{"id":5377413,"date":"2017-07-09T07:30:53","date_gmt":"2017-07-09T05:30:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/?p=5377413"},"modified":"2026-03-11T15:19:39","modified_gmt":"2026-03-11T14:19:39","slug":"der-globalisierungskonsens-der-eliten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/der-globalisierungskonsens-der-eliten\/","title":{"rendered":"Der Globalisierungskonsens der Eliten"},"content":{"rendered":"<blockquote><p><strong>Der Freihandel geht davon aus, dass Arbeiter, die auf die eine Weise ihren Job verlieren auf einem anderen Gebiet wieder besch\u00e4ftigt werden k\u00f6nnen. Sobald diese Verbindung aber unterbrochen ist, zerbricht auch das gesamte Freihandels-argument.<\/strong><br \/>\n<em>(<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/John_Maynard_Keynes\" target=\"_blank\">J. M. Keynes<\/a>, Aussage vor dem <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Harold_Macmillan\" target=\"_blank\">Macmillan<\/a>-Ausschuss f\u00fcr Finanzen und Industrie, 1930)<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p><center><a title=\"Stop TTIP-CETA Protest in Br\u00fcssel von M0tty (Eigenes Werk) [CC BY-SA 4.0 (http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/4.0)], via Wikimedia Commons\" href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File%3AStop_TTIP-CETA_Protest_in_Brussels_20-09-2016_(10).jpg\"><img decoding=\"async\" width=\"412\" alt=\"Stop TTIP-CETA Protest in Brussels 20-09-2016 (10)\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/6\/69\/Stop_TTIP-CETA_Protest_in_Brussels_20-09-2016_%2810%29.jpg\"><\/a><br \/>\n<em>Protest in Br\u00fcssel gegen die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Transatlantisches_Freihandelsabkommen\" target=\"_blank\">TTIP<\/a>&#8211; und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Comprehensive_Economic_and_Trade_Agreement\" target=\"_blank\">CETA<\/a>-Freihandelsabkommen<\/em><\/Center><\/p>\n<p>&#8230;In diesem Kontext bezieht sich Globalisierung auf die \u00d6ffnung der heimischen M\u00e4rkte und die Integration der globalen Produktion \u00fcber multinationale Konzerne (MNCs).<\/p>\n<p><!--more Weiterlesen...--><\/p>\n<p>Im Gro\u00dfen und Ganzen hei\u00dft das, dass die Weltwirtschaft sich in Richtung &#8222;einer Nation&#8220; oder einer &#8222;tiefen (nicht nur flachen) Integration&#8220; bewegt, bei der Nationalstaaten keinen gr\u00f6\u00dferen Einfluss mehr auf Waren-, Dienstleistungs-, Kapital-, Finanz-, Ideen- und Migrantenstr\u00f6me \u00fcber Grenzen hinweg haben als South Dakota oder die anderen US-Staaten.<\/p>\n<p>Seit den achtziger Jahren haben die Anf\u00fchrer westlicher Staaten &#8211; darunter auch die Aktion\u00e4re und Top-F\u00fchrungskr\u00e4fte von MNCs &#8211; zugestimmt, dass Staaten allein oder kooperierend (in Freihandelsabkommen und in zwischenstaatlichen Organisationen wie der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Weltbank\" target=\"_blank\">Weltbank<\/a>, dem <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Internationaler_W%C3%A4hrungsfonds\" target=\"_blank\">IWF<\/a>, der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Welthandelsorganisation\" target=\"_blank\">Welthandelsorganisation WTO<\/a>, der Europ\u00e4ischen Union) sich f\u00fcr immer mehr Globalisierung, mehr &#8222;Marktzugang&#8220; f\u00fcr ihre Unternehmen und weniger staatliche &#8222;Intervention&#8220; oder &#8222;Regulierung&#8220; auf den M\u00e4rkten einsetzen sollten.<\/p>\n<p>Hier dazu <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Martin_Wolf_(Journalist)\" target=\"_blank\">Martin Wolf<\/a> von der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Financial_Times\" target=\"_blank\">Financial Times<\/a>, einer der weltweit einflussreichsten Wirtschaftskommentatoren:<\/p>\n<blockquote><p>\n&#8222;Es kann nicht sinnvoll sein, die Weltwirtschaft noch mehr zu zersplittern als sie es bereits ist, sondern vielmehr die Weltwirtschaft so arbeiten zu lassen, als w\u00e4re sie die Vereinigten Staaten oder zumindest die Europ\u00e4ische Union&#8230; Das Problem unserer Welt besteht nicht aus zu viel Globalisierung, sondern eher aus zu wenig. Das Potenzial f\u00fcr eine st\u00e4rkere wirtschaftliche Integration ist dagegen kaum erschlossen &#8230; Sozialdemokraten, klassische Liberale und demokratische Konservative sollten sich vereinen, um die liberale Weltwirtschaft zu verbessern und gegen ihre Feinde zu sch\u00fctzen, die sowohl au\u00dferhalb als auch innerhalb ihrer Tore auftauchen.&#8220; <a href=\"#eins\">[1]<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Hier <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Renato_Ruggiero\" target=\"_blank\">Renato Ruggiero<\/a>, ehemaliger Chef der WTO:<\/p>\n<blockquote><p>\n&#8222;Handelsintegration ist nicht nur ein Rezept f\u00fcr Wachstum, <b>sondern auch f\u00fcr Sicherheit und Frieden<\/b>, wie die Geschichte gezeigt hat.&#8220;<br \/>\n(Hervorhebung hinzugef\u00fcgt)<\/p><\/blockquote>\n<p>Hier die WTO selbst auf ihrer Website: die globale Integration unter der Aufsicht der WTO und ihres Vorg\u00e4ngers <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Allgemeines_Zoll-_und_Handelsabkommen\" target=\"_blank\">GATT<\/a><\/p>\n<blockquote><p>\n&#8222;war einer der <b>gr\u00f6\u00dften Beitr\u00e4ge zum Wirtschaftswachstum und zur Entlastung der Armen in der Geschichte der Menschheit.<\/b>&#8220;<br \/>\n(Hervorhebung hinzugef\u00fcgt)<\/p><\/blockquote>\n<p>Schlie\u00dflich noch die Weltbank zusammenfassend \u00fcber andere Forschungsergebnisse, mit denen sie \u00fcbereinstimmt:<\/p>\n<blockquote><p>\n&#8222;Die <b>Offenheit f\u00fcr den internationalen Handel, die auf weitgehend neutralen Anreizen basierte, war der entscheidende Faktor f\u00fcr das schnelle Wachstum in Ostasien<\/b>.&#8220; (Hervorhebung hinzugef\u00fcgt) <a href=\"#zwei\">[2]<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Die Strukturanpassungen durch die Kredite der Weltbank in den 80er Jahren f\u00fchrten zu mehr Handelsliberalisierungen als jede andere politische Ma\u00dfnahme. Die Bank behandelte die Liberalisierung des Handels als die K\u00f6nigin der Politik und nicht nur als eine unter vielen, weil die Freihandelspolitik die Sch\u00e4den aller anderen staatlichen Interventionen auf den M\u00e4rkten einschr\u00e4nken werde. <a href=\"#drei\">[3]<\/a><\/p>\n<p>Die Financial Times pfefferte ihre Leitartikel \u00fcber den Handelsschutz mit negativen Adjektiven wie &#8222;merkantilistisch&#8220; und &#8222;populistisch&#8220; auf und betonte, dass jedes Land von der Adoption der Freihandelspolitik profitieren w\u00fcrde, auch wenn andere es nicht tun &#8211; denn Protektionismus bedeute, Felsbrocken in den eigenen Hafen zu werfen. <\/p>\n<p>Offenbar beg\u00fcnstige das kollektive Interesse eines Landes und der Welt immer den freien Handel, weil der freie Handel die Gr\u00f6\u00dfe des Kuchens maximiere. Nur selbsts\u00fcchtige &#8222;Interessen&#8220; wollen Schutz, um mehr von dem Kuchen f\u00fcr sich selbst zu bekommen, mit unvermeidlichen Mehrkosten f\u00fcr die Gesellschaft.<\/p>\n<p>Eine gewichtige Stimme im Business kam von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Percy_Barnevik\" target=\"_blank\">Percy Barnevik<\/a> als CEO der schwedisch-schweizerischen multinationalen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/ABB_(Unternehmen)\" target=\"_blank\">Asea Brown Boveri (ABB)<\/a>:<\/p>\n<blockquote><p>\n&#8222;Ich w\u00fcrde die Globalisierung als die Freiheit meiner Gruppe definieren, zu investieren wo und solange sie es w\u00fcnscht, zu produzieren, was sie will, indem sie kauft und verkauft, wo immer sie es m\u00f6chte &#8230; bei der Produktion mit so wenig Arbeitsschutzgesetzen und Einschr\u00e4nkungen durch soziale Konventionen wie m\u00f6glich.&#8220; <a href=\"#vier\">[4]<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Und zuletzt <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bernard_Arnault\" target=\"_blank\">Bernard Arnault<\/a>, im Jahr 2000 als CEO der franz\u00f6sischen Luxusgruppe <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Mo%C3%ABt_Hennessy_Louis_Vuitton\" target=\"_blank\">LVMH<\/a> und der 10.-reichsten Person auf der Erde:<\/p>\n<blockquote><p>\n&#8222;Unternehmen, vor allem internationale, besitzen immer gr\u00f6\u00dfere Ressourcen, und in Europa haben sie die F\u00e4higkeit erworben, mit Staaten zu konkurrieren &#8230; Die wirklichen Auswirkungen der Politik auf das Wirtschaftsleben eines Landes sind mehr und mehr begrenzt. Gl\u00fccklicherweise.&#8220; <a href=\"#f\u00fcnf\">[5]<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Diese Aussagen verdeutlichen die Tendenz der Globalisierungsgewinner, &#8222;alle guten Dinge&#8220; der Handels- und der Investitionsintegration zuzuordnen, einschlie\u00dflich (1) der globalen Armutsbek\u00e4mpfung in noch nie dagewesenem Ma\u00dfstab, (2) Ostasiens bemerkenswertem Wirtschaftsaufstieg und (3) globalem Frieden und Sicherheit.<\/p>\n<p>Obwohl sie Kausalit\u00e4t suggerieren, sind diese Aussagen nicht darauf ausgelegt, einen Evidenztest zu bestehen. Ihre Aufgabe ist es lediglich, eine Identit\u00e4t zu behaupten: dass der Sprecher oder die Organisation Mitglied der globalen Elite ist, die gerne m\u00f6chte, dass sich Kapital, G\u00fcter und Dienstleistungen als das entscheidende Merkmal der gew\u00fcnschten Globalisierung weltweit zwischen Standorten und Sektoren frei bewegen k\u00f6nnen.  Was f\u00fcr diese elit\u00e4re Schicht gut ist, soll auch f\u00fcr die gesamte Menschheit und die Biosph\u00e4re gut sein.<\/p>\n<p>Implizit oder explizit sollen diese Anspr\u00fcche die Bedeutung des &#8222;politisch Machbaren&#8220; und den Wert der Solidarit\u00e4tsverpflichtungen, die in die Idee der &#8222;Nation&#8220; eingebettet sind, herunterspielen und das von Keynes gepr\u00e4gte Motto der Vollbesch\u00e4ftigung ignorieren. Die Behauptungen sollten im Lichte der Beobachtungen von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Daniel_Kahneman\" target=\"_blank\">Daniel Kahneman<\/a> verstanden werden: &#8222;Erkl\u00e4rungen mit gro\u00dfer Zuversicht erz\u00e4hlen vor allem davon, dass ein Individuum eine koh\u00e4rente Geschichte in seinem Kopf aufgebaut hat, nicht unbedingt aber davon, dass diese Geschichte auch wahr ist&#8220;.<\/p>\n<p>Anmerkungen:<br \/>\n<a name=\"#eins\">[1]<\/a> M. Wolf, 2004, <em><a href=\"http:\/\/yalebooks.yale.edu\/book\/9780300102529\/why-globalization-works\" target=\"_blank\">Why Globalization Works<\/a><\/em>, Yale University Press, S. 4.<\/p>\n<p><a name=\"#zwei\">[2]<\/a> World Bank, 1993, <em><a href=\"http:\/\/documents.worldbank.org\/curated\/en\/975081468244550798\/Main-report\" target=\"_blank\">The East Asian Miracle: Economic Growth and Public Policy<\/a><\/em>, S. 292.<\/p>\n<p><a name=\"#drei\">[3]<\/a> World Bank, 1989, <em><a href=\"http:\/\/documents.worldbank.org\/curated\/en\/237141493829177650\/Full-report\" target=\"_blank\">Strengthening trade policy Reform<\/a><\/em>, Washington DC.<\/p>\n<p><a name=\"#vier\">[4]<\/a> Zitiert in J. Gelinas, 2003, <em><a href=\"https:\/\/books.google.de\/books\/about\/Juggernaut_Politics.html?id=YYCHdmloJjAC&#038;redir_esc=y\" target=\"_blank\">Juggernaut Politics: Understanding Predatory Capitalism<\/a><\/em>, Zed Books, S. 21.<\/p>\n<p><a name=\"#f\u00fcnf\">[5]<\/a> B. Arnault, zitiert in Serge Halimi, 2013, <em><a href=\"https:\/\/www.counterpunch.org\/2013\/05\/02\/the-tyranny-of-the-one-percent\/\" target=\"_blank\">Tyranny of the One Percent<\/a><\/em>, Le Monde Diplomatique (Englisch).<\/p>\n<p><em>(eigene \u00dcbersetzung eines <a href=\"https:\/\/rwer.wordpress.com\/2017\/04\/06\/the-elite-globalization-consensus\/\" target=\"_blank\">Blogbeitrages<\/a> des neuseel\u00e4ndischen \u00d6konomen <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Robert_Wade_(scholar)\" target=\"_blank\">Robert Wade<\/a>)<\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Freihandel geht davon aus, dass Arbeiter, die auf die eine Weise ihren Job verlieren auf einem anderen Gebiet wieder besch\u00e4ftigt werden k\u00f6nnen. Sobald diese Verbindung aber unterbrochen ist, zerbricht auch das gesamte Freihandels-argument. (J. M. 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