{"id":10040,"date":"2013-11-04T07:43:47","date_gmt":"2013-11-04T06:43:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/?p=10040"},"modified":"2020-03-17T07:59:13","modified_gmt":"2020-03-17T06:59:13","slug":"weitere-argumente-fuer-den-gesetzlichen-mindestlohn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/weitere-argumente-fuer-den-gesetzlichen-mindestlohn\/","title":{"rendered":"Weitere Argumente f\u00fcr den gesetzlichen Mindestlohn"},"content":{"rendered":"<p>Neben der <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/die-makrooekonomische-bedeutung-des-gesetzlichen-mindestlohns\/\" title=\"Die makro\u00f6konomische Bedeutung des gesetzlichen Mindestlohns\">makro\u00f6konomischen Bedeutung des gesetzlichen Mindestlohns<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/mindestlohne-und-die-produktivitat\/\" title=\"Mindestl\u00f6hne und die individuelle Produktivit\u00e4t\">der weitestgehend unzutreffenden These der individuellen Produktivit\u00e4t<\/a> gibt es noch weitere gute Gr\u00fcnde f\u00fcr die Einf\u00fchrung eines gesetzlichen Mindestlohnes.<\/p>\n<p>Selbst wenn die Produktivit\u00e4t einzelner Arbeitnehmer in einer arbeitsteiligen Wirtschaft in einigen F\u00e4llen individuell festgestellt werden kann (z. B. bei v\u00f6llig gleichartigen und immer wiederkehrenden Flie\u00dfband-T\u00e4tigkeiten), so ist diese Produktivit\u00e4t einer einzelnen T\u00e4tigkeit deswegen nicht einfach auch in Geldeinheiten bezifferbar, wie es oft von Mindestlohngegnern behauptet wird.<\/p>\n<p><!--more Weiterlesen...--><\/p>\n<p><b>Produktivit\u00e4t Einzelner in &#8222;Geldeinheiten&#8220; messbar?<\/b><br \/>\nF\u00fcr ein bestimmtes Produkt l\u00e4sst sich normalerweise die Produktivit\u00e4t der Herstellung anhand der Anzahl der in einer bestimmten Zeitspanne gefertigten Einheiten festlegen. Durch Investitionen in technische Neuerungen und entsprechender Schulung der Arbeiter in der Bedienung dieser neuen Maschinen kann diese Produktivit\u00e4t gesteigert werden.<\/p>\n<p>Der Wert dieser Produktivit\u00e4tssteigerung in Geldeinheiten ist allerdings nur unter Ber\u00fccksichtigung der Nachfrage nach diesem Produkt messbar. Ist diese r\u00fcckl\u00e4ufig, so kann trotz gestiegener Produktivit\u00e4t und h\u00f6herer Qualifikation der Arbeitnehmer der Preis f\u00fcr dieses Produkt sinken.<\/p>\n<p>Diese Tatsache w\u00fcrde aber niemanden dazu verleiten, die Produktivit\u00e4t der Arbeiter nach der Investition geringer als vorher anzusehen. Das bedeutet aber, dass eine in Geldeinheiten statt in der Anzahl an gefertigten G\u00fctern ausgedr\u00fcckte Produktivit\u00e4t der Arbeiter nur von der Marktlage, also von Angebot und Nachfrage f\u00fcr das hergestellte Produkt, abh\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Wenn man nun aber der Ansicht ist, Arbeitspl\u00e4tze von schlecht bezahlten Geringqualifizierten w\u00fcrden mit gro\u00dfer Wahrscheinlichkeit wegfallen, wenn ein oberhalb dieses geringen Lohnes liegender Mindestlohn eingef\u00fchrt w\u00fcrde, der im Vergleich zur Produktivit\u00e4t dieser Arbeitnehmer zu hoch sei, dann vergisst man dabei schlichtweg die Bedeutung des Marktes f\u00fcr diesen ansonsten nur rein technischen Zusammenhang.<\/p>\n<p>Die Situation von Angebot und Nachfrage am Markt aber ist nicht allein von der Art der Arbeitspl\u00e4tze und der Qualifizierung der Arbeitnehmer abh\u00e4ngig. Vielmehr ist es die konjunkturelle Entwicklung, die \u00fcber die H\u00f6he der Lohnangebote bzw. deren Nachfrage entscheidet, v\u00f6llig unabh\u00e4ngig von der Produktivit\u00e4t der Arbeitskr\u00e4fte oder der Steigerung dieser Produktivit\u00e4t. <\/p>\n<p>In Boomphasen mit weitestgehender R\u00e4umung des Arbeitsmarktes auch der geringer Qualifizierten zum Beispiel w\u00fcrden sich die Arbeitgeber selbst diese Arbeitskr\u00e4fte mit h\u00f6heren Lohnangeboten gegenseitig abzuwerben versuchen. Im Abschwung w\u00e4re eine entgegengesetzte Entwicklung zu beobachten.<\/p>\n<p><b>Die Knappheit der Arbeitskr\u00e4fte bestimmt die Lohnh\u00f6he<\/b><br \/>\nEs ist also die Verf\u00fcgbarkeit an Arbeitnehmern, einfacher gesagt: die Knappheit von Arbeitskr\u00e4ften entscheidend f\u00fcr ihre Entlohnung und nicht ihre individuelle Produktivit\u00e4t.<\/p>\n<p>Dabei bleibt festzuhalten, dass Knappheit eine relative Gr\u00f6\u00dfe darstellt, Produktivit\u00e4t dagegen eine absolute Gr\u00f6\u00dfe. Nat\u00fcrlich ist auch die Produktivit\u00e4t f\u00fcr die Knappheit von Bedeutung. <\/p>\n<p>Doch wirklich entscheidend ist, dass die Produktivit\u00e4t von der Qualifizierung des Arbeitnehmers, seiner Bereitschaft zur Leistungserbringung und der Ausstattung seines Arbeitsplatzes bestimmt wird, alles Faktoren, die von der Arbeitskraft und ihrem Arbeitgeber selbst beeinflusst werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die Knappheit der Arbeitskraft dagegen h\u00e4ngt von der Anzahl anderer Arbeitnehmer mit gleicher oder \u00e4hnlicher Qualifizierung, von der konjunkturellen Lage der gesamten Volkswirtschaft oder auch der Nachfrage des Auslandes nach den gefertigten Produkten ab. Dies aber sind Faktoren, auf die die einzelne Arbeitskraft oder das ihn besch\u00e4ftigende Unternehmen keinerlei Einfluss haben.<\/p>\n<p>Daher kann man die schwierige Situation von Geringverdienern diesen auch nicht allein anlasten. Ebenso ist es logisch, dass die Anpassungen, die zur Verbesserung ihrer Situation erforderlich sind, nicht nur allein von ihnen erwartet und geleistet werden k\u00f6nnen.   <\/p>\n<p><b>Muss der Staat dann f\u00fcr die Erf\u00fcllung des Existenzminimums sorgen?<\/b><br \/>\nGeht man mit dieser Logik konform, so folgt dann meist noch der Einwand, dass eben zu viele Geringqualifizierte einem entsprechend niedrigerem Jobangebot gegen\u00fcberstehen und daher der Lohn solange sinken m\u00fcsse, bis alle einen Arbeitsplatz bekommen k\u00f6nnten. Wenn man von solchen L\u00f6hnen nicht leben k\u00f6nne, so m\u00fcsse eben der Staat die grundgesetzliche Garantie des Existenzminimums \u00fcbernehmen, die Unternehmen k\u00f6nnten dies nicht leisten.<\/p>\n<p>Doch bei Billigl\u00f6hnen handelt es sich zumeist um eine Knappheitssituation, die die Geringqualifizierten stark benachteiligt. Sie beruht im wesentlichen auf der Marktmacht der Unternehmen durch die Bildung von Monopolen oder Kartellen, aufgrund starker regionaler Konzentration einzelner Gro\u00dfkonzerne oder aber vor allem aufgrund konjunktureller Schieflagen.<\/p>\n<p>Da es keinen automatischen Mechanismus gibt, der in einer Marktwirtschaft die durch falsche Wirtschaftspolitik verursachte Arbeitslosigkeit wieder verringert, ist es notwendig, die durch Marktmacht m\u00f6glich gewordene Ausbeutung zu regulieren.<\/p>\n<p>Eine Marktwirtschaft, die sich zudem noch als <em>sozial<\/em> versteht, kann nur funktionieren, wenn man Regeln aufstellt, die dieser fehlgeleiteten automatischen Machtaus\u00fcbung eine Mindestgrenze bei der Lohnentwicklung entgegenstellen.<\/p>\n<p>Dies sollte auch schon direkt bei den Prim\u00e4reinkommen ansetzen, denn es ist nicht einzusehen, warum der Staat bzw. die Gesamtheit der Steuerzahler f\u00fcr den andauernden Mi\u00dfbrauch von Marktmacht durch Unternehmen einstehen sollten.<\/p>\n<p>In einer Demokratie haben alle Mitglieder der Gesellschaft ein Recht darauf, Vereinbarungen zu treffen, die ihre Existenz gegen\u00fcber einem Zustand ohne Arbeitsteilung verbessern. Diese Machtbalance innerhalb einer Marktwirtschaft kann nicht \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum zugunsten der einen Seite ausgesetzt werden, ohne dass das System erheblichen Schaden nimmt. <\/p>\n<p>Kann dadurch ein Einzelner die Vorteile der arbeitsteiligen demokratischen Ordnung, in der er existiert, f\u00fcr sich nicht mehr erkennen, so ist es nicht verwunderlich, wenn er sich nicht mehr an die Spielregeln dieser Gesellschaft gebunden f\u00fchlt. Je mehr Menschen dieses Problem so sehen, desto mehr ist nicht nur das Wirtschaftssystem sondern die gesamte Gesellschaftsordnung in Gefahr.  <\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich kann f\u00fcr eine bestimmte Arbeit kein von der Knappheit vollkommen unabh\u00e4ngiger Lohn vereinbart werden. Eine dank ihrer Qualifikation und F\u00e4higkeit aufgrund der Nachfrage nach diesem K\u00f6nnen knappe Arbeitskraft kann daf\u00fcr eine h\u00f6here Entlohnung durchsetzen als ein Arbeitnehmer mit weniger nachgefragten F\u00e4higkeiten. <\/p>\n<p>Und ebenso hat eine Knappheit bestimmter Arbeitsleistungen auch Einfluss auf den Preis des Produkts, welches unter Verwendung dieser Arbeit erstellt wird. So ist z. B. die Reinigung eines Geb\u00e4udes billiger als die Planung seiner Errichtung. Und nat\u00fcrlich sinkt in der Regel die Nachfrage nach einem Produkt, wenn sein Preis steigt. <\/p>\n<p>Doch diese einzelwirtschaftlichen \u00dcberlegungen bedeuten eben nicht, dass auch gesamtwirtschaftlich ein Mindestlohn all jene Arbeitspl\u00e4tze automatisch gef\u00e4hrde, die heute geringer entlohnt werden. Denn die niedrige Bezahlung in diesen Jobs hat eben nichts mit <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/mindestlohne-und-die-produktivitat\/\" title=\"Mindestl\u00f6hne und die individuelle Produktivit\u00e4t\">ihrer oft gar nicht messbaren individuellen Produktivit\u00e4t<\/a> und deren Wert in Geldeinheiten zu tun, ohne <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/die-makrooekonomische-bedeutung-des-gesetzlichen-mindestlohns\/\" title=\"Die makro\u00f6konomische Bedeutung des gesetzlichen Mindestlohns\">dabei die volkswirtschaftliche Marktsituation entsprechend zu ber\u00fccksichtigen<\/a>.   <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neben der makro\u00f6konomischen Bedeutung des gesetzlichen Mindestlohns und der weitestgehend unzutreffenden These der individuellen Produktivit\u00e4t gibt es noch weitere gute Gr\u00fcnde f\u00fcr die Einf\u00fchrung eines gesetzlichen Mindestlohnes. 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