Klassiker-Frühling 2004


"La Classicissima" Mailand-San Remo

Mit enormer Ungeduld wartete ich diesen Winter auf den Beginn der Klassiker-Saison. Zur Einstimmung hatte ich Rolf Gölz` Buch "Mythos Klassiker" förmlich verschlungen.

Die wetterbedingte Absage des ersten belgischen Eintagesrennen "Omloop Het Volk" verstärkte diese Ungeduld noch und ich konnte es kaum erwarten, die Radprofis über die legendären Hügel Cipressa und Poggio "fliegen" zu sehen.
Dabei kann ich noch nicht mal genau sagen, warum mich gerade diese Eintages-Klassiker, vor allem aber Mailand-San Remo, so faszinieren.

Vielleicht ist es wirklich so, wie Rolf Gölz in seinem Buch schreibt:
Diese Rennen sind viel weniger von der Taktik bestimmt als etwa die großen Rundfahrten, weil es dabei nur um genau eine Chance geht.
Ist man an einem solchen Tag nicht gut drauf, so gibt es keine Möglichkeit, sich zu verstecken und auf einen der nächsten Tage zu hoffen. Bei Mailand-San Remo und Co. geibt es eben nur hopp oder topp, Sieg oder Niederlage.
Vielleicht macht dies den besonderen Reiz dieser Rennen für die Fans aber auch für die Rennfahrer aus.

Besonders nachdrücklich wurde diese Tatsache wohl dem T-Mobile-Sprintstar Erik Zabel bei der diesjährigen Auflage der Primavera bewußt, als er in einem spannendem Finale nur um eine Reifenbreite dem Spanier Oscar Freire unterlag.
Zabel sah sich offenbar schon als sicheren Sieger, hatte den bis dahin als unschlagbar geltenden Italiener Petacchi quasi links liegen lassen und einige Meter vor der Ziellinie bereits die Arme hochgerissen.
Im letzten Moment aber schob sich der Rabobank-Sprinter Freire an der anderen Seite noch an Zabel vorbei und verwandelte das süße Gefühl des möglichen 5. Sieges auf der Via Roma in eine bittere Niederlage.

Flandern-Rundfahrt - Nach 40 Jahren wieder ein Deutscher!

Mit einigem Erstaunen nahm ich den Sieg von Steffen Wesemann bei der Flandern-Rundfahrt zu Kenntnis.
Zu ersten Mal seit Rudi Altig 1964 konnte wieder ein Deutscher diese Tortur über die belgischen "Helligen" für sich entscheiden.

Nach Jahren voller Pleiten und Pannen besonders bei Paris-Roubaix konnte Wesemann endlich einmal seine Stärken voll ausspielen. Trotz eines frühzeitigen Sturzes attackierte er an der berüchtigten "Mauer von Geraadsbergen" und ließ überraschender Weise die großen Favoriten van Petegem und Museeuw hinter sich.
Nur die beiden relativ unbekannten Belgier Leif Hoste (Lotto-Domo) und Dave Bruylandts (Chocolade Jacques) konnten da noch mithalten.

Als Bruylandts kurz vor dem Ziel antrat, blieb Wesemann cool und zwang so Leif Hoste zu reagieren. Daraufhin konnte sich Wesemann hinter die beiden Belgier "klemmen" und die günstigste Position für den Schlussspurt einnehmen, den er dann auch souverän gewann.


Flandern-Sieger Steffen Wesemann vor Johann Museeuw bei Paris-Roubaix
(© by Susanne & Florian Schaaf@cyclingpictures.de)

Ein Sturz war es auch, der Steffen Wesemann letztendlich bei Paris-Roubaix um eine gute Platzierung brachte. Trotzdem konnte er beim Überraschungssieg des Schweden Magnus Backstedt das Trikot des Weltcup-Führenden erstmals überstreifen.

Rebellin - 3 Siege in einer Woche!

Unglaubliches vollbrachte der Italiener Davide Rebellin, Kapitän beim deutschen Team Gerolsteiner, in der sogenannten "Ardennen-Woche".

Mit einer ungeheuren Energieleistung entschied der kleine Klassiker-Spezialist das Amstel Gold Race für sich, indem er Rabobank-Star Michael Boogerd bei dessen Heimrennen im Schlusssprint keine Chance ließ.
Rebellin war auch derjenige, der ca. 18 km vor dem Ziel aus der Spitzengruppe den entscheidenden Angriff forcierte, dem nur der Holländer folgen konnte oder wollte.

Lediglich drei Tage später triumphierte der Gerolsteiner-Kapitän erneut, diesmal beim nicht zur Weltcup-Wertung zählenden Halb-Klassiker "Wallonischer Pfeil".
Diesmal musste sein Landsmann Danilo Di Luca die Überlegenheit Rebellins anerkennen.

Die absolute Krönung folgte dann aber bei der Königin aller Klassiker, Lüttich-Bastogne-Lüttich.
Wieder war der Holländer Boogerd der Leidtragende, diesmal zusammen mit T-Mobile-Fahrer Vinokourow. Beiden ließ Davide Rebellin, offenbar in der Form seines Lebens, nicht den Hauch einer Chance bei diesem von Experten als schwerste Weltcup-Prüfung bezeichnetes Rennen.

Damit setzte der Gerolsteiner-Kapitän quasi das I-Tüpfelchen auf einen bemerkenswerten Klassiker-Frühling.

© by Jörg Lipinski