{"id":5028902,"date":"2017-03-16T07:10:02","date_gmt":"2017-03-16T06:10:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/?p=5028902"},"modified":"2024-03-22T10:15:12","modified_gmt":"2024-03-22T09:15:12","slug":"warum-man-niemals-ein-angebots-und-nachfrage-diagramm-auf-die-arbeitsmaerkte-anwenden-sollte","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/warum-man-niemals-ein-angebots-und-nachfrage-diagramm-auf-die-arbeitsmaerkte-anwenden-sollte\/","title":{"rendered":"Warum man niemals ein Angebots- und Nachfrage-Diagramm auf die Arbeitsm\u00e4rkte anwenden sollte"},"content":{"rendered":"<p>Ein Standard-Angebots(Supply=S)- und Nachfrage(Demand=D)-Diagramm f\u00fcr einen beliebigen Arbeitsmarkt k\u00f6nnte so aussehen:<\/p>\n<p><Center><a title=\"Kaneiderdaniel, CC BY-SA 3.0 &lt;http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\/&gt;, via Wikimedia Commons\" href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Gleichgewichtspreis.svg\"><img decoding=\"async\" width=\"256\" alt=\"Gleichgewichtspreis\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/2\/26\/Gleichgewichtspreis.svg\/256px-Gleichgewichtspreis.svg.png\"><\/a><br \/>\n<em>Ein in der Volkswirtschaftslehre \u00fcbliches <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Marktdiagramm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Marktdiagramm<\/a><\/em><\/Center><\/p>\n<p>Es ist dabei \u00fcblich, W (= die Lohnh\u00f6he) auf der Preisachse und N (= Anzahl der Arbeiter) auf der Mengenachse zu verwenden. Das Gleichgewicht soll an dem Punkt auf der Achse W auftreten, wo die gelieferte Menge gleich der geforderten Menge ist. <\/p>\n<p><!--more Weiterlesen...--><\/p>\n<p>Von da aus k\u00f6nnte man dann gesetzliche Mindestl\u00f6hne einf\u00fchren oder Arbeitspl\u00e4tze analysieren, die mit unterschiedlichen nicht-finanziellen Vorteilen oder Kosten verbunden sind usw. Die Standard-Schlussfolgerung ist aber eigentlich immer die, dass freie M\u00e4rkte am besten seien.<\/p>\n<p>Doch halten wir hier mal einen Moment inne. S und D sagen nichts dar\u00fcber aus, wie viele Arbeitnehmer tats\u00e4chlich eine Anstellung haben oder wie viele Arbeitspl\u00e4tze wirklich besetzt sind &#8211; es handelt sich dabei lediglich um reine <b><em>Angebots<\/em><\/b>-Kurven. Die S-Kurve gibt an, wie viele Arbeiter bereit w\u00e4ren, einen Job zu verschiedenen L\u00f6hnen zu akzeptieren, und die D-Kurve gibt an, wie viele Arbeitspl\u00e4tze ihnen zur Verf\u00fcgung gestellt w\u00fcrden. Das ist nicht das gleiche wie bestehende Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse.<\/p>\n<p>Man bef\u00e4nde sich stattdessen in einer theoretischen Welt, in der die Arbeitsm\u00e4rkte nach einem beidseitig unmittelbar \u00fcbereinstimmenden Algorithmus funktionieren w\u00fcrden, \u00e4hnlich wie dem von Google, der auch ohne menschliche Eingriffe in jedem Stadium des Prozesses auskommt. In einer solchen Welt w\u00fcrden alle Angebote in einen digitalen Trichter geworfen, und alle, die durch den von Dritten designten Algorithmus als akzeptabel betrachtet werden, w\u00fcrden sofort angenommen. Vielleicht nicht direkt so wie bei Google, sondern eher wie bei <a href=\"https:\/\/www.priceline.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Priceline<\/a> oder Check24.<\/p>\n<p>Aber das ist nicht die Welt, in der wir tats\u00e4chlich leben. Das Finden von Stellenangeboten und Bewerbern ist vor allem zuf\u00e4llig und zeitraubend. Bewerber und Arbeitspl\u00e4tze unterscheiden sich in vielen verschiedenen, teils obskuren, subtilen, jedoch m\u00f6glicherweise entscheidenden Details. <\/p>\n<p>Niemand w\u00fcrde es wirklich wollen, dass ein Algorithmus diese Entscheidungen allein trifft. Und so w\u00fcrden dann auch nur einige wenige Jobsuchende, die ihre Arbeit sogar zu so etwas wie einem Gleichgewichtslohn anbieten, auch tats\u00e4chlich eingestellt, und nur einige offene Stellen, auf die sich Arbeitnehmer freiwillig bewerben, werden auch wirklich ausgef\u00fcllt. <\/p>\n<p>Bei der Messung von Arbeitslosigkeit und Stellenvakanzen wie etwa durch <a href=\"https:\/\/www.bls.gov\/jlt\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">JOLTS<\/a> (US-Umfrage zu Stellenangeboten und Arbeitsplatzfluktuationen) sehen wir keine Angebote, sondern nur Ver\u00e4nderungen in der tats\u00e4chlichen Besch\u00e4ftigung und Arbeitslosigkeit.<\/p>\n<p>Lassen Sie uns daher das Diagramm neu zeichnen.<\/p>\n<p><Center><a href=\"https:\/\/3.bp.blogspot.com\/-ajtYJw5RIco\/WKVidkSeDCI\/AAAAAAAAE9w\/T0OrkGOZtJ48SECL8naYW0Lc8XteiHnKACEw\/s1600\/S%2526D%2Bfor%2Blabor%2Bwith%2BN%2Bstar%2Bstar.PNG\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img decoding=\"async\" border=\"0\" style=\"border:0;\" src=\"https:\/\/3.bp.blogspot.com\/-ajtYJw5RIco\/WKVidkSeDCI\/AAAAAAAAE9w\/T0OrkGOZtJ48SECL8naYW0Lc8XteiHnKACEw\/s1600\/S%2526D%2Bfor%2Blabor%2Bwith%2BN%2Bstar%2Bstar.PNG\"  width=\"300\" \/><\/a><\/Center><\/p>\n<p>Links von N*, dem Gleichgewicht von Besch\u00e4ftigungsangeboten und Lohnforderungen, finden wir jetzt N**, die Anzahl der Arbeiter, deren Angebote tats\u00e4chlich angenommen wurden und die nun auch tats\u00e4chlich &#8222;im Job&#8220; sind. Diese kleine Reflexion sollte ausreichen, um zu zeigen, dass S &#038; D eine miserable Methode darstellt, um diese Differenzierung zu veranschaulichen.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst einmal, was bestimmt diese L\u00fccke zwischen dem Wunsch zu arbeiten (oder einen Job auszuf\u00fcllen) und der tats\u00e4chlichen Arbeitsaufnahme? Was sagt Ihnen dieses Instrumentarium \u00fcber N*-N**? Nichts. Es ist nicht dazu gemacht, um diese Frage zu beantworten, und das tut es dann auch logischerweise nicht.<\/p>\n<p>Doch es kommt noch schlimmer. Dieses Diagramm zeigt an, dass N*-N** auf beiden Seiten des Marktes gleich ist: Die Zahl der Arbeitnehmer, die nach Arbeit Ausschau halten, entspricht genau der Anzahl der Jobs, die Arbeitswillige suchen. <\/p>\n<p>Aber warum sollten wir das so erwarten? Welchen Grund gibt es anzunehmen, dass es f\u00fcr Arbeiter gleicherma\u00dfen leicht sein soll, Jobs zu finden, wie Arbeitspl\u00e4tze von Arbeitnehmern besetzt werden? Im Gegenteil, das Verh\u00e4ltnis der Erwerbslosen zu den Stellenangeboten ist noch nie auf 1:1 gefallen, zumindest seit wir JOLTS haben, um uns dar\u00fcber zu informieren.<\/p>\n<p>S &#038; D stellt schlicht und einfach das falsche Modell dar, da es nicht zwischen Angeboten und Transaktionen unterscheiden kann. Gl\u00fccklicherweise gibt es ein besseres Modell da drau\u00dfen, die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Suchtheorie\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Suchtheorie<\/a>, mit recht einfachen Impulsen und jede Menge verf\u00fcgbarer Daten.<\/p>\n<p>Jeder, der mit einem S &#038; D-Modell Forderungen an die Arbeitsm\u00e4rkte stellt, zeigt damit lediglich nur, dass er weniger von \u00d6konomie versteht als er meint.<\/p>\n<p><em>(eigene \u00dcbersetzung eines <a href=\"http:\/\/econospeak.blogspot.de\/2017\/02\/why-you-should-never-use-supply-and.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Blogbeitrages<\/a> des amerikanischen \u00d6konomen <a href=\"https:\/\/sites.evergreen.edu\/peterdorman\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Peter Dorman<\/a>)<\/p>\n<p>PS: Es ist ja sch\u00f6n und gut, dass Peter Dorman hier die Verwendung eines Angebots- und Nachfrage-Diagramms kritisiert, doch er stellt es nicht generell in Frage und verbleibt damit letztlich immer noch auf der neoliberalen Mikro-Ebene. Fundamentalere Kritik an der fehlerhaften Anwendung solch einzelwirtschaftlicher Instrumente in der Makro-\u00f6konomie gab es schon Jahrzehnte vor ihm beispielsweise von <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/alternative-wirtschaftstheorie-unternehmergewinn-und-beschaeftigungsvolumen-teil-1\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wilhelm Lautenbach<\/a> oder <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/john-maynard-keynes-preis-rigiditaeten-und-arbeitslosigkeit\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">John Maynard Keynes<\/a>. <\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Standard-Angebots(Supply=S)- und Nachfrage(Demand=D)-Diagramm f\u00fcr einen beliebigen Arbeitsmarkt k\u00f6nnte so aussehen: Ein in der Volkswirtschaftslehre \u00fcbliches Marktdiagramm Es ist dabei \u00fcblich, W (= die Lohnh\u00f6he) auf der Preisachse und N (= Anzahl der Arbeiter) auf der Mengenachse zu verwenden. 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