{"id":794257,"date":"2015-04-20T10:53:47","date_gmt":"2015-04-20T08:53:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/?p=794257"},"modified":"2023-06-23T08:10:39","modified_gmt":"2023-06-23T06:10:39","slug":"gesamtwirtschaftliche-vs-industrielle-lohnstueckkosten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/gesamtwirtschaftliche-vs-industrielle-lohnstueckkosten\/","title":{"rendered":"Gesamtwirtschaftliche vs. industrielle Lohnst\u00fcckkosten"},"content":{"rendered":"<blockquote><p><b>In der deutschen Industrie stiegen die <a title=\"Lohnst\u00fcckkosten \u2013 Wikipedia\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Lohnst%C3%BCckkosten\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Lohnst\u00fcckkosten<\/a> im Jahr 2013 um mehr als 3 Prozent. Sie lagen damit um 12 Prozent h\u00f6her als im Vorkrisenjahr 2007.<br \/>\n&#8230;<br \/>\nIn langfristiger Betrachtung zeigt sich, dass sich die Lohnst\u00fcckkosten hierzulande ung\u00fcnstiger entwickelten als im Ausland: Im Zeitraum 1991 bis 2013 stiegen sie in Deutschland um insgesamt 12 Prozent, w\u00e4hrend sie im Ausland sowohl in nationaler W\u00e4hrung als auch auf Euro-Basis leicht nachgaben. Der Blick auf die Lohnst\u00fcckkosten liefert somit keine Belege f\u00fcr ein Lohndumping in Deutschland.<\/b><\/p>\n<p><em> Institut der deutschen Wirtschaft K\u00f6ln (IW): <a href=\"https:\/\/www.iwkoeln.de\/en\/studies\/iw-trends\/beitrag\/christoph-schroeder-an-international-comparison-of-unit-labour-costs.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Produktivit\u00e4t und Lohnst\u00fcckkosten der Industrie im internationalen Vergleich<\/a><\/em><\/p><\/blockquote>\n<p><center><a title=\"Lohnst\u00fcckkosten und Arbeitsproduktivit\u00e4t, Gesamtwirtschaft. Durchschnittliches j\u00e4hrliches Wachstum in Prozent, 1998-2008 von Pill (Own work) [CC0], via Wikimedia Commons\" href=\"http:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File%3ALabor_productivity_and_unit_labor_costs_1998-2008%2C_selected_Eurozone_countries.png\"><img decoding=\"async\" width=\"412\" alt=\"Labor productivity and unit labor costs 1998-2008, selected Eurozone countries\" src=\"\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/5\/5e\/Labor_productivity_and_unit_labor_costs_1998-2008%2C_selected_Eurozone_countries.png\"><\/a><\/center><\/p>\n<p>So oder \u00e4hnlich lauten die \u00fcberwiegend aus dem Arbeitgeberlager vorgebrachten Argumente, wenn es mal wieder um die hohen \u00dcbersch\u00fcsse des deutschen Au\u00dfenhandels und den Vorwurf geht, diese w\u00e4ren vor allem durch Lohn- und Kostendumping der deutschen Wirtschaft erkauft.<\/p>\n<p>Man verweist dann wie das <a title=\"Institut der deutschen Wirtschaft \u2013 Wikipedia\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Institut_der_deutschen_Wirtschaft\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Institut der deutschen Wirtschaft<\/a> oben gern auf den Vergleich der Lohnst\u00fcckkosten der <b><em>Industrie<\/em><\/b>, um damit zu belegen, dass es mit der preislichen Wettbewerbsf\u00e4higkeit der deutschen <b><em>(Gesamt-)<\/em><\/b>Wirtschaft gar nicht so weit her sei.<\/p>\n<p>Doch was ist eigentlich dran an dieser Argumentation?<\/p>\n<p><!--more Weiterlesen...--><\/p>\n<p>In <a title=\"Gewerkschaftsvertreter: \u201cWettbewerbsf\u00e4higkeit beruht nicht auf Lohndumping\u201d | flassbeck-economics\" href=\"http:\/\/www.flassbeck-economics.de\/gewerkschaftsvertreter-wettbewerbsfaehigkeit-beruht-nicht-auf-lohndumping\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">diesem Artikel<\/a> bezeichnet die \u00d6konomin Friederike Spicker diese Ansicht als &#8222;grundlegend falsch&#8220;. Sie argumentiert damit, dass ein Vergleich der Wettbewerbs-f\u00e4higkeit zwischen Staaten &#8222;immer gesamtwirtschaftlich vorgenommen werden [muss], nie nur branchenbezogen&#8220;.<\/p>\n<p>Denn in die Produktion des Exportsektors w\u00fcrden die Kosten der anderen Sektoren nat\u00fcrlich auch mit einflie\u00dfen. Dies sei z. B. schon allein daran zu erkennen, dass der Lohnkostenanteil an den gesamten Kosten der Fabrikation der Ausfuhrg\u00fcter geringer sei als etwa im Dienstleistungssektor. Daf\u00fcr entscheidend sind demnach vor allem die im Inland gefertigten und absolvierten Vorleistungen, und nicht nur die importierten Rohstoffe.<\/p>\n<p>Dies finde auf ganz verschiedenen Ebenen statt, durch die die Vorleistungen und das damit verbundene Lohndumping Eingang in die Preisfeststellung der Exportg\u00fcter erlangten:<\/p>\n<p>-schlecht bezahlte private Dienstleistungen durch Zeitarbeits- und neuerdings auch Werksvertr\u00e4ge (beispielsweise f\u00fcr Putzfrauen, Kantinenbesch\u00e4ftigte oder den Werksschutz);<\/p>\n<p>-oder niedrige L\u00f6hne im Bereich der \u00f6ffentlichen Infrastruktur wie Schienen- und Stra\u00dfenbau, aber auch schlecht bezahltes Sicherheits- und Abfertigungspersonal auf Flugh\u00e4fen und Bahnh\u00f6fen (schlie\u00dflich wird gerade auch der Export haupts\u00e4chlich \u00fcber die mit \u00f6ffentlichen Mitteln errichtete Infrastruktur abgewickelt);<\/p>\n<p>-oder um im Vergleich zur Industrie geringer bezahlte Besch\u00e4ftigte von Bund, L\u00e4ndern und Gemeinden, deren vielf\u00e4ltige Dienstleistungen dementsprechend zu wenig in die Endpreise der Exportg\u00fcter mit einflie\u00dfen.<\/p>\n<p>Es sei daher klar ersichtlich, dass &#8222;durch das auf der Ebene der Vorleistungen betriebene Lohndumping [] die Kosten der Exportg\u00fcter k\u00fcnstlich niedrig gehalten und so die Konkurrenz im Ausland in die Enge getrieben [werden]&#8230;&#8220;, es werden also trotz h\u00f6herer Geh\u00e4lter in der Industrie Marktanteile gegen\u00fcber dem Ausland gewonnen und damit auch die preisliche Wettbewerbsf\u00e4higkeit der Exportbranche gesichert.<\/p>\n<p>Weiterhin ist bei der Betrachtung auf der gesamtwirtschaftlichen Ebene zu beachten, dass die Lohnst\u00fcckkosten den zentralen Kostenfaktor aller Produkte darstellen.<\/p>\n<p>Demnach geht die Bedeutung der Lohnst\u00fcckkosten weit \u00fcber die der einzel-wirtschaftlichen Kapitalkosten hinaus, da der gr\u00f6\u00dfte Teil des produktiven \u201cKapitalstocks\u201d, also z. B. Maschinen, Fabrikhallen, aber auch B\u00fcros und andere Produktionsst\u00e4tten haupts\u00e4chlich unter dem Einsatz von Lohnarbeit errichtet worden sind. Dies gilt ebenso f\u00fcr die Investitionsg\u00fcter, mit deren Hilfe wiederum dieses Sachkapital urspr\u00fcnglich hergestellt wurde.<\/p>\n<p>Au\u00dfer dem eher geringen Anteil importierter Vorleistungen sind demnach alle Produktionsmittel Endprodukte anderer Unternehmen, die diese unter dem Einsatz von Arbeit herstellen lie\u00dfen. Daher stecken in s\u00e4mtlichen Produkten (auch den inl\u00e4ndischen Vorleistungen) ganze Lohnhistorien, von der Planung bis zur Endkonstruktion.<\/p>\n<p>Zusammengefasst handelt es sich bei den gesamtwirtschaftlichen Kosten daher immer um Lohnkosten (plus der Kosten f\u00fcr importierte Vorleistungen), also auch um Lohnst\u00fcck-kosten.<\/p>\n<p>Nicht zu vergessen ist au\u00dferdem die Tatsache, dass die Exportwelle der letzten Jahre neben den traditionellen Ausfuhrbranchen Automobil-Industrie, Maschinenbau, chemische Industrie und Elektrotechnik auch immer st\u00e4rker den Dienstleistungsbereich erfasst hat.<\/p>\n<p>So hat sich der <a title=\"\" href=\"http:\/\/www.google.de\/url?sa=t&#038;rct=j&#038;q=&#038;esrc=s&#038;source=web&#038;cd=1&#038;cad=rja&#038;uact=8&#038;ved=2ahUKEwio4qjT7J3mAhUI36QKHZHxC7kQFjAAegQIARAC&#038;url=http%3A%2F%2Fwww.ernst-leiste.de%2Fimages%2Fpbel%2Fartikel%2F004_Die_deutsche_Wirtschaft_lebt_vom_Export-Global_Connect_2014.pdf&#038;usg=AOvVaw290c5hue810cVQ7zUKvOuS\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Dienstleistungsexport seit 2003 verdoppelt<\/a> und erreicht inzwischen nahezu 40 % der deutschen Ausfuhren.<\/p>\n<blockquote><p><b>Innerhalb weltweiter Wertsch\u00f6pfungsketten w\u00e4chst die Bedeutung von Dienstleistungen&#8230;<br \/>\nKommerzielle Dienstleistungen werden h\u00e4ufig von deutschen Industrieunternehmen, meist im Zusammenhang mit Warenlieferungen &#8211; etwa bei der Projektierung oder der Inbetriebnahme von Anlagen &#8211; exportiert.<\/b><\/p><\/blockquote>\n<p>Ferner hat auch in der Industrie die Anzahl der Leiharbeiter und Werkvertragskr\u00e4fte seit Jahren erheblich zugenommen. Nach einer Studie der IG Metall war Ende 2013 jeder dritte Metaller Leiharbeiter, diese betr\u00e4fe mehr als eine Millionen Menschen und damit fast ein Drittel der in diesem Bereich Besch\u00e4ftigten.<\/p>\n<p>F\u00fcr unsere Analyse sind diese Zahlen insofern von Bedeutung, weil die Verleihfirmen und damit die eigentlichen &#8222;Arbeitgeber&#8220; dieser Arbeitnehmer haupts\u00e4chlich im Dienst-leistungsbereich angesiedelt sind und daher nicht als zum Industriesektor geh\u00f6rend eingestuft werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ich halte es daher f\u00fcr grob vereinfachend und irref\u00fchrend, f\u00fcr die Beurteilung der Wettbewerbsf\u00e4higkeit der deutschen Exportindustrie nur die Lohnst\u00fcckkosten des Industriesektors heranziehen zu wollen. Wie oben gezeigt, spielen auch Vorleistungen anderer Sektoren und Dienstleistungen aller Art eine wichtige Rolle.<\/p>\n<p>Auch sie m\u00fcssen daher in angemessener Form bei der gesamtwirtschaftlichen Betrachtung und Diskussion der Auswirkungen der deutschen Export\u00fcbersch\u00fcsse Ber\u00fccksichtigung finden. Dies ist nur dann ad\u00e4quat m\u00f6glich, wenn man beim Vergleich der internationalen Konkurrenz zwischen Nationen die Lohnst\u00fcckkosten der gesamten Wirtschaft heranzieht.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der deutschen Industrie stiegen die Lohnst\u00fcckkosten im Jahr 2013 um mehr als 3 Prozent. 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