{"id":11536501,"date":"2019-09-24T07:00:44","date_gmt":"2019-09-24T05:00:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/?p=11536501"},"modified":"2019-10-22T11:21:45","modified_gmt":"2019-10-22T09:21:45","slug":"europa-europa-dieser-traum-stirbt-nie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/europa-europa-dieser-traum-stirbt-nie\/","title":{"rendered":"Europa, Europa! Dieser Traum stirbt nie!"},"content":{"rendered":"<p><font size=\"2\"><em>Dieses Video zeigt beispielhaft die Probleme der Europ\u00e4ischen Union bei der Verwaltung ihres eigenen Images. Es wurde 2012 produziert und dann zur\u00fcckgerufen, nachdem es allgemein als &#8222;rassistisch&#8220; eingestuft wurde. <\/p>\n<p><center><iframe loading=\"lazy\" width=\"500\" height=\"320\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/9E2B_yI8jrI\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture\" allowfullscreen><\/iframe><\/center><\/p>\n<p>In gewisser Hinsicht war es das auch, aber gleichzeitig bedeutete es auch einen der wenigen Versuche der Union, sich auf eine Weise zu pr\u00e4sentieren, die \u00fcber das langweilige Bild einer Gruppe von B\u00fcrokraten hinausgeht, die im Namen der globalen Finanzm\u00e4chte handeln.<\/em><\/font> <\/p>\n<p><!--more Weiterlesen...--><br \/>\n<font size=\"2\"><em><br \/>\nOhne die F\u00e4higkeit, ein positives Bild von sich selbst zu projizieren, ist die Union m\u00f6glicherweise zum Scheitern verurteilt. Es trifft aber auch zu, dass die separatistischen Parteien bei den j\u00fcngsten Europawahlen nicht so viel gewonnen haben, wie sie gehofft hatten. Gute Tr\u00e4ume sterben nie, sie halten sich \u00fcber die Zeit. Und wer wei\u00df? Eines Tages k\u00f6nnte der Traum von einem wirklich vereinten Europa wahr werden.<\/em><\/font><\/p>\n<p>Vor langer Zeit war der Begriff &#8222;Europa&#8220; eine vage Definition f\u00fcr das n\u00f6rdlich des Mittelmeeres gelegene Land, eine riesige Region aus Nebel und S\u00fcmpfen, in der beharrte Barbaren lebten. Mit der Zeit beherrschte das R\u00f6mische Reich dieses Gebiet, welches wir heute als &#8222;Westeuropa&#8220; bezeichnen, aber niemand tr\u00e4umte damals wirklich davon, sich selbst als &#8222;Europ\u00e4er&#8220; zu bezeichnen. Seit mehr als einem Jahrtausend w\u00fcrden sich die Einwohner dieser Region stolz als &#8222;R\u00f6mer&#8220; charakterisieren, obwohl sie die Stadt Rom vielleicht nie in ihrem Leben gesehen hatten.<\/p>\n<p> Nach dem Niedergang Roms im 5. Jahrhundert sank die europ\u00e4ische Bev\u00f6lkerung best\u00e4ndig und sch\u00e4tzungsweise um 650 n. Chr. <a href=\"https:\/\/www.albany.edu\/jmmh\/vol1no1\/medievalsource.html\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">schrumpfte sie auf rund 18 Millionen Menschen<\/a>. Europa war ein riesiger Wald, der hier und da von Burgen, D\u00f6rfern und gelegentlich von den Ruinen gro\u00dfer St\u00e4dte durchzogen wurde. Dies galt als der Beginn des sogenannten &#8222;dunklen Zeitalters&#8220;, das allerdings <a href=\"https:\/\/cassandralegacy.blogspot.com\/2019\/03\/can-we-learn-from-our-medieval.html\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">\u00fcberhaupt nicht finster war<\/a>.<\/p>\n<p>Zu dieser Zeit entstand Europa. Nicht, dass Europa so etwas wie eine anerkannte Einheit gewesen w\u00e4re &#8211; die Leute h\u00e4tten sich &#8222;Christen&#8220; genannt, aber niemals &#8222;Europ\u00e4er&#8220;. Doch Europa war zu einer erkennbaren kulturellen Einheit geworden. Es erwies sich als das Ergebnis zweier m\u00e4chtiger Kommunikationsmittel, die die Europ\u00e4er vom R\u00f6mischen Reich geerbt hatten: der lateinischen Sprache und den Kodizes, die die alten Schriftrollen ersetzten.<\/p>\n<p> Latein war die Sprache der r\u00f6mischen Legionen. Dann, als die Legionen gegangen waren, wurde es die heilige Sprache des Christentums und gleichzeitig die Sprache des Handels und der Politik. Nur wenige Europ\u00e4er konnten Latein tats\u00e4chlich sprechen, die meisten beschr\u00e4nkten sich auf ihre Landessprache, doch wenn Herrscher und Kaufleute andere Sprachen nutzen wollten, mussten sie Latein sprechen. Und die westeurop\u00e4ischen Intellektuellen konnten sich nicht einmal vorstellen, sich in einer anderen Sprache auszudr\u00fccken.<\/p>\n<p> Das andere Instrument, das die europ\u00e4ische kulturelle Einheit schuf, war der Kodex. Eine bemerkenswerte Erfindung: Er stellte das dar, was wir heute als &#8222;Buch&#8220; bezeichnen, eine Reihe von miteinander verbundenen Bl\u00e4ttern aus Papier, Pergament, Papyrus oder \u00e4hnlichen Materialien. Die Existenz von B\u00fcchern erscheint uns heute offensichtlich, aber zu dieser Zeit bedeutete sie eine gro\u00dfe Revolution. Das Speichern und Zugreifen auf Informationen konnte wesentlich effizienter und schneller erfolgen als mit den alten Rollen.<\/p>\n<p> Mit Latein und den Kodizes wurde das Mittelalter zu einer hoch entwickelten kulturellen Einheit, die die klassische Literatur am Leben erhielt und noch viel mehr dazu beitrug. Eines seiner Merkmale war die R\u00fcckkehr von Frauen als Autoren. Sie hatten <a href=\"https:\/\/cassandralegacy.blogspot.com\/2016\/03\/the-war-of-sexes.html\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">w\u00e4hrend der R\u00f6merzeit geschwiegen<\/a>, aber jetzt erklangen wieder ihre Stimmen: <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hildegard_von_Bingen\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">Hildegard von Bingen<\/a>, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Margareta_Porete\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">Marguerite Porete<\/a>, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Heloisa\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">Heloisa<\/a> und viele andere. Das Mittelalter war nicht wirklich &#8222;finster&#8220; &#8211; es war aber auf jeden Fall buchst\u00e4blich.<\/p>\n<p>Im 9. Jahrhundert versuchte K\u00f6nig Karl der Gro\u00dfe Europa mit seinem Heiligen R\u00f6mischen Reich nicht nur zu einer kulturellen, sondern auch zu einer politischen Einheit zu machen. Er war allerdings nur teilweise erfolgreich, jedoch mit Beginn des 2. Jahrtausends beherbergte Europa so viel Macht, dass es \u00fcber seine Grenzen hinaus expandieren konnte: Es folgte die \u00c4ra der Kreuzz\u00fcge. <\/p>\n<p>Zu dieser Zeit gab es keine mitteleurop\u00e4ische Regierung, doch die Europ\u00e4er handelten gemeinsam so als g\u00e4be es eine. In den Kreuzz\u00fcgen entstanden Einrichtungen, die moderne multinationale Unternehmen pr\u00e4gten: Die Tempelritter stellten z. B. gleichzeitig einen M\u00f6nchsorden, eine Milit\u00e4rtruppe und eine Bank dar.<\/p>\n<p> Die Kreuzz\u00fcge waren nur partiell siegreich. Die europ\u00e4ische Wirtschaft erreichte ihren H\u00f6hepunkt zu Beginn des 14. Jahrhunderts und brach dann mit der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Schwarzer_Tod\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">Gro\u00dfen Pest<\/a> Mitte des Jahrhunderts zusammen, als Europa bis zu 30 % seiner Bev\u00f6lkerung verlor. Dann folgte die Zeit des <a href=\"https:\/\/cassandralegacy.blogspot.com\/2018\/10\/how-could-europe-conquer-world-seneca.html\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">gro\u00dfen Rebounds<\/a> und dieses Mal starteten die Europ\u00e4er das gro\u00dfe \u00dcbersee-Abenteuer, welches sie in einigen Jahrhunderten dazu f\u00fchren w\u00fcrde, den gr\u00f6\u00dften Teil der Welt zu beherrschen.<\/p>\n<p> Doch in der Zwischenzeit war etwas schiefgegangen. Der im Mittelalter begonnene Prozess der europ\u00e4ischen Integration kam mit der &#8222;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Renaissance\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">Renaissance<\/a>&#8220; zum Erliegen. W\u00e4hrend des 17. Jahrhunderts k\u00e4mpften die Europ\u00e4er im <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Drei%C3%9Figj%C3%A4hriger_Krieg\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">30-j\u00e4hrigen Krieg<\/a> gegeneinander, der vielleicht den zerst\u00f6rerischsten Konflikt darstellte, der jemals in der Geschichte der Menschheit bis zu diesem Moment stattgefunden hatte. Die Europ\u00e4er f\u00fchrten sogar einen Krieg gegen Frauen: Die Renaissance war die Zeit der gro\u00dfen Hexenjagden, bei denen unz\u00e4hlige unschuldige Frauen auf dem Scheiterhaufen lebendig verbrannt wurden.<\/p>\n<p> In den folgenden Jahrhunderten hat Europa nie einen Moment der Stille erlebt und sich in eine Konstellation von Nationalstaaten aufgel\u00f6st. Eingeschlossen in starre und undurchl\u00e4ssige Grenzen waren diese Kreaturen stolz, empfindlich und aggressiv. Mit dem 20. Jahrhundert begannen sie sich wie betrunkene Schie\u00dfw\u00fctige zu benehmen, die in eine Kneipenschl\u00e4gerei verwickelt waren. Das Ergebnis war die Katastrophe der beiden Weltkriege.<\/p>\n<p>Erst in der zweiten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts schienen die Europ\u00e4er einen Teil ihrer geistigen Gesundheit wiederzugewinnen und fragten sich, was sie getan hatten. Gab es eine M\u00f6glichkeit, neue m\u00f6rderische Kriege zu vermeiden? Das war der Ursprung der Idee der Europ\u00e4ischen Gemeinschaft, die sp\u00e4ter in Europ\u00e4ische Union umbenannt wurde. Eine Bewegung von Menschen, die aufrichtig davon \u00fcberzeugt waren, dass Europa eine gute Sache darstellte, die neue Kriege verhindern w\u00fcrde. Es war das erste Mal in der Geschichte, dass sich die in Europa lebenden Menschen als &#8222;europ\u00e4ische B\u00fcrger&#8220; f\u00fchlten.<\/p>\n<p> In mancher Hinsicht bedeutete die Europ\u00e4ische Union einen Erfolg, doch heute zeigen sich die Probleme, die bei ihrer Schaffung nicht gel\u00f6st wurden. Staaten k\u00f6nnen nur auf zwei Arten zusammengehalten werden: durch milit\u00e4rische Gewalt oder durch kulturelle Bindungen. Europa hatte in seiner Geschichte beides kennengelernt: W\u00e4hrend des R\u00f6mischen Reiches sorgten die m\u00e4chtigen r\u00f6mischen Legionen f\u00fcr die politische Einheit. <\/p>\n<p>Sp\u00e4ter verbanden die gemeinsamen Wurzeln der christlichen Kultur und Religion sie miteinander. Das Vereinigte Europa der zweiten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts stellte in gewissen Grenzen das Ergebnis der Macht der amerikanischen Legionen dar. Doch  Legionen sind recht teure G\u00fcter, und wenn die amerikanischen abziehen (und das werden sie), was wird die europ\u00e4ischen Staaten dann noch zusammenhalten?<\/p>\n<p> Hier sehen wir, dass die Europ\u00e4ische Union auf schwachen Fundamenten gebaut wurde. Die europ\u00e4ischen Nationalstaaten hatten sich stets geweigert, auch nur einen Zentimeter ihres g\u00f6ttlichen Rechts abzutreten: die Verwendung ihrer Landessprache und nur dieser Sprache bei allen Gelegenheiten. Das Ergebnis ist, dass Babel in der Stadt Br\u00fcssel wiedergeboren wurde, wo jede Aussage, jedes Dokument, jede Rede in mehreren Versionen in verschiedenen Sprachen ver\u00f6ffentlicht werden muss.<\/p>\n<p> Nationalsprachen sind viel wichtiger als farbige Flaggen, sie sind die Essenz des Konzepts der Nationalstaaten. Das Versagen der Gr\u00fcnder der Europ\u00e4ischen Union bestand darin, keine europ\u00e4ische Sprache voranzutreiben, die Europa vereint h\u00e4tte. Vielleicht w\u00e4re es m\u00f6glich gewesen, das Lateinische wiederzubeleben oder ganz einfach das Englische, die de facto internationale Sprache unserer Zeit zu \u00fcbernehmen. Stattdessen dachten die Gr\u00fcnder offenbar, es sei einfacher das Gehalt einer Legion von Dolmetschern zu bezahlen, die sich in Br\u00fcssel wie Geier auf der Suche nach neuer Beute versammelten.<\/p>\n<p>Das Ergebnis war eher ein Europa der Banken als ein Europa der Europ\u00e4er. Es wurde nie geliebt, aber akzeptiert solange es in der Lage zu sein schien, die Wirtschaft am Laufen zu halten. Mit dem \u00f6konomischen Abschwung \u00e4nderten sich jedoch die Gef\u00fchle. Die meisten Menschen neigen dazu, auf der Grundlage der einfachsten und schematischsten Schlussfolgerungen zu argumentieren. <\/p>\n<p>Wenn die Wirtschaft vor der Europ\u00e4ischen Union besser lief, dann folgt daraus, dass wir nur die h\u00e4sslichen B\u00fcrokraten (und die Dolmetscher) in Br\u00fcssel loswerden m\u00fcssen, damit die guten alten Zeiten zur\u00fcckkehren und alles gut wird in der besten aller Welten. Ein Ergebnis dieser Einstellung war die Brexit-Katastrophe, und es ist ein kleines Wunder und auch ein gutes Beispiel f\u00fcr die Macht des europ\u00e4ischen Traums, dass die Separatisten bei den j\u00fcngsten Wahlen nur in einigen Randregionen der Union gewonnen haben. Insgesamt sehen sich die meisten Europ\u00e4er doch immer noch als Europ\u00e4er.<\/p>\n<p> Aber wie lange kann die Europ\u00e4ische Union in ihrer jetzigen Form \u00fcberleben? Wird sie zusammenbrechen und dann zur\u00fcckkommen? Oder wird sie nur eine kleine Halbinsel der gro\u00dfen eurasischen Wohlstandszone? Vielleicht eine entlegene Haltestelle f\u00fcr die neue Seidenstra\u00dfe? Und k\u00f6nnen die Europ\u00e4er angesichts der durch Jahrtausende der Ausbeutung stark ersch\u00f6pften Bodensch\u00e4tze \u00fcberhaupt in einer Zukunft \u00fcberleben, in der sie vom Klimawandel und dem Zusammenbruch des \u00d6kosystems bedroht sind?<\/p>\n<p> Wir k\u00f6nnen es noch nicht sagen. Die einzige Gewissheit ist, dass gute Tr\u00e4ume nie wirklich sterben &#8211; sie halten sich \u00fcber die Zeit. Und der Traum von einem vereinten Europa ist nicht tot. Es wird eines Tages zur\u00fcckkommen.<\/p>\n<p><em>(Eigene \u00dcbersetzung eines <a href=\"https:\/\/cassandralegacy.blogspot.com\/2019\/05\/europe-europe-dream-doesnt-die.html\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">Blogbeitrages<\/a> des italienischen Chemie-Professors <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ugo_Bardi\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">Ugo Bardi<\/a>)<\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieses Video zeigt beispielhaft die Probleme der Europ\u00e4ischen Union bei der Verwaltung ihres eigenen Images. Es wurde 2012 produziert und dann zur\u00fcckgerufen, nachdem es allgemein als &#8222;rassistisch&#8220; eingestuft wurde. 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