{"id":10247045,"date":"2019-02-15T07:00:31","date_gmt":"2019-02-15T06:00:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/?p=10247045"},"modified":"2026-04-01T12:18:44","modified_gmt":"2026-04-01T10:18:44","slug":"daniel-kahneman-die-leute-wollen-nicht-gluecklich-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/daniel-kahneman-die-leute-wollen-nicht-gluecklich-sein\/","title":{"rendered":"Daniel Kahneman: &#8222;Die Leute wollen nicht gl\u00fccklich sein&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Der gro\u00dfe utilitaristische Philosoph <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Jeremy_Bentham\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Jeremy Bentham<\/a> argumentierte bekannterma\u00dfen: &#8222;<a href=\"https:\/\/www.cobocards.com\/pool\/de\/card\/42655314\/online-karteikarten-bentham-das-groeszte-glueck-der-groeszten-zahl-und-der-maszstab-des-utilitaristischen-nutzens-\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Das gr\u00f6\u00dfte Gl\u00fcck der gr\u00f6\u00dften Zahl ist der Ma\u00dfstab f\u00fcr Recht und Unrecht.<\/a>&#8220; Dieses Prinzip war auf seine Art revolution\u00e4r. Es behandelte die Menschen als gleichwertig. <\/p>\n<p><center><a title=\"nrkbeta, CC BY-SA 2.0 &lt;https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/2.0&gt;, via Wikimedia Commons\" href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Daniel_Kahneman_(3283955327)_(cropped).jpg\"><img decoding=\"async\" width=\"256\" alt=\"Daniel Kahneman (3283955327) (cropped)\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/4\/4d\/Daniel_Kahneman_%283283955327%29_%28cropped%29.jpg\"><\/a><br \/>\n<em>Der israelisch-US-amerikanische Psychologe <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Daniel_Kahneman\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Daniel Kahneman<\/a> 2004<\/em><\/center><\/p>\n<p>Es betonte nicht das gl\u00fcckliche Geschick eines Geschlechts \u00fcber ein anderes oder einer Rasse oder Religion \u00fcber eine andere oder das Gl\u00fcck der Adligen gegen\u00fcber den B\u00fcrgern. Es ber\u00fccksichtigte das Gl\u00fcck der Armen, Gefangenen und Sklaven. Es stellte sich jedoch auch eine Reihe tieferer Fragen, wie etwa jene, was die Menschen wirklich gl\u00fccklich macht.<\/p>\n<p><!--more Weiterlesen...--><\/p>\n<p>Daniel Kahneman (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Alfred-Nobel-Ged%C3%A4chtnispreis_f%C3%BCr_Wirtschaftswissenschaften\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Nobelpreis<\/a> 2002) gilt als einer der Vork\u00e4mpfer der Verhaltens-\u00f6konomie, die versucht, \u00f6konomische Analyse mit Erkenntnissen aus der Psychologie zu integrieren. In mehreren Diskussionen und Interviews in letzter Zeit hat er argumentiert, dass &#8222;die Menschen nicht gl\u00fccklich sein wollen&#8220;. Beispiele finden Sie in seinem <a href=\"https:\/\/www.ted.com\/talks\/daniel_kahneman_the_riddle_of_experience_vs_memory?language=en#t-84638\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">TED-Vortrag von 2010<\/a>, der fast f\u00fcnf Millionen Mal angesehen wurde. In j\u00fcngerer Zeit k\u00f6nnen Sie sich auch seinen <a href=\"https:\/\/itunes.apple.com\/us\/podcast\/conversations-with-tyler\/id983795625?mt=2\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Podcast vom 19. Dezember 2018 mit Tyler Cowen bei &#8222;Conversations with Tyler&#8220;<\/a> anh\u00f6ren. <\/p>\n<p>F\u00fcr weitere popul\u00e4re Diskussionen zu diesem Thema schreibt etwa <a href=\"https:\/\/qz.com\/1503207\/a-nobel-prize-winning-psychologist-defines-happiness-versus-satisfaction\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Ephrat Livni im Quartz &#8222;Ein Psychologe, der mit einem Nobelpreis ausgezeichnet wurde &#8211; die meisten Leute wollen nicht wirklich gl\u00fccklich sein&#8220;<\/a> (21. Dezember 2018), <a href=\"https:\/\/hbr.org\/2018\/11\/what-kind-of-happiness-do-people-value-most\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Cassie Mogilner Holmes diskutiert im Harvard Business Review: &#8222;Welche Art von Gl\u00fcck sch\u00e4tzen die Menschen am meisten?&#8220;<\/a> (19. November 2018) und <a href=\"https:\/\/www.haaretz.com\/israel-news\/.premium.MAGAZINE-why-nobel-prize-winner-daniel-kahneman-gave-up-on-happiness-1.6528513\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Amir Mandel schreibt in der Haaretz &#8222;Warum der Nobelpreistr\u00e4ger Daniel Kahneman das Gl\u00fcck aufgab&#8220;<\/a> (7. Oktober 2018).<\/p>\n<p>In diesen und anderen Artikeln wird eine Reihe bekannter Paradoxien beschrieben, die sich ergeben, wenn Sie die Menschen nach dem Grad ihres Gl\u00fccklichseins befragen. Zum Beispiel haben Menschen, die eine gute (Gewinn einer Lotterie) oder eine schlechte Sache erleben (eine behindernde Verletzung) h\u00e4ufig eine kurzfristige Ver\u00e4nderung ihrer Gl\u00fcckslage, neigen aber dazu, danach wieder auf die Gl\u00fccksebene vor dem Ereignis zur\u00fcckzukehren. <\/p>\n<p>Unser Gl\u00fccksgrad bez\u00fcglich eines bestimmten Ereignisses kann ganz anders sein, wenn wir eine bestimmte Begebenheit vorhersehen, das Ereignis erleben oder auf diese Event zur\u00fcckblicken. Unser Gl\u00fcck wird davon beeinflusst, welcher Kontext oder Standard uns zu einem bestimmten Zeitpunkt suggeriert wird. Wie Kahneman in seinem TED-Vortrag ausf\u00fchrt: &#8222;Das Wort Gl\u00fcck ist einfach kein n\u00fctzliches Wort mehr, weil wir es auf zu viele verschiedene Dinge anwenden.&#8220;<\/p>\n<p>In dem oben erw\u00e4hnten HBR-Artikel schreibt Holmes:<\/p>\n<blockquote><p>\nDer Nobelpreistr\u00e4ger Daniel Kahneman beschrieb diese Unterscheidung als \u201ein Ihrem Leben gl\u00fccklich sein\u201c im Gegensatz zu \u201e\u00fcber Ihr Leben gl\u00fccklich zu sein.\u201c Nehmen Sie sich einen Moment Zeit, um sich zu fragen, welches Gl\u00fcck Sie suchen?<\/p>\n<p>Dies mag wie eine unn\u00f6tige Abgrenzung erscheinen. denn an eine als gl\u00fccklich erlebte Zeit wird sich oft auch als gl\u00fccklich erinnert. Ein Abend mit guten Freunden bei gutem Essen und Wein wird gl\u00fccklich erlebt und gl\u00fccklich in Erinnerung bleiben. In \u00e4hnlicher Weise macht es Spa\u00df, an einem interessanten Projekt mit seinen Lieblingskollegen zu arbeiten und darauf zur\u00fcckzublicken.<\/p>\n<p>Doch die beiden gehen nicht immer Hand in Hand. Ein entspannendes Wochenende vor dem Fernseher wird im Moment als gl\u00fccklich erlebt, aber diese Zeit wird nicht in Erinnerung bleiben und kann im Nachhinein sogar Schuldgef\u00fchle hervorrufen. Ein Tag im Zoo mit seinen kleinen Kindern kann viele frustrierende Momente beinhalten, aber ein einzigartiger Moment der Freude wird diesen Tag zu einer gl\u00fccklichen Erinnerung machen. Eine Woche langer Abende, die man im B\u00fcro festh\u00e4ngt macht zwar keinen Spa\u00df, aber im Nachhinein wird man sich zufrieden f\u00fchlen, wenn sie zu einer gro\u00dfartigen Leistung f\u00fchrt.<\/p><\/blockquote>\n<p>In dem Interview mit Cowen argumentiert Kahneman, dass es f\u00fcr die Menschen oft nicht zur obersten Priorit\u00e4t geh\u00f6rt, sich Zeit f\u00fcr die Dinge zu nehmen von denen sie behaupten, dass sie sie &#8222;gl\u00fccklich&#8220; machen, wie etwa Zeit mit Familie und Freunden zu verbringen. Stattdessen ist Kahneman der Ansicht: &#8222;Sie m\u00f6chten tats\u00e4chlich ihre Zufriedenheit mit sich selbst und ihrem Leben maximieren. Und das f\u00fchrt in v\u00f6llig andere Richtungen als die Maximierung des Gl\u00fccks.&#8220;<\/p>\n<p>Livni schreibt in dem oben genannten Artikel im Quartz:<\/p>\n<blockquote><p>\n&#8222;Der Schl\u00fcssel hier ist die Erinnerung. Zufriedenheit liegt im R\u00fcckblick. Gl\u00fcck dagegen geschieht in Echtzeit. In Kahnemans Arbeit fand er heraus, dass sich die Menschen eine Geschichte \u00fcber ihr erz\u00e4hlen, die sich zu einer erfreulichen Erz\u00e4hlung summieren kann oder auch nicht. Unsere t\u00e4glichen Erfahrungen bringen jedoch positive Gef\u00fchle hervor, die diese l\u00e4ngere Geschichte nicht notwendigerweise vorantreiben m\u00fcssen. <\/p>\n<p>Die Erinnerung h\u00e4lt an, die Gef\u00fchle gehen vor\u00fcber&#8230;Trotzdem lohnt es sich zu fragen, ob wir gl\u00fccklich sein und positive Gef\u00fchle erleben wollen oder einfach nur Erz\u00e4hlungen konstruieren m\u00f6chten, die es wert sind sich selbst und anderen erz\u00e4hlt zu werden, aber nicht unbedingt Vergn\u00fcgen bereiten.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Oder wie Mandel im Interview mit Kahneman im Haaretz ausf\u00fchrt:<\/p>\n<blockquote><p>\n&#8222;Ich wurde allm\u00e4hlich davon \u00fcberzeugt, dass die Menschen nicht gl\u00fccklich sein wollen&#8220;, erkl\u00e4rte er [Kahneman], &#8222;sie wollen mit ihrem Leben zufrieden sein.&#8220; Ein wenig verbl\u00fcfft bat ich ihn, diese Aussage zu wiederholen. &#8222;Die Leute m\u00f6chten nicht gl\u00fccklich sein in dem Sinne, wie ich den Begriff definiert habe &#8211; n\u00e4mlich im Hier und Jetzt. Meiner Ansicht nach ist es viel wichtiger f\u00fcr sie zufrieden zu sein und Lebenszufriedenheit aus der Perspektive des &#8222;Woran ich mich erinnere&#8220; zu ziehen, n\u00e4mlich aus der Geschichte, die sie \u00fcber ihr Leben erz\u00e4hlen.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Diese Unterscheidung beinhaltet viele meiner eigenen Gef\u00fchle dar\u00fcber, wie ich meine Zeit verbringe und mich in meinem Leben verhalte. Viele Dinge, die ich tue, machen mich im Moment nicht unbedingt &#8222;gl\u00fccklich&#8220;, wie z. B. morgens aus dem Bett zu steigen, um das Fr\u00fchst\u00fcck f\u00fcr die Familie zuzubereiten, doch es gibt mir Befriedigung und passt zu der Erz\u00e4hlung, die ich gerne \u00fcber mein Leben h\u00f6ren will. Aktuell stimmt mich das Schreiben der Eintr\u00e4ge f\u00fcr diesen Blog nicht unbedingt &#8222;gl\u00fccklich&#8220;, aber ich bin durchaus zufrieden damit.<\/p>\n<p>Umgekehrt habe ich das Gef\u00fchl, dass es bei vielen &#8222;Ungl\u00fccksf\u00e4llen&#8220; in der modernen Welt h\u00e4ufig um eine St\u00f6rung dieser Erz\u00e4hlung geht. Die meisten Leute haben nichts dagegen, hart zu arbeiten, und sie sind mit der Realit\u00e4t einverstanden, dass sie niemals reich oder ber\u00fchmt sein werden. Sie erwarten auch nicht, dass jeder Tag voller Lachen und Kichern sein soll; sie wissen stattdessen durchaus, dass es auch Zeiten der Not, der Traurigkeit und der Einsamkeit geben wird. <\/p>\n<p>Trotzdem m\u00f6chten die Menschen wissen, dass es einen Weg zur Lebenszufriedenheit gibt oder sie zumindest in Rufweite eines solchen Weges sind. Wenn die Menschen nicht sehen k\u00f6nnen, wie ihr Leben und ihre Arbeit und ihre Erfahrungen in eine umfassendere und befriedigendere Lebenserz\u00e4hlung passen, leiden sie darunter sehr schmerzlich.<\/p>\n<p><em>(eigene \u00dcbersetzung eines <a href=\"http:\/\/conversableeconomist.blogspot.com\/2019\/01\/daniel-kahneman-people-dont-want-to-be.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Blogbeitrages<\/a> des amerikanischen \u00d6konomen <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Timothy_Taylor_(economist)\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Timothy Taylor<\/a>)<\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der gro\u00dfe utilitaristische Philosoph Jeremy Bentham argumentierte bekannterma\u00dfen: &#8222;Das gr\u00f6\u00dfte Gl\u00fcck der gr\u00f6\u00dften Zahl ist der Ma\u00dfstab f\u00fcr Recht und Unrecht.&#8220; Dieses Prinzip war auf seine Art revolution\u00e4r. Es behandelte die Menschen als gleichwertig. Der israelisch-US-amerikanische Psychologe Daniel Kahneman 2004<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[18],"class_list":["post-10247045","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-oekonomie","tag-wirtschaft"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10247045","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10247045"}],"version-history":[{"count":14,"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10247045\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":21744574,"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10247045\/revisions\/21744574"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10247045"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10247045"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10247045"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}