{"id":4879500,"date":"2017-03-05T07:00:50","date_gmt":"2017-03-05T06:00:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/?p=4879500"},"modified":"2020-08-31T07:34:52","modified_gmt":"2020-08-31T05:34:52","slug":"wilhelm-lautenbach-kapitalbildung-und-sparen-teil-5","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wilhelm-lautenbach-kapitalbildung-und-sparen-teil-5\/","title":{"rendered":"Wilhelm Lautenbach: Kapitalbildung und Sparen \u2013 Teil 5"},"content":{"rendered":"<p><em>Fortsetzung von <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wilhelm-lautenbach-kapitalbildung-und-sparen-teil-4\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Teil 4<\/a>:<\/em><\/p>\n<p>Das Unternehmereinkommen wird in seiner H\u00f6he tats\u00e4chlich durch die drei Faktoren: Eigenverbrauch der Unternehmer, Neuinvestition und Ersparnis der Nichtunternehmer bestimmt.<\/p>\n<p><center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/bilder\/verbrauchsgueter.jpg\" width=\"350\" title=\"Verbrauchsg\u00fcter und Investitionen\" alt=\"Anteile von Faktorkosten, Abschreibungen und Unternehmergewinn an den abgesetzten Verbrauchsg\u00fctern\"\/><br \/>\n<em>Zusammenhang zwischen Investition und Produktionsvolumen<\/em><\/center><\/p>\n<p>Daraus ergibt sich, dass die Unternehmer, wenn sie mehr verbrauchen, mehr verdienen, w\u00e4hrend die Nichtunternehmer, wenn sie mehr verbrauchen, ihr festgegebenes Einkommen verzehren. Umgekehrt k\u00f6nnen die Unternehmer auch nicht dadurch, dass sie insgesamt weniger konsumieren, mehr sparen, sondern wenn sie insgesamt weniger konsumieren, vermindert sich ihr Einkommen (bei gegebener Produktion).<\/p>\n<p><!--more Weiterlesen...--><\/p>\n<p>Diese S\u00e4tze m\u00f6gen manchem wie ein Angriff auf die sittliche Weltordnung vorkommen. Es ist aber nicht so schlimm, wie es zun\u00e4chst aussieht, weil der einzelne Unternehmer praktisch v\u00f6llig den gleichen Gesetzen unterliegt wie der Nichtunternehmer. Das Durchschnittsverhalten oder das Gesamtverhalten der Unternehmer als Verbraucher wirkt gestaltend auf ihr Einkommen ein. <\/p>\n<p>In dem Ma\u00dfe, in dem der einzelne von dem durchschnittlichen Verhalten abweicht, vermindert er oder erh\u00f6ht er das Gesamteinkommen aller Unternehmer, partizipiert aber nur zu einem winzigen Teil an diesem Gewinn oder Verlust, so dass eine starke Erh\u00f6hung seiner Verbrauchsausgaben praktisch seine Ersparnis entsprechend reduziert und eine starke Beschr\u00e4nkung seiner Ausgaben seine Ersparnis erh\u00f6ht. <\/p>\n<p>Wenn aber alle Unternehmer gut verdienen und ihr Einkommen vermehren, so ist das nicht eine Folge ihrer Sparsamkeit, also eines mehr passiven Verhaltens, sondern allenfalls der Lohn ihrer Aktivit\u00e4t als Investoren. In dem Ma\u00dfe, wie sie investieren, bilden sie volkswirtschaftliches Verm\u00f6gen, und dieses volkswirtschaftlich gebildete Verm\u00f6gen ist auch Unternehmerverm\u00f6gen insgesamt, soweit nicht Nichtunternehmer sich durch Sparen daran beteiligen. <\/p>\n<p>Durch Sparen, d. h. durch planm\u00e4\u00dfigen Verzicht auf Verausgabung des gesamten individuellen Einkommens, bildet zwar der einzelne Privatverm\u00f6gen, nicht aber wird eo ipso durch diese einzelnen Sparakte volkswirtschaftlich Verm\u00f6gen gebildet. Deswegen ist Sparen, d. h. der planm\u00e4\u00dfige Verzicht auf Verausgabung des erzielten Einkommens, nicht uneingeschr\u00e4nkt und unter allen Umst\u00e4nden, sondern nur unter bestimmten Bedingungen volkswirtschaftlich erw\u00fcnscht. <\/p>\n<p>In Zeiten der Vollbesch\u00e4ftigung und vollen Ausnutzung aller Produktivkr\u00e4fte ist die privatwirtschaftliche Tugend des Sparens auch volkswirtschaftlich ein Segen. In Zeiten gro\u00dfer Arbeitslosigkeit und gedr\u00fcckten Gesch\u00e4ftsganges wird aus Wohltat Plage. Dies liegt darin begr\u00fcndet, dass die privatwirtschaftliche Ersparnis des einzelnen kompensiert werden kann durch Einkommensverluste oder Verm\u00f6genseinbu\u00dfen anderer. <\/p>\n<p>Wenn beispielsweise alle Lohn- und Gehaltsbezieher etwa heute in Frankreich, einen Appell an ihren Patriotismus folgend, sich entschl\u00f6ssen, durchweg, sagen wir, 10 % ihres Einkommens mehr zu sparen als bisher, so w\u00fcrde der patriotische Opferwille durchaus nicht die erwarteten Fr\u00fcchte tragen. Denn die franz\u00f6sische Wirtschaft krankt nicht daran, dass zu wenig gespart wird, sondern daran, dass zu wenig investiert wird, und der heroische Sparentschluss der Lohn- und Gehaltsbezieher w\u00fcrde das \u00dcbel nicht heilen, sondern nur schlimmer machen. <\/p>\n<p>Um das zu zeigen und zu erkennen, braucht man nur zu pr\u00fcfen, was den aus den ersparten Mitteln wird. Die landl\u00e4ufige Ansicht, die im \u00fcbrigen auch von der \u00e4lteren Theorie verfochten wurde, ist, dass durch eine solche zus\u00e4tzliche Ersparnis Mittel, und zwar Geldmittel frei werden, die nun zu Investitionszwecken verwendet werden k\u00f6nnen. Ich m\u00f6chte Ihnen aber an einem drastischen Zahlenbeispiel zeigen, dass dies nicht so ist:<\/p>\n<p>Nehmen wir einen aus der gro\u00dfen Menge derjenigen, die einem Appell an die Sparsamkeit gehorchen, heraus, und verfolgen wir, was aus seinem ersparten Geld wird. Hans hat im Laufe des Monats 20 Mark er\u00fcbrigt und tr\u00e4gt sie zur n\u00e4chsten Bankfiliale. Da dieser Einzelakt ein typischer Akt sein soll \u2013 Hans ist ja einer von Millionen \u2013, so wollen wir in einem allgemeinen Schema bilanzm\u00e4\u00dfig den Sparvorgang bei der Bank darstellen. Bevor Hans und die \u00fcbrigen Sparer kamen, soll die Bankbilanz folgenderma\u00dfen ausgesehen haben:<br \/>\n<center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/bilder\/Bilanz1.jpg\" width=\"400\" title=\"\" alt=\"\"\/><\/center><br \/>\nDie F\u00e4higkeit einer Bank, Kredit zu geben, ist von ihrer Liquidit\u00e4t abh\u00e4ngig. Die Liquidit\u00e4t bemisst sich nach dem Verh\u00e4ltnis der Kasse zu den Gesamtanlagen.<\/p>\n<p>Das ist in diesem Fall also 100 : 1000, die Liquidit\u00e4tsquote ist also 10 %. Nunmehr wird Hansens Einzahlung verbucht mit dem Erfolg, dass die Kasse auf 120 steigt und die Kreditoren auf 1020.<\/p>\n<p>Die Liquidit\u00e4t wird nunmehr durch das Verh\u00e4ltnis von 120 : 1020 wiedergegeben. Sie ist also erheblich besser als vorher. Hieraus aber zu folgern, dass die Liquidit\u00e4t der Bank durch das Sparen von Hans merklich verbessert worden w\u00e4re, und deshalb auch ihre F\u00e4higkeit, Kredit zu geben, w\u00e4re trotzdem eine schlimme \u00dcbereilung. Wir m\u00fcssen n\u00e4mlich feststellen, was gesch\u00e4he, wenn Hans, statt zu sparen, konsumierte. <\/p>\n<p>Unterstellen wir einmal, er k\u00e4me auf dem Wege zur Bank an einer Schenke vorbei, in der sein Freund Max gerade Geburtstag feiert, und er lie\u00dfe sich verleiten, mitzufeiern, und zwar so kr\u00e4ftig, dass das Geld das er zur Bank tragen wollte, v\u00f6llig in Alkohol umgesetzt w\u00fcrde. <\/p>\n<p>Der Wirt tr\u00e4gt ein paar Stunden sp\u00e4ter, h\u00f6chstbefriedigt \u00fcber das Extragesch\u00e4ft, die eingenommenen 20 Mark zur Bank, um f\u00e4llige Rechnungen zu bezahlen. Er zahlt ein auf das Konto seiner Brauerei, die Debitor [Schuldner] bei seiner Bank ist. Die Bankbilanz sieht nunmehr folgenderma\u00dfen aus:<br \/>\n<center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/bilder\/Bilanz2.jpg\" width=\"400\" title=\"\" alt=\"\"\/><\/center><br \/>\nDie Liquidit\u00e4t ist also in diesem Fall 120 : 1000,<Sup><a href=\"#eins\"><b>1<\/b><\/a><\/Sup> also nicht nur genau so gut, sondern besser, als wenn Hans, statt zu trinken, gespart h\u00e4tte, ja sie ist materiell sogar erheblich besser, als die Liquidit\u00e4tsquote angibt. <\/p>\n<p>In Wirklichkeit spielen andere Kriterien, als das reine Verh\u00e4ltnis von Kasse zur Gesamtanlage eine gr\u00f6\u00dfere Rolle, und eines der wichtigsten Liquidit\u00e4tskriterien<Sup><a href=\"#zwei\"><b>2<\/b><\/a><\/Sup> ist f\u00fcr eine Bank dabei der Umschlag auf den debitorischen Konten. Durch den Konsumakt wird nun der Umschlag auf den debitorischen Konten erh\u00f6ht. <\/p>\n<p>Alle Betr\u00e4ge, die verausgabt werden, flie\u00dfen Unternehmern zu und reduzieren ihre Kontokorrentschuld oder erh\u00f6hen ihre Gesch\u00e4ftsdepositen. Wird aber das Einkommen der Lohn- und Gehaltsempf\u00e4nger gespart, so laufen eben die von den Unternehmern veranlagten Lohn- und Gehaltssummen nicht automatisch an sie zur\u00fcck. Wenn in gro\u00dfem Umfange pl\u00f6tzlich zus\u00e4tzlich gespart wird, ist die einzige Folge, dass Kontokorrent-schulden von Unternehmern in gro\u00dfem Umfange einfrieren. <\/p>\n<p>Die Kassenlage der Banken ist nicht einen Deut besser, als wenn konsumiert w\u00fcrde. Das Verh\u00e4ltnis von Kasse zu Gesamtanlage ist ung\u00fcnstiger, die Banken sind infolgedessen weniger kreditwillig, der Zins steigt und dadurch werden die Unternehmer, statt zu Investitionen angeregt zu werden, davon abgeschreckt. <\/p>\n<p>Ersparnisse aus bezogenem Geldeinkommen erscheinen nicht als zus\u00e4tzliche Mittel bei den Banken, k\u00f6nnen infolgedessen auch nicht wieder ausgeliehen werden, wie sooft irrig angenommen wird. Man muss bedenken, dass in dem Augenblick, wo die L\u00f6hne und Geh\u00e4lter gezahlt werden, Unternehmer entsprechend auf ihrem Bankkonto belastet werden. Entweder ist ihre Bankschuld gestiegen oder ihr Bankguthaben entsprechend reduziert worden, d. h. der Lohn- und Gehaltsbezieher konnte \u00fcberhaupt erst sparen, nachdem die Unternehmer sich verschuldet oder aus ihrem Bankguthaben gezahlt hatten.<\/p>\n<p><b>Anmerkungen:<\/b><br \/>\n<Sup><a name=\"#eins\"><b>1<\/b><\/a><\/Sup> <em>Bei \u00dcberweisung von einer anderen Bank, w\u00e4re die Quote ident (120 : 1000) \u2013 auf der Aktivseite erh\u00f6he sich stattdessen die Position Zentralbankgeld-Guthaben um 20 [Anm. C.G.BRANDSTETTER].<\/em><\/p>\n<p><Sup><a name=\"#zwei\"><b>2<\/b><\/a><\/Sup> <em>Nach Basel II\/III werden Kreditforderungen (Debitoren) risikogewichtet in Relation zur Passivseite gestellt (Forderungen zu Verbindlichkeiten), d. h. eine Tilgung aller graduell von AAA abweichenden (privaten) Kreditrisiken erh\u00f6he die \u201eBasel II\/III-Liquidit\u00e4t\u201c (Eigenkapitalanforderungen). Nach dem Liquidit\u00e4tssaldokonzept nach Claus K\u00f6hler (1970) ist ein Kreditinstitut dann liquide, wenn es \u00fcber freie Liquidit\u00e4tsreserven verf\u00fcgt, dazu z\u00e4hlt auch potenzielles Zentralbankgeld, also refinanzierungsf\u00e4hige Aktiva, die jederzeit bei der Zentralbank gegen ZB-Guthaben sowie Bargeld eingetauscht werden k\u00f6nnen [Anm. CGB].<\/em><\/p>\n<p><em><b>Weiter hier demn\u00e4chst mit <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wilhelm-lautenbach-kapitalbildung-und-sparen-teil-6\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Teil 6<\/a>.<\/b><\/em><\/p>\n<p><em>Auszug aus einem <a href=\"http:\/\/www.saldenmechanik.info\/files\/saldenmechanik\/Lautenbach_-_Kapitalbildung_und_Sparen.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Vortrag<\/a> von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wilhelm_Lautenbach\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Wilhelm Lautenbach<\/a> vom 28. Oktober 1937, gehalten im \u201eVerein zur Bef\u00f6rderung des Gewerbeflei\u00dfes von 1821\u201c \u2013 aus altdeutscher Schrift \u00fcbertragen durch <a href=\"http:\/\/www.saldenmechanik.info\/index.php\/impressum\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">C.G.BRANDSTETTER<\/a>.<\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fortsetzung von Teil 4: Das Unternehmereinkommen wird in seiner H\u00f6he tats\u00e4chlich durch die drei Faktoren: Eigenverbrauch der Unternehmer, Neuinvestition und Ersparnis der Nichtunternehmer bestimmt. 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