{"id":499,"date":"2013-06-07T13:25:00","date_gmt":"2013-06-07T11:25:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/?p=499"},"modified":"2020-03-17T07:34:57","modified_gmt":"2020-03-17T06:34:57","slug":"mindestlohne-und-die-produktivitat","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/mindestlohne-und-die-produktivitat\/","title":{"rendered":"Mindestl\u00f6hne und die individuelle Produktivit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p>Die Debatte \u00fcber den gesetzlichen Mindestlohn hat in der letzten Zeit wieder einigen Auftrieb bekommen. Nun, erstaunlich ist das eigentlich nicht, da ja auch Kanzlerin Merkel seit einiger Zeit zumindest Lohnuntergrenzen bef\u00fcrwortet.<\/p>\n<p>Offensichtlich ist der \u00f6ffentliche Druck zu diesem Thema momentan so gro\u00df geworden, dass sich auch die Bundesregierung diesem Anliegen nicht mehr wirklich verschliessen kann.<\/p>\n<p><!--more Weiterlesen...--><\/p>\n<p>Neu ist die Forderung nach einem Mindestlohn allerdings nicht, bereits seit einigen Jahren gibt es entsprechende Studien und Umfragen, die zumeist sehr eindeutig sind.<\/p>\n<p>Allerdings melden sich auch immer wieder Kritiker zu Wort, meist mit den gleichen, seit Jahren geh\u00f6rten Argumenten. Wie z. B. der neue Chef des Deutschen Instituts f\u00fcr Wirtschaftsforschung (DIW) Marcel Fratscher im <a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/wirtschaft\/diw-chef-fratzscher-ein-waehrungskrieg-bringt-niemandem-etwas\/7797810.html\" title=\"Marcel Fratscher im Tagesspiegel\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Tagesspiegel<\/a>:<\/p>\n<blockquote><p>Der Lohn eines Arbeitnehmers sollte seine Produktivit\u00e4t sehr eng widerspiegeln.<br \/>\n&#8230;<br \/>\nDaher w\u00e4re ich vorsichtig mit einem einheitlichen Mindestlohn. Wenn man ihn zu niedrig ansetzt, bringt er kaum etwas. Setzt man ihn zu hoch an, kostet er Jobs, vor allem der Arbeitnehmer, die man eigentlich sch\u00fctzen wollte.<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Was aber ist dran an diesen Argumenten? Gibt es das eigentlich \u00fcberhaupt, eine individuelle Produktivit\u00e4t jedes Arbeitnehmers?<br \/>\nUnd wenn es sie gibt, kann und wird sie dann auch exakt so in Geldeinheiten ermittelt?<\/strong><\/p>\n<p>Da f\u00e4llt mir dann wieder eine Diskussion ein, die ich vor einiger Zeit mit einem Kollegen gef\u00fchrt habe, als bei uns im B\u00fcro die Fensterputzer &#8222;durch&#8220;-kamen.<br \/>\nEs ging dabei dann auch irgendwann um die Kostenfrage, wieviel so ein Fensterputzer denn wohl verdienen w\u00fcrde. &#8222;Das wird doch davon abh\u00e4ngen, wieviel Fenster er so in der Stunde schaffen kann,&#8220; so die Schlussfolgerung meines Kollegen.<\/p>\n<p>Wer aber bestimmt, was so eine Fensterreinigung kostet? Wie sieht das aus, wenn so ein Fensterputzer das in wenigen Minuten &#8222;schafft&#8220;, ein anderer daf\u00fcr aber wesentlich l\u00e4nger braucht? Wieviel ist diese Arbeit dann wert? Ist sie pl\u00f6tzlich mehr &#8222;wert&#8220;, wenn sie ein Arbeiter mit einem h\u00f6heren Stundenlohn ausf\u00fchrt? Kann man diesen &#8222;Wert&#8220; der T\u00e4tigkeit &#8222;Fenster putzen&#8220; denn \u00fcberhaupt in Euro, also in &#8222;Geldeinheiten&#8220; beziffern?<\/p>\n<p>Wieviel ist die Arbeit des Managers dieser Firma wert, der doch darauf angewiesen ist, dass seine Mitarbeiter ihren Job &#8222;gut&#8220; und zuverl\u00e4ssig erledigen?<br \/>\nWieviel die der Vorzimmerkraft, die den Kalender dieses Managers f\u00fchrt?<\/p>\n<p>Wonach richtet sich aber der Stundenlohn des Fensterputzers, des Managers oder der Sekret\u00e4rin, wenn ihre Arbeit nicht so ohne weiteres in &#8222;Geldeinheiten&#8220; zu bewerten ist?<\/p>\n<p>Wie hoch ist denn dann eigentlich die &#8222;pers\u00f6nliche&#8220; Produktivit\u00e4t der einzelnen? Wann aber greift denn dann die sogenannte &#8222;Grenzproduktivit\u00e4t&#8220;, ab der die Arbeit dann angeblich zu teuer wird? <\/p>\n<p>Kann es sein, dass in einer arbeitsteiligen Gesellschaft die individuelle Produktivit\u00e4t gar nicht oder nur selten die tats\u00e4chliche Grundlage der Lohnh\u00f6he ist?<br \/>\nBestimmen nicht ganz andere Faktoren letztendlich die Arbeitseinkommen von Manager, Fensterputzer und Sekret\u00e4rin?<br \/>\nIst der moderne Betrieb nicht eher ein hochkomplexes Zusammenspiel vieler Arbeitnehmer verschiedenster Aus- und Vorbildung, in dem sich das Gesamtergebnis des Produktionsprozesses fast unm\u00f6glich auf den individuellen Anteil des Einzelnen herunterrechnen l\u00e4sst?<\/p>\n<p>Aber wenn diese Faktoren nichts mit der Produktivit\u00e4t des Einzelnen zu tun haben, warum sollte ausgerechnet diese &#8222;Grenzproduktivit\u00e4t&#8220; des Einzelnen dann entscheidend f\u00fcr die H\u00f6he eines gesetzlichen Mindestlohns sein? <\/p>\n<p>Warum sollten dann Arbeitspl\u00e4tze wegfallen, wenn der Mindestlohn &#8222;zu hoch&#8220; ausf\u00e4llt? Zu hoch im Verh\u00e4ltnis zu was?<\/p>\n<p>Was also spricht dagegen, wenn man sich Gedanken dar\u00fcber macht, andere Ma\u00dfst\u00e4be f\u00fcr die H\u00f6he eines Mindestlohnes anzulegen?<\/p>\n<p>Eine weitere \u00dcberlegung w\u00e4re: wenn alle Arbeitskr\u00e4fte auch unter Beachtung ihrer Knappheit letztendlich doch aufeinander angewiesen bleiben und eine individuelle Produktivit\u00e4t nicht zu ermitteln ist, so muss man die L\u00f6sungssuche wohl doch einfach umgekehrt beginnen:<br \/>\nsolange die gering qualifizierte Arbeit nachgefragt bleibt, sollte auch ihr Wert steigen, n\u00e4mlich entsprechend des Wachstums der gesamtwirtschaftlichen Produktivit\u00e4t. <\/p>\n<p>Daher kann tats\u00e4chlich nur die Nachfrage der entscheidende Faktor f\u00fcr die H\u00f6he eines Mindestlohnes sein. Werden die Fenster nicht automatisch gereinigt, die Haare nicht automatisch geschnitten und B\u00f6den nicht automatisch gewischt, so m\u00fcssen diese Arbeitskr\u00e4fte wie alle anderen auch am Zuwachs des allgemeinen Lebensstandards beteiligt werden.<\/p>\n<p>Also m\u00fcssten dann diejenigen, die mit ihrer Produktivit\u00e4t an der Spitze der Lohnskala stehen, denen, deren Arbeit sich nicht so ohne weiteres wegrationalisieren l\u00e4\u00dft, eine entsprechende Beteiligung am Erfolg aller erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p>In einem reichen Land w\u00e4re damit auch sichergestellt, dass diese Arbeitnehmer dann von ihrer T\u00e4tigkeit auch leben k\u00f6nnten.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Debatte \u00fcber den gesetzlichen Mindestlohn hat in der letzten Zeit wieder einigen Auftrieb bekommen. Nun, erstaunlich ist das eigentlich nicht, da ja auch Kanzlerin Merkel seit einiger Zeit zumindest Lohnuntergrenzen bef\u00fcrwortet. 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