{"id":8124155,"date":"2018-04-28T07:04:03","date_gmt":"2018-04-28T05:04:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/?p=8124155"},"modified":"2026-03-24T10:04:27","modified_gmt":"2026-03-24T09:04:27","slug":"zombie-firmen-wandeln-mitten-unter-uns","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/zombie-firmen-wandeln-mitten-unter-uns\/","title":{"rendered":"Zombie-Firmen wandeln mitten unter uns"},"content":{"rendered":"<p>Die Hauptschw\u00e4che der Vampire ist der Knoblauch. F\u00fcr Werw\u00f6lfe tut es eine Silberkugel. Und f\u00fcr Zombies? Vielleicht w\u00fcrde ein Anstieg der Zinss\u00e4tze denselben Zweck erf\u00fcllen. Denn seit Jahrzehnten sorgen sich Wirtschaftswissenschaftler nun schon um sogenannte <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Zombiefirma\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Zombie-Firmen<\/a>. <\/p>\n<p><center><a title=\"Ein Bus mit \"The Walking Dead\"-Werbung von Tdorante10 (Eigenes Werk) [CC BY-SA 4.0 (https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/4.0)], via Wikimedia Commons\" href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File%3A23rd_St_Lex_Av_11.jpg\"><img decoding=\"async\" width=\"412\" alt=\"23rd St Lex Av 11\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/1\/10\/23rd_St_Lex_Av_11.jpg\"\/><\/a><br \/>\n<em>Ein Bus mit &#8222;The Walking Dead&#8220;-Werbung in Manhattan, New York<\/em><\/center><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Timothy_Taylor_(economist)\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Timothy Taylor<\/a>, Redakteur des <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Journal_of_Economic_Perspectives\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Journal of Economic Perspectives<\/a>, hat eine Spur von Referenzen bis 1989 zur\u00fcck verfolgt, die Sichtungen dieser Zombies in Japan aus den 1990er Jahren und in j\u00fcngerer Zeit in China vermerkten.<\/p>\n<p><!--more Weiterlesen...--><\/p>\n<p>Die grundlegende Sorge ist dabei die, dass es Unternehmen gibt, die eigentlich &#8222;tot&#8220; sein sollten, die sich aber weiterhin durchwursteln und damit die Dinge f\u00fcr alle ruinieren. Das ist eine sehr anschauliche Metapher &#8211; vielleicht ein wenig zu plastisch &#8211; und sie wird wahrscheinlich in den kommenden Monaten und Jahren getestet werden, wenn die Zentralbanken, wie fast von jedem erwartet, die Zinsen wieder auf das anheben, was Veteranen als &#8222;normal&#8220; bezeichnen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.bis.org\/author\/claudio_borio.htm\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Claudio Borio<\/a> von der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bank_f%C3%BCr_Internationalen_Zahlungsausgleich\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Bank f\u00fcr Internationalen Zahlungsausgleich<\/a> hielt k\u00fcrzlich eine Rede, in der er sich \u00fcber die Tendenz niedriger Zinsen als Unterst\u00fctzung von Zombie-Unternehmen Gedanken machte. Herr Borio zeigte sich anhaltend besorgt \u00fcber die verzerrenden Auswirkungen niedriger Zinsen, aber das Element des Zombies, welches er anf\u00fchrte, f\u00fcgte dem Ganzen eine neue Wendung hinzu.<\/p>\n<p>Forscher sowohl der BIZ als auch der OECD, dem Club der wohlhabenden Nationen, haben Beweise gefunden, dass niedrige Zinss\u00e4tze f\u00fcr die Existenz von Zombies als f\u00f6rderlich erscheinen, die sie als \u00e4ltere Unternehmen definieren, die nicht genug Geld verdienen, um ihre Schulden zu bedienen. Da die Zinss\u00e4tze weltweit gefallen sind, sind solche Zombies h\u00e4ufiger geworden und haben auch mehr Durchhalteverm\u00f6gen gezeigt.<\/p>\n<p>Im Durchschnitt der Industriestaaten USA, Japan, Australien und in Westeuropa hat sich der Anteil dieser Zombies seit 1987 von 2 auf 10 Prozent verf\u00fcnffacht. Die Zombies wandeln somit mitten unter uns.<\/p>\n<p>Warum sollten wir uns aber Sorgen machen? Eine offensichtliche Antwort ist die, dass Zombies Ressourcen absorbieren. Wenn ein Zombie-H\u00e4ndler einen Platz in der Haupteinkaufsmeile besetzt h\u00e4lt, ist es f\u00fcr einen Start-up oder einen erfolgreichen Mitbewerber schwieriger und teurer, dort einzuziehen. Gleiches gilt f\u00fcr alle Ressourcen von Werbefl\u00e4chen bis hin zur Elektrizit\u00e4t aber auch dem Personal.<\/p>\n<p>Wir w\u00fcrden normalerweise erwarten, dass ein bl\u00fchendes Unternehmen in der Lage sein m\u00fcsste, diese wandelnden Untoten bei allen notwendigen Ressourcen und Investitionen zu \u00fcberbieten, von der Einstellung eines Finanzdirektors bis zur Verteilung der Fl\u00e4chen in einem Industriegebiet. Doch der Status Quo besitzt immer eine gewisse Macht und in einigen F\u00e4llen k\u00f6nnte der Zombie dadurch einen unfairen Vorteil haben.<\/p>\n<p>Betrachten wir beispielsweise eine Zombie-Bank, die von einer staatlichen Garantie gest\u00fctzt wird, aber im Grunde insolvent ist. Auf Wiederbelebung hoffend, versucht sie zu expandieren, indem sie hohe Zinsen f\u00fcr Einlagen und billige Kredite f\u00fcr neue Gl\u00e4ubiger anbietet. In den sp\u00e4ten 1980er Jahren entwickelte <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Joseph_E._Stiglitz\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Joseph Stiglitz<\/a> &#8211; in der Folgezeit mit einem Nobelpreis f\u00fcr Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet &#8211; auf der Grundlage dieser Tendenz ein <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Greshamsches_Gesetz\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Greshamsches Gesetz<\/a> u. a. auch f\u00fcr Banken und Sparkassen: schlechte Unternehmen\/Banken verdr\u00e4ngen gute.<\/p>\n<p>In j\u00fcngerer Zeit zeigte der Zusammenbruch von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Carillion\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Carillion<\/a>, einer gro\u00dfen britischen Outsourcing- und Baufirma, eine \u00e4hnliche Dynamik. Je mehr Carillion k\u00e4mpfen musste, desto verzweifelter wurde versucht, neue Gesch\u00e4fte an Land zu ziehen &#8211; was aggressive Angebote in Bieterauktionen bedeutete und Carillion untergehen lie\u00df, w\u00e4hrend sie gleichzeitig auch noch die Konkurrenz aushungerte.<\/p>\n<p>Nachdem ich ein ganzes <a href=\"http:\/\/timharford.com\/books\/adapt\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Buch<\/a> \u00fcber die Bedeutung des Scheiterns geschrieben habe, stehe ich nat\u00fcrlich dem Argument von Herrn Borio positiv gegen\u00fcber. Moderne Volkswirtschaften haben eine niedrige Konkursrate &#8211; sehr wahrscheinlich zu niedrig.<\/p>\n<p>Trotzdem sollte man sich in diesem Punkt nicht zu sicher sein. F\u00fcr gew\u00f6hnliche Ohren h\u00f6rt sich Bankrott erst einmal unzweideutig \u00fcbel an. Wenn Sie aber zu viel Zeit damit verbringen, \u00fcber Zombie-Firmen und wirtschaftliche Dynamik nachzudenken, beginnt der Konkurs eindeutig gut zu klingen.<\/p>\n<p>Man zerlege diese Zombies und lasse hochproduktive neue Firmen aus dem reichhaltigen von diesen Zombie-K\u00f6rpern ged\u00fcngten Boden wachsen, das klingt fast wie &#8211; vergeben Sie mir bitte dieses Wortspiel &#8211; ein No-Brainer (zu deutsch Kinderspiel).<\/p>\n<p>Doch sollten wir wirklich so froh dar\u00fcber sein, dass so viele Kohlenminen in Gro\u00dfbritannien oder die Autozulieferer von Detroit erfolgreich abgewickelt wurden? Wenn nichts sie ersetzt hat, gibt es auch nichts zu feiern.<\/p>\n<p>Eine der Lehren aus den j\u00fcngsten Wirtschaftsforschungen der \u00d6konomen David Autor, <a href=\"http:\/\/www.ddorn.net\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">David Dorn<\/a> und <a href=\"https:\/\/gps.ucsd.edu\/faculty-directory\/gordon-hanson.html\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Gordon Hanson<\/a> war, dass produktive neue Firmen nicht unbedingt so entstehen, wie wir es m\u00f6glicherweise erhofft h\u00e4tten. Herr Autor und seine Kollegen haben in einer Reihe einflussreicher Arbeiten auf lokaler Ebene beobachtet, wie sich der pl\u00f6tzliche Schock der Konkurrenz durch importierte chinesische Produkte ausgewirkt hatte. Ihr Fazit: Der Aufschwung folgt weder schnell noch automatisch.<\/p>\n<p>Ebenso ist es f\u00fcr entlassene Arbeitnehmer auch nicht immer leicht, in neue Jobs zu kommen: Wenn Sie mehrere Jahre Stofftiere gen\u00e4ht haben, dann ist der n\u00e4chste Schritt wenn die Spielwarenfabrik Sie entl\u00e4sst stattdessen Hemden oder Hosen zu n\u00e4hen. Doch leider w\u00e4re das auch der naheliegende n\u00e4chste Zug f\u00fcr Importeure oder Roboter.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnten eine lange Liste von Richtlinien aufstellen, die neuen produktiven Firmen die Neugr\u00fcndung und Expansion erleichtern w\u00fcrden: Bildung, Infrastruktur, flexible Regulierungen, Finanzierungen f\u00fcr Kleinunternehmen und so weiter. Es gibt einige Belege \u00fcber die Vorteile solcher Richtlinien, doch keine Checkliste kann tats\u00e4chlich Ergebnisse garantieren.<\/p>\n<p>Trotzdem sollten wir unsere Aufmerksamkeit darauf richten, wann und wie diese Zombies aussterben. Je einfacher es ist, eine neue Idee zu beginnen, desto schwerer k\u00f6nnen wir uns damit tun, die alten zu zerst\u00f6ren. Es ist aber notwendig, dass die Zombies sterben m\u00fcssen, doch damit kann die Geschichte noch nicht zu Ende sein.<\/p>\n<p><em>(Eigene \u00dcbersetzung eines <a href=\"http:\/\/timharford.com\/2018\/03\/zombie-companies-walk-among-us\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Blogbeitrages<\/a> des britischen \u00d6konomen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Tim_Harford\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Tim Harford<\/a>)<\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Hauptschw\u00e4che der Vampire ist der Knoblauch. F\u00fcr Werw\u00f6lfe tut es eine Silberkugel. Und f\u00fcr Zombies? Vielleicht w\u00fcrde ein Anstieg der Zinss\u00e4tze denselben Zweck erf\u00fcllen. Denn seit Jahrzehnten sorgen sich Wirtschaftswissenschaftler nun schon um sogenannte Zombie-Firmen. 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