{"id":6458160,"date":"2017-10-15T07:30:34","date_gmt":"2017-10-15T05:30:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/?p=6458160"},"modified":"2026-04-14T14:51:32","modified_gmt":"2026-04-14T12:51:32","slug":"die-globalen-kosten-des-fiskalischen-koordinierungsversagens-der-eurozone-2012","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/die-globalen-kosten-des-fiskalischen-koordinierungsversagens-der-eurozone-2012\/","title":{"rendered":"Die globalen Kosten des fiskalischen Koordinierungs-versagens der Eurozone 2012"},"content":{"rendered":"<p>Die L\u00e4nder der Eurozone haben in den Jahren 2011, 2012 und 2013 insgesamt zu viele fiskalische Anpassungen vorgenommen. Deutschland trat im Jahr 2012 in die Konsolidierung ein und f\u00fcgte der Eurozone sowie der ganzen Welt weiteren Schaden zu.<\/p>\n<p><Center><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/static.cfr.org\/sites\/default\/files\/styles\/large_s\/public\/image\/2017\/09\/eurozone-nx-contributions.png\" width=\"500\" alt=\"\" \/><br \/>\n<em>Netto-Exportbeitr\u00e4ge der einzelnen Staaten zum Wachstum in der Eurozone<\/em><\/Center><\/p>\n<p>Die Banque de France ver\u00f6ffentlichte in <a href=\"https:\/\/publications.banque-france.fr\/sites\/default\/files\/medias\/documents\/qsa46_summer-2017_web.pdf#page=19\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">ihrem Sommerbericht<\/a> einen interessanten kleinen Artikel. Sie argumentierte darin, dass die Eurozone zusammen zu viele fiskalische Konsolidierungsma\u00dfnahmen &#8211; wie z.B. Austerit\u00e4t; Budgetk\u00fcrzungen und Steuer-erh\u00f6hungen &#8211; zwischen 2011 und 2013 erlie\u00df.<\/p>\n<p><!--more Weiterlesen...--><\/p>\n<p>Und viel zu viel Haushaltskonsolidierung im Jahr 2012 betrieb:<\/p>\n<blockquote><p>\n&#8222;Die Konsolidierung zwischen 2011 und 2013, die auf der Gesamtver\u00e4nderung des prim\u00e4ren strukturellen Gleichgewichts des Staates beruhte, wurde nun von der Europ\u00e4ischen Kommission auf fast 2,9% des potenziellen BIP gesch\u00e4tzt &#8230; die steuerliche Anstrengung betrug im Jahr 2012 1,5 Prozentpunkte des BIP.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Bemerkenswert ist, dass die Konsolidierung nicht nur von den &#8222;schwachen&#8220; L\u00e4ndern getragen wurde, denen eigentlich der fiskalische Spielraum daf\u00fcr fehlte. Die &#8222;starken L\u00e4nder&#8220; mit offensichtlich vorhandenen fiskalen M\u00f6glichkeiten, vor allem Deutschland, schlossen sich dem an:<\/p>\n<blockquote><p>\n&#8222;Die Bem\u00fchungen waren in den Jahren 2012 und 2013 in Spanien und Italien \u00e4u\u00dferst bedeutend und in Deutschland (ein Prozentpunkt) und Frankreich (0,8 Prozentpunkt) bemerkenswert. Die Haushaltskonsolidierung im Jahr 2012 hat zu einem Zeitpunkt, in dem die Produktionsl\u00fccke mit -2,2% als signifikant gelten musste, einen erheblichen R\u00fcckgang der Nachfrage ausgel\u00f6st&#8230;&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Mit anderen Worten: Die Summe der nationalen Fiskalpolitiken hat eine viel zu starke Versch\u00e4rfung der Lage f\u00fcr die Eurozone als Ganzes hervorgebracht &#8211; viel heftiger als sie die EZB plausibel h\u00e4tte ausgleichen k\u00f6nnen (und es ist dabei nicht eindeutig, ob die EZB wirklich alles daf\u00fcr getan hatte, da sie die internen H\u00fcrden, die dem Start der QE entgegenstanden <a href=\"https:\/\/www.cfr.org\/blog\/g-3-coordination-failures-past-eight-years-riff-coeure-and-brainard\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">erst 2014 \u00fcberwinden konnte<\/a>).<\/p>\n<p>Die <a href=\"https:\/\/publications.banque-france.fr\/sites\/default\/files\/medias\/documents\/qsa46_summer-2017_web.pdf#page=19\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Banque de France<\/a> pr\u00e4sentierte zus\u00e4tzlich auch noch ein plausibles alternatives Szenario, das zumindest einen Teil der \u00fcberm\u00e4\u00dfigen Konsolidierung vermieden h\u00e4tte. Es schlug f\u00fcr 2012 vor:<\/p>\n<blockquote><p>\n&#8222;&#8230;eine Ver\u00e4nderung des strukturellen Saldos von 0,8 Prozentpunkt in Frankreich, Italien und Spanien sowie eine bescheidene fiskalische Expansion von 0,5 Prozentpunkten in Deutschland. Diese Annahmen f\u00fchren zu einer geringeren Gesamtkonsolidierung um 1,1 Prozentpunkte des BIP in den vier gr\u00f6\u00dften europ\u00e4ischen L\u00e4ndern.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Ein langsamerer Konsolidierungspfad in Frankreich, Spanien und Italien sowie eine kompensierende Fiskalausweitung in Deutschland h\u00e4tten die Gesamtfinanzkonsolidierung im Jahr 2012 von 1,5 Prozentpunkten des BIPs der Eurozone auf 0,4 Prozentpunkte reduziert, was zu einer deutlich geringeren Belastung der Inlandsnachfrage gef\u00fchrt h\u00e4tte. Und die Bank schlug weiterhin auch eine bescheidenere Konsolidierung f\u00fcr das Jahr 2013 vor &#8211; limitiert auf nur 0,2 Prozent des BIPs der Eurozone.<\/p>\n<p>Ich pers\u00f6nlich denke, das dieses alternative Szenario (fiskalisch) noch zu konservativ ausf\u00e4llt. Auch Frankreich h\u00e4tte die Konsolidierung noch verz\u00f6gern k\u00f6nnen, selbst wenn die franz\u00f6sische Zentralbank das nicht so direkt sagen will.<\/p>\n<p>Doch der Schl\u00fcssel ist der, dass Deutschland konsolidierte, als es das eindeutig nicht h\u00e4tte tun sollen. Diese Ma\u00dfnahmen dr\u00fcckten die deutsche Produktion eindeutig unter ihr Gesamtpotenzial und machten den unmittelbaren Nachbarn das Leben unn\u00f6tig schwieriger. Und das alles zu einer Zeit, als das Handeln des Rests der Eurozone bereits einen negativen Schock f\u00fcr die weltweite Nachfrage bedeutete.<\/p>\n<p>Martin Sandbu, Wirtschaftskolumnist der \u00abFinancial Times\u00bb, hatte allerdings zutreffend angemerkt, dass sich der Handelsbilanz\u00fcberschuss Deutschlands mit dem Rest der Welt schon seit etwa 2013 nicht ver\u00e4ndert hat. Er argumentiert weiter, dass ein gro\u00dfer, aber konstanter deutscher \u00dcberschuss in dieser Zeit keinen gro\u00dfen Einfluss auf seine Handelspartner gehabt habe. <\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde dies nicht so sehen &#8211; denn ein fortw\u00e4hrender Handels\u00fcberschuss bedeutet, dass andere L\u00e4nder kontinuierlich eine Nachfrage \u00fcber ihre Produktion hinaus generieren m\u00fcssen (und mehr importieren m\u00fcssen als sie selbst exportieren) und das kann dann schon eine erhebliche Herausforderung sein (oder weniger diplomatisch ausgedr\u00fcckt, es ist \u00fcberhaupt nur m\u00f6glich, wenn andere L\u00e4nder st\u00e4ndig fiskalische Defizite einfahren oder sich auf andere Weise \u00fcbernehmen, ein konstantes Defizit bedeutet dann auch oft einen wachsenden Schuldenstand). Und ja, es w\u00e4re schon gut, wenn ein R\u00fcckgang des deutschen \u00dcberschusses einen positiven Schock f\u00fcr die weltweite Nachfrage darstellen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Doch die Sandbu-Verteidigung (klingt eher wie ein Schachzug) kann f\u00fcr das Jahr 2012 \u00fcberhaupt nicht zutreffen. Cole Frank und ich haben den Beitrag der Nettoexporte auf das gesamte Euro-W\u00e4hrungswachstum nach L\u00e4ndern aufgeteilt (siehe obige Grafik), und fanden dabei heraus, dass Deutschland damals die Nettoexporte nur f\u00fcr das eigene Wachstum in Anspruch genommen hatte.<\/p>\n<p>Mathematisch kann ein zus\u00e4tzlicher Beitrag zu den Nettoexporten entweder aus einem R\u00fcckgang der Importe resultieren (der Rest der Welt tr\u00e4gt dabei die Qualen mit, so dass die eigene Produktion auf weniger als die Inlandsnachfrage f\u00e4llt) oder durch einen Anstieg der Exporte. F\u00fcr den Gro\u00dfteil des restlichen Euroraums ergab sich der Anteil an den Nettoexporten aus einem R\u00fcckgang der Importe. Aber f\u00fcr Deutschland war es der Anstieg der Exporte &#8211; als Deutschland den R\u00fcckgang der der Binnenmarktnachfrage in der Eurozone durch den erh\u00f6hten Export in die restliche Welt ausglich.<\/p>\n<p>Mit anderen Worten: Eine unn\u00f6tige Konsolidierung in Deutschland &#8211; und eine \u00fcberm\u00e4\u00dfige Konsolidierung in der Eurozone &#8211; hat die Eurozone nicht nur in eine tiefere Rezession getrieben, sondern auch die Weltwirtschaft insgesamt verlangsamt. Der Rest der Welt war deshalb damals in der Nachfrage eingeschr\u00e4nkt &#8211; Deutschlands steigender \u00dcberschuss bedeutete daher weniger Wachstum an anderer Stelle.<\/p>\n<p>Dann gibt es aber auch noch einen zweiten Punkt, der f\u00fcr das Hier und jetzt ebenso wichtig ist wie die Argumente aus der Vergangenheit. Denn heute ist, wie es Sandbu richtig betont hat, die Finanzpolitik der Eurozone die Summe der Fiskalpolitiken ihrer gro\u00dfen Mitgliedsstaaten. <\/p>\n<p>Das k\u00f6nnte sich \u00e4ndern, mit einem gro\u00dfen Euro-Haushalt und einem Euro-Finanz-Ministerium, welches dann eine echte Kapazit\u00e4t zur Kreditaufnahme h\u00e4tte. Doch die Chancen daf\u00fcr stehen schlecht (siehe auch <a href=\"https:\/\/www.ft.com\/content\/b8a0c2a4-3724-11e7-bce4-9023f8c0fd2e\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Martin Wolf<\/a> und andere). <\/p>\n<p>So bleibt der Schl\u00fcssel f\u00fcr die richtige Finanzpolitik der Eurozone die Koordinierung der verschiedenen nationalen Fiskalpolitiken und die Sicherstellung, dass diese Summe der nationalen Finanzpolitiken f\u00fcr eine Region, die sich eine einzige Geldpolitik teilt, auch sinnvoll ist.<\/p>\n<p><em>(eigene \u00dcbersetzung eines <a href=\"https:\/\/www.cfr.org\/blog\/global-cost-eurozones-2012-fiscal-coordination-failure\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Blogbeitrages<\/a> des amerikanischen \u00d6konomen <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Brad_Setser\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Brad Setser<\/a>)<\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die L\u00e4nder der Eurozone haben in den Jahren 2011, 2012 und 2013 insgesamt zu viele fiskalische Anpassungen vorgenommen. 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