozial-wissenschaftler und Politikexperten eigentlich damit anfangen sollten. <\/p>\n<p><center><a title=\"Jolly Janner, Public domain, via Wikimedia Commons\" href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:World_map_of_countries_by_World_Happiness_Report_score_(2017).svg\"><img decoding=\"async\" width=\"412\" alt=\"World map of countries by World Happiness Report score (2017)\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/4\/4f\/World_map_of_countries_by_World_Happiness_Report_score_%282017%29.svg\"><\/a><br \/>\n<em>Weltkarte nach World Happiness Report (2017)<\/em><\/center><\/p>\n<p>Es wurde schon viel \u00fcber Bem\u00fchungen geschrieben das Gl\u00fcck zu messen, doch solche Versuche haben vor allem Einsichten geliefert, die manchmal nicht berauschend erscheinen. <\/p>\n<p><!--more Weiterlesen...--><\/p>\n<p>Es stellte sich heraus, dass Menschen weniger zufrieden mit ihrem Leben sind, wenn sie in einem schlechten Gesundheitszustand oder arbeitslos sind oder ihre Ehen auseinander-brechen. Das sind kaum revolution\u00e4re Gegenintuitionen.<\/p>\n<p>Eine h\u00e4ufige Methode um das Wohlbefinden zu messen besteht darin, die Menschen einfach zu bitten ihr eigenes Leben zu bewerten: Wie zufrieden sind sie auf einer Skala von 0-10? Eine vern\u00fcnftige Frage, aber sie erscheint grob im Vergleich zu der Batterie von Daten, die wir \u00fcber Preise und Einkommen sammeln k\u00f6nnen. <\/p>\n<p>In der Tat habe ich einmal die Gl\u00fccksforschergemeinschaft etwas ge\u00e4rgert, indem ich vorschlug, dass wir nicht viel dar\u00fcber lernen w\u00fcrden, wie man die wirtschaftlichen Institutionen einer Nation reformiert, indem ich die B\u00fcrger fragte: &#8222;Insgesamt, wie reich glauben Sie sind Sie heutzutage auf einer Skala von 0-10?&#8220; Die Frage scheint albern und erinnert daran wie wenig wir wirklich \u00fcber Wohlbefinden wissen.<\/p>\n<p>Nun, der Witz geht auf mich. Vielleicht ist das genau die Frage, die wir uns stellen sollten. Eine aktuelle Studie von Federica Liberini, Andrew Oswald, Eugenio Proto und Michela Redoano untersuchte die Auswirkungen der Gef\u00fchle der Menschen auf ihre Finanzen. <\/p>\n<p>Liberini und ihre Kollegen untersuchten eine Frage aus einer langj\u00e4hrigen akademischen Umfrage, Understanding Society: &#8222;Wie gut w\u00fcrden Sie sagen, dass Sie sich selbst heutzutage finanziell managen?&#8220;. Die Antworten variierten von 1 (bequem leben) bis 5 (es sehr schwierig finden).<\/p>\n<p>Die Forscher fanden heraus, dass Menschen, die sagten, dass sie bequem lebten, eher die Remain-Kampagne in Gro\u00dfbritannien unterst\u00fctzten. Diejenigen, die ihre Finanzen sehr schwierig fanden, neigten dazu, mit Vote Leave zu sympathisieren. In der Tat, schreiben die Forscher, &#8222;waren die Gef\u00fchle der britischen B\u00fcrger \u00fcber ihre Einkommen ein wesentlich besserer Pr\u00e4diktor f\u00fcr Pro-Brexit-Ansichten als ihre tats\u00e4chlichen Einkommen.&#8220;<\/p>\n<p>Dann gibt es die Ungleichheit. Objektiv gesehen ist es alles andere als klar, dass die Einkommensungleichheit zunimmt. In Gro\u00dfbritannien stieg die Einkommensungleichheit in den 1980er Jahren auf ein hohes Niveau und ist seitdem weitgehend dort geblieben. <\/p>\n<p>Weltweit gibt es auch keinen offensichtlichen Grund zur Beunruhigung. Die Einkommen sind in China und Indien \u2013 zwei gro\u00dfen, armen L\u00e4ndern \u2013 viel schneller gestiegen als in den USA oder Europa, was die Einkommensungleichheit unter Druck setzt.<\/p>\n<p>Aber die Gef\u00fchle der Menschen? Sie erz\u00e4hlen eine andere Geschichte. Jon Clifton, der Leiter von Gallup, das seit vielen Jahren das Wohlbefinden auf der ganzen Welt verfolgt, stellt eine Polarisierung in den Lebensbewertungen der Menschen fest. <\/p>\n<p>Im Vergleich zu vor 15 Jahren (vor der Finanzkrise, Smartphones und Covid-19) sagen heute doppelt so viele Menschen, dass sie das bestm\u00f6gliche Leben haben, das sie sich vorstellen k\u00f6nnen (10 von 10). Allerdings sagen jetzt auch viermal so viele Menschen, dass sie das schlechteste Leben f\u00fchren, das sie sich vorstellen k\u00f6nnen (0 von 10). Etwa 7,5 Prozent der Menschen befinden sich jetzt im psychologischen Himmel, und etwa der gleiche Anteil befindet sich in der psychologischen H\u00f6lle.<\/p>\n<p>Spiegelt dies unsere subjektive Realit\u00e4t wider, oder haben wir alle gerade gelernt, alles zu hypen, gut oder schlecht? Ich bin mir nicht sicher, aber Gallup ist nicht der einzige, der klare Beweise f\u00fcr weit verbreitete psychische Belastungen findet.<\/p>\n<p>&#8222;Das sieht aus wie etwas, das sich anschickt zu explodieren&#8220;, sagte Nobelpreistr\u00e4ger Daniel Kahneman k\u00fcrzlich auf einer Konferenz in Oxford \u00fcber Forschung und Politik zum Wohlbefinden. Oswald, einer der Autoren der Federica Liberini-Studie, sprach ebenfalls dort und pr\u00e4sentierte eine d\u00fcstere Reihe von Folien \u00fcber psychische Belastung und Vertrauen in die Regierung. &#8222;Wir brauchen mehr detaillierte Daten \u00fcber Gef\u00fchle wie menschlichen Groll, Frustration, Wut und Zur\u00fcckbleiben&#8220;, sagte Oswald.<\/p>\n<p>Aber wir sollten nicht vergessen auch Daten \u00fcber hoffnungsvollere Emotionen zu sammeln. Auf derselben Konferenz konzentrierte sich Carol Graham von der Brookings Institution auf die Hoffnung. Es ist wichtig, sagte Graham, denn &#8222;Menschen, die an ihre Zukunft glauben, investieren viel eher in sie&#8220;. Hoffnung l\u00f6st positives Handeln aus.<\/p>\n<p>Zum Beispiel fand eine Studie von Graham und Kelsey O&#8217;Connor heraus, dass in den USA Menschen, die hoffnungsvoll f\u00fcr die Zukunft sind, tendenziell l\u00e4nger leben &#8211; und dass dieser Optimismus ein besserer Pr\u00e4diktor f\u00fcr eine niedrige Sterblichkeit ist als das Einkommen. <\/p>\n<p>Eine andere Studie (von Graham und Julia Pozuelo) ergab, dass junge Menschen in einem einkommensschwachen Viertel in Lima, Peru, hohe Erwartungen hatten. Die meisten wollten studieren, obwohl keiner ihrer Eltern es tat.<\/p>\n<p>Je h\u00f6her die Bestrebungen f\u00fcr die Zukunft, desto vielversprechender die Ma\u00dfnahmen in der Gegenwart. Zum Beispiel waren aufstrebende Studenten weniger gef\u00e4hrdet, Drogen zu missbrauchen und verbrachten mehr Zeit mit Schularbeiten. In St. Louis, Missouri, fanden Graham und O&#8217;Connor heraus, dass junge, einkommensschwache Afroamerikaner h\u00f6here Bildungsambitionen und mehr Unterst\u00fctzung f\u00fcr diese Bestrebungen hatten als junge, einkommensschwache Wei\u00dfe. <\/p>\n<p>Dies geschah trotz der Tatsache, dass die wei\u00dfen Befragten objektiv in einer besseren Situation zu sein schienen. Sie hatten mehr Einkommen, mehr Zugang zur Kranken-versicherung, hatten eher beide Elternteile im Haus und hatten eher einen Elternteil mit etwas College-Erfahrung.<\/p>\n<p>Wie in anderen Bereichen gibt es eine Kluft zwischen den objektiven Umst\u00e4nden der Menschen und dem, wie sie \u00fcber diese Umst\u00e4nde denken. Indem wir diese L\u00fccke untersuchen k\u00f6nnen wir hoffen, bessere und reaktionsf\u00e4higere Politiken zu entwickeln. <\/p>\n<p>Wenn wir das nicht tun, dann gibt es eine Kehrseite des Optimismus, die im Titel von Grahams demn\u00e4chst erscheinendem Buch klar zum Ausdruck kommt: <a href=\"https:\/\/www.amazon.co.uk\/Power-Hope-Science-Well-Being-Despair\/dp\/0691233438?crid=27SFYJ6MJKEA6&#038;keywords=hope+and+despair+carol+graham&#038;qid=1659683044&#038;sprefix=hope+and+despair+carol+graham,aps,130&#038;sr=8-1&#038;linkCode=sl1&#038;tag=timharford-21&#038;linkId=46e14c7e5ec06ecb7254b983c9949f14&#038;language=en_GB&#038;ref_=as_li_ss_tl\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Hoffnung und Verzweiflung<\/a>.<\/p>\n<p><em>(Eigene \u00dcbersetzung eines <a href=\"https:\/\/timharford.com\/2022\/10\/economists-must-get-more-in-touch-with-our-feelings\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Blogbeitrages<\/a> des britischen \u00d6konomen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Tim_Harford\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Tim Harford<\/a>)<\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gef\u00fchle sind wichtig. 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