{"id":753477,"date":"2015-03-27T07:16:52","date_gmt":"2015-03-27T06:16:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/?p=753477"},"modified":"2015-03-27T07:16:52","modified_gmt":"2015-03-27T06:16:52","slug":"keine-erholung-ohne-strukturreformen-beispiel-japan-der-1990er-jahre-letzter-teil-kartelle-und-wachstum","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/keine-erholung-ohne-strukturreformen-beispiel-japan-der-1990er-jahre-letzter-teil-kartelle-und-wachstum\/","title":{"rendered":"Keine Erholung ohne Strukturreformen? Beispiel Japan der 1990er Jahre &#8211; letzter Teil: Kartelle und Wachstum"},"content":{"rendered":"<p>Im <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/keine-erholung-ohne-strukturreformen-beispiel-japan-der-1990er-jahre-teil-4-die-these-der-effizienten-maerkte\/\" title=\"Keine Erholung ohne Strukturreformen? Beispiel Japan der 1990er Jahre \u2013 Teil 4: die These der effizienten M\u00e4rkte \u203a \u00d6konomie und Sport\" target=\"_blank\">vierten Teil<\/a> dieser Serie hatten wir festgestellt, dass in der Verbindung zwischen der Struktur der Wirtschaft und dem Wirtschaftswachstum die weniger marktorientierten Volkswirtschaften deutlich besser als die st\u00e4rker marktorientierten abschnitten.<\/p>\n<p><Center><a title=\"Shinkansen E2 at Tokyo Station by contri from Yonezawa-Shi, Yamagata, Japan (DSCN3487.JPG  Uploaded by russavia) [CC BY-SA 2.0 (http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/2.0)], via Wikimedia Commons\" href=\"http:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File%3AShinkansen_E2_at_Tokyo_staiton.jpg\"><img decoding=\"async\" width=\"412\" alt=\"Shinkansen E2 at Tokyo station\" src=\"\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/9\/96\/Shinkansen_E2_at_Tokyo_staiton.jpg\/512px-Shinkansen_E2_at_Tokyo_staiton.jpg\"\/><\/a><\/Center><\/p>\n<p>Auch bei dieser Betrachtungsweise als Form der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Komparative_Statik\" title=\"Komparative Statik \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\">komparativen Statik<\/a> bleibt demnach die Forderung nach Strukturreformen zur L\u00f6sung der Rezession im Japan der 1990er Jahre weiterhin unbegr\u00fcndet. Eine zweite Hypothese im Sinne der neoliberalen Effizienztheorie hat stattdessen die dynamische Performance der Wirtschaft im Auge.<\/p>\n<p><b>Teil 5: F\u00fchren Deregulierung und Liberalisierung zu mehr Wachstum?<\/b><br \/>\nEs gilt also die Frage zu kl\u00e4ren, inwieweit sich Strukturreformen auf die Wirtschaftsleistung auswirken. Dies ist nat\u00fcrlich eines der Hauptargumente der g\u00e4ngigen orthodoxen Ansichten: Strukturver\u00e4nderungen hin zu mehr unreglementierten M\u00e4rkten werden das wirtschaftliche Wachstum erh\u00f6hen.<\/p>\n<p><!--more Weiterlesen...--><\/p>\n<p>Doch wie wir bereits festgestellt haben, halten viele Glaubenss\u00e4tze der Neoklassik dem Zusammentreffen mit der Empirie nicht stand. So sollten wir auch diese Theorie auf den Pr\u00fcfstand stellen.<\/p>\n<p>Hierbei wollen wir uns auf die Daten von Japans Nachkriegserfahrung bis hin zu der besagten Dekade zwischen 1990 und 2000 beschr\u00e4nken. Nach dieser Phase war es vor allem das Kabinett der Regierung <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Jun%E2%80%99ichir%C5%8D_Koizumi\" title=\"Jun\u2019ichir\u014d Koizumi \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\">Koizumi<\/a>, welches den Ruf nach tiefgreifenden Strukturreformen erneut hervorbrachte. Doch diese Forderungen waren nicht wirklich neu im Land der aufgehenden Sonne. W\u00e4hrend der 1990er Jahre hielten sowohl die Regierungen <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ry%C5%ABtar%C5%8D_Hashimoto\" title=\"Ry\u016btar\u014d Hashimoto \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\">Hashimoto<\/a> als auch <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Morihiro_Hosokawa\" title=\"Morihiro Hosokawa \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\">Hosokawa<\/a> \u00e4hnliche Strukturreform-Agenden f\u00fcr unabdingbar.<\/p>\n<p>Geht man weiter in der japanischen Geschichte zur\u00fcck, so f\u00e4llt auf, dass seit 1970 oft unter dem unmittelbaren Druck der Amerikaner eine erhebliche und sehr weitreichende Strukturver\u00e4nderung durchgef\u00fchrt worden ist. Demnach wurde schon vor der Regierungszeit von Premier Koizumi schrittweise an einer Deregulierung der japanischen Wirtschaft gearbeitet. Wenn auch die Reformen zwar meistens nur langsam und selten zur vollen Zufriedenheit der US-Unterh\u00e4ndler durchgef\u00fchrt wurden, so bleibt trotzdem die Feststellung, dass Japan seitdem allm\u00e4hlich auf einen Kurs der Strukturver\u00e4nderungen umschwenkte.<\/p>\n<p>Da diese Reformen anfangs vor allem auf einzelne Sektoren beschr\u00e4nkt blieben und damit vor allem branchenspezifische Auswirkungen hatten, lassen sich ihre Wirksamkeit und ihre sonstigen Folgen f\u00fcr die Gesamtwirtschaft nur schwer ermitteln. <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Richard_A._Werner\" title=\"Richard A. Werner \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\">Richard Werner<\/a> fand allerdings \u00fcber den Umweg der Anzahl der Kartelle, einem der wichtigsten Kritikpunkte der amerikanischen \u00d6konomen an der urspr\u00fcnglichen Verfassung der japanischen Wirtschaft nach dem Ende des 2. Weltkriegs, eine M\u00f6glichkeit, um den st\u00e4ndig voranschreitenden Prozess der Strukturreformen messen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Mit dem Voranschreiten der Entwicklung zu immer mehr &#8222;freien M\u00e4rkten&#8220; sank auch die Anzahl der Kartelle und Monopole, so dass folgende Hypothese zur \u00dcberpr\u00fcfung des &#8222;Erfolgs&#8220; der Strukturreformen herangezogen werden kann: sollte die Idee der verbesserten wirtschaftlichen Leistung durch mehr Privatisierung, Liberalisierung und damit der Zerschlagung von Kartellen tats\u00e4chlich positive Auswirkungen haben, so m\u00fcsste es logischerweise eine direkte Korrelation zwischen diese Variablen geben. Demnach f\u00fchren weniger Kartelle zu mehr Wachstum, w\u00e4hrend ein Anwachsen der Monopole mit einer geringeren Konjunkturentwicklung verbunden w\u00e4re.   <\/p>\n<p>Doch auch bei diesem Test entspricht die Empirie leider nicht den Vorstellungen der neoliberalen Ideologen. Gleichzeitig  mit dem Anstieg auf die gr\u00f6\u00dfte Anzahl an Kartellen nach dem Krieg erreichte auch das wirtschaftliche Wachstum in Japan um 1966 seinen H\u00f6chststand. Im Zuge der Einf\u00fchrung von Strukturreformen und des Umschwungs der urspr\u00fcnglich gelenkten japanischen Wirtschaft hin zu einem System der weitgehend freien &#8222;Marktprozesse&#8220; sank auch die Anzahl der Kartelle und Monopole immer weiter, bis zur v\u00f6lligen Zerschlagung nahezu aller Syndikate in den 1990er Jahren. Parallel zu dieser Entwicklung schmolz allerdings auch die Wachstumsrate  der japanischen Wirtschaft immer mehr dahin. <\/p>\n<p>Gem\u00e4\u00df der neoklassischen Effizienztheorie h\u00e4tte aber genau das Gegenteil eintreten m\u00fcssen. Nach den auch heute immer wieder aufgenommenen Thesen der Strukturreformer m\u00fcsste mit dem fr\u00fchen Anstieg der Monopole in den 1950ern und 1960ern das Wachstum sp\u00fcrbar nachgelassen haben, w\u00e4hrend es danach gem\u00e4\u00df dem gedachten Sinn der durchgef\u00fchrten Ma\u00dfnahmen mit dem Verschwinden der Kartelle h\u00e4tte zunehmen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>So aber beweisen die empirischen Belege auch hier die Nichtigkeit der Theorie, dass Strukturreformen das Wirtschaftswachstum beschleunigen w\u00fcrden. Die Tatsachen legen stattdessen den entgegengesetzten Schluss nahe: die gr\u00f6\u00dfere Marktorientierung f\u00fchrt zu niedrigerem Wachstum und eine Abkehr von den M\u00e4rkten zu einer besseren Konjunkturentwicklung. Die japanische Wirtschaft lieferte zweistellige Wachstumszahlen, als es noch \u00fcber 1.000 Kartelle gab, nach ihrer Abschaffung sank auch die Performance fast auf den Nullpunkt.<\/p>\n<p><b>Fazit: Die These der angeblich so notwendigen Strukturreformen war damals in Japan nicht haltbar und ist es auch heute nicht<\/b><br \/>\nZum Abschluss dieser Serie m\u00fcssen wir aufgrund der breiten Untersuchung und ihrer empirischen Ergebnisse festhalten, dass es keinerlei Beweise daf\u00fcr gab, dass Japan in den 1990ern Strukturreformen ben\u00f6tigte, um ein h\u00f6heres Wirtschaftswachstum zu erzielen. <\/p>\n<p>Die Angebotstheoretiker argumentierten damit, dass der Ausfall von Zins-Interventionen, fiskalischer Stimulation und der W\u00e4hrungsinterventionspolitik bewiesen h\u00e4tten, dass prozyklische Ma\u00dfnahmen gescheitert w\u00e4ren. Jedoch zeigten die obigen Ergebnisse eindeutig an, dass nahezu nur die Probleme auf der Nachfrageseite die Hauptursachen f\u00fcr die Rezession darstellten. <\/p>\n<p>Und auch aus heutiger Sicht muss das Ergebnis jedweder Untersuchung \u00fcber die Notwendigkeit von Strukturreformen negativ sein, wenn die Ursachen f\u00fcr das Entstehen der Krise haupts\u00e4chlich auf der Nachfrageseite zu finden sind. \u00dcberbordende Massenarbeitslosigkeit, nicht ausgelastete Kapazit\u00e4ten, stagnierende oder sinkende L\u00f6hne und Geh\u00e4lter sowie eine niedrige Inflation (oder gar Deflation) sind genug Indizien, um die Forschungsergebnisse \u00fcber die japanische Rezession der 1990er Jahre auch auf die Gegenwart anwenden zu k\u00f6nnen. <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im vierten Teil dieser Serie hatten wir festgestellt, dass in der Verbindung zwischen der Struktur der Wirtschaft und dem Wirtschaftswachstum die weniger marktorientierten Volkswirtschaften deutlich besser als die st\u00e4rker marktorientierten abschnitten. 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