{"id":1494050,"date":"2015-08-03T09:22:00","date_gmt":"2015-08-03T07:22:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/?p=1494050"},"modified":"2026-03-10T14:57:45","modified_gmt":"2026-03-10T13:57:45","slug":"das-konzept-der-opportunitaetskosten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/das-konzept-der-opportunitaetskosten\/","title":{"rendered":"Das Konzept der Opportunit\u00e4tskosten"},"content":{"rendered":"<blockquote><p><b>Bedenke, dass Zeit Geld ist; wer t\u00e4glich zehn Schillinge durch seine Arbeit erwerben k\u00f6nnte und den halben Tag spazieren geht oder auf seinem Zimmer faulenzt, der darf, auch wenn er nur sechs Pence f\u00fcr sein Vergn\u00fcgen ausgibt, nicht dies allein berechnen, er hat neben dem noch f\u00fcnf Schillinge ausgegeben oder vielmehr weggeworfen.<\/b><\/p>\n<p><em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Benjamin_Franklin\" target=\"_blank\">Benjamin Franklin<\/a>, Advice to a Young Tradesman, 1748<\/em><\/p><\/blockquote>\n<blockquote><p><b>Zwei Wege trennten sich in einem Wald, und ich-<br \/>\nich nahm den, auf dem nur wenige reisten,<br \/>\nUnd das allein hat alles ver\u00e4ndert.<\/b><\/p>\n<p><em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Robert_Frost\" target=\"_blank\">Robert Frost<\/a>, The Road Not Taken, 1916<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p><Center><a title=\"Dieses Diagramm zeigt die gemeinsamen Produktionsm\u00f6glichkeiten in der Robinson-Crusoe-Wirtschaft bei zwei Arbeitern - Crusoe und Freitag, von Abhilasha369 (Eigenes Werk) [CC BY-SA 3.0 (http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0)], via Wikimedia Commons\" href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File%3AJoint_production_possibilities_in_the_Robinson_Crusoe_Economy.jpg\"><img decoding=\"async\" width=\"512\" alt=\"Joint production possibilities in the Robinson Crusoe Economy\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/6\/6e\/Joint_production_possibilities_in_the_Robinson_Crusoe_Economy.jpg\"\/><\/a><br \/>\n<em>Gemeinsame Produktionsm\u00f6glichkeiten von Crusoe und Freitag in der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Robinson-Crusoe-Wirtschaft\" target=\"_blank\">Robinson-Crusoe-Wirtschaft<\/a><\/em><\/center><\/p>\n<p><b>Was sind Opportunit\u00e4tskosten?<\/b><br \/>\n\u00d6konomen sind ber\u00fchmt daf\u00fcr, untereinander uneins zu sein. Keynesianer diskutieren mit Monetaristen \u00fcber Fiskalpolitik. Mitglieder der Chicago School, einschlie\u00dflich einer Reihe von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Alfred-Nobel-Ged%C3%A4chtnispreis_f%C3%BCr_Wirtschaftswissenschaften\" target=\"_blank\">&#8222;Nobelpreistr\u00e4gern&#8220;<\/a> bef\u00fcrworten ungehinderte freie M\u00e4rkte, w\u00e4hrend das Argument f\u00fcr staatliche Eingriffe in die Wirtschaft von \u00d6konomen wie <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Paul_Krugman\" target=\"_blank\">Paul Krugman<\/a>, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Amartya_Sen\" target=\"_blank\">Amartya Sen<\/a> und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Joseph_E._Stiglitz\" target=\"_blank\">Joseph Stiglitz<\/a> verfochten wird, die ebenfalls alle diesen Preis erhalten haben. <\/p>\n<p><!--more Weiterlesen...--><\/p>\n<p>Wie schon <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/George_Bernard_Shaw\" target=\"_blank\">George Bernard Shaw<\/a> gesagt haben soll: &#8222;Selbst wenn man alle Wirtschafts- wissenschaftler der Welt hintereinander legen w\u00fcrde, k\u00e4men sie doch zu keinem gemeinsamen Schluss.&#8220;<\/p>\n<p>Und doch gibt es eine \u00f6konomische Denkweise, die jeden ernsthaften \u00d6konomen, unabh\u00e4ngig von ihren jeweiligen Ansichten \u00fcber Politik, von fast jedem anderen trennt, der nicht Volkswirtschaftslehre studiert hat. Das Herzst\u00fcck dieser Denkweise ist das Konzept der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Opportunit%C3%A4tskosten\" target=\"_blank\">Opportunit\u00e4tskosten<\/a>. Diese Schl\u00fcssel-Idee kommt nat\u00fcrlich in den ersten Wochen jedes \u00d6konomiekurses auf, und die Definition ist einfach genug, um sie abzuspeichern und neu zu formulieren. In den Regeln der Opportunit\u00e4tskosten denken zu lernen dauert dagegen viel l\u00e4nger, und viele Sch\u00fcler (darunter einige, die sp\u00e4ter einmal professionelle \u00d6konomen werden) tun das nie.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite begreifen einige Leute wie Benjamin Franklin diese Idee auch ohne formale Ausbildung. Franklins Beobachtung, dass wie oben zitiert &#8222;Zeit Geld&#8220; ist, mutet wie eine Binsenweisheit an, so dass man es oft als ein traditionelles Sprichwort ansieht, und dabei die von ihm gemachte akute Beobachtung vernachl\u00e4ssigt. Franklins Erkl\u00e4rung weist auf eine viel umfassendere Erkenntnis, die die Grundlage f\u00fcr die zentrale Idee der Wirtschaftswissenschaften bildet: die Opportunit\u00e4tskosten.<\/p>\n<p>Die Idee der Opportunit\u00e4tskosten ist untrennbar mit einer Auswahl verbunden. Wenn wir die Wahl zwischen Alternativen haben, bedeutet die Wahl der einen implizit den Verzicht auf die andere. Mit den Worten von Robert Frost gesprochen, sind die Opportunit\u00e4ts- kosten f\u00fcr das Betreten des einen Weges der Verzicht auf das, was man auf dem anderen Weg gefunden h\u00e4tte, den man nicht genommen hat. Es ist dieser ungenutzte Weg, und nicht irgendwelche monet\u00e4re Ma\u00dfnahmen, welcher richtigerweise als der Preis f\u00fcr unsere Wahl angesehen wird.<\/p>\n<p>Um es kurz zusammenzufassen:<br \/>\nDie Opportunit\u00e4tskosten von etwas, das einen Wert hat, sind das, was man aufgeben m\u00fcsste, um es zu bekommen.<\/p>\n<p>Das ist eine Idee, die erst einmal recht einfach erscheint, aber sich schnell als unerwartet subtil herausstellt. Die Lektion der Opportunit\u00e4tskosten ist einfach zu erkl\u00e4ren, aber schwer zu lernen. Ein gro\u00dfer Teil jedes guten Einf\u00fchrungskurses in Wirtschafts-wissenschaften besteht aus Versuchen, die Sch\u00fcler zu einem Verst\u00e4ndnis dieser Idee zu f\u00fchren.<\/p>\n<p>Lassen Sie uns dazu ein Beispiel betrachten, beginnend mit einigen einfachen (in der Tat, stark vereinfachten) F\u00e4llen aus dem Lehrbuch. F\u00fcr Menschen, die sich weitgehend autark versorgen oder in erster Linie Tauschhandel betreiben, k\u00f6nnen Opportunit\u00e4tskosten in einfachen Worten beschrieben werden. Deshalb verbringen Kurse in der Einf\u00fchrungs\u00f6konomie so viel Zeit damit, sich Gedanken \u00fcber Robinson Crusoe zu machen, allein auf seiner Insel, oder in Tauschgesch\u00e4ften mit Freitag besch\u00e4ftigt.<\/p>\n<p>Wenn Crusoe einen Tag mit Angeln verbringt, w\u00e4hrend die beste Alternative das Pfl\u00fccken von Kokosn\u00fcssen gewesen w\u00e4re, so sind die Opportunit\u00e4tskosten des Fisches, den er zum Abendessen verspeist, die Kokosn\u00fcsse, die er h\u00e4tte essen k\u00f6nnen, wenn er den Tag mit Nahrungssuche an Land verbracht h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Alternativ h\u00e4tte Crusoe vielleicht seinen Fisch mit Freitag im Gegenzug f\u00fcr, sagen wir, einige gebratene Ziegen gehandelt haben. Wenn der Handel abgeschlossen wird, dann w\u00e4ren Crusoes Opportunit\u00e4tskosten f\u00fcr sein Ziegen-Abendessen der Fisch, den er daf\u00fcr eingetauscht hat. F\u00fcr Freitag w\u00e4re es umgekehrt. Er bekommt Fisch zum Abendessen, und die Ziege stellt die Opportunit\u00e4tskosten dar.<\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich sind diese Beispiele vereinfacht und verbergen eine Reihe von Komplexit\u00e4ten. Einige davon sind sofort erw\u00e4hnenswert. Erstens kann Crusoe nicht sicher sein, was passiert, wenn er auf die Suche nach Kokosn\u00fcssen geht anstatt zum Angeln. Das Problem der Unsicherheit ist unausweichlich und oft unl\u00f6sbar. Zweitens, bei der Er\u00f6rterung des Handels haben wir nicht gesagt, woher Crusoe die Fische und Freitag die Ziegen hatten. Diese beiden Fragen, und die Komplexit\u00e4t, die sie aufwerfen, gehen allerdings \u00fcber eine Einf\u00fchrung in diese Thema weit hinaus und k\u00f6nne daher in diesem Beitrag nicht weiter verfolgt werden.<\/p>\n<p>Die Ber\u00fccksichtigung von Geld verkompliziert das Problem dann sogar noch mehr und bietet viele M\u00f6glichkeiten f\u00fcr tr\u00fcgerische Annahmen. Die Lektion \u00fcber die Opportunit\u00e4tskosten zeigt, dass es im Gegensatz zu der popul\u00e4ren Ansicht in der Wirtschaft nicht &#8222;nur ums Geld geht&#8220;. In der Tat ist die Lehre der Opportunit\u00e4tskosten schwieriger zu verstehen, je mehr man gew\u00f6hnt ist in Kosten und Nutzen in finanzieller Hinsicht zu denken. Das Prinzip der Opportunit\u00e4tskosten ist relevant f\u00fcr Entscheidungen aller Art, egal, ob sie mit irgendwelchen monet\u00e4ren Kosten verbunden sind oder nicht.<\/p>\n<p>Manchmal ist der Preis einer Ware oder Dienstleistung in Geld ein gutes Ma\u00df f\u00fcr ihre Opportunit\u00e4tskosten. Aber sehr oft, wie schon Benjamin Franklin erkannt hatte, ist es das nicht. Die sechs Pence f\u00fcr die in Mu\u00dfe verbrachte Unt\u00e4tigkeit sind nur ein Teil der Opportunit\u00e4tskosten f\u00fcr einen freien Tag. Und auch das Hinzuf\u00fcgen des Verdienstausfalls von f\u00fcnf Schilling kann die gesamten Kosten nicht erfassen. Vielleicht h\u00e4tte sich ein hart arbeitender Kaufmann ein wenig Goodwill aufbauen k\u00f6nnen, was zu k\u00fcnftiger Nachfrage nach seinen Dienstleistungen gef\u00fchrt h\u00e4tte; auch dies ist ein Teil der Opportunit\u00e4tskosten.<\/p>\n<p>Opportunit\u00e4tskosten sind ebenso relevant f\u00fcr die \u00f6ffentliche Ordnung. Dies ist offensichtlich in Bezug auf Entscheidungen, einige bestimmte Waren oder Dienstleistungen f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit bereitzustellen. Bei einer solchen Entscheidung verzichten Regierungen h\u00e4ufig auf andere M\u00f6glichkeiten, darunter alternative Verwendungm\u00f6glichkeiten, K\u00fcrzungen bei den Steuern oder die Senkung der Staatsverschuldung (welche h\u00f6here Ausgaben in der Zukunft erm\u00f6glicht). Die Opportunit\u00e4tskosten f\u00fcr einen bestimmten Teil der \u00f6ffentlichen Ausgaben sind gleich dem Wert der besten verf\u00fcgbaren Alternative.<\/p>\n<p>Manchmal erweckt die Art, in der Entscheidungen vorgestellt werden den Anschein, dass ein attraktives Gut kostenlos bezogen werden kann. Allerdings zeigt eine sorgf\u00e4ltige Pr\u00fcfung der Alternativen in der Regel, dass sie doch mit Opportunit\u00e4tskosten verbunden sind. Einige Beispiele dazu werden wir weiter unten sehen.<\/p>\n<p><b>Die Idee der Opportunit\u00e4tskosten<\/b><br \/>\nDie Idee der Opportunit\u00e4tskosten ist eine nat\u00fcrliche Folge der Moderne. In einer traditionellen Gesellschaft erfolgten die meisten wirtschaftlichen Entscheidungen auf der Grundlage von Gebr\u00e4uchen oder festen Verpflichtungen (was <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Karl_Marx\" target=\"_blank\">Karl Marx<\/a> &#8222;bunte feudale Bindungen&#8220; genannt hat). Die zentrale Idee der Tradition ist, das zu tun, was vorher gemacht wurde. In einer modernen Gesellschaft sind wir dagegen die ganze Zeit mit neuen Entscheidungen konfrontiert, beispielsweise wie und wof\u00fcr wir unsere Haushalts- einkommen ausgeben, wie das Gesch\u00e4ft der Produktion verwaltet und wie die \u00f6ffentliche Ordnung bestimmt wird.<\/p>\n<p>Wir haben bereits durch Benjamin Franklin die m\u00f6glicherweise erste Pr\u00e4sentation der Idee der Opportunit\u00e4tskosten gesehen. Franklin stellte sie wie einen Teil praktischer Weisheit dar, nat\u00fcrlich anwendbar in einer modernen Handelsgesellschaft, und insbesondere f\u00fcr die &#8222;Kaufleute&#8220; (dieser Begriff umfasste Ladenbesitzer ebenso wie auch selbstst\u00e4ndige Handwerker), an die er seinen Rat gerichtet hatte. Aber sie ist in gleicher Weise \u00fcbertragbar auf jeden, der die komplexen Entscheidungen f\u00e4llen muss, die das moderne Leben mit sich bringen.<\/p>\n<p>Der erste Wirtschaftswissenschaftler, der die Idee der Opportunit\u00e4tskosten verwendete (wenn auch nicht den Namen) war <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/David_Ricardo\" target=\"_blank\">David Ricardo<\/a>. Ricardos Theorie der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Komparativer_Kostenvorteil\" target=\"_blank\">komparativen Vorteile<\/a> des Handels markierte einen wesentlichen Fortschritt mit der Annahme, dass der Handel durch die Unterschiede in der f\u00fcr die Produktion von G\u00fctern erforderlichen Arbeitszeiten in verschiedenen L\u00e4ndern bestimmt w\u00fcrde. Wie Ricardo beobachtete, z\u00e4hlten dabei vor allem die Opportunit\u00e4tskosten f\u00fcr die Herstellung der einen Ware, ausgedr\u00fcckt im Verh\u00e4ltnis zu denen einer anderen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Fr%C3%A9d%C3%A9ric_Bastiat\" target=\"_blank\">Frederic Bastiat<\/a> war der Erste, der die Idee der Opportunit\u00e4tskosten als polemische Waffe einsetzte (wenn auch wiederum nicht den Namen). Bastiat verhinderte mit falschen Argumenten eine Vielzahl von eigentlich sinnvollen Vorschl\u00e4gen und unterst\u00fctzte dabei bestimmte Branchen mit dem Hinweis darauf, dass die Bef\u00fcrworter sich nur auf die Vorteile des von ihnen gew\u00e4hlten Weges konzentriert h\u00e4tten, ohne Ber\u00fccksichtigung der Opportunit\u00e4tskosten des nicht genommenen (unsichtbaren) Weges.<\/p>\n<p>Ricardo und Bastiat sind bekannte Namen in der Geschichte des \u00f6konomischen Denkens. Das gleiche kann nicht von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Friedrich_von_Wieser\" target=\"_blank\">Friedrich von Wieser<\/a> gesagt werden, dem \u00f6sterreichischen Wirtschaftswissenschaftler, der den Begriff &#8222;Opportunit\u00e4tskosten&#8220; zusammen mit dem ebenso bemerkenswerten Ausdruck des <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Grenznutzen\" target=\"_blank\">&#8222;Grenznutzens&#8220;<\/a> gepr\u00e4gt hatte. Zusammen mit <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Carl_Menger\" target=\"_blank\">Carl Menger<\/a> und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Eugen_B%C3%B6hm_von_Bawerk\" target=\"_blank\">Eugen B\u00f6hm von Bawerk<\/a> war Wieser einer der Gr\u00fcnder der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/%C3%96sterreichische_Schule\" target=\"_blank\">&#8222;\u00d6sterreichischen Schule&#8220;<\/a> der \u00d6konomie.<\/p>\n<p>F\u00fcr Wieser war das Konzept der Opportunit\u00e4tskosten nicht nur bei Entscheidungen auf M\u00e4rkten anwendbar, sondern auch wenn es um die Verteilung von Reichtum und Ressourcen f\u00fcr die Gemeinschaft als Ganzes geht. Ein sehr ungleiche Verteilung des Reichtums bedeutet, dass der Luxuskonsum der Reichen den Vorrang erh\u00e4lt gegen\u00fcber den Grundbed\u00fcrfnissen der Armen. Wieser beobachtete:<\/p>\n<blockquote><p><b>Es ist daher die Verteilung des Wohlstands, die dar\u00fcber entscheidet, was produziert wird, und dies f\u00fchrt somit zu einem Konsumenten der eher nicht-\u00f6konomischen Sorte: ein Endverbraucher, der f\u00fcr unn\u00f6tige profane Vergn\u00fcgen wegwirft, was ansonsten genutzt werden k\u00f6nnte, um die Wunden der Armut zu heilen.<\/b><\/p><\/blockquote>\n<p>Wieser verwendete diese Idee beispielsweise dazu, um eine progressive Einkommensteuer zu rechtfertigen.<br \/>\nDie Idee der Opportunit\u00e4tskosten wurde dagegen von \u00f6sterreichischen und \u00f6sterreichisch gepr\u00e4gten \u00d6konomen, vor allem <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Friedrich_August_von_Hayek\" target=\"_blank\">FA Hayek<\/a>, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ludwig_von_Mises\" target=\"_blank\">Ludwig von Mises<\/a> und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Lionel_Robbins\" target=\"_blank\">Lionel Robbins<\/a> in den Mainstream der Wirtschaftswissenschaften eingef\u00fchrt. Leider waren alle drei dogmatische Verfechter des freien Marktes, welcher aber Wiesers Idee die egalit\u00e4ren Implikationen raubte.<\/p>\n<p>Mainstream-\u00d6konomen akzeptierten weitestgehend Robbins Diktum, dass zwischenmenschliche Vergleiche des Wohlbefindens als &#8222;unwissenschaftlich&#8220; abgelehnt werden sollten und versuchten, den Begriff der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wohlfahrts%C3%B6konomik\" target=\"_blank\">Wohlfahrts\u00f6konomie<\/a> ohne Bezug auf Konzepte wie den <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Grenznutzen\" target=\"_blank\">&#8222;Grenznutzen&#8220;<\/a> (ein weiterer von Wieser gepr\u00e4gter Ausdruck) wieder aufzubauen. Zu der Zeit, als Theoretiker wie <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Peter_A._Diamond\" target=\"_blank\">Peter Diamond<\/a> and <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/James_Mirrlees\" target=\"_blank\">James Mirrlees<\/a> in den 1970er Jahren zum Problem der <a href=\"http:\/\/www.wirtschaftslexikon24.com\/d\/optimale-besteuerung\/optimale-besteuerung.htm\" target=\"_blank\">optimalen Besteuerung<\/a> zur\u00fcckkehrten, ging der Bezug zu Wiesers Werk und damit auch zum Konzept der Opportunit\u00e4tskosten verloren.<\/p>\n<p>Anstatt die Anwendung des Opportunit\u00e4tskostenprinzips auf die tats\u00e4chlichen Probleme der Wirtschaft zu f\u00f6rdern, verfolgten Wiesers Sch\u00fcler Hayek und Mises einen weit weniger fruchtbaren Aspekt seiner Arbeit: die unn\u00fctze Auseinandersetzung aus dem 19. Jahrhundert \u00fcber die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wert_(Wirtschaft)\" target=\"_blank\">&#8222;Werttheorie&#8220;<\/a>. Durch die Unterordnung der wirtschaftlichen Analyse unter den dogmatischen &#8222;Marktfundamentalismus&#8220; f\u00fchrten Hayek und Mises die \u00f6sterreichische Schule der National\u00f6konomie stattdessen in eine Sackgasse, aus der sie bis heute nicht entkommen konnte.<\/p>\n<p><em>(eigene \u00dcbersetzung eines <a href=\"http:\/\/johnquiggin.com\/2015\/06\/12\/economics-in-two-lessons-2\/\" target=\"_blank\">Blogbeitrages<\/a> des australischen \u00d6konomen <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/John_Quiggin\" target=\"_blank\">John Quiggin<\/a>. Als Einstieg in das Thema Opportunit\u00e4tskosten siehe den Beitrag <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/pareto-und-der-libertaere-weg-zur-diktatur\/\" target=\"_blank\">Pareto und der libert\u00e4re Weg zur Diktatur<\/a>)<\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bedenke, dass Zeit Geld ist; wer t\u00e4glich zehn Schillinge durch seine Arbeit erwerben k\u00f6nnte und den halben Tag spazieren geht oder auf seinem Zimmer faulenzt, der darf, auch wenn er nur sechs Pence f\u00fcr sein Vergn\u00fcgen ausgibt, nicht dies allein<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[43,44,18],"class_list":["post-1494050","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-oekonomie","tag-keynes","tag-volkswirtschaftslehre","tag-wirtschaft"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1494050","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1494050"}],"version-history":[{"count":45,"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1494050\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":24398123,"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1494050\/revisions\/24398123"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1494050"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1494050"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1494050"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}