{"id":1101765,"date":"2015-05-30T23:57:56","date_gmt":"2015-05-30T21:57:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/?p=1101765"},"modified":"2015-05-30T23:57:56","modified_gmt":"2015-05-30T21:57:56","slug":"pareto-und-der-libertaere-weg-zur-diktatur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/pareto-und-der-libertaere-weg-zur-diktatur\/","title":{"rendered":"Pareto und der libert\u00e4re Weg zur Diktatur"},"content":{"rendered":"<p>Eine Situation, in der es keine M\u00f6glichkeit gibt einige Leute besser zu stellen ohne dass jemand gleichzeitig schlechter gestellt wird, wird oft als <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/w\/index.php?title=Pareto-Optimum&amp;redirect=no\" target=\"_blank\"><b>&#8222;Pareto optimal&#8220;<\/b><\/a> nach dem italienischen Wirtschaftswissenschaftler und politischen Theoretiker <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Vilfredo_Pareto\" target=\"_blank\">Vilfredo Pareto<\/a> benannt, der das zugrunde liegende Konzept entwickelt hat.<\/p>\n<p><center><a title=\"Darstellung des Pareto-Optimums als Transformationskurve zweier G\u00fcter von Misterrabe (Own work) [Public domain], via Wikimedia Commons\" href=\"http:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File%3ATransformationskurve_-_Effizienzbereiche_und_Realisierungsm%C3%B6glichkeiten_im_Modell.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/3\/3d\/Transformationskurve_-_Effizienzbereiche_und_Realisierungsm%C3%B6glichkeiten_im_Modell.jpg\" alt=\"Transformationskurve - Effizienzbereiche und Realisierungsm\u00f6glichkeiten im Modell\" width=\"412\" \/><\/a><br \/>\n<em>Pareto-Optimum als Transformationskurve zweier G\u00fcter<\/em><\/center><\/p>\n<p>&#8222;Pareto optimal&#8220; ist wohl die irref\u00fchrendste Bezeichnung der Wirtschaftswissenschaften (und es gibt daf\u00fcr viel Anw\u00e4rter). Bevor dies hier n\u00e4her erl\u00e4utert wird, ist es allerdings notwendig, sich mit der weiteren Gedankenwelt Paretos auseinanderzusetzen, welche ihn am Ende sogar dazu f\u00fchrte, den Faschismus zu umarmen.<\/p>\n<p><!--more Weiterlesen...--><\/p>\n<p>Pareto versuchte die die Wirtschaft des 19. Jahrhunderts dominierende Version des Liberalismus zu untergraben, nach der der optimale (w\u00fcnschenswerteste) wirtschaftliche Erfolg derjenige war, welcher am meisten dazu beitrug, das menschliche Gl\u00fcck zu steigern, oft (wenn auch etwas locker) zusammengefasst als &#8222;das h\u00f6chste Gut f\u00fcr die gr\u00f6\u00dfte Anzahl&#8220;. Diese insbesondere durch den gro\u00dfen Philosophen und \u00d6konomen <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/John_Stuart_Mill\" target=\"_blank\">John Stuart Mill<\/a> entwickelte Theorie ist eine von Natur aus egalit\u00e4re Doktrin.<\/p>\n<p>Die <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Egalit%C3%A4re_Gesellschaft\" target=\"_blank\">egalit\u00e4ren<\/a> Implikationen dieses klassischen Rahmens spiegeln die Tatsache wider, dass die Bed\u00fcrfnisse der Armen dringlicher sind als die der Bessergestellten. Daher wird auch das Gl\u00fcck der Gemeinschaft als Ganzes vor allem durch Richtlinien erh\u00f6ht, die vor allem den \u00e4rmsten Mitgliedern der Gemeinschaft zugute kommen, auch wenn diese Leistungen zu Lasten der Bessergestellten gehen.<\/p>\n<p>Daraus folgt, dass ein hohes Ma\u00df an Einkommensumverteilung sozial w\u00fcnschenswert ist und das gro\u00dfe Ansammlungen von individuellem Reichtum, die nur geringf\u00fcgig zum Gl\u00fcck einer kleinen Anzahl von Menschen beitragen, an sich unerw\u00fcnscht sind, auch wenn sie in einigen F\u00e4llen ein Nebenprodukt erw\u00fcnschter Politik sein m\u00f6gen.<\/p>\n<p>Paretos gr\u00f6\u00dfte Leistung, welche durch eine gro\u00dfe Anzahl \u00d6konomen des 20. Jahrhunderts weiterentwickelt wurde, war es zu zeigen, dass man  Wirtschaftsanalysen auch ohne die Berufung auf den <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Utilitarismus\" target=\"_blank\">Begriff des Nutzens<\/a> vornehmen k\u00f6nne. Daher w\u00e4re es auch m\u00f6glich, zwischenmenschliche Vergleiche des Gl\u00fccks, die unweigerlich zu dem Schluss f\u00fchren w\u00fcrden, dass ein gerechte Umverteilung von Vorteil w\u00e4re, generell als &#8222;unwissenschaftlich&#8220; abzuwehren.<\/p>\n<p>Doch Pareto begn\u00fcgte sich nicht nur mit einem Angriff auf die wirtschaftlichen Auswirkungen von Mills Ansatz. Mills philosophischer Rahmen implizierte auch seine Unterst\u00fctzung f\u00fcr die politische Demokratie, einschlie\u00dflich der Befreiung der Frauen. Da in der klassischen Analyse das Wohlergehen jedes Einzelnen gleicherma\u00dfen z\u00e4hlte, sollte auch der politische Prozess so weit wie m\u00f6glich jedem das gleiche Gewicht zuerkennen.<\/p>\n<p>Pareto kehrte diese Argumentation um mit der Begr\u00fcndung, dass eine hoch ungleiche Einkommensverteilung unvermeidlich und w\u00fcnschenswert w\u00e4re; er regte stattdessen ein <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Potenzgesetz_(Statistik)\" target=\"_blank\">Potenzgesetz<\/a> \u00fcber die statistische Verteilung an, welches auch seinen Namen tr\u00e4gt. Das <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Paretoprinzip\" target=\"_blank\">Paretoprinzip<\/a> kann als die 80-zu-20-Regel zusammengefasst werden, nach der 20 Prozent der Bev\u00f6lkerung 80 Prozent des Reichtums besitzen.<\/p>\n<p>Der vermeintliche Konstanz der Einkommensverteilung impliziert, dass jeder Versuch einer Umverteilung im wesentlichen vergeblich sein muss. Auch wenn es das Ziel w\u00e4re, die Armen auf Kosten der Reichen profitieren zu lassen, w\u00fcrde der Effekt einfach nur der sein, einige Leute auf Kosten der momentan noch Reichen Neureich zu machen.<\/p>\n<p>Pareto nannte diesen Prozess &#8222;die Zirkulation der Eliten&#8220;. (In seinem <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Dystopie\" target=\"_blank\">dystopischen<\/a> Klassiker <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/1984_(Roman)\" target=\"_blank\">1984<\/a> lie\u00df Orwell seinen trotzkiartigen Charakter Emmanuel Goldstein das gleiche Gedankengut als Ausgangspunkt der Theorie des oligarchischen Kollektivismus pr\u00e4sentieren. Orwell leitete diese Idee fast sicher von <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/James_Burnham\" target=\"_blank\">James Burnham<\/a> ab, einem Bewunderer von Pareto, dessen Arbeiten Orwell als die Verk\u00f6rperung der &#8222;Verehrung der Macht&#8220; ansah).<\/p>\n<p>All dies f\u00fchrte dazu, dass Pareto einer der ersten Bef\u00fcrworter einer politischen Position aus der Kombination einer extrem freien Marktposition in wirtschaftlichen Fragen mit einer Feindseligkeit gegen\u00fcber dem politischen Liberalismus und der Demokratie wurde. Pareto begr\u00fc\u00dfte den Aufstieg von <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Benito_Mussolini\" target=\"_blank\">Mussolinis<\/a> faschistischem Regime, und er akzeptierte auch eine &#8222;k\u00f6nigliche&#8220; Nominierung Mussolinis f\u00fcr den italienischen Senat. Er starb jedoch 1923, weniger als ein Jahr nachdem Mussolini die Regierung \u00fcbernommen hatte.<\/p>\n<p>Pareto war jedoch nicht wirklich ein Faschist. Vielmehr entwickelte er eine Version des Liberalismus \u00e4hnlich der seiner ber\u00fchmteren Nachfolger <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Friedrich_August_von_Hayek\" target=\"_blank\">Hayek<\/a> und <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ludwig_von_Mises\" target=\"_blank\">Mises<\/a>, die beide f\u00fcr m\u00f6rderische Regimes arbeiteten, welche durch die Unterdr\u00fcckung von demokratischen sozialistischen Parteien an die Macht gekommen waren. Wie Pareto, k\u00f6nnen weder Hayek noch Mises tats\u00e4chlich als Faschisten bezeichnet werden &#8211; sie interessierte der Nationalismus oder die Aus\u00fcbung der Macht um ihrer selbst willen nicht.<\/p>\n<p>Vielmehr war ihre Marke des Liberalismus demokratiefeindlich und gleichg\u00fcltig gegen\u00fcber der politischen Freiheit, so dass sie nat\u00fcrliche Verb\u00fcndete jedes autorit\u00e4ren Regimes wurden, welches sich an die marktgl\u00e4ubige Orthodoxie der Wirtschaftswissenschaften hielt. (Unterst\u00fctzer von Hayek und Mises beschreiben sich h\u00e4ufig selbst als <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Libertarismus\" target=\"_blank\">&#8222;libertarians&#8220;<\/a>, aber ihre Allianz mit brutalen Diktatoren macht aus dem Begriff ein Zerrbild &#8211; weshalb sie sp\u00f6ttisch als &#8222;shmibertarian&#8220; bezeichnet werden).<\/p>\n<p>Nun zur\u00fcck zur &#8222;Pareto-Optimalit\u00e4t&#8220;, und warum das so ein irref\u00fchrender Begriff ist. Eine Situation als &#8222;optimal&#8220; zu beschreiben impliziert, dass es sich dabei um das eindeutig beste Ergebnis handelt. Wie wir sehen werden ist dies nicht der Fall. Pareto und seine Anh\u00e4nger wie <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Henry_Hazlitt\" target=\"_blank\">Hazlitt<\/a> versuchen stattdessen, die einzigartige gesellschaftliche Erw\u00fcnschtheit der freien Marktwirtschaft schon allein per Definition und nicht durch tats\u00e4chliche Demonstration festzusetzen.<\/p>\n<p>Wenn das wahr w\u00e4re, dann w\u00e4re auch nur das Marktergebnis verbunden mit der bestehenden Verteilung der Eigentumsrechte Pareto optimal. Hazlitt, wie viele sp\u00e4tere Bef\u00fcrworter des freien Marktes, ging implizit davon aus, dass dies so der Fall sei. In Wirklichkeit aber gibt es unendlich viele m\u00f6gliche Zuordnungen von Eigentumsrechten, und unendlich viele Zuweisungen von Waren und Dienstleistungen, die die Definition von &#8222;Pareto-Optimalit\u00e4t&#8220; zu erf\u00fcllen. Eine sehr egalit\u00e4re Zuordnung kann Pareto optimal sein. Ebenso wie jede Allokation, in der eine einzige Person den gesamten Reichtum besitzt und alle anderen auf das Existenzminimum reduziert sind.<\/p>\n<p>Angesichts der Unangemessenheit, grundlegend unfaire Zuweisungen als &#8222;optimal&#8220; zu bezeichnen, haben einige \u00d6konomen stattdessen die Beschreibung <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Pareto-Effizienz?title=Pareto-Effizienz&#038;redirect=no\" target=\"_blank\">&#8222;Pareto-effizient&#8220;<\/a> verwendet, aber das ist nicht viel besser. Es entspricht weder dem \u00fcblichen Sinn von &#8222;effizient&#8220; noch der Bedeutung, mit der dieser Begriff h\u00e4ufig in der \u00d6konomie verwendet wird, welche aber in einer anderen Art und Weise genauso irref\u00fchrend ist.<\/p>\n<p>Das Konzept der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Opportunit%C3%A4tskosten\" target=\"_blank\">Opportunit\u00e4tskosten<\/a> er\u00f6ffnet uns dagegen einen besseren Weg, um \u00fcber die M\u00f6glichkeiten nachzudenken, wie man einige Leute besser stellen kann, ohne andere gleichzeitig zu benachteiligen. Wenn solche M\u00f6glichkeiten existieren, dann ergeben sich auch potenzielle Vorteile, die keine Opportunit\u00e4tskosten haben. Umgekehrt bedeutet das dann, wenn positive Opportunit\u00e4tskosten f\u00fcr jeden Nutzen existieren, dass wir niemanden besser stellen k\u00f6nnen, ohne damit andere schlechter zu stellen. So k\u00f6nnte dann eine Situation einfach als &#8222;Pareto optimal&#8220; beschrieben werden, in der alle Opportunit\u00e4ts- kosten positiv sind.<\/p>\n<p><em>(eigene \u00dcbersetzung eines <a href=\"http:\/\/johnquiggin.com\/2015\/05\/19\/the-most-misleading-definition-in-economics-draft-excerpt-from-economics-in-two-lessons\/\" target=\"_blank\">Blogbeitrages<\/a> des australischen \u00d6konomen <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/John_Quiggin\" target=\"_blank\">John Quiggin<\/a>)<\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Situation, in der es keine M\u00f6glichkeit gibt einige Leute besser zu stellen ohne dass jemand gleichzeitig schlechter gestellt wird, wird oft als &#8222;Pareto optimal&#8220; nach dem italienischen Wirtschaftswissenschaftler und politischen Theoretiker Vilfredo Pareto benannt, der das zugrunde liegende Konzept<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[18],"class_list":["post-1101765","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-oekonomie","tag-wirtschaft"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1101765","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1101765"}],"version-history":[{"count":24,"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1101765\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1117178,"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1101765\/revisions\/1117178"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1101765"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1101765"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1101765"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}