{"id":14857,"date":"2014-02-11T07:39:56","date_gmt":"2014-02-11T06:39:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/?p=14857"},"modified":"2021-07-06T12:09:08","modified_gmt":"2021-07-06T10:09:08","slug":"deutschland-1999-bis-2004-die-wahre-geschichte-vom-kranken-mann-europas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/deutschland-1999-bis-2004-die-wahre-geschichte-vom-kranken-mann-europas\/","title":{"rendered":"Deutschland 1999 bis 2004: Die wahre Geschichte vom &#8222;kranken Mann&#8220; Europas"},"content":{"rendered":"<p><b>&#8222;Vom kranken Mann Europas zum Musterknaben&#8220;<\/b><br \/>\nImmer wieder, wenn auch nur leise Kritik an der deutschen Wirtschaftspolitik der letzten Jahrzehnte ge\u00e4u\u00dfert wird, wenn wieder einmal jemand den deutschen Export\u00fcberschuss kritisiert und in der deutschen Lohnzur\u00fcckhaltung einen Hauptgrund f\u00fcr die derzeitige Krise der Eurol\u00e4nder sieht, wird sie hervorgeholt:<\/p>\n<p><center><a title=\"Stamp Germany 2002 MiNr2234 Euroeinf\u00fchrung by Ernst und Lorli J\u00fcnger f\u00fcr das Bundesministerium der Finanzen und die Deutsche Post AG (Deutsche Post AG) [Public domain], via Wikimedia Commons\" href=\"http:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File%3AStamp_Germany_2002_MiNr2234_Euroeinf%C3%BChrung.jpg\"><img decoding=\"async\" width=\"256\" alt=\"Stamp Germany 2002 MiNr2234 Euroeinf\u00fchrung\" src=\"\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/6\/6c\/Stamp_Germany_2002_MiNr2234_Euroeinf%C3%BChrung.jpg\"\/><\/a><br \/>\n<em>Deutsche Briefmarke zur Euroeinf\u00fchrung<\/em><\/center><\/p>\n<p>Die Erz\u00e4hlung vom kranken Mann Europas, der sich mit schmerzlichen und ein-schneidenden Reformen fit gemacht und nun dadurch die Rolle der &#8222;Wachstums-lokomotive&#8220; in der Europ\u00e4ischen Union \u00fcbernommen habe.  <\/p>\n<p><!--more Weiterlesen...--> <\/p>\n<p>Was aber ist tats\u00e4chlich dran an dieser Geschichte? War Deutschland bei der Euro-Einf\u00fchrung tats\u00e4chlich dieser <a href=\"http:\/\/www.economist.com\/node\/209559\" title=\"The sick man of the euro | The Economist\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">&#8222;kranke Mann&#8220;<\/a>?<\/p>\n<p>Und wenn ja, was waren die wirklichen Gr\u00fcnde f\u00fcr diese schlechte Wirtschaftslage? Waren es die zu hohen L\u00f6hne und der \u00fcberbordende Sozialstaat, wie es <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hans-Werner_Sinn\" title=\"Hans-Werner Sinn \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Hans-Werner Sinn<\/a>, der Pr\u00e4sident des <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ifo_Institut_f%C3%BCr_Wirtschaftsforschung\" title=\"Ifo Institut f\u00fcr Wirtschaftsforschung \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Ifo-Instituts f\u00fcr Wirtschaftsforschung<\/a> damals immer wieder behauptete?<\/p>\n<p>Sinn geh\u00f6rte seit den 1990ern zu den geistigen V\u00e4tern und Wegbereitern der \u201cAgendapolitik\u201c. Seiner Ansicht nach konnten nur noch kr\u00e4ftige Kostensenkungen Deutschland wieder auf einen Wachstumspfad zur\u00fcckbringen. Das Lohnniveau und die Soziallasten waren angeblich zu hoch, als dass sich Arbeit in Deutschland noch h\u00e4tte lohnen k\u00f6nnen. Deutschland habe, so lautete Sinns Credo, die internationale Wettbewerbsf\u00e4higkeit verloren.<\/p>\n<p>In der Tat fiel das Wachstum der Wirtschaftsleistung in der ersten H\u00e4lfte der letzten Dekade sehr schwach aus: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) wuchs jahresdurchschnittlich real lediglich um 0,6%. Das war nach den Daten von Eurostat eine deutlich geringere Zunahme als in der gesamten EU (1,8%) oder in der Eurozone &#8211; und ein viel geringeres Wachstum als etwa in Spanien oder Griechenland. <\/p>\n<p>Das Platzen der Technologieblase im Fr\u00fchjahr 2000 traf Deutschland zus\u00e4tzlich hart: Der zuvor hochgejubelte Neue Markt in Frankfurt brach um \u00fcber 90 Prozent ein.<\/p>\n<p>Zu Beginn dieses Jahrhunderts hatte daher auch so gut wie niemand mehr angenommen, dass in Deutschland wieder einmal Wachstumsraten von mehr als einem Prozent erzielt werden k\u00f6nnten. Damit schien auch jede M\u00f6glichkeit, die Massenarbeitslosigkeit deutlich senken zu k\u00f6nnen, ferner denn je zu sein. Der kranke Mann Europas schien ein hoffnungsloser Fall zu sein.<\/p>\n<p>Interessanterweise aber liefen vor allem die Binnennachfrage und die Exporte damals erheblich auseinander. Die Binnennachfrage schrumpfte von 2000 bis 2005 im Jahresdurchschnitt um 0,4%, die Exporte zogen mit einer allm\u00e4hlich einsetzenden weltweiten Erholung mehr und mehr an und \u00fcbertrafen deutlich die Importe. <\/p>\n<p>F\u00fcr eine strukturelle Wettbewerbsschw\u00e4che, wie sie damals dem Exportweltmeister Deutschland diagnostiziert wurde, sprach das eigentlich nicht. Trotzdem wurde als Therapie, da waren sich fast alle mit Sinn einig, Lohnzur\u00fcckhaltung verschrieben.<\/p>\n<p>Doch mit der Vorbereitung auf die Europ\u00e4ische W\u00e4hrungsunion hatte sich bereits die Rolle der Lohnpolitik in Deutschland fundamental ge\u00e4ndert. 1999 wurde das von der Politik ins Leben gerufene &#8222;B\u00fcndnis f\u00fcr Arbeit&#8220; beschlossen, mit der Absicht, die &#8222;Produktivit\u00e4t f\u00fcr die Besch\u00e4ftigung zu reservieren&#8220;. <\/p>\n<p>Bereits seit 1982, als das <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wende_(Bundesrepublik_Deutschland)\" title=\"Wende (Bundesrepublik Deutschland) \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">&#8222;Lambsdorff-Papier&#8220;<\/a> den Regierungswechsel zur CDU\/FDP-Koalition unter <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Helmut_Kohl\" title=\"Helmut Kohl \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Kanzler Helmut Kohl<\/a> einl\u00e4utete, betrieb Deutschland eine Politik der &#8222;Verbilligung der Arbeitskosten&#8220; und &#8222;Senkung der Sozialbeitr\u00e4ge&#8220;, ohne dabei etwas gegen die steigende Massenarbeitslosigkeit ausrichten zu k\u00f6nnen. Zur Einf\u00fchrung des Euros aber zog man nicht etwa die Konsequenzen aus dieser wirkungslosen Politik, sondern versch\u00e4rfte sie noch.  <\/p>\n<p>In der Folge sanken daher die <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/zusammenhang-lohne-produktivitat-lohnstuckkosten-und-inflation\/\" title=\"Zusammenhang L\u00f6hne, Produktivit\u00e4t, Lohnst\u00fcckkosten und Inflation \">Lohnst\u00fcckkosten<\/a>, also die L\u00f6hne im Verh\u00e4ltnis zur Produktivit\u00e4t, in Deutschland unter die eigentlich f\u00fcr alle EU-L\u00e4nder mit der Europ\u00e4ischen Zentralbank (EZB) vereinbarten Zielinflationsrate von 2 %, w\u00e4hrend sich die \u00fcbrigen Staaten leicht dar\u00fcber hielten.<\/p>\n<p>Eigentlich h\u00e4tte damals in Deutschland geldpolitisch gegengesteuert werden m\u00fcssen, da sich die gesamtwirtschaftliche Lage  an der Kippe zu einer Deflation bewegte. Doch mit der Einf\u00fchrung des Euro und der \u00dcbergabe der Geldpolitik an die EZB galt nun f\u00fcr den gesamten W\u00e4hrungsraum ein einheitlicher Leitzinssatz. Es gab keine eigenst\u00e4ndige deutsche Geldpolitik mehr. <\/p>\n<p>Die EZB aber musste die wirtschaftliche Entwicklung und den Anstieg der Inflation in allen L\u00e4ndern der Eurozone im Auge haben &#8211; und in manchen Staaten war man auf dem besten Weg in einen regelrechten Konsum- und\/oder Immobilienboom. F\u00fcr diese L\u00e4nder war die Geldpolitik zu locker, f\u00fcr Deutschland war sie zu restriktiv.<\/p>\n<p>Es wurde letztlich ein niedriges Zinsniveau festgelegt, ganz im Sinne der deutschen Politik. F\u00fcr die meisten anderen L\u00e4nder w\u00e4re ein h\u00f6herer Zins dringend notwendig gewesen, da ihnen eine \u00dcberhitzung der Konjunktur drohte.<\/p>\n<p>Ironie der Geschichte: ausgerechnet die deutschen Monetaristen um Hans-Werner Sinn erstritten eine Politik des billigen Geldes (womit sie nat\u00fcrlich sp\u00e4ter nichts mehr zu tun haben wollten).<\/p>\n<p>Entgegen landl\u00e4ufiger Meinung beruhte die Verbesserung der deutschen Wettbewerbsf\u00e4higkeit daher auch nicht prim\u00e4r auf h\u00f6heren Produktivit\u00e4tszuw\u00e4chsen, sondern auf Einfrieren deutscher L\u00f6hne, auf Schw\u00e4chung des Binnenkonsums durch eine (3%-ige) Umsatzsteuer-Erh\u00f6hung und auf einer G\u00fcterpreis-Inflationsrate unterhalb des von der EZB vorgegebenen Ziels von 2%.<\/p>\n<p>Das Kleinhalten der eigenen Binnennachfrage generierte finanzielle Spar\u00fcbersch\u00fcsse, die als Geldstr\u00f6me ins Ausland gelangen und die Nachbarl\u00e4nder (via Billigkredit) zum Konsum der eigenen Produkte veranlassten. Logischerweise sanken die Investitionen in Deutschland daraufhin f\u00f6rmlich ins Bodenlose, w\u00e4hrend sie in den anderen Staaten von h\u00f6heren L\u00f6hnen und Konsum angezogen wurden.<\/p>\n<p>In dieser Zeit floss daher auch viel ausl\u00e4ndisches Kapital, insbesondere vor allem deutsche Ersparnisse, in die anderen EWU-L\u00e4nder. Das billige Geld l\u00f6ste in den S\u00fcdl\u00e4ndern einen Nachfrageboom aus, der insbesondere dem deutschen Export zugute kam. In Spanien und Irland wurden dadurch die Immobilienblasen erzeugt, die sp\u00e4ter in der Krise die \u00f6ffentlichen und privaten Haushalte in den Ruin trieben. <\/p>\n<p>Deutschland bremste also politisch ganz bewusst seine eigene Binnennachfrage mit dem Ziel, Export\u00fcbersch\u00fcsse einzufahren. Diese Politik konnte im ersten Jahrzehnt der 2000er Jahre funktionieren, weil Deutschlands Nachbarn nicht dieselbe Wirtschaftspolitik betrieben und weil durch die Zugeh\u00f6rigkeit zur gleichen W\u00e4hrungszone Deutschlands W\u00e4hrung nicht aufgewertet wurde.<\/p>\n<p>Wenn man denn \u00fcberhaupt von der Geschichte vom kranken Mann Europas etwas lernen will, so ist es die Tatsache, dass es sich dabei um eine selbst verschuldete und verst\u00e4rkte &#8222;Krankheit&#8220; handelte, verursacht haupts\u00e4chlich durch falsche deutsche Wirtschaftspolitik. <\/p>\n<p>Die deutsche Wirtschaft wies w\u00e4hrend der schlechten Jahre keineswegs \u00fcberdurchschnittlich \u201everkrustete\u201c Arbeitsm\u00e4rkte auf, sondern wurde durch eine ungew\u00f6hnlich schwache Binnennachfrage aufgrund einer ausgabenseitig restriktiven Finanzpolitik und einer extrem schwachen Lohnentwicklung ausgebremst. <\/p>\n<p>Der Aufschwung gelang erst, als die Finanzpolitik gelockert wurde und sich die starken au\u00dfen- wirtschaftlichen Impulse auf die Binnenwirtschaft \u00fcbertragen konnten. <\/p>\n<p>Neuere Studien legen allerdings nahe, dass eine <a href=\"http:\/\/blog.arbeit-wirtschaft.at\/deutsche-agenda-2010-politik-fuehrte-zu-wachstums-und-beschaeftigungsverlusten\/#more-4816\" title=\"Deutsche \u201eAgenda 2010\u201c-Politik f\u00fchrte zu Wachstums- und Besch\u00e4ftigungsverlusten | Arbeit&#038;Wirtschaft\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">andere, nicht nur einseitig auf angebotsseitige Strukturreformen konzentrierte Politik<\/a> erfolgreicher gewesen w\u00e4re. <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Vom kranken Mann Europas zum Musterknaben&#8220; Immer wieder, wenn auch nur leise Kritik an der deutschen Wirtschaftspolitik der letzten Jahrzehnte ge\u00e4u\u00dfert wird, wenn wieder einmal jemand den deutschen Export\u00fcberschuss kritisiert und in der deutschen Lohnzur\u00fcckhaltung einen Hauptgrund f\u00fcr die derzeitige<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[27,14,16,18],"class_list":["post-14857","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-oekonomie","tag-investition","tag-lohn","tag-lohnstueckkosten","tag-wirtschaft"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14857","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14857"}],"version-history":[{"count":52,"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14857\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4750253,"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14857\/revisions\/4750253"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14857"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14857"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14857"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}