{"id":5360,"date":"2013-08-24T12:32:57","date_gmt":"2013-08-24T10:32:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/?p=5360"},"modified":"2024-03-22T09:45:35","modified_gmt":"2024-03-22T08:45:35","slug":"der-wettbewerb-der-nationen-abwertungswettlauf","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/der-wettbewerb-der-nationen-abwertungswettlauf\/","title":{"rendered":"Der Wettbewerb der Nationen &#8211; ein Abwertungswettlauf?"},"content":{"rendered":"<p>Einen besonderen Stellenwert in der Folge der weltweiten Globalisierung und besonders der Finanz- und Eurokrise nimmt offenbar der Begriff des Wettbewerbs der Nationen ein.<\/p>\n<p> <center><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.boeckler.de\/cps\/rde\/xbcr\/hbs\/\/data\/impuls_grafik_16_2018_6_Lohnstueckkosten_rdax_1024x563_75s.jpg\" width=\"540\" alt=\"\" \/><br \/>\n<\/center><\/p>\n<p>Wird in der Politik \u00fcber L\u00f6sungsm\u00f6glichkeiten zur \u00dcberwindung dieser Krisenzust\u00e4nde diskutiert, so wird h\u00e4ufig die Forderung erhoben, die verschuldeten L\u00e4nder m\u00fcssten &#8222;wettbewerbsf\u00e4higer&#8220; werden, um in der Konkurrenz zu anderen Staaten bestehen oder sich gar verbessern zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><!--more Weiterlesen...--><\/p>\n<p>Es d\u00fcrfte jedem \u00f6konomisch nicht vorgebildeten v\u00f6llig logisch erscheinen, dass Unternehmen untereinander konkurrieren und in st\u00e4ndigem Wettbewerb miteinander stehen, in dem sie versuchen, sich Vorteile gegen\u00fcber ihren Konkurrenten zu verschaffen. Diese Bedingungen galten nicht nur f\u00fcr erfolgreiche gro\u00dfe Unternehmer wie Robert Bosch und Gottfried Daimler, sondern sie gelten heute noch f\u00fcr zahlreiche engagierte mittelst\u00e4ndische Unternehmer.<br \/>\nDie Marktwirtschaft ben\u00f6tigt diesen unternehmerischen Wettbewerb wie der Fisch das Wasser.<\/p>\n<p>Allerdings braucht die dabei entstehende Investitionsdynamik geeignete gesamtwirtschaftliche Rahmenbedingungen. Kann man diese aber durch die \u00dcbertragung des Wettbewerbsgedankens auf den Standortwettbewerb von Staaten schaffen?<\/p>\n<p><b>Wettbewerb der Unternehmen = Wettbewerb der Staaten?<\/b><br \/>\nWie aber sieht dann dieses Konzept bei der Anwendung auf Nationen aus? Stehen Staaten wirklich untereinander im Wettbewerb? Lohnt es sich tats\u00e4chlich, dar\u00fcber nachzudenken, wie man andere L\u00e4nder bei den Standortbedingungen f\u00fcr Investoren und Firmen am besten \u00fcbertreffen kann?  <\/p>\n<p>Die klassische \u00d6konomie liefert darauf einfache und allgemeinverst\u00e4ndliche Antworten:<br \/>\nNat\u00fcrlich stehen die Nationen wie Unternehmen in einem gegenseitigen Konkurrenzverh\u00e4ltnis. Schlie\u00dflich w\u00fcrde das Land mit den besten Voraussetzungen f\u00fcr Investoren und der unternehmerfreundlichsten Struktur das Kapital aus dem Ausland anziehen und so Arbeitspl\u00e4tze und Wohlstand f\u00fcr seine Bev\u00f6lkerung schaffen. <\/p>\n<p>Doch stimmt das \u00fcberhaupt so? Sind die Regeln des unternehmerischen Wettbewerbs tats\u00e4chlich so einfach auch auf Staaten anzuwenden?<\/p>\n<p>Denn was ist gesamtwirtschaftlich eigentlich unternehmerfreundlich? M\u00f6glichst keine Besteuerung der Gewinne? Keine Einschr\u00e4nkungen durch Umweltpolitik? Eine weitgehende Flexibilisierung des Arbeitsmarktes durch Abschaffung bzw. Verhinderung oder Verminderung von K\u00fcndigungsschutz, Mindestl\u00f6hnen und Lohnnebenkosten?<\/p>\n<p>Wer aber sorgt dann f\u00fcr \u00f6ffentliche G\u00fcter wie eine funktionierende Infrastruktur, wer finanziert allgemeine Anliegen wie die innere Sicherheit oder die Ausbildung von Arbeitskr\u00e4ften, auf die auch die Unternehmer angewiesen sind?<\/p>\n<p>Wie man sieht, reichen bereits ein paar einfache Fragen aus, um das Konzept des Wettbewerbs der Nationen ins Wanken zu bringen.<\/p>\n<p>Offensichtlich ist der unternehmerische Wettbewerb, bei dem es um die Durchsetzung neuer Produkte und Produktionsverfahren, um Innovationen und neue Ideen geht, nicht mit dem Konkurrieren der Staaten um Standortvorteile vergleichbar. <\/p>\n<p>Wie beim Lohndumping der Unternehmen untereinander hat daher auch das Kostensenken bei \u00f6ffentlichen G\u00fctern zwischen Nationen nichts mehr mit diesem richtigen Wettbewerb zu tun.<br \/>\nWenn Unternehmen nur deshalb international konkurrenzf\u00e4higer als ihre Mitbewerber sind, weil sie zuhause weniger Steuern zahlen, mit Niedrigl\u00f6hnen billiger produzieren k\u00f6nnen, die Umwelt mehr verdrecken d\u00fcrfen oder aus anderen L\u00e4ndern Fachleute abwerben, in deren Ausbildung sie nichts investiert haben, so handelt es sich dabei um einen Kampf &#8222;Jeder gegen jeden&#8220;, bei dem am Ende niemand gewinnen wird, am wenigsten die Menschen in den betroffenen L\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Weil man diese Folgen ungeregelter unternehmerischer Konkurrenz schon fr\u00fch erkannt hatte, kann es kaum wundern, dass der Wettbewerb der Unternehmen ebenso fr\u00fchzeitig von den Staaten reglementiert wurde.<\/p>\n<p>Denn einzelwirtschaftlich k\u00f6nnen Kostensenkungen f\u00fcr einzelne Unternehmen durchaus sinnvoll sein, allerdings nur, wenn sie im Rahmen des oben angef\u00fchrten unternehmerischen Wettbewerbs unter Einhaltung bestimmter Regeln erfolgen.<\/p>\n<p><b>Regeln f\u00fcr fairen Wettbewerb &#8211; f\u00fcr Unternehmen und Nationen wichtig<\/b><br \/>\nEs war immer eine allgemein akzeptierte \u00f6ffentliche Aufgabe, Fehlentwicklungen im Verh\u00e4ltnis einzelner Firmen untereinander auf den M\u00e4rkten m\u00f6glichst zu verhindern. Bereits am Ende des 19. Jahrhunderts gab es in verschiedenen Staaten Anti-Trust-Gesetze, um die Bildung von Monopolen und den unlauteren Wettbewerb durch Dumping-Methoden zu erschweren oder gar ganz auszuschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Wenn aber schon der Konkurrenzkampf der Unternehmen offenbar seit langem regelungsbed\u00fcrftig ist, wie soll es dann beim Wettbewerb der Nationen aussehen? Ist es akzeptabel, wenn Staaten diesen Konkurrenzkampf ohne globale Reglementierungen betreiben m\u00fcssen?<\/p>\n<p>Offenbar ist die Gefahr des unlauteren Wettbewerbs zwischen Staaten noch gr\u00f6\u00dfer als bei Unternehmen. Ebenso wie Firmen k\u00f6nnen Regierungen durch zwischenzeitlichen Verzicht, etwa auf die Erhaltung und den Ausbau der \u00f6ffentlichen Infrastruktur, um z. B. die Unternehmenssteuern international g\u00fcnstig und attraktiv zu halten, kurzfristig erfolgreich sein. <\/p>\n<p>Oder aber man \u00fcberredet die Bev\u00f6lkerung zur Lohnzur\u00fcckhaltung und dauerhafter Einschr\u00e4nkung des eigenen Lebensstandards, um \u00fcber sinkende oder stagnierende Lohnst\u00fcckkosten kurzfristig Exporterfolge zu erzielen und dadurch Arbeitspl\u00e4tze zu schaffen oder zu erhalten.<\/p>\n<p>Da die internationale Mobilit\u00e4t eines Gro\u00dfteils der Besch\u00e4ftigten eher gering ist, stehen Regierungen in diesem Fall nicht so schnell unter Erfolgsdruck wie etwa Unternehmen.<br \/>\nDaher kann ein Land, wenn es ihm gelingt, den G\u00fcrtel enger zu schnallen, sehr nachhaltig in die internationalen M\u00e4rkte eingreifen und die Ergebnisse des Wettbewerbs an diesen M\u00e4rkten in seinem Sinne beeinflu\u00dfen.<\/p>\n<p>Auf lange Sicht aber werden genau diese Dumpingma\u00dfnahmen den Standort langfristig schw\u00e4chen, da alle Menschen auf Dauer einen soliden \u00f6ffentlichen Kapitalstock brauchen, mit dem neben der inneren Sicherheit, einer tragf\u00e4higen Infrastruktur, einer effizienten \u00f6ffentlichen Verwaltung und ausreichender Bildung vor allem die gesellschaftliche Beteiligung aller an einer arbeitsteiligen Wirtschaft gew\u00e4hrleistet werden kann. Dies bedingt aber vor allem die Garantie von Verteilungsgerechtigkeit und Chancengleichheit, ohne die der gesellschaftliche Zusammenhalt auf Dauer nicht wirklich funktionieren kann.   <\/p>\n<p>Warum und wie der Wettkampf der Nationen aber auch unter Ber\u00fccksichtigung der Grunds\u00e4tze der <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/volkswirtschaftliche-saldenmechanik-vergessene-grundlage-der-geldtheorie\/\" title=\"volkswirtschaftliche Saldenmechanik \">volkswirtschaftlichen Saldenmechanik<\/a> durch das sogenannte <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/saldenmechanik-erklaerende-und-vertiefende-beispiele\/\" title=\"Beispiele zur Saldenmechanik\">Konkurrenzparadoxon<\/a> entscheidend beeinflu\u00dft wird, erl\u00e4utere ich in einem weiteren Beitrag.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einen besonderen Stellenwert in der Folge der weltweiten Globalisierung und besonders der Finanz- und Eurokrise nimmt offenbar der Begriff des Wettbewerbs der Nationen ein. 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