{"id":21316180,"date":"2022-09-12T11:06:01","date_gmt":"2022-09-12T09:06:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/?p=21316180"},"modified":"2026-03-24T14:54:23","modified_gmt":"2026-03-24T13:54:23","slug":"aktueller-denn-je-saldenmechanische-erklaerung-der-geldschoepfung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/aktueller-denn-je-saldenmechanische-erklaerung-der-geldschoepfung\/","title":{"rendered":"Aktueller denn je: Saldenmechanische Erkl\u00e4rung der Geldsch\u00f6pfung"},"content":{"rendered":"<p>Ein wichtiges Beispiel der Nutzung der saldenmechanischen Grunds\u00e4tze und Zusammenh\u00e4nge als hilfreiche Erkl\u00e4rungsform ist die Antwort auf die Frage, wie eigentlich unser Geld entsteht.<\/p>\n<p><center><a title=\"Bilanzbilder zu Kreditgew\u00e4hrungen von Hans GESTRICH adaptiert durch C.G.BRANDSTETTER [Public domain], via Wikimedia Commons\" href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Kreditgewaehrung_im_Gleichschritt_(Giralgeldsch%C3%B6pfung)_Gestrich_1936.png\"><img decoding=\"async\" width=\"412\" alt=\"Kreditgewaehrung im Gleichschritt (Giralgeldsch\u00f6pfung) Gestrich 1936\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/e\/ed\/Kreditgewaehrung_im_Gleichschritt_%28Giralgeldsch%C3%B6pfung%29_Gestrich_1936.png\"><\/a><br \/>\n<em>Bilanzbilder zu Kreditgew\u00e4hrungen (Hans Gestrich 1936\/2016)<\/em><\/center><\/p>\n<p>Obwohl die Frage der Geldsch\u00f6pfung eines der zentralen Themen moderner \u00d6konomie darstellt, ranken sich weiterhin viele Mythen, Halbwahrheiten und glatte L\u00fcgen um die Entstehung des Geldes.<\/p>\n<p><!--more Weiterlesen...--><\/p>\n<p><strong>&#8222;Banken schaffen Geld aus dem Nichts&#8220;<\/strong>, <strong>&#8222;Die Banken bereichern sich unkontrolliert an dem selbst gesch\u00f6pften Geld&#8220;<\/strong> und <strong>&#8222;Die Banken d\u00fcrfen unbegrenzt Geld sch\u00f6pfen&#8220;<\/strong> sind noch die g\u00e4ngigsten Thesen, wenn es um das Mysterium &#8222;Geldsch\u00f6pfung&#8220; geht.<\/p>\n<p>Offenbar gibt es die eine oder andere Interessengruppe, die die Unwissenheit vieler ausnutzen, um gezielt oder weil sie es selbst nicht besser wissen, die Verwirrungen um diesen Begriff f\u00fcr ihren eigenen Vorteil auszunutzen.<\/p>\n<p>Dabei ist es mit ein wenig Interesse und Nachdenken recht leicht zu erkennen, dass der \u00d6konom <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wolfgang_St%C3%BCtzel\" title=\"Wolfgang St\u00fctzel\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wolfgang St\u00fctzel<\/a> bereits in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts mit Hilfe des von ihm entwickelten Modells der <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/volkswirtschaftliche-saldenmechanik-vergessene-grundlage-der-geldtheorie\/\" title=\"volkswirtschaftliche Saldenmechanik\">volkswirtschaftlichen Saldenmechanik<\/a> eine plausible Erkl\u00e4rung dieses Themas abgeliefert hatte. <\/p>\n<p>In seinem Buch \u201cVolkswirtschaftliche Saldenmechanik\u201d Mohr, T\u00fcbingen 1978 (Nachdr. der 2. Aufl., 2011, Mohr Siebeck) erl\u00e4utert St\u00fctzel, dass die Beziehungen in unserem gegenw\u00e4rtigen Geldwesen in zwei verschiedene Ebenen aufzuteilen seien: Diejenige der \u201eGeldverm\u00f6gensumschichtungen\u201c und diejenige der \u201eZahlungsmittelumschichtungen\u201c. <\/p>\n<p>Zun\u00e4chst gilt es daher, definitionsgem\u00e4\u00df die beiden realen Erscheinungsformen des Geldes zu spezifizieren, dabei handelt es sich um die <strong>Geldverm\u00f6gen<\/strong> und die<strong> Zahlungsmittelbest\u00e4nde<\/strong>.<\/p>\n<p>Da es um diese beiden Eigenschaften des Geldes doch immer wieder erhebliche Unklarheiten gibt, ist bei allen Ver\u00e4nderungen des &#8222;Geldstroms&#8220; (siehe <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wirtschaftskreislauf\" title=\"Wirtschaftskreislauf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wirtschafts-kreislauf<\/a>) also grunds\u00e4tzlich erforderlich, genau festzuhalten, ob es sich dabei um Geldverm\u00f6gensstr\u00f6me (Ver\u00e4nderung der Geldverm\u00f6gen) oder um Zahlungsstr\u00f6me (Ver\u00e4nderung der Zahlungsmittelbest\u00e4nde) handelt.<\/p>\n<p><strong>Bei allen Transaktionen, die das Geldverm\u00f6gen ver\u00e4ndern, handelt es sich immer entweder um Einnahmen oder um Ausgaben.<\/strong><\/p>\n<p>Im Unterschied dazu stehen die Zahlungs-Ein- und Ausg\u00e4nge. Dabei geht es um die Ver\u00e4nderung von Zahlungsmittelbest\u00e4nden und diese m\u00fcssen daher in der Regel von den Variierungen der Geldverm\u00f6gen strikt getrennt betrachtet werden. <\/p>\n<p>Schon St\u00fctzel hat damals festgestellt, dass die Ver\u00e4nderung der Zahlungsmittelbest\u00e4nde von ganz anderen Beziehungen abh\u00e4ngt als die Ver\u00e4nderung der Geldverm\u00f6gensbest\u00e4nde. Nur bei Barkauf und Barverkauf fallen rein zuf\u00e4llig (Verm\u00f6gens)-Ausgaben und Zahlungsausgang sowie (Verm\u00f6gens)-Einnahmen und Zahlungseingang zusammen.<\/p>\n<p><b>Geldsch\u00f6pfung = Schaffung von Zahlungsmitteln<\/b><br \/>\nGeldsch\u00f6pfung aber ist immer nur eine Schaffung von Zahlungsmitteln, indem Gesch\u00e4ftsbanken Giralgeld (Buchgeld) als Kredite vergeben. Durch die Kreditvergabe selbst \u00e4ndert sich an den Geldverm\u00f6gen und Schulden in der \u00d6konomie erstmal noch \u00fcberhaupt nichts. Der Kreditnehmer hat n\u00e4mlich nun in der H\u00f6he seiner aufgenommenen Schulden ein Guthaben auf dem Konto. <\/p>\n<p>Erst in dem Moment, in dem der Schuldner mit dem Geld auf seinem Bankkonto einen Kauf vollzieht, haben wir saldenmechanisch einen \u00dcberschuss seiner Ausgaben \u00fcber seine Einnahmen. Gesamtwirtschaftlich hat der Rest der \u00d6konomie nun einen \u00dcberschuss der Einnahmen \u00fcber die Ausgaben und <strong>nur durch den Kaufakt selbst<\/strong> ist erst zus\u00e4tzliches Geldverm\u00f6gen entstanden (nicht durch die Geldsch\u00f6pfung an sich!).<\/p>\n<p>Wolfgang St\u00fctzel beschrieb diesen Vorgang in seinem o. g. Buch (S.64) 1958 so:<\/p>\n<blockquote><p>Allein durch eine inl\u00e4ndische Zahlungsmittelvermehrung im Zuge einer Ausdehnung der Bankdepositen (\u201eGiralgeldsch\u00f6pfung\u201c) wird die Summe der Geldverm\u00f6gen einer Volkswirtschaft ebenso wenig  ver\u00e4ndert wie etwa durch Kapitalimport oder Kapitalexport; denn die Gr\u00f6\u00dfe der Geldver-m\u00f6gen h\u00e4ngt sowohl einzelwirtschaftlich als auch volkswirtschaftlich ausschlie\u00dflich von Leistungstransaktionen, aber nicht von reinen Finanztransaktionen ab.<\/p><\/blockquote>\n<p>Somit wird bei der Geldsch\u00f6pfung (=Zahlungsmittelerzeugung) grunds\u00e4tzlich von der Bank nur ein Kreditverh\u00e4ltnis erzeugt und schriftlich fixiert, welches immer mit Eigenkapital besichert sein muss. Das Kreditinstitut ben\u00f6tigt daf\u00fcr einen Kreditnehmer mit Sicherheiten (realwirtschaftliche Leistungen, die pfandbesichert werden k\u00f6nnen). <\/p>\n<p>Wichtig ist dabei, dass entgegen moderner \u00f6konomischer Mythen dabei gerade kein &#8222;Geldverm\u00f6gen aus dem Nichts&#8220; erzeugt wird, weil der (realwirtschaftlichen) Leistungsschuld des Kreditnehmers der zus\u00e4tzlich bankbesicherte (realwirtschaftliche) Leistungsanspruch des Geldverm\u00f6gensbesitzers gegen\u00fcber steht.<\/p>\n<p>Dementsprechend ensteht bei der Giralgeldsch\u00f6pfung auch kein direktes Geldverm\u00f6gen f\u00fcr die Bank, wie oft behauptet wird. Sie kann zwar ihre eigenen Sicherheiten bei einer anderen Bank hinterlegen oder gekaufte Wertpapiere bei der Zentralbank als Sicherheit f\u00fcr Zentralbankgeld einreichen, aber dabei wird nie unmittelbar und ohne Pfandhinter-legung ein Gewinn f\u00fcr die Bank selbst erzeugt!<\/p>\n<p><b>Die wirkliche Problematik der Geldsch\u00f6pfung<\/b><br \/>\nDas eigentliche volkswirtschaftlich relevante Problem bei der Geldsch\u00f6pfung ist also nicht die sagenumwobene &#8222;Geldsch\u00f6pfung aus dem Nichts&#8220; und auch nicht die angeblich m\u00f6gliche Selbstbereicherung der Banken durch diesen Akt der Zahlungsmittelerzeugung.<\/p>\n<p>Hier hilft dann wieder die Saldenmechanik weiter:<br \/>\nMag es einzelwirtschaftlich noch so sinnvoll sein, Sparpl\u00e4ne f\u00fcr jeden und alle zu fordern, staatlich zu unterst\u00fctzen oder gar verordnen zu wollen, so f\u00fchrt diese Politik des &#8222;Sparens&#8220; in ihrer Gesamtheit die Banken vor nahezu unl\u00f6sbare Probleme, f\u00fcr all diese Forderungen nach Geldverm\u00f6gen solvente Schuldner zu finden.<\/p>\n<p>Gezwungenerweise m\u00fcssen die Banken in einem solchen Fall bei der Zahlungsmittel-erzeugung eben auf weniger werthaltige Schulden ausweichen, um die Differenz zu den Kreditw\u00fcnschen erf\u00fcllen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Dabei geraten sie dann logischerweise irgendwann in den Bereich der Spekulation, bei der es auf die Besicherungsfunktion der Zahlungsmittel und Geldverm\u00f6gen durch die Banken nicht mehr so wirklich ankommt und in der Folge unw\u00e4gbare Risiken f\u00fcr die Volkswirt-schaft erzeugt werden.<\/p>\n<p>Dazu kommt dann noch der Fall, wenn wie momentan in Deutschland alle drei Sektoren der Volkswirtschaft, die privaten Haushalte, die Unternehmen und zus\u00e4tzlich auch noch der Staat Geldverm\u00f6gen sparen, wenn also die Neuverschuldungspl\u00e4ne unter die Summe aus Geldsparpl\u00e4nen und Kreditr\u00fcckzahlungen fallen, dann l\u00e4uft das \u00fcber kurz oder lang auf eine sich selbst verst\u00e4rkende Abw\u00e4rtsentwicklung des gesamten Systems hinaus.<\/p>\n<p>Mit der Einhaltung der Schuldenbremse sowie der Zur\u00fcckhaltung der privaten Haushalte und der Unternehmen in der derzeitigen Krise w\u00e4ren diese Bedingungen wieder erf\u00fcllt, siehe <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/sparen-und-investieren-versuch-einer-richtigstellung\/\" title=\"Sparen und Investieren\">Sparen und Investieren \u2013 Versuch einer Richtigstellung<\/a>.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein wichtiges Beispiel der Nutzung der saldenmechanischen Grunds\u00e4tze und Zusammenh\u00e4nge als hilfreiche Erkl\u00e4rungsform ist die Antwort auf die Frage, wie eigentlich unser Geld entsteht. Bilanzbilder zu Kreditgew\u00e4hrungen (Hans Gestrich 1936\/2016) Obwohl die Frage der Geldsch\u00f6pfung eines der zentralen Themen moderner<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[47,48,28,32,29,37,44,18],"class_list":["post-21316180","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-oekonomie","tag-austeritaet","tag-geldtheorie","tag-saldenmechanik","tag-schulden","tag-sparen","tag-stuetzel","tag-volkswirtschaftslehre","tag-wirtschaft"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21316180","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=21316180"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21316180\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":24402428,"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21316180\/revisions\/24402428"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=21316180"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=21316180"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=21316180"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}