{"id":143440,"date":"2014-09-29T07:06:08","date_gmt":"2014-09-29T05:06:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/?p=143440"},"modified":"2026-03-30T14:49:58","modified_gmt":"2026-03-30T12:49:58","slug":"der-lautenbach-plan-1931-teil-6-die-borchardt-kontroverse-und-die-angeblich-zu-hohen-loehne-in-weimar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/der-lautenbach-plan-1931-teil-6-die-borchardt-kontroverse-und-die-angeblich-zu-hohen-loehne-in-weimar\/","title":{"rendered":"Der Lautenbach-Plan 1931 &#8211; Teil 6: Die Borchardt-Kontroverse und die angeblich zu hohen L\u00f6hne in Weimar"},"content":{"rendered":"<p>Seit ich mich nach der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Finanzkrise_ab_2007\" title=\"Finanzkrise ab 2007 \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Finanzkrise von 2007<\/a> intensiv begonnen habe mit \u00d6konomie und Wirtschafts-politik zu befassen, ging es mir auch immer wieder darum, anhand historischer Beispiele Parallelen zur nachfolgenden <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Weltwirtschaftskrise_ab_2007\" title=\"Weltwirtschaftskrise ab 2007 \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Weltwirtschaftskrise<\/a> zu ziehen und \u00fcber m\u00f6gliche Lehren aus der Geschichte nachzudenken.<\/p>\n<p><Center><a title=\"Kaufhaus Wertheim, Berlin Leipziger Platz, 1920er Jahre von Waldemar Titzenthaler [Public domain], via Wikimedia Commons\" href=\"http:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File%3AKaufhaus_Wertheim%2C_Leipziger_Platz%2C_1920er_Jahre.jpg\"><img decoding=\"async\" width=\"412\" alt=\"Kaufhaus Wertheim, Berlin Leipziger Platz, 1920er Jahre\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/4\/4b\/Kaufhaus_Wertheim%2C_Leipziger_Platz%2C_1920er_Jahre.jpg\"\/><\/a><br \/>\n<em>Kaufhaus Wertheim, Berlin Leipziger Platz in den 1920er Jahren<\/em><\/center> <\/p>\n<p>Aus <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/der-lautenbach-plan-1931-teil-1-geld-und-kreditpolitik-der-weimarer-republik-in-der-weltwirtschaftskrise\/\" title=\"Der Lautenbach-Plan 1931 \u2013 Teil 1: Geld- und Kreditpolitik der Weimarer Republik in der Weltwirtschaftskrise \u203a \u00d6konomie und Sport\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">vielerlei Gr\u00fcnden<\/a> r\u00fcckten da vor allem die Auswirkungen der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Weltwirtschaftskrise\" title=\"Weltwirtschaftskrise \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">ersten Weltwirtschaftskrise 1929<\/a> in den Fokus, insbesondere das Ende der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Weimarer_Republik\" title=\"Weimarer Republik \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Weimarer Republik<\/a>. Nat\u00fcrlich ging es dabei dann auch um die umstrittene Frage nach der Auslotung der wirtschaftspolitischen Handlungsspielr\u00e4ume der Regierung <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Heinrich_Br%C3%BCning\" title=\"Heinrich Br\u00fcning \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Br\u00fcning<\/a>. <\/p>\n<p><!--more Weiterlesen...--><\/p>\n<p>Doch diese Debatte ist nicht wirklich neu. Bereits 1979 ver\u00f6ffentlichte <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Knut_Borchardt\" title=\"Knut Borchardt \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Knut Borchardt<\/a> mehrere Arbeiten, in denen er sich mit den \u201eZwangslagen und Handlungsspielr\u00e4umen\u201c des Kabinetts Br\u00fcning Anfang der 1930er Jahre in der Bankenkrise genauer auseinandersetzte.<\/p>\n<p>Diese Ver\u00f6ffentlichungen, auch als <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Knut_Borchardt#Die_.E2.80.9EBorchardt-Hypothese.E2.80.9C_und_die_anschlie.C3.9Fende_Kontroverse\" title=\"Die \u201eBorchardt-Hypothese\u201c und die anschlie\u00dfende Kontroverse\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">die \u201eBorchardt-Hypothese\u201c<\/a> bezeichnet, l\u00f6sten in der Folgezeit eine heftige Kontroverse aus. Borchardt hinterfragte dabei die Tatsache, warum die Regierung Br\u00fcning keine Konjunkturpolitik zur Eind\u00e4mmung der Krise betrieben habe wie die darauffolgenden Kabinette.<\/p>\n<p>Er kam dabei zu dem umstrittenen Ergebnis, dass es vor allem zwei Gr\u00fcnde waren, die in der damaligen Situation eine solche Politik unm\u00f6glich machten:<\/p>\n<p>Entgegen der in den 1970er Jahren weit verbreiteten Ansicht, Br\u00fcning habe eine freiwillig gew\u00e4hlte Deflationspolitik verfolgt, mit der er in den fr\u00fchen 1930ern den Krisenverlauf im Deutschen Reich entscheidend versch\u00e4rft und somit Hitler den Weg bereitet habe, war Borchardt der Meinung, dass es verschiedene Zwangslagen gab, die keine Alternativen zur durchgef\u00fchrten Politik gestatteten.<\/p>\n<p>Zweitens stellte er die These auf, dass die deutsche Wirtschaft bereits vor dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise durch Verteilungsprobleme so entkr\u00e4ftet gewesen sei, sodass sie von den Auswirkungen der Krise au\u00dferordentlich schwer getroffen wurde. <\/p>\n<p>Borchardt begr\u00fcndete diese Behauptung mit einer Investitionsschw\u00e4che in Deutschland w\u00e4hrend der sogenannten <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Goldene_Zwanziger\" title=\"Goldene Zwanziger \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Goldenen Zwanziger<\/a>, die er auf die sich in dieser Zeit angeblich weiter ge\u00f6ffnete &#8222;Schere&#8220; zwischen Lohnkostenanstieg und Produktivit\u00e4tsentwicklung zur\u00fcckf\u00fchrte. <\/p>\n<p><b>Die Zwangslagen w\u00e4hrend der Gro\u00dfen Krise sind nicht Hauptthema dieses Beitrags<\/b><br \/>\n\u00dcber die Motivation der Regierung Br\u00fcning in der Krise der Weimarer Republik gab es lange Zeit in der Geschichtswissenschaft einen breiten Konsens:<br \/>\nIhre Politik wurde im allgemeinen und vor allem im Hinblick auf den Aufstieg der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft und ihren epochalen Folgen zumeist als verh\u00e4ngnisvoll und v\u00f6llig falsch beurteilt.<\/p>\n<p>Erst Knut Borchardt lieferte mit seinen Arbeiten einen kritischeren Ansatz und behandelte dabei auch die Frage, warum Br\u00fcning keine Konjunkturpolitik zur \u00dcberwindung der Depression betrieben habe.<br \/>\nEr stellte dabei die Behauptung auf, dass die damalige wirtschaftliche und politische Situation eine solche geforderte Politik unm\u00f6glich gemacht habe.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte jetzt hier nicht weiter in die Kontroverse um diese Thematik einsteigen, dass haben vor mir schon andere, vor allem der Wirtschaftshistoriker <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Carl-Ludwig_Holtfrerich\" title=\"Carl-Ludwig Holtfrerich \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Carl-Ludwig Holtfrerich<\/a> in seinem Aufsatz <a href=\"http:\/\/www.jstor.org\/discover\/10.2307\/27623153?uid=3737864&#038;uid=2129&#038;uid=2&#038;uid=70&#038;uid=4&#038;sid=21104181958091\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Alternativen zu Br\u00fcnings Wirtschaftspolitik in der Weltwirtschaftskrise?<\/a> bereits vor einiger Zeit getan.<\/p>\n<p>Es ist letztlich eine Frage der pers\u00f6nlichen Gewichtung historischer Ereignisse, inwieweit man lieber den Argumenten Borchardts oder denen seiner Gegner wie Holtfrerich folgen will.<\/p>\n<p>So halte ich beispielsweise Borchardts These der mangelnden Unterst\u00fctzung m\u00f6glicher alternativer Handlungsmuster durch politische und gesellschaftliche Kr\u00e4fte f\u00fcr eher wenig stichhaltig. Die zustimmende oder zumindest wohlmeinende Haltung einiger Minister, von Teilen der SPD, der Gewerkschaften, sowie von wie bereits im <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/der-lautenbach-plan-1931-teil-1-geld-und-kreditpolitik-der-weimarer-republik-in-der-weltwirtschaftskrise\/\" title=\"Der Lautenbach-Plan 1931 \u2013 Teil 1: Geld- und Kreditpolitik der Weimarer Republik in der Weltwirtschaftskrise \u203a \u00d6konomie und Sport\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">ersten<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/der-lautenbach-plan-1931-teil-2-die-konferenz-der-friedrich-list-gesellschaft\/\" title=\"Der Lautenbach-Plan 1931 \u2013 Teil 2: Die Konferenz der Friedrich-List-Gesellschaft \u203a \u00d6konomie und Sport\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">zweiten Teil<\/a> beschrieben auch einer stattlichen Anzahl von damals durchaus prominenten \u00d6konomen, von Regierungsbeamten und sogar <a href=\"http:\/\/www.digitalis.uni-koeln.de\/JWG\/jwg_145_181-190.pdf\" title=\"Hak-le Kim: Die Gro\u00dfindustrie und die Konjunkturpolitik unter der Kanzlerschaft Br\u00fcnings\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">eines Teils der &#8222;Industriebarone&#8220;<\/a> gelten allgemein als historisch belegt. <\/p>\n<p>Auch die Ansicht, dass vor allem von au\u00dfen vorgeschriebene Faktoren wie die Einhaltung des Reichsbankgesetzes (welches auf <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Dawes-Plan#Inhalt\" title=\"Neues Reichsbankgesetz im Vertragswerk des Dawes-Plan \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Druck der Alliierten<\/a> zustande gekommen war) sowie einschr\u00e4nkende au\u00dfenpolitische Vertr\u00e4ge die Handlungsm\u00f6glichkeiten entscheidend reduzierten, kann man in dieser Form nicht wirklich gelten lassen.  <\/p>\n<p>Holtfrerich wies beispielsweise nach, dass &#8222;seit der Bankenkrise vom Juli 1931 die vorgeschriebene 40%-Deckung des Reichsbanknotenumlaufs in Gold und Devisen mit Ausnahme von vier Wochen andauernd unterschritten wurde.\u201c (vgl. Holtfrerich, siehe oben, S. 618).<br \/>\nDiese von Borchardt als unumg\u00e4nglich bezeichnete Regelung wurde also in der Praxis wenn \u00fcberhaupt nur l\u00fcckenhaft eingehalten.<\/p>\n<p>Ebenso halte ich die anderen internationalen Abkommen und Vertr\u00e4ge wie z. B. den <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Young-Plan\" title=\"Young-Plan \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Young-Plan<\/a> zum Zeitpunkt der Krise als nicht mehr wirklich hinderlich. So hatte dieser Plan bereits im Juni 1931, also noch vor der <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/der-lautenbach-plan-1931-teil-2-die-konferenz-der-friedrich-list-gesellschaft\/\" title=\"Der Lautenbach-Plan 1931 \u2013 Teil 2: Die Konferenz der Friedrich-List-Gesellschaft \u203a \u00d6konomie und Sport\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Konferenz der Fridrich-List-Gesellschaft<\/a> im September, durch das <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hoover-Moratorium\" title=\"Hoover-Moratorium \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Hoover-Moratorium<\/a>  faktisch keine bindende Wirkung mehr. Entgegen den Behauptungen Borchardts agierte die Regierung Br\u00fcning ab dem Sommer 1931 damit eigentlich in einem nicht geregelten internationalen Rahmen, in dem es vor allem auf hartn\u00e4ckigere Verhandlungen mit den Alliierten, allen voran mit den bremsenden Franzosen angekommen w\u00e4re.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zu Br\u00fcning konnte dann sein Nachfolger <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Franz_von_Papen\" title=\"Franz von Papen \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Franz von Papen<\/a> bei der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Konferenz_von_Lausanne_(1932)\" title=\"Konferenz von Lausanne (1932) \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Konferenz von Lausanne<\/a> im Juni\/Juli 1932 sehr wohl Verhandlungserfolge vorweisen. Es gibt daher wenig Gr\u00fcnde anzunehmen, dass ein \u00e4hnlicher Fortschritt bei nur unwesentlich anderen politischen Bedingungen nicht schon vorher m\u00f6glich gewesen w\u00e4re.    <\/p>\n<p>Auch der Einwand, ohne Geldsch\u00f6pfung und damit einer erneuten Inflationsgefahr sei eine nachhaltige expansive Konjunkturpolitik nicht m\u00f6glich gewesen, halte ich nach der Lekt\u00fcre des Lautenbach-Plans f\u00fcr nicht stichhaltig. Wie in den vorherigen Teilen dieser Serie mehrfach angef\u00fchrt, sah der Vorschlag von Wilhelm Lautenbach kompensierende Ma\u00dfnahmen vor, um gerade keine Inflation zu erzeugen.<\/p>\n<p>Glaubw\u00fcrdiger ist da meiner Ansicht nach die Meinung von Holtfrerich und anderen Kritikern, Borchardt habe eigentlich die damalige wirtschaftliche Lage Deutschlands in den 70ern ansprechen und mit dem Vergleich eher die Wirkung nachfrageorientierter Ma\u00dfnahmen diskreditieren wollen.      <\/p>\n<p><b>Die &#8222;Krise vor der Krise&#8220; aufgrund vermeintlich unangemessen hoher L\u00f6hne<\/b><br \/>\n\u00d6konomisch interessanter finde ich allerdings die Auseinandersetzung mit dem zweiten Argument Borchardts: Waren tats\u00e4chlich zu hohe L\u00f6hne die Ursache f\u00fcr die Investitionsschw\u00e4che in der Weimarer Republik oder gab es damals andere Gr\u00fcnde f\u00fcr die Probleme der deutschen Wirtschaft?<\/p>\n<p>Neben der Abh\u00e4ngigkeit der damaligen Wirtschaft von Auslandskrediten h\u00e4tten die Investitionen zwischen 1925-29 nie wieder das Niveau von vor dem Krieg erreicht, zudem stieg in dieser Zeit der private Konsum unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig. Gleiches habe laut Borchardt auch f\u00fcr die Arbeitsproduktivit\u00e4t gegolten. Bis Ende der 1920er Jahre erreichte diese demnach nicht wieder das Vorkriegsniveau, w\u00e4hrend gleichzeitig aber die L\u00f6hne anstiegen.  <\/p>\n<p>Da die Unternehmer aufgrund der internationalen Konkurrenz und der festen Wechselkurse die h\u00f6heren L\u00f6hne nicht auf die Preise anrechnen konnten, h\u00e4tten sie weniger Gewinne f\u00fcr Investitionen zur Verf\u00fcgung gehabt. Da sich diese Entwicklung bereits vor der Krise in der H\u00f6he der Erwerbslosigkeit projiziert habe, sei das Dilemma der Regierung Br\u00fcning eine &#8222;alternativlose&#8220; Deflationspolitik zur Angleichung der L\u00f6hne gewesen. <\/p>\n<p>Holtfrerich zog bereits 1984 mit seinem Aufsatz <a href=\"http:\/\/www.google.de\/url?sa=t&#038;rct=j&#038;q=&#038;esrc=s&#038;source=web&#038;cd=1&#038;cad=rja&#038;uact=8&#038;ved=0CCEQFjAA&#038;url=http%3A%2F%2Flibrary.fes.de%2Fgmh%2Fmain%2Fpdf-files%2Fgmh%2F1983%2F1983-11-a-714.pdf&#038;ei=_KAaVIO2I4viaIrvgJAB&#038;usg=AFQjCNEsCEmGTpFGaQV6KE61yZLAwz94sg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Arbeitslosigkeit, Sozialabbau, Demokratieverlust: Ergebnis zu hoher L\u00f6hne in der Weimarer Republik?<\/a> die Berechnungen Borchardts zur Kostenneutralit\u00e4t der L\u00f6hne und Geh\u00e4lter erheblich in Zweifel und war der Ansicht, dass eine falsche Datenbasis das Ergebnis verzerren w\u00fcrde. So musste selbst Borchardt einr\u00e4umen, dass die von ihm verwendeten Daten, die auf dem Werk &#8222;Das Wachstum der deutschen Wirtschaft seit der Mitte des 19. Jahrhunderts&#8220; von <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Walther_G._Hoffmann\" title=\"Walther G. Hoffmann \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Walther G. Hoffmann<\/a> beruhten, &#8222;mit einigen Unsicherheiten behaftet&#8220; seien.<\/p>\n<p>Zudem f\u00fchrte Holtfrerich auch die Arbeiten von <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Barry_Eichengreen\" title=\"Barry Eichengreen \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Barry Eichengreen<\/a> an, der die Nominal- und Reall\u00f6hne der Weimarer Republik in einen internationalen Vergleich stellte und dabei zu dem Ergebnis kam, dass der deutsche Arbeitsmarkt besser funktionierte als in anderen Industriestaaten und die Lohnst\u00fcckkosten trotz eines Anstiegs seit 1927 auch 1929 ihr Niveau aus der Zeit vor dem Krieg noch nicht wieder erreicht h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Bei meinen Recherchen zum Thema Lohnst\u00fcckkosten in der Weimarer Republik fiel mir zudem noch eine neuere Arbeit von <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Stephen_Broadberry\" title=\"Professor Stephen Broadberry\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Stephen Broadberry<\/a> und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Carsten_Burhop\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Carsten Burhop<\/a> in die H\u00e4nde, die erstmals 2010 im Journal of Economic History der Universit\u00e4t Cambridge ver\u00f6ffentlicht wurde: <a href=\"http:\/\/eprints.lse.ac.uk\/32350\/\" title=\"Welcome to WRAP: Warwick Research Archive Portal - WRAP: Warwick Research Archive Portal\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Real Wages and Labor Productivity in Britain and Germany, 1871\u20131938: A Unified Approach to the International Comparison of Living Standards<\/a>.<\/p>\n<p>Darin verglichen die beiden Forscher die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Arbeiter in Gro\u00dfbritannien und Deutschland zwischen 1871 und 1938 unter Ber\u00fccksichtigung von Reall\u00f6hnen und Produktivit\u00e4t sowie der Wettbewerbsf\u00e4higkeit der Gesamtwirtschaft und der Sektoren Industrie, Landwirtschaft und Dienstleistungen.<\/p>\n<p>Zur Borchardt-Kontroverse kamen sie zu folgendem Fazit: <\/p>\n<blockquote><p><b><br \/>\nOur results confirm Knut Borchardt\u2019s finding that comparative unit labor costs indeed increased substantially in Weimar Germany compared to the prewar period, particularly in industry.<\/p>\n<p>However, by considering levels as well as rates of change of both real wages and labor productivity on a comparative basis, we are able to show that German industrial workers were still poorly paid in an international perspective, given their relatively high productivity.<\/p>\n<p><em>\u00dcbersetzung: Unsere Ergebnisse best\u00e4tigen Knut Borchardts Feststellung, dass die Lohnst\u00fcckkosten in Weimar im Vergleich zur Vorkriegszeit insbesondere in der Industrie tats\u00e4chlich stark gestiegen waren. <\/p>\n<p>Jedoch unter der Ber\u00fccksichtigung von Niveau und Ver\u00e4nderungsraten sowohl der Reall\u00f6hne als auch der Arbeitsproduktivit\u00e4t auf vergleichbarer Basis sind wir in der Lage zu zeigen, dass die deutschen Industriearbeiter angesichts ihrer relativ hohen Produktivit\u00e4t im internationalen Vergleich immer noch schlechter bezahlt wurden.<\/b><\/em><\/p>\n<p><em>Real Wages and Labor Productivity, 2010, S. 403<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Bemerkenswerterweise blieben die deutschen L\u00f6hne in der Zeit zwischen dem Ersten Weltkrieg und den 1920er Jahren immer hinter den britischen Vergleichsl\u00f6hnen zur\u00fcck:<\/p>\n<blockquote><p><b>There was a period of disorder between 1913 and 1925, during which German real wages suffered a major setback. By 1925 the comparative real income position of a German worker had fallen back to 76 percent of the British level versus 83.3 percent in 1913. Although Germany\/U.K. comparative real wages recovered by 1928, the Great Depression hit Germany much more severely than Britain.<\/p>\n<p><em>\u00dcbersetzung: Es gab eine Zeit der St\u00f6rungen zwischen 1913 und 1925, in der die deutschen Reall\u00f6hne einen schweren R\u00fcckschlag erlitten. Bis 1925 war das Vergleichsrealeinkommen eines deutschen Arbeiters bis auf 76 Prozent der Briten gegen\u00fcber 83,3 Prozent im Jahr 1913 gesunken. Zwar konnte sich das Verh\u00e4ltnis der Reall\u00f6hne Deutschland \/ U.K. bis 1928 etwas erholen, trotzdem traf die gro\u00dfe Wirtschaftskrise Deutschland viel st\u00e4rker als Gro\u00dfbritannien.<\/em><\/b><\/p>\n<p><em>Real Wages and Labor Productivity, 2010, S. 411<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>In der Zusammenfassung ist besonders der letzte Satz von Bedeutung, mit dem die beiden Professoren festhielten, dass die Entwicklung der Arbeitsproduktivit\u00e4t der Gesamtwirtschaft sich in beiden L\u00e4ndern \u00e4hnlich wie die der Reall\u00f6hne vollzog.<br \/>\nDies bedeutet aber dann nicht anderes, als dass in dem gesamten Vergleichszeitraum die <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Lohnst%C3%BCckkosten\" title=\"Lohnst\u00fcckkosten \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Lohnst\u00fcckkosten<\/a> in Deutschland niedriger gewesen sein m\u00fcssen als in Gro\u00dfbritannien.<\/p>\n<blockquote><p><b><em>Deutsche \u00dcbersetzung:<\/em><br \/>\nDieser Artikel bietet eine vergleichende Perspektive auf den Lebensstandard in Gro\u00dfbritannien und Deutschland \u00fcber den Zeitraum 1871-1938, mit einem einheitlichen Ansatz, der sowohl die Reall\u00f6hne als auch die Arbeitsproduktivit\u00e4t umfasst. <\/p>\n<p>F\u00fcr die Wirtschaft als Ganzes betrugen die deutschen Reall\u00f6hne etwas weniger als drei Viertel der britischen Vergleichsl\u00f6hne in den fr\u00fchen 1870er Jahren. <\/p>\n<p>Nach dem Krieg und der Nachkriegsinflation sanken die deutschen Reall\u00f6hne wieder auf etwa drei Viertel des britischen Niveaus von 1924 und hatten am Vorabend des Zweiten Weltkriegs lediglich bis zu 83 Prozent der britischen L\u00f6hne erreicht.<br \/>\nIm Durchschnitt wurden die britischen Arbeiter damals \u00fcber den gesamten Zeitraum besser bezahlt als ihre deutschen Kollegen. <\/p>\n<p>F\u00fcr die Gesamtwirtschaft lagen die Vergleichsreall\u00f6hne auf dem gleichen Niveau wie die Arbeitsproduktivit\u00e4t&#8230;<\/b><\/p>\n<p><em>Real Wages and Labor Productivity, 2010, S. 422<\/em>\n<\/p><\/blockquote>\n<p>Logischerweise kann dieses Ergebnis dann die Behauptung Borchardts, die Lohnst\u00fcckkosten in Deutschland seien schon vor der Weltwirtschaftskrise &#8222;unangemessen&#8220; gestiegen, eher nur widerlegen.<\/p>\n<p>Zwar fanden die Autoren einige Unterschiede im Vergleich der Sektoren, so wurden die Besch\u00e4ftigen im Dienstleistungssektor in Deutschland im Verh\u00e4ltnis zu ihrer Produktivit\u00e4t besser bezahlt als ihre Kollegen in England, w\u00e4hrend f\u00fcr die Bereiche Landwirtschaft und vor allem die Industrie die Verh\u00e4ltnisse genau umgekehrt waren. <\/p>\n<p>Doch f\u00fcr die Gesamtwirtschaft, und das ist der entscheidende Faktor, kamen sie zu dem Ergebnis, dass die deutschen Arbeiter unter Ber\u00fccksichtigung der Produktivit\u00e4t immer schlechter als die Briten entlohnt wurden. Dies aber nimmt Borchardts These der zu hohen deutschen Lohnst\u00fcckkosten jegliche Spitze und l\u00e4sst sie eher unwahrscheinlicher erscheinen.<\/p>\n<p><b>Fazit:<\/b><br \/>\nZusammenfassend kann ich aufgrund der oben angef\u00fchrten Argumente Borchardts Thesen nicht als wirklich stichhaltig empfinden. Mir kommen sie eher wie &#8222;Ausreden&#8220; vor, um sich nicht mit dem eigentlichen Kern der Sache, der historischen Verantwortung der Regierung Br\u00fcning f\u00fcr ihr eigenes Handeln, besch\u00e4ftigen zu m\u00fcssen. Sicher, es ist m\u00fc\u00dfig dar\u00fcber zu diskutieren, ob nun andere Entscheidungen tats\u00e4chlich Ver\u00e4nderungen herbeigef\u00fchrt h\u00e4tten. Die Geschichte ist nun einmal anders verlaufen, was w\u00e4re wenn basiert letztlich immer nur auf Vermutungen.<\/p>\n<p>Allerdings deuten die Erfolge von Br\u00fcnings Nachfolgern, die eben genau mit den von ihm abgelehnten Arbeitsbeschaffungsma\u00dfnahmen (jedoch unter von Papen mit eindeutiger Bevorzugung der Unternehmer und unter den Nazis als beginnende Kriegsvorbereitung) die Krise und damit auch den H\u00f6hepunkt der Besch\u00e4ftigungslosigkeit \u00fcberwanden, ganz klar darauf hin, dass nat\u00fcrlich eine alternative Politik m\u00f6glich gewesen w\u00e4re.  <\/p>\n<p>Doch das ist gar nicht der Punkt: Es geht schlicht nicht um die Wahrscheinlichkeit, mit der beispielsweise Br\u00fcning in m\u00f6glichen weiteren Verhandlungen mit den Alliierten mehr Zugest\u00e4ndnisse erreicht haben k\u00f6nnte. Das werden wir sowieso nie erfahren, weil es eben so nicht gekommen ist.<\/p>\n<p>Es geht letztlich vor allem darum, dass diese Regierung eine andere Politik als die von ihr exerzierte Deflationspolitik nicht einmal versucht hat! In ihrer ideologischen und dogmatischen Festlegung auf ihre wirtschaftsorthodoxen Vorstellungen von der &#8222;Armut der Nation&#8220; war eine staatliche &#8222;Ankurbelung&#8220; der Wirtschaft mittels kreditfinanzierter Ma\u00dfnahmen schlicht nicht vorgesehen! Br\u00fcning hatte nichts anderes vorgehabt, als seine eigenen innen- und au\u00dfenpolitischen Ziele durchzusetzen, unter Inkaufnahme sozialer Verw\u00fcstung und Verelendung.  <\/p>\n<p>Es ist daher die historische Schuld Br\u00fcnings und seines Kabinetts, dass man nicht alles ausprobiert hat, um die Krise schneller und mit weniger Opfern zu \u00fcberwinden. Es ist ihre historische Schuld, nicht auf die Fachleute wie Wilhelm Lautenbach geh\u00f6rt zu haben, die ihnen M\u00f6glichkeiten zu einer anderen Politik an die Hand gegeben hatten. Und es ist nat\u00fcrlich auch ihre Schuld, den radikalen Kr\u00e4ften der Weimarer Republik in Sachen Konjunkturprogrammen nichts entgegengesetzt zu haben und so den Wahlerfolg der NSDAP und damit den <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/nachtrag-zum-lautenbach-plan-das-versagen-von-spd-und-konservativen-ebnete-hitler-den-weg\/\" title=\"Nachtrag zum Lautenbach-Plan: das Versagen von SPD und Konservativen ebnete Hitler den Weg \u203a \u00d6konomie und Sport\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Aufstieg Hitlers nicht verhindert zu haben<\/a>.  <\/p>\n<p>Daher halte ich es eher wie Christoph Plumpe, einem weiteren Borchardt-Kritiker, der 1985 schrieb:<\/p>\n<blockquote><p><b>\u201eBr\u00fcnings Scheitern war nicht zwangsl\u00e4ufig, ebensowenig wie seine Wirtschafts- und Sozialpolitik alternativlos, die auch ohne Absicht wesentliche Wegbereiter- funktionen f\u00fcr die Errichtung der Diktatur besa\u00df.\u201c<\/b><\/p>\n<p><em>Plumpe, Wirtschaftspolitik in der Weltwirtschaftskrise, S. 356<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Und der Begriff &#8222;alternativlos&#8220; stellt dann auch die wichtige Verbindung zur heutigen Zeit her, in der man ungeachtet der unterschiedlichen Historie deutliche Parallelen in der Krisenpolitik erkennen kann.  Auch heute sind wieder Ausgabenk\u00fcrzungen bei L\u00f6hnen und beim Staat und reparationspolitisches Denken die angeblich &#8222;alternativlosen&#8220; L\u00f6sungsans\u00e4tze der orthodoxen Wirtschaftspolitik.<br \/>\nDoch die intensive Besch\u00e4ftigung mit der Krise der Weimarer Republik und ihren Folgen zeigt eindeutig, dass es auch andere Wege gegeben hat und heute immer noch gibt. <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit ich mich nach der Finanzkrise von 2007 intensiv begonnen habe mit \u00d6konomie und Wirtschafts-politik zu befassen, ging es mir auch immer wieder darum, anhand historischer Beispiele Parallelen zur nachfolgenden Weltwirtschaftskrise zu ziehen und \u00fcber m\u00f6gliche Lehren aus der Geschichte<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[33,42,34,36,14,16,15,18],"class_list":["post-143440","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-oekonomie","tag-deflation","tag-gewerkschaft","tag-inflation","tag-lautenbach","tag-lohn","tag-lohnstueckkosten","tag-produktivitaet","tag-wirtschaft"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/143440","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=143440"}],"version-history":[{"count":85,"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/143440\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":11425822,"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/143440\/revisions\/11425822"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=143440"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=143440"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=143440"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}