{"id":628573,"date":"2015-03-01T00:01:16","date_gmt":"2015-02-28T23:01:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/?p=628573"},"modified":"2015-03-14T00:51:45","modified_gmt":"2015-03-13T23:51:45","slug":"keine-erholung-ohne-strukturreformen-beispiel-japan-der-1990er-jahre-teil-3-mangel-an-produktionsfaktoren","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/keine-erholung-ohne-strukturreformen-beispiel-japan-der-1990er-jahre-teil-3-mangel-an-produktionsfaktoren\/","title":{"rendered":"Keine Erholung ohne Strukturreformen? Beispiel Japan der 1990er Jahre &#8211; Teil 3: Mangel an Produktionsfaktoren?"},"content":{"rendered":"<p>In den Teilen <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/keine-erholung-ohne-strukturreformen-beispiel-japan-der-1990er-jahre-teil-1-einleitung\/\" title=\"Keine Erholung ohne Strukturreformen? Beispiel Japan der 1990er Jahre \u2013 Teil 1: Einleitung \u203a \u00d6konomie und Sport\" target=\"_blank\">Eins<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/keine-erholung-ohne-strukturreformen-beispiel-japan-der-1990er-jahre-teil-2-die-neoliberale-wachstumstheorie\/\" title=\"Keine Erholung ohne Strukturreformen? Beispiel Japan der 1990er Jahre \u2013 Teil 2: Die neoliberale Wachstumstheorie \u203a \u00d6konomie und Sport\" target=\"_blank\">Zwei<\/a> wurde versucht zu belegen, dass nachlassende Produktivit\u00e4t gem\u00e4\u00df der neoklassischen Wachstumstheorie nicht als Grund f\u00fcr tiefsch\u00fcrfende Strukturreformen zur Bek\u00e4mpfung der Krise in Japan nach den 1990er Jahren herangezogen werden kann.<\/p>\n<p><Center><a title=\"Bau des neuen Tabata-Bahnhofs 2008 in Tokio, Japan by Nesnad (Own work) [GFDL (http:\/\/www.gnu.org\/copyleft\/fdl.html) or CC BY-SA 4.0-3.0-2.5-2.0-1.0 (http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/4.0-3.0-2.5-2.0-1.0)], via Wikimedia Commons\" href=\"http:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File%3AConstruction-of-new-tabatastation_may2008.jpg\"><img decoding=\"async\" width=\"412\" alt=\"Construction-of-new-tabatastation may2008\" src=\"\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/7\/73\/Construction-of-new-tabatastation_may2008.jpg\/512px-Construction-of-new-tabatastation_may2008.jpg\"\/><\/a><\/Center><\/p>\n<p>Allgemein gibt es aber noch ein weiteres Argument, um die wachstumstheoretische Basis der Strukturreformtheorie zu unterlegen: neben mangelnder Produktivit\u00e4t k\u00f6nnte auch eine Knappheit bei den Produktionsfaktoren f\u00fcr ein zu niedriges Wirtschaftswachstum verantwortlich sein. <\/p>\n<p><b>Teil 3: Angebotsengp\u00e4sse aufgrund der Knappheit der Produktionsfaktoren?<\/b><br \/>\nUm diese Behauptung zu \u00fcberpr\u00fcfen, ist es notwendig festzustellen, ob in den 1990er Jahren die japanischen Produktionsfaktoren Boden, Arbeit, Kapital und Technologie weniger wurden oder ihr Wachstum sank.<\/p>\n<p>Da Japan in dieser Zeit weder Land gewann noch verlor, kann eine Verringerung des Faktors Boden von vornherein ausgeschlossen werden. \u00c4hnlich sieht es mit der Bev\u00f6lkerungsentwicklung aus: die Anzahl der Bewohner nahm w\u00e4hrend der 1990er Jahre nicht ab. Obwohl das Wachstum geringer wurde, gab es in den zwei Jahrzehnten zuvor viel gr\u00f6\u00dfere Einschnitte bei der Zunahme der Bev\u00f6lkerung, ohne das diese Entwicklung sich auf das Wirtschaftswachstum auswirkte. <\/p>\n<p><!--more Weiterlesen...--><\/p>\n<p>Was f\u00fcr die Wirtschaft tats\u00e4chlich z\u00e4hlt, ist die Anzahl der potenziellen Arbeitskr\u00e4fte. Hatte die demografische Zeitbombe auf dem japanischen Arbeitsmarkt zugeschlagen? W\u00e4hrend der 1990er Jahre stieg allerdings die Anzahl der Universit\u00e4tsabsolventen, die den Firmen zur Verf\u00fcgung standen, rapide an.<\/p>\n<p>Ein weiterer Hinweis darauf, dass das Angebot an Arbeitskr\u00e4ften nicht zur\u00fcckgegangen ist, wird von den Statistiken \u00fcber die Lohnentwicklung zur Verf\u00fcgung gestellt. Die L\u00f6hne standen, gemessen am Gehaltsindex des japanischen Arbeitsministeriums, in den 1990er unter st\u00e4ndigem Abw\u00e4rtsdruck und verringerten sich  beispielsweise um mehr als 1 Prozent in den Gesch\u00e4ftsjahren 2000 und 2001. <\/p>\n<p>Dies l\u00e4sst sich kaum mit dem Argument in Einklang bringen, dass das Angebot an Arbeitskr\u00e4ften zur\u00fcck- gegangen w\u00e4re und damit das Wirtschaftswachstum beschr\u00e4nkt h\u00e4tte &#8211; was vielmehr einen nach oben gerichteten Druck auf die L\u00f6hne h\u00e4tte erwarten lassen.<\/p>\n<p>Bleibt noch die Frage nach dem Kapital: Die japanischen Ersparnisse stiegen w\u00e4hrend der 1990er Jahre kontinuierlich weiter an, auf neue Weltrekordh\u00f6hen. Daher kann man davon ausgehen, dass der Mangel an Anlageinvestitionen eher nicht mit der Knappheit an Kapital zusammenh\u00e4ngen konnte.<\/p>\n<p>Letztlich sind wir bei der Technologie angekommen. Hier kann man feststellen, dass beispielsweise die Zahl der japanischen Patentanmeldungen w\u00e4hrend der 1990er Jahre besonders stark anstieg, und ebenfalls neue Rekordh\u00f6hen f\u00fcr Japan erreichte.<\/p>\n<p><b>Oder war es doch eher die schwache Nachfrage?<\/b><br \/>\nDa die neoklassische Theorie in ihren Gedankenmodellen immer von Vollbesch\u00e4ftigung ausgeht, gibt es noch einen letzten Test f\u00fcr die G\u00fcltigkeit des Reformarguments: <\/p>\n<p>Wenn entgegen dieser Annahme nicht immer alle Produktionsfaktoren vollst\u00e4ndig ausgelastet sind, w\u00e4re die Synthese der Neoklassiker irrelevant bei der Probleml\u00f6sung und es m\u00fcssten andere Auswege als nur Strukturreformen und Angebotspolitik gefunden werden.<\/p>\n<p>Mit anderen Worten: bei einer Unterauslastung der Ressourcen ist die neoliberale Theorie schlicht und einfach nicht zust\u00e4ndig, da sie stets vom Gegenteil ausgeht und f\u00fcr einen solchen Fall keine L\u00f6sungen anbietet. Somit w\u00e4re auch erwiesen, dass die Rufe nach immer mehr Strukturreformen an den eigentlichen Problemen vorbeigehen und stattdessen Nachfragepolitik erforderlich w\u00e4re, um die Wirtschaft wieder n\u00e4her an die Vollbesch\u00e4ftigung zu bringen.<\/p>\n<p>Die Arbeitslosenquote in Japan stieg zwischen 1992 und 2001 von 2 auf \u00fcber 5 Prozent. Dies muss als erster statistischer Hinweis gesehen werden, dass in dem fraglichen Zeitraum nicht jeder im Land der aufgehenden Sonne durch Arbeit voll ausgelastet war.<\/p>\n<p>Auch die Lohnentwicklung in dieser Phase deutet auf \u00e4hnliche Probleme hin: das Wachstum der L\u00f6hne und Geh\u00e4lter sank in der ersten H\u00e4lfte der 1990er Jahre, danach gaben die Arbeitsengelte sogar absolut nach. Ein Arbeitsmarkt nahe der Vollbesch\u00e4ftigung s\u00e4he normalerweise anders aus und w\u00fcrde eher einen Aufw\u00e4rtsdruck auf die L\u00f6hne erzeugen.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich signifikant stellte sich die Entwicklung der japanischen Selbstmordrate dar. Diese wuchs von ca. 22.000 F\u00e4llen in 1992 auf eine traurige Rekordh\u00f6he von knapp 33.000 in 1999. Nach Angaben der National Police Agency traten die meisten der zus\u00e4tzlichen Selbstmorde in der Altersgruppe der 50- und 60-j\u00e4hrigen auf und st\u00e4nden in direktem Zusammenhang mit der schwachen Wirtschaftsentwicklung in dieser Phase, die zu einer beispiellosen Welle von Entlassungen, finanzieller Not, Schulden bei Kredithaien und Insolvenzen gef\u00fchrt habe. <\/p>\n<p>Unn\u00f6tig zu erw\u00e4hnen, dass eine solche Zerst\u00f6rung von menschlichen Ressourcen ein klares Indiz daf\u00fcr ist, dass die Produktionsfaktoren nicht vollst\u00e4ndig ausgelastet wurden und dass die neoklassische Konzeption der Marktr\u00e4umung und das rationale individuelle Verhalten zynischerweise als eher unzureichend angesehen werden muss.<\/p>\n<p>Auch die Kapazit\u00e4tsauslastung der japanischen Industrie sank in diesem Zeitraum: nach dem Index der Industrieproduktion des Handelsministeriums von 117 Punkten auf nur noch 87. Trotz vor\u00fcbergehender Aufschw\u00fcnge blieb der Index in dieser Phase auf einem stabilen Abw\u00e4rtstrend. Auch diese Datenreihe deutet eher darauf hin, dass ein erheblicher Teil des japanischen Kapitalstocks unausgelastet blieb, was der Grundannahme des neoklassischen Modells und des Arguments f\u00fcr Strukturreformen, dass alle Ressourcen immer vollbesch\u00e4ftigt seien eindeutig widerspricht.  <\/p>\n<p>Ein weiterer Indikator f\u00fcr die nicht vollst\u00e4ndige Auslastung des Sachkapitals w\u00e4hrend der 1990er Jahre ist die Anzahl der Konkurse. In dem fraglichen Zeitraum zwischen 1990 und 2000 sind etwa 200.000 Unternehmen in Japan Pleite gegangen. Konkurse beinhalten h\u00e4ufig Abschreibungen von Verm\u00f6genswerten, verlorenes Kapital und Diskontinuit\u00e4t in der Nutzung von Einrichtungen. Ferner k\u00f6nnen Gesch\u00e4ftsaufgaben h\u00e4ufiger in Zeiten schwacher Nachfrage als in Phasen des Nachfrage\u00fcberhangs und des Mangels an Angeboten beobachtet werden.<\/p>\n<p>Ebenso widerspricht die Preisentwicklung Japans der neoklassischen Annahme von der Gleichheit des aktuellen und potenziellen Outputs. Die Inflation sank in den 1990ern und ging seit 1999 in Deflation \u00fcber. Dieser Befund ist schwer mit dem Argument in Einklang zu bringen, dass Japans Rezession haupts\u00e4chlich aufgrund von Lieferengp\u00e4ssen entstanden sei, die in der Regel eher zu einem Aufw\u00e4rtsdruck auf die Preise sorgen w\u00fcrden.<\/p>\n<p><b>Fazit:<\/b><br \/>\nDie Ergebnisse unserer Untersuchungen zeigen eindeutig, dass die neoklassische Wachstumstheorie nichts zur Unterst\u00fctzung der Strukturreformthese beitragen kann. Dieser Schluss muss daher gleichzeitig auch schwerwiegende Auswirkungen auf das Argument zur Forderung von Strukturreformen im allgemeinen haben:<\/p>\n<p>Da die Nachfrage in einer Krise zu schwach ist, muss eher Nachfragepolitik als Strukturreformen durchgef\u00fchrt werden. Dies bedeutet dann aber auch, dass jede Strukturreform sich sogar negativ auf die Wirtschaft auswirken muss: <\/p>\n<p>Wenn eine Volkswirtschaft, die durch schwache Nachfrage in Rezession geraten ist (wie Japan in den 1990ern), der Strukturreformpolitik ausgesetzt wird, k\u00f6nnte dies zwar im Idealfall die potenzielle Wachstumsrate erh\u00f6hen. <\/p>\n<p>Da aber die tats\u00e4chliche Wachstumsrate bereits weit unter der potenziellen liegt, wird der Abgrund zwischen potenziellem und tats\u00e4chlichem Wachstum nur noch gr\u00f6\u00dfer. Und weil \u00dcberproduktion zu Deflation f\u00fchrt, und die aktuelle Nachfrage schon weit geringer ausf\u00e4llt als die potenziell m\u00f6gliche Angebotsproduktion, muss man davon ausgehen, dass Strukturreformen keine positiven Resultate hervorbringen werden.<\/p>\n<p>Dies muss dann stattdessen zu mehr Deflation f\u00fchren. Bestenfalls werden Strukturreformen dann also die Deflation noch vergr\u00f6\u00dfern und damit die Krise weiter verschlimmern, anstatt zu ihrer Bereinigung beitragen zu k\u00f6nnen. <\/p>\n<p>Im <b><a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/keine-erholung-ohne-strukturreformen-beispiel-japan-der-1990er-jahre-teil-4-die-these-der-effizienten-maerkte\/\" title=\"Keine Erholung ohne Strukturreformen? Beispiel Japan der 1990er Jahre \u2013 Teil 4: die These der effizienten M\u00e4rkte \u203a \u00d6konomie und Sport\" target=\"_blank\">n\u00e4chsten Teil<\/a><\/b> werden wir uns mit dem Argument der neoklassischen Effizienztheorie besch\u00e4ftigen, welches die <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wohlfahrts%C3%B6konomik\" title=\"Wohlfahrts\u00f6konomik \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\">Wohlfahrts\u00f6konomik<\/a> heranzieht, um die These der Strukturreformen zu unterst\u00fctzen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den Teilen Eins und Zwei wurde versucht zu belegen, dass nachlassende Produktivit\u00e4t gem\u00e4\u00df der neoklassischen Wachstumstheorie nicht als Grund f\u00fcr tiefsch\u00fcrfende Strukturreformen zur Bek\u00e4mpfung der Krise in Japan nach den 1990er Jahren herangezogen werden kann. Allgemein gibt es aber<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[33,24,16,15,32,18],"class_list":["post-628573","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-oekonomie","tag-deflation","tag-globalisierung","tag-lohnstueckkosten","tag-produktivitaet","tag-schulden","tag-wirtschaft"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/628573","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=628573"}],"version-history":[{"count":30,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/628573\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":780094,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/628573\/revisions\/780094"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=628573"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=628573"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=628573"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}