{"id":692645,"date":"2015-03-14T00:46:57","date_gmt":"2015-03-13T23:46:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/?p=692645"},"modified":"2016-09-21T07:08:22","modified_gmt":"2016-09-21T05:08:22","slug":"keine-erholung-ohne-strukturreformen-beispiel-japan-der-1990er-jahre-teil-4-die-these-der-effizienten-maerkte","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/keine-erholung-ohne-strukturreformen-beispiel-japan-der-1990er-jahre-teil-4-die-these-der-effizienten-maerkte\/","title":{"rendered":"Keine Erholung ohne Strukturreformen? Beispiel Japan der 1990er Jahre &#8211; Teil 4: die These der effizienten M\u00e4rkte"},"content":{"rendered":"<p>In den Teilen <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/keine-erholung-ohne-strukturreformen-beispiel-japan-der-1990er-jahre-teil-1-einleitung\/\" title=\"Keine Erholung ohne Strukturreformen? Beispiel Japan der 1990er Jahre \u2013 Teil 1: Einleitung \u203a \u00d6konomie und Sport\" target=\"_blank\">Eins<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/keine-erholung-ohne-strukturreformen-beispiel-japan-der-1990er-jahre-teil-2-die-neoliberale-wachstumstheorie\/\" title=\"Keine Erholung ohne Strukturreformen? Beispiel Japan der 1990er Jahre \u2013 Teil 2: Die neoliberale Wachstumstheorie \u203a \u00d6konomie und Sport\" target=\"_blank\">Zwei<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/keine-erholung-ohne-strukturreformen-beispiel-japan-der-1990er-jahre-teil-3-mangel-an-produktionsfaktoren\/\" title=\"Keine Erholung ohne Strukturreformen? Beispiel Japan der 1990er Jahre \u2013 Teil 3: Mangel an Produktionsfaktoren? \u203a \u00d6konomie und Sport\" target=\"_blank\">Drei<\/a> dieser Serie haben wir festgestellt, dass auch die neoklassische Wachstumstheorie nicht als Rechtfertigung f\u00fcr Strukturreformen als L\u00f6sung f\u00fcr die Rezession im Japan der 1990er Jahre herangezogen werden kann.<\/p>\n<p><Center><a title=\"The Nagasaki shipyard at night, Nagasaki, Japan von mrhayata aus Tokyo, Japan (Flickr) [CC BY-SA 2.0 (http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/2.0)], via Wikimedia Commons\" href=\"http:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File%3ANight_Nagasaki_shipyard.jpg\"><img decoding=\"async\" width=\"412\" alt=\"Night Nagasaki shipyard\" src=\"\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/f\/f3\/Night_Nagasaki_shipyard.jpg\/512px-Night_Nagasaki_shipyard.jpg\"\/><\/a><\/Center><\/p>\n<p>Warum aber sollte dann \u00fcberhaupt ein Land mittels Privatisierung, Deregulierung, Liberalisierung seine Wirtschaftsstruktur ver\u00e4ndern und neoliberale M\u00e4rkte schaffen?<\/p>\n<p><b>Teil 4: Analyse der These der effizienten M\u00e4rkte<\/b><br \/>\nEinen weiteren Ansatzpunkt f\u00fcr eine m\u00f6gliche Beantwortung dieser Frage bildet die neoklassische Effizienztheorie als Grundlage der sogenannten <a href=\"http:\/\/wirtschaftslexikon.gabler.de\/Definition\/wohlfahrtsoekonomik.html\" title=\"Definition \u00bb Wohlfahrts\u00f6konomik \u00ab | Gabler Wirtschaftslexikon\" target=\"_blank\">Wohlfahrts\u00f6konomik<\/a>. Diese baut auf einem Satz von speziellen Annahmen auf, nach denen die Wettbewerbsf\u00e4higkeit einer Volkswirtschaft <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/w\/index.php?title=Pareto-Optimum&#038;redirect=no\" title=\"Pareto-Optimum \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\">pareto-effizient<\/a> ist. <\/p>\n<p>Zu diesen Annahmen geh\u00f6ren die  perfekte Information aller Wirtschaftssubjekte, stets perfekte und komplette M\u00e4rkte, der Wegfall jeglicher Transaktionskosten und -geb\u00fchren sowie das Nichtauftreten <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Externer_Effekt\" title=\"Externer Effekt \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\">externer Effekte<\/a>. Nur unter diesen Bedingungen k\u00f6nnen Eingriffe, beispielsweise durch die Regierung, die <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ressourcenallokation\" title=\"Ressourcenallokation \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\">allokative<\/a> Effizienz beeintr\u00e4chtigen.<\/p>\n<p><!--more Weiterlesen...--><\/p>\n<p>Zu keinem Zeitpunkt w\u00e4hrend der gesamten Nachkriegszeit glich Japans \u00d6konomie einer solchen neoliberalen Wirtschaft. Im Gegenteil gab es bis zum Ende der 1980er Jahre eine Wirtschaftsstruktur mit eingeschr\u00e4nkten und unvollst\u00e4ndigen Kapitalm\u00e4rkten, die das Vertrauen der Unternehmen in Bankfinanzierungen verst\u00e4rkten, dagegen nur geringen Einfluss der Aktion\u00e4re, eine gro\u00dfe Anzahl von staatlichen Vorschriften bis hin zu direkten Regierungsinterventionen sowie eine gro\u00dfe Anzahl von formellen und informellen Kartellen, die das &#8222;Spiel der freien M\u00e4rkte&#8220; erheblich begrenzten.<\/p>\n<p>Ferner verhinderten unflexible Arbeitsm\u00e4rkte, in denen viele Vollzeitkr\u00e4fte in gro\u00dfen Firmen eine enorme Arbeitsplatzsicherheit, Bef\u00f6rderungen aufgrund der Betriebszugeh\u00f6rigkeit sowie die spezielle Vertretung durch eigene Unternehmensgewerkschaften &#8222;genossen&#8220;, die Weitergabe des Wettbewerbsdrucks auf die Besch\u00e4ftigung.<\/p>\n<p>F\u00fcr einen neoklassischen \u00d6konom legen diese enormen Marktbeeintr\u00e4chtigungen aufgrund seines oben beschriebenen Theorieaufbaus den logischen Schluss nahe, dass eine solche Wirtschaft, wie es die japanische w\u00e4hrend dieser Dekade war, nat\u00fcrlich nicht effizient sein kann. F\u00fcr ihn sind dann grundlegende Strukturreformen, mit denen man sich klar in Richtung freier und unreglementierter M\u00e4rkte orientiert, die erste Wahl bei der Krisenbek\u00e4mpfung. Denn, so legt es ihm seine Ideologie nahe, nur eine \u00d6konomie, der man mehr Spielraum f\u00fcr ungehindertes Wirtschaften gibt, wird besser funktionieren und effizienter sein und so auch mehr Wachstum hervorbringen.  <\/p>\n<p>Dieser Ansatz soll nun anhand zweier Hypothesen auf seine Wirksamkeit \u00fcberpr\u00fcft werden. Dabei pr\u00fcfen wir zuerst die Verbindung zwischen der Struktur der Wirtschaft und dem Wirtschaftswachstum. Danach kl\u00e4ren wir, ob und wie sich Reformen, die die Funktion der freien M\u00e4rkte erh\u00f6hen, auf die Konjunkturentwicklung auswirken.<\/p>\n<p><b>\u00dcberlegenheit der angels\u00e4chsischen Marktwirtschaften?<\/b><br \/>\nBei der Pr\u00fcfung der Verbindung zwischen der Wirtschaftsstruktur Japans und seiner gesamtwirtschaftlichen Leistung ist ein Vergleich mit anderen L\u00e4ndern n\u00fctzlich. Es existieren in der Tat einige gro\u00dfe Volkswirtschaften, die \u00e4hnliche Wirtschaftsstrukturen wie Japan haben und es gibt auch einige Staaten, deren \u00f6konomische Struktur mehr dem marktorientiertem Modell der neoklassischen Wohlfahrts\u00f6konomie \u00e4hnelt.<\/p>\n<p>In der Nachkriegszeit haben die japanischen und koreanischen Wirtschaftssysteme beispielsweise viele Gemeinsamkeiten mit der Struktur der deutschen Wirtschaft geteilt, einschlie\u00dflich unvollst\u00e4ndiger Kapitalm\u00e4rkte, Abh\u00e4ngigkeit von Bankfinanzierungen, ein Fehlen eines flexiblen Arbeitsmarktes sowie das Vorhandensein von Kartellen und einer Vielzahl von Regierungsvorschriften. <\/p>\n<p>Auf der anderen Seite waren die britische und amerikanische Volkswirtschaft im gleichen Zeitraum stark gepr\u00e4gt von der Unterst\u00fctzung freier M\u00e4rkte in Form von Deregulierung, Liberalisierung und Privatisierung, w\u00e4hrend ihre Finanzsysteme sich sehr viel mehr an den Aktienm\u00e4rkten und dem Einfluss der &#8222;Shareholder&#8220; orientierten.<\/p>\n<p>Folgt man den neoliberalen Ans\u00e4tzen, so m\u00fcsste die Untersuchung ein klares Resultat ergeben: die Wirtschaftsstruktur der &#8222;Wohlfahrts\u00f6konomien&#8220;, wie sie damals in Japan, Korea und auch Deutschland vorherrschten, h\u00e4tte weniger gute wirtschaftliche Leistungen hervorbringen sollen als die der USA und Gro\u00dfbritanniens, die ja den theoretischen Pr\u00e4missen f\u00fcr wirtschaftliche Effizienz sehr viel mehr entsprach.<\/p>\n<p>Doch entspricht diese Annahme tats\u00e4chlich der Wirklichkeit? Um das herauszufinden, untersuchen wir die effektiven Wachstumsraten der betroffenen Staaten \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum, damit kurzfristige zyklische Entwicklungen das Bild nicht tr\u00fcben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Zwischen 1950 und 2000 betrug das Wirtschaftswachstum der USA und Gro\u00dfbritanniens gemessen an der durchschnittlichen Zunahme des realen Bruttosozialproduktes (BSP) im Mittel respektable 3,2 bzw. 2,4 %. Sollte die neoklassische Effizienztheorie zutreffend sein, so m\u00fcssten Japan, Korea und Deutschland als nicht &#8222;pareto-optimale&#8220; Volkswirtschaften f\u00fcr diesen Zeitraum ein eindeutig geringeres Wachstum vorweisen.<\/p>\n<p>Doch die Empirie h\u00e4lt sich (wieder einmal) nicht an \u00f6konomische Glaubensbekenntnisse: entgegen der Vermutung erreichten die drei &#8222;regulierten&#8220; L\u00e4nder in dem Betrachtungszeitraum einen erheblich h\u00f6heren realen Zuwachs. In Japan stieg das BSP um 6,3 %, fast doppelt soviel wie in Amerika und nahezu das Dreifache der britischen Wachstumsrate.<\/p>\n<p>Trotz einer in der gesamten Nachkriegszeit geltenden Einschr\u00e4nkung der freien M\u00e4rkte durch Staatsregulierungen, Kartelle, Eingriffe in die Arbeitsm\u00e4rkte und eines geringen Einflusses der Aktion\u00e4re erreichten sowohl Korea (mit \u00fcber 7 % Wachstum) als auch Deutschland (4 %) ein durchschnittlich h\u00f6heres Wirtschaftswachstum als die beiden angels\u00e4chsischen Staaten.<\/p>\n<p>Dies bedeutet, dass die empirischen Fakten nicht die Behauptung der neoklassischen Effizienztheorie unterst\u00fctzen. Im Gegenteil, die Tatsache, dass die eher weniger auf unregulierte M\u00e4rkte ausgerichteten Volkswirtschaften in einem so gewaltigen Zeitraum ein so viel h\u00f6heres Wachstum des BSPs abliefern konnten, erfordert eine offensichtlich andere Erkl\u00e4rung, insbesondere auch deshalb, weil sich z. B. Japan im letzten Jahrzehnt dieser Phase in einer gro\u00dfen Rezession befand.<\/p>\n<p>Wenn \u00fcberhaupt, so muss also angenommen werden, dass die Wirklichkeit der Tatsachen weitere Forschungen n\u00f6tig machen, um herauszufinden, warum die weniger marktorientierten Volkswirtschaften deutlich besser als die st\u00e4rker marktorientierten abschnitten. Auch bei dieser Betrachtungsweise bleibt demnach die Forderung nach Strukturreformen weiterhin unbegr\u00fcndet.<\/p>\n<p>In <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/keine-erholung-ohne-strukturreformen-beispiel-japan-der-1990er-jahre-letzter-teil-kartelle-und-wachstum\/\" target=\"_blank\">Teil 5<\/a> dieser Reihe soll nun anhand der wirtschaftlichen Performance gekl\u00e4rt werden, ob sich Strukturver\u00e4nderungen positiv oder negativ auf das Wirtschaftswachstum der Staaten auswirkten. <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den Teilen Eins, Zwei und Drei dieser Serie haben wir festgestellt, dass auch die neoklassische Wachstumstheorie nicht als Rechtfertigung f\u00fcr Strukturreformen als L\u00f6sung f\u00fcr die Rezession im Japan der 1990er Jahre herangezogen werden kann. Warum aber sollte dann \u00fcberhaupt<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[33,42,24,16,15,32,29,18],"class_list":["post-692645","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-oekonomie","tag-deflation","tag-gewerkschaft","tag-globalisierung","tag-lohnstueckkosten","tag-produktivitaet","tag-schulden","tag-sparen","tag-wirtschaft"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/692645","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=692645"}],"version-history":[{"count":24,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/692645\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":989850,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/692645\/revisions\/989850"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=692645"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=692645"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=692645"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}