Ansichten zum Profi-Radsport 2002


Frühjahrsklassiker 2002

Die Zeit über den Winter, nach der WM in Lissabon endete ja die Straßensaison 2001, kam mir als Radsportfan unendlich lang vor.
Deshalb war ich unheimlich heiß darauf, zum ersten Mal die großen Eintagesrennen des Frühjahrs ganz bewußt zu erleben.
Dabei kamen mir wieder die sehr guten Live-Übertragungen bei Eurosport zugute.
Die Kommentatoren Karsten Miegels und Ulli Jansch schafften es zumeist, die besondere Atmosphäre dieser Klassiker einzufangen und den Zuschauern zu vermitteln.


Lance Armstrong (Mitte) bei der Flandern-Rundfahrt (© by Susanne & Florian Schaaf@cyclingpictures.de)


Beim großen Saisonauftakt Mailand-San Remo hoffte ich natürlich auch auf ein gutes Abschneiden des viermaligen Siegers Erik Zabel, doch kam es bekanntlich anders.
Aber die Leistung des Sprint-Oldies Mario Cipollini läßt aufhorchen. Im 14-ten Anlauf gelang im erstmals der Sieg an der Riviera. Man kann zwar zu den Extravaganzen und Eskapaden des exzentrischen Italieners stehen wie man will, in diesem Jahr scheint er in echter Topform zu sein.
Diese Form bestätigte er beim belgischen Halbklassiker Gent-Wevelgem, wo er nicht nur den finalen Sprint gewann, sondern zwischenzeitlich auch in beeindruckender Manier allein zur Spitzengruppe aufschloss.

Sehr spannend verliefen auch die Flandern-Rundfahrt mit dem Überraschungssieg des Italieners Andrea Tafi und natürlich Paris-Roubaix.
Der zweite Platz von Steffen Wesemann sowie der überlegene Sieg des "Löwen von Flandern" Johann Museeuw waren sicherlich einer der Höhepunkte dieser Klassiker-Saison.

Giro d'Italia 2002

Mit einiger Erwartung fieberte ich dem Beginn des Giro entgegen. Schließlich nahmen mit Coast, Gerolsteiner und Coast erstmals drei deutsche Teams daran teil.
Doch der Begeisterung auf den Etappen in Münster und Köln folgte dann der Schock.
Die Dopingfälle Stefano Garzelli und Gilberto Simoni ließen dieses Rennen fast zu einer Farce verkommen.

Fast noch absurder als die bloße Tatsache des Doping-Mißbrauchs waren die verschiedenen Ausreden von Simoni zu seinem Kokain-Konsum.
Daher fand ich es sehr schade, daß die großartige Leistung von Telekom-Profi Jens Heppner, der das rosa Trikot des Gesamtführenden 11 Tage lang trug, fast völlig untergegangen ist.
Auch die Tatsache, daß Coast-Fahrer Fabrizio Guidi nach der Disqualifikation Garzellis im nachhinein drei Tage in Rosa gefahren wäre, fand leider wenig Beachtung.

Doch was blieb dann noch an sportlichen Höhepunkten dieses Skandal-Giros?
Mir blieb vor allem die hervorragende Arbeit des Aqua-e-Sapone-Teams in Erinnerung, das die Flachetappen deutlich beherrschte und sechs Etappensiege des Kapitäns Mario Cippolini vorbildlich vorbereitete.
In sportlich negativer Sicht herausragend war meiner Ansicht nach der völlige Einbruch des Australiers Cadel Evans auf der letzten Hochgebirgsetappe, als er auf dem Zielanstieg über 15 Minuten verlor.

Was der Gesamtsieg des Italieners Paolo Savoldelli letzendlich wert ist, wird sich wahrscheinlich erst im Vergleich mit anderen Spitzenfahrern ergeben.

Deutschland-Tour 2002

Für den deutschen Radsport bedeutete die diesjährige Deutschland-Tour offensichtlich soetwas wie eine Zäsur.
War es in den Vorjahren die Vorherrschaft des Teams Telekom, die für gepflegte Langeweile sorgte, so rüttelten diesmal Coast und Gerolsteiner bedenklich am Magenta-Thron.

So ließ das Essener Team Coast mit dem überzeugenden Sieg von Aitor Garmendia im Schwarzwald aufhorchen, während die "Sprudelwasser"-Truppe beim Zeitfahren mit Rich, Steinhauser und Peschel gleich das ganze Podium für sich beanspruchte.
Auf den Sprintetappen war es allerdings wieder einmal Erik Zabel, der eindeutige Akzente setzte.

Zum ersten Mal hatte ich bei der Schlussetappe in Stuttgart die Gelegenheit, ein Radrennen live vor Ort zu erleben (siehe Deutschland-Tour in Stuttgart am 09.06.2002). Trotz der begeisterten Atmosphäre vor Ort war ich allerdings etwas enttäuscht.
Ich mußte feststellen, daß Radsport daheim am Bildschirm doch wesentlich besser rüber kommt als live an der Strecke.

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© by Jörg Lipinski