{"id":5022298,"date":"2017-04-01T07:30:56","date_gmt":"2017-04-01T05:30:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/?p=5022298"},"modified":"2026-05-18T09:40:33","modified_gmt":"2026-05-18T07:40:33","slug":"das-auspressen-der-amerikanischen-mittelschicht-ist-leider-keine-erfindung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/das-auspressen-der-amerikanischen-mittelschicht-ist-leider-keine-erfindung\/","title":{"rendered":"Das Auspressen der amerikanischen Mittelschicht ist leider keine Erfindung"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Benjamin_Disraeli\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Benjamin Disraeli<\/a> hat angeblich einmal gesagt: &#8222;Es gibt drei Arten von L\u00fcgen: L\u00fcgen, verdammte L\u00fcgen und Statistiken.&#8220; <\/p>\n<p><Center><a title=\"Stop-Schild mit Graffiti von participant\/team Team Dustizeff as part of the Commons:Wikis Take Manhattan project on October 4, 2008. http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0 CC BY-SA 3.0 Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 truetrue (Contributed by author) [CC BY-SA 3.0 (http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0)], via Wikimedia Commons\" href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File%3AWSTM_Team_Dustizeff_0045.jpg\"><img decoding=\"async\" width=\"412\" alt=\"WSTM Team Dustizeff 0045\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/8\/8c\/WSTM_Team_Dustizeff_0045.jpg\"\/><\/a><br \/>\n<em>Stop-Schild mit Graffiti in Manhattan, New York City<\/em><\/center><\/p>\n<p>Ja, es existiert eine statistisch hohe Wahrscheinlichkeit, dass Disraeli sich nicht selbst so ge\u00e4u\u00dfert hat, sondern dass <a href=\"https:\/\/de.wikiquote.org\/wiki\/Benjamin_Disraeli#F.C3.A4lschlich_zugeschrieben\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">ihm dieser Satz von Mark Twain untergeschoben wurde<\/a> &#8211; doch wenn man \u00fcber irref\u00fchrende Argumente schreibt, hat es eine gewisse Ironie, mit einem falsch zitierten Zitat zu beginnen.<\/p>\n<p><!--more Weiterlesen...--><\/p>\n<p>Heute geht es um die dritte Komponente von Disraelis Formulierung im Zusammenhang mit einem k\u00fcrzlich erschienenen Artikel im National Review mit der \u00dcberschrift <a href=\"https:\/\/www.nationalreview.com\/2017\/01\/middle-class-income-not-stagnating\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">&#8222;Vom Mythos der stagnierenden Mittelklasse&#8220;<\/a>. Der Artikel merkt an, dass &#8222;heute mehr Amerikaner besser leben als in den vergangenen Jahren&#8220;. F\u00fcr regelm\u00e4\u00dfige Leser ist dies eine \u00fcbliche Variante der Behauptung, dass <a href=\"http:\/\/www.washingtontimes.com\/news\/2014\/dec\/22\/richard-rahn-loux-xiv-john-rockefeller-had-harder-\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">&#8222;das gemeine Volk heute besser lebt als die K\u00f6nige in fr\u00fcheren Zeiten&#8220;<\/a>, ein Ausspruch, der schon vor <a href=\"https:\/\/www.bloomberg.com\/view\/articles\/2015-01-16\/are-the-poor-better-off-than-king-louis-xiv\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">zwei Jahren nicht richtig war<\/a>. <\/p>\n<p>Das derzeitige Argument ist insofern nuancierter, als es a) sich auf einige statistische Verdrehungen st\u00fctzt; b) Aussagen enth\u00e4lt, die zwar wahr sind, aber die eigentliche Behauptung nicht unterst\u00fctzen; und c) es als ein Argument gegen den Populismus von Donald Trump und der politischen Rechten erscheint. Insgesamt hat es das allgemeine Aussehen von Plausibilit\u00e4t, bis man anf\u00e4ngt tiefer zu graben.<\/p>\n<p>Und hier setzen wir dann mal an: Beginnen wir mit der Behauptung, dass heute mehr Amerikaner besser leben als in den vergangenen Jahren. Das ist an sich wahr und auch fast immer so gewesen. Der Fortschritt ist die \u00fcbliche Norm der Menschheit, seitdem unsere Vorfahren von den B\u00e4umen herunterkamen und aufrecht durch die afrikanische Savanne gingen.<\/p>\n<p>So kann es auch nicht verwundern, dass der Lebensstandard f\u00fcr alle Amerikaner seit vielen Jahren steigt, vor allem wegen der <a href=\"http:\/\/ritholtz.com\/2008\/02\/hackonomics\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">technologischen Weiterentwicklung<\/a>. Doch das Hauptthema der derzeitigen Diskussion ist eher die Aufteilung der wirtschaftlichen Vorteile der US-Wirtschaft innerhalb der Bev\u00f6lkerung. Mit anderen Worten, es geht eigentlich darum, wie letztlich der gesellschaftliche Reichtum verteilt wird. Die National Review greift aber zu einer statistischen Taschenspielerei, um davon abzulenken.<\/p>\n<p>F\u00fcr weitere Einsichten dazu lausche man <a href=\"https:\/\/ideas.repec.org\/f\/pme592.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Salil Mehta<\/a>, der in <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Columbia_University\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Columbia<\/a> und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Georgetown_University\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Georgetown<\/a> lehrt und f\u00fcr seine Rolle als treibende \u00f6konomische Kraft hinter dem 700 Mill. $ TARP-Banken-Rettungsplan in der Finanzkrise bekannt ist.<\/p>\n<p>Mehta machte kurzen Prozess mit dem Inhalt dieses Artikels:<\/p>\n<blockquote><p>\nDieser Beitrag ist eine krude Mischung aus einigen wenigen echten Fakten und vielen fantasievollen &#8222;Argumentationen&#8220;, durch diese einseitige Art der Rosinenpickerei werden Statistiken extrem unsicher f\u00fcr politische Entscheidungen. Das Hauptproblem mit diesem St\u00fcck aber ist, dass es die Daten kontinuierlich so vermischt und anpasst, dass sie in eine bestimmte schicksalhafte Erz\u00e4hlung passen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Mehta stellte ferner fest, dass die Argumente der National Review sich in einigen F\u00e4llen auf verschiedene Klassen von Amerikanern (wie etwa Minderheiten und Immigranten) bezogen, w\u00e4hrend sie an anderen Stellen aus der Statistik ausgeschlossen wurden. Diese Art der Vorsortierung von Daten stellt eigentlich immer ein absolutes No-Go dar.<\/p>\n<p>Betrachtet man dagegen, wie das <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Pew_Research_Center\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Pew Research Center<\/a> in <a href=\"http:\/\/www.pewresearch.org\/fact-tank\/2018\/09\/06\/the-american-middle-class-is-stable-in-size-but-losing-ground-financially-to-upper-income-families\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">seinem gro\u00dfen Forschungsbericht<\/a> &#8222;Die amerikanische Mittelschicht verliert an Boden&#8220; arbeitet: Die Abhandlung, die auch in dem National-Review-Artikel eine Rolle spielt, analysiert die <a href=\"https:\/\/www.census.gov\/programs-surveys\/cps.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">aktuellen Bev\u00f6lkerungsumfragen von 1971 bis 2015<\/a>. Dabei wird auf Daten aus dem <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Bureau_of_Labor_Statistics\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Bureau of Labor Statistics<\/a> zur\u00fcckgegriffen, die als etablierte Standards f\u00fcr die Datenverwaltung und empirische Vergleiche gelten.<\/p>\n<p>Vielleicht ist es dabei am besten, die wichtigste Feststellung mit zwei aussagekr\u00e4ftigen Diagrammen aus dem Bericht zu unterstreichen. Hier ist das erste, welches zeigt, dass das Einkommens-wachstum der Mittelschicht hinter dem der Oberschicht zur\u00fcckgeblieben ist:<\/p>\n<p><center><a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/bilder\/middleclass.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/bilder\/middleclass.jpg\" width=\"250\" title=\"\" alt=\"\"\/><\/a><br \/>\n<em>Die amerikanische Mittelklasse verliert an Boden<\/em><\/center><\/p>\n<p>Die zweite Grafik macht deutlich, dass sich die Reichtumsl\u00fccke zwischen den oberen und mittleren Klassen auch nach den Verlusten der Finanzkrise deutlich ausgeweitet hat:<\/p>\n<p><center><a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/bilder\/wealthgap.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/bilder\/wealthgap.jpg\" width=\"300\" title=\"\" alt=\"\"\/><\/a><br \/>\n<em>Die Wohlstandsl\u00fccke zwischen Oberschicht und Mittelschicht w\u00e4chst<\/em><\/center><\/p>\n<p>Bew\u00e4hrte Praxis in solchen F\u00e4llen hei\u00dft, die urspr\u00fcngliche Datenquelle heranzuziehen, aus ihr konsistent zu zitieren und zu analysieren, unabh\u00e4ngig davon, ob das Ergebnis die eigene \u00dcberzeugung unterst\u00fctzt.<\/p>\n<p>Wie schon erw\u00e4hnt, gibt es durchaus viele Gr\u00fcnde, <a href=\"https:\/\/www.bloomberg.com\/view\/articles\/2015-11-16\/why-so-many-people-hate-this-economic-recovery\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">mit der derzeitigen wirtschaftlichen Erholung nicht wirklich gl\u00fccklich zu sein<\/a>: sie ist von der Geographie, den Industriezweigen und dem Bildungsniveau her lausig und ungleichm\u00e4\u00dfig verteilt. Vieles davon hat Menschen geschadet, die einst zur Mittelklasse gez\u00e4hlt wurden. Hinzu kamen die jahrzehntelangen Auswirkungen von Automatisierung, Globalisierung und des R\u00fcckgangs der Verhandlungsmacht der Arbeitnehmer, zusammen bedeutete dies alles f\u00fcr die Mittelschicht jahrelange wirtschaftliche Stagnation.<\/p>\n<p>Doch nicht nur die Stagnation von L\u00f6hnen und Wohlstand bestimmen das Ma\u00df der b\u00fcrgerlichen Angst. Auch die Inflation und ihre Komponenten spielen dabei eine Rolle. Die Preise f\u00fcr Dinge, die wir haben wollen sind gesunken, w\u00e4hrend die Kosten f\u00fcr die Dinge, die wir unbedingt ben\u00f6tigen ansteigen. Mobiltelefone, Computer und Flachbildfernseher sind besser und Dollar-f\u00fcr-Dollar g\u00fcnstiger als jemals zuvor. Das gleiche gilt f\u00fcr Autos, die in ein paar Jahren wahrscheinlich selbst fahren werden.<\/p>\n<p>Doch das sind zumeist Konsumgegenst\u00e4nde. Wenn es um die Grundbed\u00fcrfnisse geht, ergibt sich eine andere Geschichte. Immobilien sind trotz der Krise von 2008-09 weiterhin teuer. Die Wohnungsmieten sind gestiegen, als das Wohneigentum zur\u00fcckgegangen ist. Die Bildungskosten in den USA sind in den Himmel geschossen und zeigen keine Anzeichen einer Verlangsamung. Die Krankenversicherungskosten und Ausgaben f\u00fcr Medikamente geh\u00f6ren ebenfalls zu den am schnellsten steigenden Konsumausgaben.<\/p>\n<p>Der National-Review-Artikel schlie\u00dft mit den Worten: &#8222;Die Regierung kann dieses Problem nicht beheben, denn dieses Problem existiert eigentlich nicht wirklich.&#8220;<\/p>\n<p>Das W\u00fcnschen, dass ein Problem nicht existiert, l\u00e4sst es aber nicht verschwinden. Doch es bietet einen Einblick, warum die Republikanische Partei von dem Aufstieg von Donald Trump und seinen populistischen Appellen so kalt erwischt wurde. Es erscheint keineswegs so, als ob die Partei-Elite kurzsichtig gewesen sei, sondern sie fabrizierte aktiv eine Filterblase, in der gegens\u00e4tzliche Informationen nicht erlaubt waren. Die beunruhigende Sache ist aber die, dass sich in der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Republikanische_Partei\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">GOP<\/a> seitdem immer noch nichts ge\u00e4ndert hat.<\/p>\n<p>Die Angst der Mittelschicht hat sich \u00fcber mehr als ein Jahrzehnt aufgebaut und vermischte sich bei der letzten Wahl mit einem allgemeinen Gef\u00fchl der Frustration \u00fcber Amerikas F\u00fchrungsklasse. Kein Wunder also, dass die Mittelschicht sich ausgepresst f\u00fchlt &#8211; weil es schlicht wahr ist.<\/p>\n<p><em>(eigene \u00dcbersetzung eines <a href=\"https:\/\/www.bloomberg.com\/view\/articles\/2017-02-15\/the-middle-class-squeeze-isn-t-made-up\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Beitrages<\/a> des amerikanischen Wirtschaftsjournalisten <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Barry_Ritholtz\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Barry Ritholtz<\/a>)<\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Benjamin Disraeli hat angeblich einmal gesagt: &#8222;Es gibt drei Arten von L\u00fcgen: L\u00fcgen, verdammte L\u00fcgen und Statistiken.&#8220; Stop-Schild mit Graffiti in Manhattan, New York City Ja, es existiert eine statistisch hohe Wahrscheinlichkeit, dass Disraeli sich nicht selbst so ge\u00e4u\u00dfert hat,<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[24,34,14,32,29,44,18],"class_list":["post-5022298","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-oekonomie","tag-globalisierung","tag-inflation","tag-lohn","tag-schulden","tag-sparen","tag-volkswirtschaftslehre","tag-wirtschaft"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5022298","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5022298"}],"version-history":[{"count":40,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5022298\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9265620,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5022298\/revisions\/9265620"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5022298"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5022298"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5022298"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}