{"id":645321,"date":"2015-03-17T07:07:51","date_gmt":"2015-03-17T06:07:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/?p=645321"},"modified":"2024-03-22T09:51:31","modified_gmt":"2024-03-22T08:51:31","slug":"leistungsbilanzsalden-von-der-schuld-der-kreditgeber","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/leistungsbilanzsalden-von-der-schuld-der-kreditgeber\/","title":{"rendered":"Leistungsbilanzsalden: von der &#8222;Schuld&#8220; der Kreditgeber"},"content":{"rendered":"<p>Interessant ist das schon, was da gerade wieder rund um die griechische Schuldenkrise abl\u00e4uft. <\/p>\n<p><Center><a title=\"Griechische 20-Euro-Banknote und M\u00fcnzen von Daniel Lobo (Viento) [CC BY 2.0 (http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by\/2.0)], via Wikimedia Commons\" href=\"http:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File%3ATwenty_euro_banknote_and_coins.jpg\"><img decoding=\"async\" width=\"256\" alt=\"Twenty euro banknote and coins\" src=\"\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/5\/55\/Twenty_euro_banknote_and_coins.jpg\/256px-Twenty_euro_banknote_and_coins.jpg\"\/><\/a><br \/>\n<em>Griechische 20-Euro-Banknote und M\u00fcnzen unter einem Ouzo-Glas<\/em><\/Center><\/p>\n<p>Von <a href=\"http:\/\/www.deutschlandradiokultur.de\/moral-und-schuld-der-weltzustand-der-verzweiflung.2162.de.html?dram:article_id=311046\" title=\"Moral und Schuld - Der Weltzustand der Verzweiflung\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Moral und Schuld<\/a> wird geredet, die Gleichsetzung von T\u00e4ter, S\u00fcnder und &#8222;Schuldner&#8220; bleibt ein immer wieder bem\u00fchtes Narrativ zur Verurteilung der Kreditnehmer, Schulden sind in der \u00f6ffentlichen Diskussion weiterhin ein erheblicher moralischer Makel.  <\/p>\n<p><!--more Weiterlesen...--><\/p>\n<p>Doch <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/sind-die-schuldner-wirklich-immer-schuld\/\" title=\"Sind die Schuldner wirklich immer schuld? \u203a \u00d6konomie und Sport\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">sind die Schuldner wirklich immer schuld?<\/a> Oder gibt es gerade in der Makro-\u00f6konomie nicht ganz andere Regeln, wie beispielweise die <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/saldenmechanik-und-die-frage-der-moral\/\" title=\"Saldenmechanik und die Frage der Moral \u203a \u00d6konomie und Sport\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Saldenmechanik, die vorrangig auch ohne die Frage nach der Moral<\/a> v\u00f6llig differente Ergebnisse liefert? Und sollte man nicht langsam die Phase der gegenseitigen Schuldzuweisungen und moralinsauren Vorhaltungen verlassen und an einer realwirtschaftlichen L\u00f6sung dieser Probleme arbeiten?<\/p>\n<p>Anhand der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Leistungsbilanz\" title=\"Leistungsbilanz \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Leistungsbilanzen<\/a> im internationalen Verkehr soll hier nun noch einmal versucht werden zu erkl\u00e4ren, warum die Begriffe Moral und Schuld bei Kredit-verh\u00e4ltnissen zwischen Volkswirtschaften nichts zu suchen haben. Und nach L\u00fcftung des desorientierenden Schleiers der Vorurteile wollen wir Ursachen und Wirkungen richtig einsortieren und sachlichen Erkl\u00e4rungen den Weg bereiten. <\/p>\n<p>Zuerst eine kleine Einf\u00fchrung in die Fachbegriffe:<br \/>\nAls Leistungsbilanz wird allgemein der Finanzierungssaldo einer Volkswirtschaft bezeichnet, also aller inl\u00e4ndischen Sektoren (Staat, Privathaushalte, Unternehmen, Banken) zusammen gegen\u00fcber dem Ausland. Sie setzt sich zusammen aus den vier Teilbilanzen: Handelsbilanz, Dienstleistungsbilanz, Bilanz der laufenden \u00dcbertragungen, Bilanz der Faktoreinkommen, wobei die Handelsbilanz \u00fcblicherweise der gr\u00f6\u00dfte Posten ist.<\/p>\n<p>Ein Leistungsbilanzdefizit bedeutet dementsprechend, dass eine Volkswirtschaft mehr verbraucht als sie selbst an Einkommen generiert, sie lebt demnach &#8222;\u00fcber ihren Verh\u00e4ltnissen&#8220;. Dies muss dann logischerweise mit Verschuldung gegen\u00fcber dem Ausland finanziert werden. <\/p>\n<p>Eben jenes Ausland, das die Defizite finanziert, muss folglich spiegelbildlich weniger ausgeben als es an Einkommen generiert, also &#8222;unter seinen Verh\u00e4ltnissen leben&#8220;. Dies ist der grundlegendste und einfachste volkswirtschaftliche Zusammenhang: Die Einnahmen des einen sind die Ausgaben des anderen! <\/p>\n<p>Wenn also ein Sektor der Volkswirtschaft mehr einnimmt als er ausgibt (netto spart), dann geht das nur, wenn mindestens ein anderer Sektor das Gegenteil macht (sich netto verschuldet). Nettosparer kann es nur dann geben, wenn es auch Nettoschuldner gibt.<\/p>\n<p>Aufh\u00e4nger f\u00fcr die Argumentation in diesem Artikel ist auch diesmal wieder das Buch <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/volkswirtschaftliche-saldenmechanik-vergessene-grundlage-der-geldtheorie\/\" title=\"Volkswirtschaftliche Saldenmechanik \u2013 vergessene Grundlage der Geldtheorie \u203a \u00d6konomie und Sport\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u201cVolkswirtschaftliche Saldenmechanik\u201d<\/a> (1978) des deutschen \u00d6konomen <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wolfgang_St%C3%BCtzel\" title=\"Wolfgang St\u00fctzel \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Wolfgang St\u00fctzel<\/a>, welches auch im Bereich der Leistungssalden und Kreditbeziehungen im internationalen Verkehr zwischen Staaten einige erhellende Erkenntnisse bereith\u00e4lt, die offenbar heute nicht mehr zum Standard der wirtschaftlichen und politischen Diskussionen geh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Im vierten Kapitel <b>&#8222;Das Rangverh\u00e4ltnis zwischen den g\u00fcterwirtschaftlichen und den finanziellen Bestimmungsgr\u00fcnden f\u00fcr Art und H\u00f6he von Au\u00dfen-handelssalden&#8220;<\/b> geht auch St\u00fctzel zuerst auf die Bedeutung der \u00f6konomischen Definitionen ein und erl\u00e4utert die Begriffe Leistungsbilanzsaldo, Kapitalverkehrssaldo und Zahlungsbilanzsaldo.<\/p>\n<p>So legt er dar, dass &#8222;jedes Leistungsbilanzsaldo gleichzeitig eine <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/die-duale-bedeutung-des-geldes-zahlungsmittel-und-geldvermoegen\/\" title=\"Die duale Bedeutung des Geldes: Zahlungsmittel und Geldverm\u00f6gen \u203a \u00d6konomie und Sport\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Geldverm\u00f6gensumschichtung<\/a> und jedes Defizit der Leistungsbilanz beispielsweise eine genau gleich gro\u00dfe Geldverm\u00f6gensumschichtung vom fraglichen Land zu allen \u00fcbrigen L\u00e4ndern&#8220; bedeutet. Er kommt zu dem Schluss, dass ein Land mit Leistungsbilanzdefizit, welches trotz seiner Geldverm\u00f6gensminderung seine <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/W%C3%A4hrungsreserve\" title=\"W\u00e4hrungsreserve \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Devisenreserven<\/a> nicht verringern will, genau in der H\u00f6he dieses Defizits Auslandskredite aufnehmen muss, also Auslandskapital importieren muss. <\/p>\n<p>In einer Gleichung dargestellt definiert St\u00fctzel folgenderma\u00dfen:<br \/>\n<b>Leistungsbilanzdefizit = Kapitalimport + Verringerung der Devisenreserven<\/b><\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte auch sagen, dass der Leistungsbilanzsaldo stets gleich dem Kapitalverkehrs-saldo plus der Ver\u00e4nderung der Devisenreserven ist.<\/p>\n<p>Diese Definitionsgleichung kann man auch als <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bilanz\" title=\"Bilanz \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Bilanz<\/a> darstellen:<br \/>\nAuf der Aktivseite stehen die Zahlungseing\u00e4nge aufgrund des Leistungsverkehrs durch Warenexport, Dienstleistungen, Kapitalertr\u00e4gen und unentgeltlichen Leistungen, sowie des Kapitalimports und der Verringerung der Devisenreserven. Die Passivseite bilden die Zahlungsausg\u00e4nge durch Warenimport, empfangene Dienstleistungen, aus Kapitalertr\u00e4gen, gew\u00e4hrten unentgeltlichen Hilfen, dem Kapitalexport und durch die Vermehrung der Devisenreserven.<\/p>\n<p>Bei diesem \u00fcblichen Schema der Zahlungsbilanzstatistik m\u00fcssen auf beiden Seiten der Bilanz zwangsl\u00e4ufig die gleichen Summen stehen. St\u00fctzel schreibt weiter: <\/p>\n<blockquote><p><b>Was&#8230;in der Gleichheit der beiden Bilanzseiten zum Ausdruck kommt, ist nicht mehr als der v\u00f6llig triviale Sachverhalt, dass niemand in der Welt w\u00e4hrend einer beliebig abzugrenzenden Periode <em>mehr<\/em> kaufen kann als er selbst verkauft, es sei denn, er verringere seine Kasse oder bekomme etwas geliehen.<\/b><\/p>\n<p><em>Wolfgang St\u00fctzel: Volkswirtschaftliche Saldenmechanik (1978), S. 125<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Dabei seien nat\u00fcrlich normale Lieferantenkredite (also unbezahlte Rechnungen) genau so als Kreditaufnahme zu werten wie die eigentliche Inanspruchnahme von Gelddarlehen.<\/p>\n<p>Weiter f\u00fchrte er aus, dass der Zahlungsbilanzsaldo einer Volkswirtschaft demnach der Saldo zwischen den Zahlungseing\u00e4ngen aus dem Ausland und den Zahlungsausg\u00e4ngen an das Ausland darstelle, unabh\u00e4ngig davon, ob diese Zahlungen aufgrund von Leistungs- oder Kredittransaktionen entstanden sind. <\/p>\n<p>Nach der Kl\u00e4rung der notwendigen Begrifflichkeiten stieg St\u00fctzel in die Analyse der Unterschiede zwischen einzel- und volkswirtschaftlichen Leistungsbilanzsalden ein. <\/p>\n<p>Es ging ihm dabei vor allem um die Frage, ob nun die linke &#8222;G\u00fcter&#8220;-Seite der obigen Gleichung, also die Geldverm\u00f6gensumschichtungen als Abwandlungen des Leistungsbilanzsaldos, oder eher die rechte Seite, die Finanzierungsseite aus dem Saldo des Kapitalverkehrs und den Ver\u00e4nderungen der Devisenreserven, als Ursache oder aber als die Folge f\u00fcr\/von Ver\u00e4nderungen der entsprechenden Salden bezeichnet werden k\u00f6nnten. <\/p>\n<p>Einfacher gefragt: wer ist eigentlich &#8222;schuld&#8220; an dem Entstehen von Leistungsbilanz-defiziten, der Kreditgeber oder der Kreditnehmer? <\/p>\n<p>Beginnen wir also mit einem einzelnen Unternehmer, der nur \u00fcber wenige &#8222;fl\u00fcssige&#8220; Mittel (Kassenbest\u00e4nde) verf\u00fcgt. Wenn dieser \u00fcber einen gewissen Zeitraum sehr viel mehr kauft als er selbst verkauft hat, kann man davon sprechen, dass er quasi gegen\u00fcber &#8222;dem Rest der Welt&#8220; ein &#8222;Leistungsbilanzdefizit&#8220; aufweist. Logischerweise kann er dieses nur dann bekommen, wenn ihm von anderen ausreichend viele Zahlungsmittel geliehen werden, er demnach einen entsprechenden Kredit aufgenommen bzw. erhalten hat.  <\/p>\n<p>Dabei ist es v\u00f6llig unerheblich, ob er in dieser Phase beispielsweise hohe Gewinne erzielt hat, also sein Sachverm\u00f6gen gesteigert hat und somit der Ausgaben\u00fcberschuss nur durch die rasche Vermehrung seiner Investitionen verursacht wurde.<\/p>\n<p>Ebenso gut k\u00f6nnte er auch Verluste erlitten haben, wenn das Verh\u00e4ltnis zwischen den Preisen der G\u00fcterbeschaffung und den Ertr\u00e4gen seines Absatzes besonders ung\u00fcnstig war und die Kreditaufnahme vor allem der Verlustfinanzierung diente.<\/p>\n<p>Auf jeden Fall wird man bei einem einzelnen Wirtschaftssubjekt, das mit einem geringen Zahlungsmittelbestand sehr gro\u00dfe Ausgaben\u00fcbersch\u00fcsse vorzuweisen hat, logischerweise in der Darlehensgew\u00e4hrung die wesentliche Ursache daf\u00fcr finden, dass es nur so in die Lage versetzt werden konnte, einen solchen \u00dcberschuss \u00fcberhaupt zu erreichen.   <\/p>\n<p>Bei der Analyse von Leistungsbilanzdefiziten ganzer Volkswirtschaften dagegen kommt es h\u00e4ufig vor, dass als Erkl\u00e4rung f\u00fcr das Entstehen und die H\u00f6he dieses Defizits schlicht auf die Verschlechterung der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Terms_of_Trade\" title=\"Terms of Trade \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Terms of Trade<\/a>, also der realen Austauschverh\u00e4ltnisse zwischen den exportierten und den importierten G\u00fctern dieses Landes verwiesen wird. St\u00fctzel weiter: <\/p>\n<blockquote><p><b>Als ob es die selbstverst\u00e4ndlichste Sache der Welt w\u00e4re, dass eine Verschlechterung der Austauschrelationen zu einem Leistungsbilanzdefizit f\u00fchren wird!<\/p>\n<p>Als ob es die selbstverst\u00e4ndlichste Sache der Welt w\u00e4re, dass dieses Leistungsbilanzdefizit finanzierungsm\u00e4\u00dfig entstehen kann, es also selbstverst\u00e4ndlich w\u00e4re, dass das Defizit durch &#8222;passiv&#8220; resultierende Kapitalverkehrssalden und Ver\u00e4nderungen der Devisenreserven schon irgendwie \u00fcberbr\u00fcckt wird!<\/b><\/p>\n<p><em>Wolfgang St\u00fctzel: Volkswirtschaftliche Saldenmechanik (1978), S. 127\/128<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Ganz im Gegenteil wies er darauf hin, dass eine solche einseitige &#8222;g\u00fcterwirtschaftliche&#8220; Begr\u00fcndung f\u00fcr die Entstehung von Leistungsbilanzsalden im internationalen Verkehr im Vergleich zu den weiter oben geschilderten Verh\u00e4ltnissen im Binnenverkehr nicht passend sein kann.<\/p>\n<p>So wird man es im Binnenverh\u00e4ltnis als v\u00f6llig normal erachten, dass viele Ausgaben\u00fcbersch\u00fcsse von einzelnen Wirtschaftssubjekten gar nicht erst entstehen k\u00f6nnen, weil die Betroffenen schlicht keine Kredite erhalten. Hierbei ist die Verschlechterung der Terms of Trade (der Relationen zwischen Beschaffungs- und Absatzpreisen) zuungunsten eines einzelnen Unternehmens ganz sicher kein ausreichender Grund, gerade diesem Betrieb hohe Darlehen zu gew\u00e4hren und ihm damit ein Leistungsbilanzdefizit zu erm\u00f6glichen.    <\/p>\n<p>Demnach ist es auch schlicht falsch, den Leistungsbilanzsalden einzelner Betriebe im Binnenverkehr einfach mittels der Betrachtung der Preis- und Produktivit\u00e4tsentwicklung auf die Spur kommen zu wollen, und dann eine geringe Produktivit\u00e4t und schlechte Terms of Trade f\u00fcr eventuelle Defizite und die umgekehrte Situation f\u00fcr \u00dcbersch\u00fcsse verantwortlich zu machen. Dabei erscheint es ebenso klar, dass man die mit diesen Saldenver\u00e4nderungen einhergehenden Bewegungen der Kassenbest\u00e4nde (z. B. durch Kreditaufnahmen) nicht einfach nur als passive und ausgleichende \u00c4nderungen bezeichnen kann.  <\/p>\n<p>Demnach w\u00e4re es binnenwirtschaftlich v\u00f6llig verfehlt, die Leistungsbilanzsalden pauschal als Ursachen und die Bewegungen der Kredit- und Kassasalden einseitig nur als Folgen zu lokalisieren.<\/p>\n<p>Hier stellte sich Wolfgang St\u00fctzel dann die Hauptfrage seiner Untersuchungen: <\/p>\n<blockquote><p><b>Woher r\u00fchrt es, dass das, was im Binnenverkehr selbstverst\u00e4ndlich ist, dass n\u00e4mlich Entstehen und H\u00f6he von &#8222;Leistungsbilanzsalden&#8220; wesentlich von der Finanzierungsseite her determiniert sind, infolgedessen gerade <em>g\u00fcnstige<\/em> Terms of Trade gew\u00f6hnlich die Ursache f\u00fcr Leistungsbilanz<em>defizite<\/em> (hohe fremdfinanzierte Investitionen) und <em>ung\u00fcnstige<\/em> die Ursache f\u00fcr Leistungsbilanz\u00fcbersch\u00fcsse darstellen, im internationalen Verkehr mit anscheinend derselben Selbstverst\u00e4ndlichkeit v\u00f6llig au\u00dfer Betracht gelassen wird?<\/b> <\/p>\n<p><em>Wolfgang St\u00fctzel: Volkswirtschaftliche Saldenmechanik (1978), S. 129<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>St\u00fctzel war schon damals davon \u00fcberzeugt, dass die Gr\u00fcnde f\u00fcr diese Haltung nicht in der Sache selbst, sondern vor allem in der Dogmengeschichte der Volkswirtschaftslehre, also in reiner Ideologie, zu suchen w\u00e4ren.<\/p>\n<p>So ist bis heute in der \u00f6konomischen Fachliteratur, aber auch in weiten Kreisen der internationalen volkswirtschaftlichen Experten (u.a. in der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Organisation_f%C3%BCr_wirtschaftliche_Zusammenarbeit_und_Entwicklung\" title=\"Organisation f\u00fcr wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">OECD<\/a>, der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Weltbank\" title=\"Weltbank \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Weltbank<\/a>, dem <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Internationaler_W%C3%A4hrungsfonds\" title=\"Internationaler W\u00e4hrungsfonds \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Internationalen W\u00e4hrungsfonds<\/a>, der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Europ%C3%A4ische_Kommission\" title=\"Europ\u00e4ische Kommission \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Europ\u00e4ischen Kommission<\/a> und der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Europ%C3%A4ische_Zentralbank\" title=\"Europ\u00e4ische Zentralbank \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">EZB<\/a>) offenbar die Auffassung weit verbreitet, dass in der Terminologie der Zahlungsbilanzstatistik der Leistungsbilanzsaldo immer gegen\u00fcber dem wie oben bereits festgehalten stets gleich gro\u00dfen Kapitalverkehrssaldo den urs\u00e4chlichen Vorrang habe, dieser Saldo also beharrlich nur das passive Resultat darstelle. <\/p>\n<p>Aufgrund der bisherigen Ausf\u00fchrungen bleibt daher festzuhalten, dass eine solche Annahme nur eine durch nichts zu beweisende Hypothese darstellt, die den Test mit der Wirklichkeit saldenmechanischer Zusammenh\u00e4nge nicht bestehen kann, weil der triviale Sachverhalt nicht beachtet wird, dass einzel- und volkswirtschaftliche Ausgaben\u00fcbersch\u00fcsse allein schon deshalb unterbleiben m\u00fcssen, wenn sich niemand findet, der diese beabsichtigen \u00dcbersch\u00fcsse durch Kredite finanziert.<\/p>\n<p>Bei der Betrachtung der gegenw\u00e4rtigen Auseinandersetzungen um die griechischen Schuldenmisere muss uns diese Erkenntnis zu der genauso einfachen wie logischen Schlussfolgerung f\u00fchren:<\/p>\n<p><b>Niemand war demnach gezwungen, Griechenland Geld zu leihen, damit es seine Schulden finanzieren konnte<\/b><br \/>\nDie brachialen Auswirkungen der neoliberalen &#8222;Rettung&#8220; haben stattdessen das Land hoffnungslos weiter \u00fcberschuldet und den \u00e4rmeren Teil der Bev\u00f6lkerung ins Elend gest\u00fcrzt. Deshalb wehrt sich auch die neue griechische Regierung so vehement gegen eine Verl\u00e4ngerung dieser Politik. Der neue Finanzminister <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Yanis_Varoufakis\" title=\"Yanis Varoufakis \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Yanis Varoufakis<\/a> erkl\u00e4rte es mit einem einfachen (und im Lichte der Aussage unseres Artikels v\u00f6llig logischem) Beispiel: &#8222;H\u00e4tten Sie einer Freundin, die pleite ist, Ihre Kreditkarte gegeben?&#8220;<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich waren Grossbanken und Hedge Funds nicht gezwungen, Griechenland Milliarden-Kredite zu geben und damit viel Geld zu verdienen. Die eingegangenen Risiken h\u00e4tten diese Grossbanken selber tragen m\u00fcssen, anstatt sich auf den <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Moral_Hazard\" title=\"Moral Hazard \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Moral Hazard<\/a> der Staaten der Europ\u00e4ischen Union zu verlassen.<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.infosperber.ch\/Artikel\/Wirtschaft\/Ein-weiterer-Schuldenschnitt-ist-uberfallig\" title=\"\u00abEin weiterer Schuldenschnitt ist \u00fcberf\u00e4llig\u00bb\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">&#8222;Es war niemand verpflichtet, Griechenland Milliarden-Kredite zu geben&#8220;<\/a>, best\u00e4tigte z. B. <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Marc_Chesney\" title=\"UZH - Institut f\u00fcr Banking und Finance - Mitarbeiter - Prof. Dr. Marc Chesney\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Marc Chesney<\/a>, Professor f\u00fcr \u00abQuantative Finance\u00bb an der Universit\u00e4t Z\u00fcrich. Die Gro\u00dfbanken &#8222;waren demnach durchaus in der Lage, die Situation in Griechenland einzusch\u00e4tzen&#8220;.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich hat Griechenland auch \u00fcber seine Verh\u00e4ltnisse gelebt, doch ohne die Finanzierung durch die Kredite der Banken w\u00e4re das gar nicht m\u00f6glich gewesen! Somit wurden und werden in der Hauptsache auch nicht die Griechen, sondern vor allem <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/eurokrise-hat-die-eu-griechenland-gerettet-oder-banken-a-1018964.html\" title=\"Eurokrise: Hat die EU Griechenland gerettet oder Banken? - SPIEGEL ONLINE\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">die europ\u00e4ischen Geldinstitute gerettet<\/a>.<\/p>\n<p>Es war einer der Kardinalfehler bei der Behandlung der griechischen Schuldenkrise, von Anfang an den Fokus haupts\u00e4chlich auf vermeintliche und tats\u00e4chliche Fehlleistungen der Griechen zu legen und damit einseitig eine moralische Schuldzuweisung vorzunehmen.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich h\u00e4tte man sich auf die immer geltenden Grunds\u00e4tze der volkswirtschaftlichen Saldenmechanik beschr\u00e4nken sollen, zu denen auch die einfache Erkenntnis geh\u00f6rt, dass das Entstehen von Zahlungsbilanzdefiziten die Gew\u00e4hrung von Krediten unbedingt voraussetzt. <\/p>\n<p>Dabei ist es zun\u00e4chst einmal v\u00f6llig unerheblich, ob Griechenland seine &#8222;Wohltaten&#8220; nun mit eigenem oder geliehenem Geld finanziert hat. W\u00e4re es selbst erwirtschaftet worden, so h\u00e4tte sich jede Regierung zurecht eine Einmischung von au\u00dfen verbitten k\u00f6nnen. Andernfalls ist erst einmal die Frage zu kl\u00e4ren, warum irgendjemand angesichts der doch bekannten Finanzgeschichte des Landes \u00fcberhaupt auf die Idee verfallen konnte, diesem Staat Geld zu leihen in der Hoffnung, dabei auch noch Gewinne zu erzielen.   <\/p>\n<p>Stattdessen verzettelt man sich nun seit Jahren in gegenseitigen Schuldzuweisungen und \u00fcbersieht dabei v\u00f6llig, dass die bisherigen L\u00f6sungsans\u00e4tze zu nichts anderem als einer weiteren Versch\u00e4rfung der Krise beigetragen haben. <\/p>\n<p>In diesem Blog habe ich bereits mehrfach auf die <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/die-aktuellen-leistungsbilanzsalden-in-europa\/\" title=\"Die aktuellen Leistungsbilanzsalden in Europa \u203a \u00d6konomie und Sport\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Problematik der Leistungsbilanzsalden hingewiesen<\/a> und die notwendigen <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/die-eurokrise-vorlaeufiger-hoehepunkt-des-transferproblems-teil-3\/\" title=\"Die Eurokrise \u2013 vorl\u00e4ufiger H\u00f6hepunkt des Transferproblems \u2013 Teil 3 \u203a \u00d6konomie und Sport\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Schritte zu einer wirklichen Beendigung der Eurokrise skizziert<\/a>. <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interessant ist das schon, was da gerade wieder rund um die griechische Schuldenkrise abl\u00e4uft. 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