{"id":946,"date":"2013-06-15T09:19:11","date_gmt":"2013-06-15T07:19:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/?p=946"},"modified":"2020-01-27T12:29:59","modified_gmt":"2020-01-27T11:29:59","slug":"wilhelm-lautenbach-der-deutsche-keynes","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wilhelm-lautenbach-der-deutsche-keynes\/","title":{"rendered":"Wilhelm Lautenbach &#8211; der &#8222;deutsche Keynes&#8220;"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>Wilhelm Lautenbach (*  26. August 1891 in Zwinge; \u2020 24. Mai 1948 in Davos) war Referent f\u00fcr Finanzfragen im Reichswirtschaftsministerium in den 1930er Jahren, wo er sich vornehmlich mit W\u00e4hrungsfragen, der deutschen Bankenkrise, den Auswirkungen der Reparationszahlungen und der damals vorherrschenden Massenarbeitslosigkeit besch\u00e4ftigte.<\/p>\n<p>Lautenbach z\u00e4hlte damals zu den f\u00fchrenden deutschen Konjunkturtheoretikern und gilt heute als der bedeutendste unter den Vorl\u00e4ufern des Keynesianismus.<\/p>\n<p>Nach ihm ist der Lautenbach-Plan (1931) benannt, dem eine Doppelstrategie zugrunde liegt, einerseits deflatorische (Lohnsenkungen) Ma\u00dfnahmen, andererseits inflatorische (ausgleichende), konjunkturpolitische Ma\u00dfnahmen (Erh\u00f6hung der Besch\u00e4ftigung auch mittels staatlicher Kreditexpansion). Lautenbach war v\u00f6llig klar: \u201eNur wenn neuer Kredit zus\u00e4tzlich geschaffen wird oder brachliegende Gelder in Bewegung gesetzt werden, k\u00f6nnte eine solche Aktion der Wirtschaft insgesamt einen belebenden Auftrieb geben.\u201c&#8230;<\/p><\/blockquote>\n<p><center><a title=\"Bundesarchiv, Bild 183-T0706-501 \/ CC-BY-SA [CC-BY-SA-3.0-de (http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\/de\/deed.en)], via Wikimedia Commons\" href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File%3ABundesarchiv_Bild_183-T0706-501%2C_berlin%2C_Armenspeisung.jpg\"><img decoding=\"async\" width=\"312\" alt=\"Bundesarchiv Bild 183-T0706-501, berlin, Armenspeisung\" src=\"\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/c\/c5\/Bundesarchiv_Bild_183-T0706-501%2C_berlin%2C_Armenspeisung.jpg\"\/><\/a><br \/>\n<em>Armenspeisung w\u00e4hrend der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Weltwirtschaftskrise\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Weltwirtschaftskrise<\/a> 1931 in Berlin<\/em><\/center><\/p>\n<p>So beginnt bei Wikipedia der Beitrag \u00fcber den deutschen \u00d6konomen <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wilhelm_Lautenbach\" title=\"Wilhelm Lautenbach bei wikipedia\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Wilhelm Lautenbach<\/a>.<\/p>\n<p><!--more Weiterlesen...--><\/p>\n<p><b>Vergessene Alternative zur Deflationspolitik <\/b><br \/>\nNachdem in Folge der Weltwirtschaftskrise auch im Deutschen Reich Anfang der 30er Jahre nach massenhafter Kapitalflucht und Beinahezusammenbruch des Bankensystems in der W\u00e4hrungs- und Kreditkrise kein Ende des bereits seit Jahren w\u00e4hrenden Abschwungs zu erkennen war, gab es erste Ans\u00e4tze zu einem Umdenken unter den \u00d6konomen.<\/p>\n<p>Erstmals waren damals unter dem Eindruck der unhaltbar angestiegenen Massenarbeitslosigkeit viele bereit, dar\u00fcber nachzudenken, ob und wie der Staat aktiv durch Nachfrageerh\u00f6hungen zur \u00dcberwindung der Krise beitragen k\u00f6nne oder sogar m\u00fcsse.<\/p>\n<p>Es war der oben beschriebene Ministerialbeamte Wilhelm Lautenbach, der mit seinem Plan ganz neue Aspekte in die Diskussion um die richtige Wirtschaftspolitik der damaligen Zeit einbrachte. <\/p>\n<p>Aber warum sollte uns in der heutigen Zeit ein weitgehend vergessener \u00d6konom, ein langweiliger Referent aus dem Wirtschaftsministerium der Weimarer Republik noch interessieren? <\/p>\n<p>Wir wissen heute, dass sein Alternativvorschlag zur damals durchgef\u00fchrten &#8222;Deflationspolitik&#8220;, f\u00fcr die heute die Bezeichnung &#8222;Br\u00fcning-Politik&#8220; eine traurige Ber\u00fchmtheit erlangt hat, der sogenannte Lautenbach-Plan, sich nicht durchsetzen konnte und letztlich nicht angenommen wurde.<\/p>\n<p><center><a title=\"von own work [CC-BY-1.0 (http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by\/1.0)], via Wikimedia Commons\" href=\"http:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File%3AArbeitslosenquote_1928_bis_1935.png\"><img decoding=\"async\" width=\"312\" alt=\"Arbeitslosenquote 1928 bis 1935\" src=\"\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/4\/42\/Arbeitslosenquote_1928_bis_1935.png\/512px-Arbeitslosenquote_1928_bis_1935.png\"\/><\/a><br \/>\n<em>Arbeitslosenquote Deutsches Reich von 1928 bis 1935 (in %)<br \/> In der Phase der Br\u00fcningschen Deflationspolitik (violett hervorgehoben), stieg die Arbeitslosenquote von 15,7% in 1930 auf 30,8% in 1932<\/em><\/center><\/p>\n<p>Weshalb also sollte uns ein gescheiterter Wirtschaftswissenschaftler, der schon zu seinen Lebzeiten kein Geh\u00f6r fand und damit wohl doch zurecht der Vergessenheit anheim gefallen ist, heute noch irgendetwas Sinnvolles und Hilfreiches anzubieten haben?<\/p>\n<p>Nun, Wilhelm Lautenbach hatte nicht nur einen Plan zur \u00dcberwindung der damaligen W\u00e4hrungs- und Kreditkrise vorgelegt, sondern er hatte gleichzeitig damit einige Grundprinzipien der damals wie heute herrschenden klassischen Wirtschaftswissenschaften fundamental in Zweifel gezogen. <\/p>\n<p><b><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Saysches_Theorem\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Say&#8217;s Law<\/a>: Das Angebot schafft sich seine Nachfrage nicht immer automatisch selbst<\/b><br \/>\nNoch aus dem 19. Jahrhundert stammt das sogenannte Say&#8217;s Law oder saysche Theorem\/Gesetz, das sich bis heute in vielen Lehrb\u00fcchern der \u00d6konomie findet und von den klassischen bzw. neoklassischen Wirtschaftswissenschaftlern geradezu w\u00f6rtlich aufgefasst wird.<\/p>\n<p>Es lautet (nach einer Zusammenfassung von John Maynard Keynes):<br \/>\n<strong><em>Jedes Angebot schafft sich seine Nachfrage selbst.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Dieses Theorem mit seinem Kausalzusammenhang zwischen volkswirtschaftlichem Angebot und Nachfrage wird seit Jahrzehnten von den Neoklassikern dazu genutzt, eine angebotsorientierte Wirtschaftspolitik zu betreiben. Eine zus\u00e4tzliche Stimulierung der Nachfrage durch Politik oder Notenbank wird gleichzeitig als unn\u00f6tig abgelehnt, da ja nach diesem Theorem automatisch ein entsprechendes Marktgleichgewicht geschaffen wird.   <\/p>\n<p>Hier war es erstmalig Wilhelm Lautenbach, der bereits 1931 in seinen Arbeiten den nachfrageseitigen Automatismus dieses Gesetzes f\u00fcr die Gesamtwirtschaft bezweifelte und seine urspr\u00fcngliche Bedeutung wieder in den Vordergrund schob. Er wies nach, dass dieses Gesetz eigentlich richtiger <strong><em>&#8222;Jedes Angebot will sich seine Nachfrage schaffen&#8220;<\/em><\/strong> hei\u00dfen m\u00fcsste.<\/p>\n<p><center><a title=\"Bundesarchiv, Bild 102-12023 \/ Georg Pahl \/ CC-BY-SA [CC-BY-SA-3.0-de (http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\/de\/deed.en)], via Wikimedia Commons\" href=\"http:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File%3ABundesarchiv_Bild_102-12023%2C_Berlin%2C_Bankenkrach%2C_Andrang_bei_der_Sparkasse.jpg\"><img decoding=\"async\" width=\"312\" alt=\"Bundesarchiv Bild 102-12023, Berlin, Bankenkrach, Andrang bei der Sparkasse\" src=\"\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/5\/54\/Bundesarchiv_Bild_102-12023%2C_Berlin%2C_Bankenkrach%2C_Andrang_bei_der_Sparkasse.jpg\"\/><\/a><em><br \/>\nMassenandrang vor einer Sparkasse nach Schlie\u00dfung der Banken, Berlin 1931<\/em><\/center><\/p>\n<p>Er teilte daf\u00fcr das gesamte Einkommen der Volkswirtschaft (= Angebotsseite) in Unternehmereinkommen und Nichtunternehmereinkommen auf. Gleichzeitig analysierte er, dass das gesamte Volkseinkommen (= Nachfrageseite) nur aus Konsum und Investition besteht. <\/p>\n<p>Lautenbach folgerte daraus: \u201eDa aber das Einkommen der Nichtunternehmer pari passu mit der Produktion unmittelbar gegeben ist, eben durch die H\u00f6he der Entsch\u00e4digungen, die die Unternehmen an die Nichtunternehmer zahlen, w\u00e4hrend das Unternehmereinkommen gerade unbestimmt ist und erst auf dem Markt festgestellt wird.&#8220;<br \/>\nEr kam zu dem Schluss:&#8220; Also das Einkommen der Unternehmer ist gleich dem Wert der Investition zuz\u00fcglich Wert des Verbrauchs der Unternehmer abz\u00fcglich Ersparnisse der Nichtunternehmer.&#8220;<br \/>\nDamit  aber verbleibt den Unternehmern nach Abzug der Ersparnisse der Nichtunternehmer erst am Ende des Marktprozesses der eigene Verbrauch und der Wert der Investitionen als ihr Gewinn.<\/p>\n<p>Klar wird dann aber auch, dass eine Reduzierung der Nachfrage z. B. durch Lohnsenkungen oder eine h\u00f6here Sparquote der Nichtunternehmer zuallererst und unmittelbar die Einkommen der Unternehmer reduzieren, sodass am Ende weniger Gewinn und damit auch weniger Mittel f\u00fcr Investitionen der Unternehmer zur Verf\u00fcgung stehen.<\/p>\n<p>Dies aber beschreibt nach Lautenbach zutreffend den entscheidenden Zusammenhang zwischen Angebot- und Nachfrageseite:<br \/>\n<strong>Nur wenn die Nachfrageseite (= Summe des Konsums der Nichtunternehmer minus ihrer Ersparnisse) entsprechend mith\u00e4lt, kann die Angebotsseite (= Summe des Verbrauchs der Unternehmer und der Investitionen abz\u00fcglich der Ersparnis aller Nichtunternehmer) florieren.<\/strong> <\/p>\n<p>Das bedeutet dann aber auch: nur wenn die Nichtunternehmen oder die Unternehmen selbst konsumieren, also Geld ausgeben und eben nicht sparen, k\u00f6nnen die Gewinne der Unternehmer steigen. <\/p>\n<p><b>Der tats\u00e4chliche Zusammenhang von Sparen und Investieren<\/b><br \/>\nDiese Feststellung aber zieht unmittelbar einen weiteren ehernen Grundsatz der klassischen Theorie in Zweifel: Es m\u00fcsse erst gespart werden, damit investiert werden k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Lautenbach stellte aufgrund seiner obigen Erkenntnisse dagegen fest:<br \/>\n<strong><em>&#8222;Es wird nicht die Investition durch die Ersparnisse, sondern umgekehrt die Ersparnis durch die Investition bestimmt. Die Ersparnis ist ein reiner Verteilungsbegriff.<\/p>\n<p>Das Sparen entscheidet nicht \u00fcber die Gesamtgr\u00f6\u00dfe der Investitionen sondern nur \u00fcber den Anteil der Wirtschaftssubjekte an dem Verm\u00f6genszuwachs den die Volkswirtschaft durch die Investition erf\u00e4hrt.&#8220;<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Im Gegensatz zur klassischen Theorie wies er damit nach, dass Gewinne und Ersparnisse gesamtwirtschaftlich eindeutig in einem negativen Zusammenhang stehen.<\/p>\n<p>Weiter f\u00fchrte Lautenbach aus:<br \/>\n&#8222;Man kann die Lehre von Keynes auf eine knappe und pr\u00e4gnante Formel bringen: Das Verh\u00e4ltnis von Sparrate und Investitionsrate bestimmt den Konjunkturverlauf. Eine Wirtschaft befindet sich im Gleichgewicht, wenn Investitionsrate und Sparrate gleich sind, sie ger\u00e4t in Hoch-Konjunktur und st\u00fcrmische Entwicklung, wenn die Investitionsrate \u00fcber die Sparrate steigt, und sie ger\u00e4t in eine Krise und fortgesetzte Versackung, wenn die Investitionsrate unter die Sparrate sinkt.<\/p>\n<p>Eine allgemeine Depression zeigt regelm\u00e4\u00dfig, da\u00df die Wirtschaft von ihren \u00dcbersch\u00fcssen und Ersparnissen nicht ausreichend den in der kapitalistischen Wirtschaft einzig rationellen Gebrauch, n\u00e4mlich Verwendung als Anlage- oder Betriebskapital macht, wenn also die reale Kapitalverwendung hinter der potentiellen Kapitalbildung zur\u00fcckbleibt.<\/p>\n<p><strong><em>Nie ist eine Depression anders \u00fcberwunden worden als durch gesteigerte Kapitalverwendung und zwar regelm\u00e4\u00dfig auf Grund gro\u00dfer neuer Investitionen.<\/em><\/strong>&#8220;<\/p>\n<p>Wenn man Lautenbachs Erkenntnissen folgt, wie es einige \u00d6konomen wie der ehemalige UNCTAD-Direktor Heiner Flassbeck und die Volkswirtschaftlerin Friederike Spiecker tun, so kommt man zu der logischen Feststellung, dass die von der herrschenden Volkswirtschaftslehre vertretenen Thesen zum Vorrang der Angebotspolitik und des Sparens als Voraussetzung f\u00fcr Investitionen so nicht stimmen k\u00f6nnen. <\/p>\n<p>Damit aber geht auch die Einsicht einher, dass die momentan in Deutschland und Europa \u00fcberwiegend verfolgte neoklassische Wirtschaftspolitik und damit vor allem die Austerit\u00e4tspolitik nicht wirklich alternativlos und der Weisheit letzter Schluss sein k\u00f6nnen. <\/p>\n<p>Es ist den fr\u00fchen Arbeiten jenes heute fast vergessenen Wilhelm Lautenbach zu verdanken, dass uns heute andere Wege offen stehen, Deflation und Austerit\u00e4t zu vermeiden und die richtigen Schritte zur Bew\u00e4ltigung der Finanzkrise einzuleiten.<\/p>\n<p>Man muss diese Wege dann allerdings auch gehen wollen&#8230; <\/p>\n<p>Zitate aus <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/Lautenbach (1952) Zins Kredit und Produktion.pdf\" title=\"Lautenbach: Zins, Kredit und Produktion (PDF; 1,6 MB)\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Lautenbach: Zins, Kredit und Produktion (PDF; 1,6 MB)<\/a>  <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wilhelm Lautenbach (* 26. 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