{"id":5252153,"date":"2017-04-13T07:00:05","date_gmt":"2017-04-13T05:00:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/?p=5252153"},"modified":"2020-08-31T07:36:38","modified_gmt":"2020-08-31T05:36:38","slug":"wilhelm-lautenbach-kapitalbildung-und-sparen-teil-7-letzter-teil","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wilhelm-lautenbach-kapitalbildung-und-sparen-teil-7-letzter-teil\/","title":{"rendered":"Wilhelm Lautenbach: Kapitalbildung und Sparen \u2013 Teil 7 (letzter Teil)"},"content":{"rendered":"<p><em>Fortsetzung von <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wilhelm-lautenbach-kapitalbildung-und-sparen-teil-6\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Teil 6<\/a>:<\/em><\/p>\n<p>Ebenso wird die These, die wir gegens\u00e4tzlich zur traditionellen Theorie an den Anfang stellten, dass n\u00e4mlich die volkswirtschaftliche Ersparnis durch die Investition, nicht aber die Investition durch die Ersparnis bestimmt wird, durch die Analyse des Kreditprozesses best\u00e4tigt.<\/p>\n<p><center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/bilder\/verbrauchsgueter.jpg\" width=\"350\" title=\"Verbrauchsg\u00fcter und Investitionen\" alt=\"Anteile von Faktorkosten, Abschreibungen und Unternehmergewinn an den abgesetzten Verbrauchsg\u00fctern\"\/><br \/>\n<em>Zusammenhang zwischen Investition und Produktionsvolumen<\/em><\/center><\/p>\n<p>An dem [obigen] Diagramm haben wir gesehen, welche entscheidende Bedeutung die H\u00f6he der Investitionen f\u00fcr den Gesch\u00e4ftsgang und das Produktionsvolumen der Verbrauchsg\u00fcterindustrie hat. Man kann die Beziehungen in einer Formel plastisch zum Ausdruck bringen. <\/p>\n<p><!--more Weiterlesen...--><\/p>\n<p>Die Verbrauchsquote, d. h. das Verh\u00e4ltnis von Verbrauchseinkommen zu den Gesamtkosten der Produktion ist variabel, bei gegebener technischer Ausstattung ist sie abh\u00e4ngig vom Besch\u00e4ftigungsgrad. Je h\u00f6her der Besch\u00e4ftigungsgrad, um so kleiner ist die Verbrauchsquote. Dies h\u00e4ngt damit zusammen, dass je n\u00e4her eine Wirtschaft der Vollbesch\u00e4ftigung kommt, um so mehr auch solche Betriebsanlagen und Arbeitskr\u00e4fte, die weniger leistungsf\u00e4hig sind, zur Produktion herangezogen werden, so dass die Grenzkosten der Produktion steigen.<\/p>\n<p>Demzufolge m\u00fcssen auch die Preise entsprechend hoch sein und ebenso der Gesamtgewinn der Unternehmungen, weil sie unter g\u00fcnstigen Bedingungen, n\u00e4mlich mit guter technischer Ausstattung und qualifizierten Arbeitskr\u00e4ften arbeitenden Betriebe bei diesem Preisstande erheblich mehr verdienen. <\/p>\n<p>Dieser Mehrgewinn schl\u00e4gt sich zum weit \u00fcberwiegenden Teil als Verm\u00f6genszuwachs nieder und senkt dadurch die allgemeine Verbrauchsquote. Dies muss man sich st\u00e4ndig vor Augen halten, wenn man die nun zu entwickelnde Formel betrachtet. <\/p>\n<p>Die in einer bestimmten Periode hergestellten Verbrauchsg\u00fcter werden nur dann zu Produktionskostenpreisen (Grenzkostenpreisen) abgesetzt, wenn die bei der Verbrauchsg\u00fcterherstellung aufgewendeten Kosten, einschlie\u00dflich Solleinkommen der Unternehmer (<em>V<\/em>), sich zu den Herstellungskosten der Investition (<em>J<\/em>) verhalten wie die diesem Produktionsstande entsprechende Verbrauchsquote q (wobei <em>q<\/em> ein echter Bruch ist) zu ihrem Komplement, n\u00e4mlich 1 \u2013 q. In der Formel geschrieben, wenn<br \/>\n<img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/bilder\/Gleichung1.jpg\" width=\"130\" title=\"\" alt=\"\"\/> ist.<\/p>\n<p>Hieraus ergibt sich<br \/>\n<img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/bilder\/Gleichung2.jpg\" width=\"200\" title=\"\" alt=\"\"\/><br \/>\noder<br \/>\nV + J = Gesamtproduktion =<br \/>\n<img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/bilder\/Gleichung3.jpg\" width=\"130\" title=\"\" alt=\"\"\/><\/p>\n<p>Das bedeutet: die Wirtschaft ist im Gleichgewichtszustande, wenn die Gesamtproduktion gleich einem bestimmten Mehrfachen der Investition ist, wobei der Multiplikator durch die jeweilige Verbrauchsquote <em>q<\/em> in der Form <img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/bilder\/Gleichung4.png\" width=\"25\" title=\"\" alt=\"\"\/> bestimmt wird. <\/p>\n<p>Man beachte dabei, dass <em>q<\/em> jeweils von dem Gesamtproduktionsstande, nicht aber von dem Verh\u00e4ltnis der Investition zu Verbrauch abh\u00e4ngig ist. Wenn daher die Kosten f\u00fcr die Gesamtproduktion einen bestimmten Betrag <em>P<\/em> ausmachten, so entspricht dem eine bestimmte Gr\u00f6\u00dfe von <em>q<\/em>. <\/p>\n<p>Verhalten sich aber bei diesem Gesamtproduktionsstande die Kosten der an die Verbraucher abgesetzten G\u00fcter zu den Kosten der Investition (Bruttoinvestition) nicht wie <img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/bilder\/Gleichung5.jpg\" width=\"25\" title=\"\" alt=\"\"\/>, so sind die erzielten Preise nicht gleich den Produktionskosten, und die Produktion ist in dem gedachten Umfang nicht aufrechtzuerhalten. <\/p>\n<p>Sie wird schrumpfen, wenn die Investition relativ zu klein, sie wird ausgedehnt werden, wenn die Investition relativ gr\u00f6\u00dfer ist, als es der Formel gem\u00e4\u00df ist. <\/p>\n<p>Hieraus geht hervor, wie ungeheuer wichtig wirtschaftspolitisch die richtige Steuerung der Investitionen ist. Es ist immer eine bestimmte Mindestgr\u00f6\u00dfe der Investitionen n\u00f6tig, damit die Wirtschaft auf Vollgang kommen kann. Diese Mindesth\u00f6he der Investition ist abh\u00e4ngig von der Verbrauchsquote. <\/p>\n<p>Die Verbrauchsquote wird teilweise durch psychologische Faktoren, n\u00e4mlich dem bewussten Sparwillen der Einkommensbezieher, zum anderen aber durch technische Bedingungen, n\u00e4mlich die Steigung der Grenzkostenkurve bestimmt. Je flacher die Grenzkostenkurve verl\u00e4uft, das bedeutet, je geringer der Unterschied in Leistung und Ergiebigkeit zwischen den besten Betrieben und den Grenzbetrieben, die noch mitarbeiten m\u00fcssen, damit Vollbesch\u00e4ftigung erzielt wird, ist, um so geringer ist die Gesamtsumme an Unternehmensgewinn, die zur Erhaltung der Vollbesch\u00e4ftigung notwendig ist. <\/p>\n<p>Je geringer aber der Unternehmensgewinn, um so h\u00f6her ist automatisch die Verbrauchsquote, um so geringer ist wieder die Investition, die zur Vollbesch\u00e4ftigung erforderlich ist. Diese letzte Feststellung er\u00f6ffnet f\u00fcr die weitere Wirtschaftlichkeit auf lange Sicht hin gewisse tr\u00f6stliche Perspektiven. <\/p>\n<p>W\u00e4re es n\u00e4mlich nicht so, dass durch allm\u00e4hlichen Ausgleich der Leistungsunterschiede der Gesamtgewinn der Unternehmen und damit die erforderliche Gesamtinvestition nach und nach verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig herabgedr\u00fcckt werden k\u00f6nnte, so m\u00fcsste man \u00e4u\u00dferst skeptisch sein. <\/p>\n<p>Wir sind allzu sehr gew\u00f6hnt, die Entwicklung der letzten hundert Jahre als typisch anzusehen, sie ohne weiteres auch in die Zukunft zu projizieren. Nun k\u00f6nnen wir in der Vergangenheit beobachten, dass die Kapitalakkumulation ebenso wie die Produktion durchschnittlich um etwa 3 % j\u00e4hrlich gewachsen ist. Hierin dr\u00fcckt sich die au\u00dferordentlich starke Dynamik unseres Zeitalters aus. <\/p>\n<p>Aber diese Entwicklung tr\u00e4gt durchaus einmalige Z\u00fcge. Es ist gewiss, dass sie nicht in alle Zeit so fortgehen kann. Es gen\u00fcgt sich klarzumachen, dass bei dieser Akkumulationsrate schon in etwa 230 Jahren das investierte Kapital sich vertausendfachen w\u00fcrde, um die v\u00f6llige Unm\u00f6glichkeit einer stetigen Weiterentwicklung im bisherigen Tempo zu erkennen. <\/p>\n<p>Die Investitionsrate muss unab\u00e4nderlich allm\u00e4hlich abnehmen. Die M\u00f6glichkeit, mit einer solchen allm\u00e4hlichen Abnahme der Investitionsrate fertig zu werden, besteht aber in dem Ma\u00dfe, wie es gelingt, Ergiebigkeit und Leistung der Betriebe nach und nach aneinander anzugleichen, d. h. H\u00f6chstleistung und Ergiebigkeit immer mehr zu verallgemeinern. <\/p>\n<p>Auf der anderen Seite zeigt nichts mehr als das Beispiel der Vereinigten Staaten auch die Schwierigkeit dieser Aufgabe. Eine hochentwickelte Industriewirtschaft wird zumindest in gewissen Zeiten nicht ohne starken Einsatz der staatlichen Initiative und gro\u00dfer \u00f6ffentlicher Investitionen auskommen. <\/p>\n<p>Es wird allgemein mehr darauf ankommen, dass in n\u00f6tigem Umfang investiert wird und weniger darauf, dass planm\u00e4\u00dfig gespart wird. Anderseits zeigt aber wiederum das Beispiel Deutschlands, dass das Sparen immer noch eine Tugend ist, n\u00e4mlich dann gerade, wenn der Staat der Wirtschaft gro\u00dfe Aufgaben stellt. <\/p>\n<p>In einem Augenblick, wo durch die gewaltigen staatlichen Investitionen die Produktion bis an die Grenzen der Elastizit\u00e4t gedr\u00e4ngt wird, ist bewusstes Sparen wieder h\u00f6chst bedeutsam, und der Sparer ist nicht nur ein guter Privat\u00f6konom, sondern zugleich ein treuer Helfer des Staates und erf\u00fcllt eine wichtige volkswirtschaftliche Aufgabe.<Sup><a href=\"#eins\"><b>1<\/b><\/a><\/Sup><\/p>\n<p><b>Anmerkung:<\/b><br \/>\n<Sup><a name=\"#eins\"><b>1<\/b><\/a><\/Sup> <em>Vgl. Wolfgang St\u00fctzel (1952): \u201eEr [Lautenbach], der 1931 mit solchem Eifer f\u00fcr St\u00e4rkung der Gesamtnachfrage durch \u00f6ffentliche Auftr\u00e4ge eintrat, dass viele in ihm den eigentlichen Initiator derjenigen Konjunkturpolitik sahen, die dann von Schacht betrieben wurde und zum gro\u00dfen Aufschwung f\u00fchrte \u2013 besch\u00e4ftigte sich 1937 vorwiegend mit den Gefahren der \u00dcberliquidit\u00e4t [\u2026 ]\u201c.<\/em><\/p>\n<p><em>Auszug aus einem <a href=\"http:\/\/www.saldenmechanik.info\/files\/saldenmechanik\/Lautenbach_-_Kapitalbildung_und_Sparen.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Vortrag<\/a> von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wilhelm_Lautenbach\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Wilhelm Lautenbach<\/a> vom 28. Oktober 1937, gehalten im \u201eVerein zur Bef\u00f6rderung des Gewerbeflei\u00dfes von 1821\u201c \u2013 aus altdeutscher Schrift \u00fcbertragen durch <a href=\"http:\/\/www.saldenmechanik.info\/index.php\/impressum\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">C.G.BRANDSTETTER<\/a>.<\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fortsetzung von Teil 6: Ebenso wird die These, die wir gegens\u00e4tzlich zur traditionellen Theorie an den Anfang stellten, dass n\u00e4mlich die volkswirtschaftliche Ersparnis durch die Investition, nicht aber die Investition durch die Ersparnis bestimmt wird, durch die Analyse des Kreditprozesses<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[27,36,28,32,29,37,44,18],"class_list":["post-5252153","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-oekonomie","tag-investition","tag-lautenbach","tag-saldenmechanik","tag-schulden","tag-sparen","tag-stuetzel","tag-volkswirtschaftslehre","tag-wirtschaft"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5252153","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5252153"}],"version-history":[{"count":10,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5252153\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":14936216,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5252153\/revisions\/14936216"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5252153"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5252153"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5252153"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}