{"id":6514563,"date":"2017-11-16T07:30:09","date_gmt":"2017-11-16T06:30:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/?p=6514563"},"modified":"2024-09-20T11:06:18","modified_gmt":"2024-09-20T09:06:18","slug":"die-sieben-todsuenden-der-wirtschaftswissenschaften","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/die-sieben-todsuenden-der-wirtschaftswissenschaften\/","title":{"rendered":"Die sieben Tods\u00fcnden der Wirtschaftswissenschaften"},"content":{"rendered":"<p>Es gab immer schon ein gewisses Ma\u00df an Skepsis gegen\u00fcber der F\u00e4higkeit der \u00d6konomen, aussagekr\u00e4ftige Vorhersagen und Prognosen \u00fcber wirtschaftliche und soziale Ph\u00e4nomen anzubieten. <\/p>\n<p><center><a title=\"Leerstehende Filiale der Washington Mutual von Xnatedawgx (Eigenes Werk) [CC BY-SA 3.0 (https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0) oder GFDL (http:\/\/www.gnu.org\/copyleft\/fdl.html)], via Wikimedia Commons\" href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File%3AFormerTexacoCarl'sJr.jpg\"><img decoding=\"async\" width=\"312\" alt=\"FormerTexacoCarl&#039;sJr\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/0\/0d\/FormerTexacoCarl%27sJr.jpg\"\/><\/a><br \/>\n<em>Leerstehende Filiale der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Washington_Mutual\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Washington Mutual<\/a> nach der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Finanzkrise_ab_2007\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Finanzkrise 2007<\/a><\/em><\/center><\/p>\n<p>Diese Skepsis hat sich im Zuge der globalen Finanzkrise noch verst\u00e4rkt und f\u00fchrte zu der wohl gr\u00f6\u00dften Glaubw\u00fcrdigkeitskrise, mit der sich diese Disziplin in der modernen Welt konfrontiert sah. Einiges an der Kritik gegen die \u00d6konomen ist zwar fehlgeleitet, doch in ihrer Hauptrichtung hat sie durchaus Biss.<\/p>\n<p><!--more Weiterlesen...--><\/p>\n<p>Es existieren sieben Schl\u00fcsselversagen oder die &#8222;sieben Tods\u00fcnden&#8220;, wie man sie auch nennen k\u00f6nnte, die die Wirtschaftswissenschaftler in ihre derzeit missliche Situation gef\u00fchrt haben. Dazu geh\u00f6ren selbstverschuldete S\u00fcnden als auch Vers\u00e4umnisse durch Unterlassung.<\/p>\n<p><b>S\u00fcnde 1: Annahmen wie bei Alice im Wunderland<\/b><\/p>\n<p>Das Problem mit den \u00d6konomen ist nicht, dass sie Annahmen machen. Immerhin muss jede Theorie oder jedes Modell auf die Vereinfachung von Annahmen angewiesen sein &#8230; doch wenn fragw\u00fcrdige Annahmen nur deshalb gemacht werden, um an sich gut identifizierte Komplexit\u00e4ten bei der Suche nach eleganten Theorien zu umgehen, werden solche Theorien am Ende schlicht nur Phantasien sein.<\/p>\n<p><b>S\u00fcnde 2: Missbrauch der Modellierung<\/b><\/p>\n<p>Der Problematik der wilden Annahmen folgt meistens die S\u00fcnde einer sorglosen Modellierung, die dann auch noch so verkauft werden, als ob sie eine wahre Darstellung einer Wirtschaft oder Gesellschaft darstellen w\u00fcrden&#8230;<\/p>\n<p><b>S\u00fcnde 3: Intellektuelle Unbeweglichkeit<\/b><\/p>\n<p>Mehrere Nach-Krisen-Einsch\u00e4tzungen von Wirtschaftspolitik und \u00f6konomischer Wissenschaft haben auf die intellektuelle Eingeschr\u00e4nktheit als einen wichtigen Grund hingewiesen, warum die \u00f6konomische Lehre als Ganzes dabei versagte, die Alarmglocken zu Problemen in der Weltwirtschaft zu vernehmen und M\u00e4ngel in der modernen Wirtschaftsarchitektur hervorzuheben&#8230;<\/p>\n<p><b>S\u00fcnde 4: Die wissenschaftliche Besessenheit<\/b><\/p>\n<p>Die \u00fcbertriebene Obsession in dieser Disziplin, sich unbedingt als Wissenschaft zu identifizieren, war \u00e4u\u00dferst kostspielig. Das hat zu einer gef\u00e4hrlichen Suche nach einer Standardisierung in der Profession gef\u00fchrt, die viele \u00d6konomen dazu veranlasste, ein Modell der Wirtschaft mit dem wirklichen &#8222;Modell&#8220; des Wirtschaftssystems zu verwechseln&#8230;<\/p>\n<p>Diese wissenschaftliche Zwangsvorstellung hat die Vielfalt in der \u00d6konomie verringert und damit gleichzeitig auch die Selbstzufriedenheit im Vorfeld der globalen Finanzkrise verst\u00e4rkt&#8230;<\/p>\n<p><b>S\u00fcnde 5: Das Aufrechterhalten des Lehrbuch- bzw. <a href=\"https:\/\/www.economystudies.com\/adapt-econ101\/#:~:text=Introductory%20courses%20in%20economics%2C%20often,decades%20have%20tended%20to%20do.\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Econ 101<\/a>-Mythos<\/b><\/p>\n<p>Die Suche nach Standardisierung hat auch zu einer erstaunlichen Ebene der Einheitlichkeit in der Art und Weise gef\u00fchrt, in der \u00d6konomen ausgebildet werden und wie sie andere ausbilden. Im Mittelpunkt dieser Wahrnehmung stehen die Lehrb\u00fccher, die weiterhin unbeirrt die &#8218;Econ 101&#8216;-Lektionen vermitteln &#8211; v\u00f6llig abgehoben von der Realit\u00e4t und den derzeitig erforschten Grenzen der Wirtschaftsanalytik&#8230;<\/p>\n<p><b>S\u00fcnde 6: Die Gesellschaft ignorieren<\/b><\/p>\n<p>Was Econ 101 und eine Menge von Mainstream-\u00d6konomie besonders einschr\u00e4nkt, ist ihre Vernachl\u00e4ssigung der Rolle der Kultur und der sozialen Normen bei der Bestimmung der \u00f6konomischen Ergebnisse, obwohl selbst klassische \u00d6konomen wie Adam Smith und Karl Marx immer wieder betonten darauf zu achten, wie soziale Normen und soziale Interaktionen wirtschaftliche Resultate gestalten&#8230;<\/p>\n<p>\u00d6konomen besch\u00e4ftigen sich in der Regel nicht mit anderen Sozialwissenschaften, obwohl Einsichten aus diesen Disziplinen einen direkten Einfluss auf die Themen der \u00f6konomischen Recherche haben&#8230;<\/p>\n<p><b>S\u00fcnde 7: Die Geschichte ignorieren<\/b><\/p>\n<p>Ein Weg, mit dem \u00d6konomen das fehlende Engagement in anderen Sozialwissenschaften kompensieren k\u00f6nnten, w\u00e4re das Studium der Wirtschaftsgeschichte. Immerhin kann uns dieses Studium helfen die sozialen und institutionellen Kontexte zu verstehen, in denen bestimmte Wirtschaftsmodelle funktionierten oder auch nicht&#8230;<\/p>\n<p>Doch die Wirtschaftsgeschichte ist in den vergangenen Jahren auf das absolute Minimum reduziert worden, und viele Absolventinnen und Absolventen sind mit dem Thema weiterhin noch nicht wirklich vertraut.<\/p>\n<p><em>(eigene \u00dcbersetzung eines <a href=\"https:\/\/rwer.wordpress.com\/2017\/09\/26\/seven-sins-of-economics\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Blogbeitrages<\/a> des schwedischen \u00d6konomen <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Lars_P%C3%A5lsson_Syll\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Lars Syll<\/a>)<\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gab immer schon ein gewisses Ma\u00df an Skepsis gegen\u00fcber der F\u00e4higkeit der \u00d6konomen, aussagekr\u00e4ftige Vorhersagen und Prognosen \u00fcber wirtschaftliche und soziale Ph\u00e4nomen anzubieten. 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