{"id":9820,"date":"2013-10-24T09:09:01","date_gmt":"2013-10-24T07:09:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/?p=9820"},"modified":"2026-04-24T08:36:47","modified_gmt":"2026-04-24T06:36:47","slug":"rogoffs-schuldenregel-nicht-der-rechenfehler-sondern-die-falsche-these-ist-das-problem","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/rogoffs-schuldenregel-nicht-der-rechenfehler-sondern-die-falsche-these-ist-das-problem\/","title":{"rendered":"Rogoffs Schuldenregel: Nicht der Rechenfehler sondern die falsche These ist das Problem"},"content":{"rendered":"<p>Ganz sch\u00f6n dreist: <a title=\"90-Prozent-Regel: Harvard-\u00d6konom Rogoff wirft Kritikern Hexenjagd vor | ZEIT ONLINE\" href=\"http:\/\/www.zeit.de\/wirtschaft\/2013-10\/rogoff-hetzjagd-schuldenquote-streit\" target=\"_blank\">90-Prozent-Regel: Harvard-\u00d6konom Rogoff wirft Kritikern Hexenjagd vor | ZEIT ONLINE<\/a><\/p>\n<p><center><a title=\"Kenneth Rogoff von the International Monetary Fund [Public domain], via Wikimedia Commons\" href=\"http:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File%3AKenneth_Rogoff.jpg\"><img decoding=\"async\" alt=\"Kenneth Rogoff, 2002 als Chef\u00f6konom des Internationalen W\u00e4hrungsfonds (IWF)\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/9\/92\/Kenneth_Rogoff.jpg\" width=\"186\" \/><\/a><br \/>\n<em>Rogoff 2002 als Chef\u00f6konom des Internationalen W\u00e4hrungsfonds (IWF)<\/em><\/center><\/p>\n<p>Worum geht&#8217;s da aber eigentlich?<\/p>\n<p><a title=\"Kenneth S. Rogoff \u2013 Wikipedia\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kenneth_S._Rogoff\" target=\"_blank\">Kenneth Rogoff<\/a>, amerikanischer \u00d6konom an der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Harvard_University\" title=\"Harvard University \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\">Harvard Universit\u00e4t<\/a>, entwickelte 2010 zusammen mit <a title=\"Carmen Reinhart - Wikipedia, the free encyclopedia\" href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Carmen_Reinhart\" target=\"_blank\">Carmen Reinhart<\/a> in einem Essay die These, dass das Wirtschaftswachstum einer Volkswirtschaft sich dann stark verringere, wenn die Staatsverschuldung auf mehr als 90 Prozent des Bruttoinlandsproduktes steige.<\/p>\n<p><!--more Weiterlesen...--><\/p>\n<p>Diese sogenannte 90-Prozent-Regel pr\u00e4gte entscheidend die Austerit\u00e4tspolitik der Europ\u00e4ischen Union gegen\u00fcber den &#8222;Schulden-S\u00fcndern&#8220; Griechenland, Irland, Portugal und Spanien. Doch seitdem ein Student einen Rechenfehler in Rogoffs Arbeiten gefunden hatte, durch den die Ergebnisse der Studie stark in Zweifel gezogen wurden, hagelte es massive Kritik.<\/p>\n<p>Nun hat sich der \u00d6konom offenbar erstmals \u00f6ffentlich zur Wehr gesetzt (siehe obigen Link zum ZEIT-Artikel). Wichtig dabei ist, dass Rogoff die Grundaussage seiner Studie, sehr hohe Staatsschulden seien verbunden mit niedrigerem Wachstum, weiterhin als richtig herausstellt:<\/p>\n<blockquote><p>Rogoff r\u00e4umte in dem Interview den Rechenfehler zwar ein, verteidigt aber das Ergebnis seiner Arbeit. Der Fehler &#8222;war peinlich&#8220;, sagte der ehemalige Chef\u00f6konom des Internationalen W\u00e4hrungsfonds, &#8222;aber er hatte keine gro\u00dfe quantitative Bedeutung&#8220;.<\/p><\/blockquote>\n<p>Das aber ist die eigentliche Crux an der ganzen Geschichte: Ab welchem Prozentwert denn nun tats\u00e4chlich das Wirtschaftswachstum abnehme, ist v\u00f6llig irrelevant.<br \/>\n<b>Denn schon die Annahme, dass allein die H\u00f6he der Staatsverschuldung einen entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung der Wirtschaft hat, ist in dieser einfachen Konstellation schlichtweg falsch.<\/b><\/p>\n<p>Warum?<\/p>\n<p>Nun, alle g\u00e4ngigen Theorien, die das <a title=\"Wirtschaftswachstum \u2013 Wikipedia\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wirtschaftswachstum\" target=\"_blank\">Wirtschaftswachstum<\/a> in einer Volkswirtschaft erkl\u00e4ren wollen, stellen es als einen weit komplexeren Zusammenhang einiger verschiedener Komponenten dar: Es geht da vor allem um das Zusammenwirken der Faktoren Arbeit, Kapital und Technologie.<\/p>\n<p>Dabei sind nach allgemein anerkannter Lesart vor allem die <a title=\"Investition \u2013 Wikipedia\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Investition\" target=\"_blank\">Investitionen<\/a> entscheidend.<br \/>\n<a title=\"Der Zusammenhang zwischen Investition, Wachstum und Konjunktur \u2013 Wikipedia\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Investition#Der_Zusammenhang_zwischen_Investition.2C_Wachstum_und_Konjunktur\" target=\"_blank\">Der Zusammenhang zwischen Investition, Wachstum und Konjunktur<\/a> besteht generell in der H\u00f6he der Investitionst\u00e4tigkeit, denn:<\/p>\n<blockquote><p>Investitionen f\u00fchren zu einer Belebung der Konjunktur und sind Voraussetzung f\u00fcr ein gleichm\u00e4\u00dfiges Wirtschaftswachstum und die Schaffung von Arbeitspl\u00e4tzen.<\/p>\n<p><em>Pollert\/Kirchner\/Polzin (2004), Das Lexikon der Wirtschaft \u2013 Grundlegendes Wissen von A\u2013Z, 2. Auflage, Bonn: bpb, Stichwort: Investition.<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Wovon aber ist die H\u00f6he der Investitionen abh\u00e4ngig?<\/p>\n<p>In meinen Beitr\u00e4gen <a title=\"Sparen und Investieren \u2013 Versuch einer Richtigstellung\" href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/sparen-und-investieren-versuch-einer-richtigstellung\/\">Sparen und Investieren \u2013 Versuch einer Richtigstellung<\/a> und <a title=\"Wilhelm Lautenbach \u2013 der \u201cdeutsche Keynes\u201d \" href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wilhelm-lautenbach-der-deutsche-keynes\/\">Wilhelm Lautenbach \u2013 der \u201cdeutsche Keynes\u201d<\/a> habe ich mich bereits damit auseinandergesetzt:<\/p>\n<p>Den entscheidenden Faktor f\u00fcr die H\u00f6he der Investitionen bildet die Konsumnachfrage. Diese <a title=\"Gliederung der Konsumausgaben \u2013 Wikipedia\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Konsum#Gliederung_der_Konsumausgaben\" target=\"_blank\">gliedert sich<\/a> in die Konsumausgaben der Privathaushalte, der Unternehmer, des Auslandes und des Staates. \u00dcber die H\u00f6he dieser Konsumausgaben entscheidet vereinfacht gesagt das Verh\u00e4ltnis von Einnahmen (Verm\u00f6gen) und Ausgaben (Schulden) dieser vier Sektoren der <a title=\"Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung \u2013 Wikipedia\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Volkswirtschaftliche_Gesamtrechnung\" target=\"_blank\">Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung<\/a> (VGR).<\/p>\n<p>Und erst hier kommen dann die Schulden des Staates ins Spiel, die man aber immer zusammen mit den Verm\u00f6gensverh\u00e4ltnissen der anderen Sektoren betrachten muss, da ja bekanntlich <a title=\"Volkswirtschaftliche Saldenmechanik \u2013 vergessene Grundlage der Geldtheorie\" href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/volkswirtschaftliche-saldenmechanik-vergessene-grundlage-der-geldtheorie\/\">nach der Saldenmechanik Geldschulden und Geldverm\u00f6gen immer exakt gleich sind, weil die Ersparnisse des einen die Schulden des anderen sind<\/a>.<\/p>\n<p>Da aber die Verteilung der Einnahmen und Ausgaben zwischen den einzelnen Sektoren nichts \u00fcber die reine H\u00f6he der Konsumnachfrage dieser Sektoren aussagt, ist es daher auch v\u00f6llig logisch, dass die Verschuldung des Staates als Einzelaggregat der VGR dazu in keiner unmittelbaren Beziehung stehen kann.<\/p>\n<p><b>Damit ist dann aber auch jeglicher direkte Zusammenhang zwischen Staatsverschuldung und Investitionen, und somit ebenso zum Wirtschaftswachstum nicht gegeben. Die These von Rogoff und Reinhart ist daher schlichtweg falsch, da sie eine Beziehung herstellt, die so gar nicht existiert. <\/b><\/p>\n<p>Alle Schl\u00fcsse, die man aufgrund der untersuchten Zahlen \u00fcber Staatsschuldenst\u00e4nde ziehen m\u00f6chte, beruhen damit nur auf statistischen Zufallsergebnissen, die keinerlei allgemeing\u00fcltige Aussagekraft besitzen.<\/p>\n<p>Daher kann auch die Behauptung einiger Medien, trotz dieser Erkenntnisse k\u00f6nne das Fazit aus Rogoffs Arbeit &#8222;Hohe Staatsschulden sind schlecht f\u00fcr die Wirtschaft&#8220; in irgendeiner Form als politische Begr\u00fcndung f\u00fcr die generelle Notwendigkeit einer Austerit\u00e4tspolitik bei hoher Staatsverschuldung weiterhin herangezogen werden, als nicht akzeptabel abgelehnt werden.<\/p>\n<p>Und nat\u00fcrlich ist es ganz sch\u00f6n dreist, wenn jemand, der eine solche unwissenschaftliche und in wichtigen Teilen schlicht unzutreffende Studie abgeliefert hat, die berechtigte Kritik daran als &#8222;Hexenjagd&#8220; und &#8222;politische Kampagne&#8220; bezeichnet.  <\/p>\n<p>Weitere Infos zu diesem Thema bieten auch die NachDenkSeiten unter <a title=\"Hinweise des Tages\u00a0|\u00a0NachDenkSeiten \u2013 Die kritische Website\" href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19015#h05\" target=\"_blank\">Hinweise des Tages: 5. Rogoffs Rechenfehler: Star-\u00d6konom beklagt Hexenjagd nach Excel-Panne<\/a>.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ganz sch\u00f6n dreist: 90-Prozent-Regel: Harvard-\u00d6konom Rogoff wirft Kritikern Hexenjagd vor | ZEIT ONLINE Rogoff 2002 als Chef\u00f6konom des Internationalen W\u00e4hrungsfonds (IWF) Worum geht&#8217;s da aber eigentlich? Kenneth Rogoff, amerikanischer \u00d6konom an der Harvard Universit\u00e4t, entwickelte 2010 zusammen mit Carmen Reinhart<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[47,48,27,43,36,32,29,44,18],"class_list":["post-9820","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-oekonomie","tag-austeritaet","tag-geldtheorie","tag-investition","tag-keynes","tag-lautenbach","tag-schulden","tag-sparen","tag-volkswirtschaftslehre","tag-wirtschaft"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9820","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9820"}],"version-history":[{"count":44,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9820\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5130107,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9820\/revisions\/5130107"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9820"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9820"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9820"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}