{"id":483514,"date":"2015-02-09T07:05:03","date_gmt":"2015-02-09T06:05:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/?p=483514"},"modified":"2015-03-01T00:55:39","modified_gmt":"2015-02-28T23:55:39","slug":"keine-erholung-ohne-strukturreformen-beispiel-japan-der-1990er-jahre-teil-2-die-neoliberale-wachstumstheorie","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/keine-erholung-ohne-strukturreformen-beispiel-japan-der-1990er-jahre-teil-2-die-neoliberale-wachstumstheorie\/","title":{"rendered":"Keine Erholung ohne Strukturreformen? Beispiel Japan der 1990er Jahre &#8211; Teil 2: Die neoliberale Wachstumstheorie"},"content":{"rendered":"<p>Wie in <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/keine-erholung-ohne-strukturreformen-beispiel-japan-der-1990er-jahre-teil-1-einleitung\/\" title=\"Keine Erholung ohne Strukturreformen? Beispiel Japan der 1990er Jahre \u2013 Teil 1: Einleitung \u203a \u00d6konomie und Sport\" target=\"_blank\">Teil 1<\/a> bereits er\u00f6rtert, ist der Ruf nach &#8222;Strukturreformen&#8220; eine der zentralen Forderungen neoliberaler Wirtschaftspolitik. Anhand der &#8222;verlorenen Dekade&#8220; im Japan der 1990er Jahre soll hier versucht werden, die G\u00fcltigkeit dieser These zu \u00fcberpr\u00fcfen.<\/p>\n<p><Center><a title=\"Japan's annual real GDP growth (in average) by B\u00ecnh Giang (Eigenes Werk) [Public domain], via Wikimedia Commons\" href=\"http:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File%3AJapan_real_GDP_growth_rate.png\"><img decoding=\"async\" width=\"512\" alt=\"Japan real GDP growth rate\" src=\"\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/c\/c3\/Japan_real_GDP_growth_rate.png\/512px-Japan_real_GDP_growth_rate.png\"\/><\/a><br \/>\n<em>Durchschnittliches reales Wachstum des japanischen Bruttoinlandsproduktes je Dekade,<br \/>\nDaten aus: Edward C. Prescott (2002), &#8222;The 1990s in Japan: A Lost Decade&#8220; <\/em><\/Center><\/p>\n<p><b>Teil 2: Das Argument der neoklassischen <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wachstumstheorie\" title=\"Wachstumstheorie \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\">Wachstumstheorie<\/a><\/b><br \/>\nGem\u00e4\u00df dieser Theorie wird das \u00f6konomische Wachstum auf zwei Variablen zur\u00fcckgef\u00fchrt: die Quantit\u00e4t der Produktionsfaktoren (Land, Arbeit, Kapital, Technologie) und die Gesamtproduktivit\u00e4t dieser Faktoren. Dabei muss ber\u00fccksichtigt werden, dass f\u00fcr die G\u00fcltigkeit dieser These eine ganze Reihe von Annahmen vorausgesetzt werden. <\/p>\n<p><!--more Weiterlesen...--><\/p>\n<p>So gehen die neoliberalen Theoretiker davon aus, dass stets alle Marktteilnehmer ein gleiches und vollst\u00e4ndiges Wissen aller notwendigen und erhaltbaren Informationen haben, stets flexible Preise gegeben sind, es keine Transaktionskosten gibt, perfekte M\u00e4rkte ohne Einschr\u00e4nkungen durch Monopole und Oligopole vorherrschen. <\/p>\n<p>Nur wenn alle diese Voraussetzungen zutreffen, sind M\u00e4rkte gem\u00e4\u00df dieser Theorie immer im Gleichgewicht und alle Faktoren immer vollbesch\u00e4ftigt. So kann man auf Grundlage diese Modells dann auch den Schluss ziehen, dass das tats\u00e4chliche Wirtschaftswachstum gleich dem potenziellen Wachstum ist. <\/p>\n<p>Logischerweise kann es nach den Pr\u00e4missen dieser Theorie demnach nur zwei Gr\u00fcnde geben, warum eine Wirtschaftskrise entstehen kann:<br \/>\n1. die Menge der verf\u00fcgbaren Produktionsfaktoren oder ihr Wachstum ist gesunken, oder\/und<br \/>\n2. die Produktivit\u00e4t dieser Produktionsfaktoren ist gefallen (respektive das Wachstum der Produktivit\u00e4t hat sich entsprechend verlangsamt).<\/p>\n<p>Im Falle der wirtschaftlichen Rezession Japans nach dem Absturz des Nikkei Anfang der 1990er wurden beide Argumente angef\u00fchrt, um die Probleme der damaligen Wirtschaftsstruktur zu belegen und die Durchf\u00fchrung tiefsch\u00fcrfender Strukturreformen zu fordern.<\/p>\n<p>Um die Stichhaltigkeit dieser Argumente zu \u00fcberpr\u00fcfen, ist es daher notwendig, zu verifizieren, ob<br \/>\n1. die Produktivit\u00e4t der tats\u00e4chlich besch\u00e4ftigten Produktionsfaktoren im Jahrzehnt vor der Krise wirklich gesunken ist,<br \/>\n2. das Angebot an vorhandenen Produktionsfaktoren in diesem Zeitraum tats\u00e4chlich gefallen ist  und<br \/>\n3. ob es nicht auch Produktionsfaktoren gegeben hat, die nicht vollst\u00e4ndig besch\u00e4ftigt waren (in diesem Fall w\u00e4re n\u00e4mlich die neoklassische Wachstumstheorie nicht zutreffend und daher gar nicht anwendbar).<\/p>\n<p><b>Erkenntnisse \u00fcber den R\u00fcckgang der Produktivit\u00e4t in Japan<\/b><br \/>\nDie Messung und der akkurate Vergleich der Produktivit\u00e4tsentwicklung stellt an sich schon keine leichte Aufgabe dar. Da sie in der Regel auch nur in der lokalen W\u00e4hrung erfasst wird, ist es notwendig, die Produktivit\u00e4t f\u00fcr internationale Vergleiche in komparable Werte zu konvertieren. Aufgrund ihrer hohen Volatilit\u00e4t sind Wechselkurse dazu allerdings denkbar ungeeignet.<\/p>\n<p>Alternativen wie etwa der Vergleich von <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kaufkraftparit%C3%A4t\" title=\"Kaufkraftparit\u00e4t \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\">Kaufkraftparit\u00e4ten<\/a> haben ebenso ihre Schw\u00e4chen, da sie vor allem auf Annahmen beruhen und entscheidend von der Auswahl der Warenk\u00f6rbe abh\u00e4ngen.<\/p>\n<p>In den 1990ern w\u00e4hlte man hingegen noch andere fragw\u00fcrdige statistische Vergleichswerte, um ein angebliches Hinterherhinken der Produktivit\u00e4t in Europa und Japan gegen\u00fcber der in den USA zu behaupten. Die EZB postulierte so f\u00fcr den Zeitraum seit Anfang 2000 lediglich einen Anstieg um 0,9 %, w\u00e4hrend das <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Bureau_of_Labor_Statistics\" title=\"Bureau of Labor Statistics - Wikipedia, the free encyclopedia\" target=\"_blank\">US Bureau of Labor Statistics<\/a> f\u00fcr die Vereinigten Staaten einen Wert von 7,9 % angab. <\/p>\n<p>Doch diese Zahlen erwiesen sich schlicht als nicht vergleichbar, da die amerikanische Statistikbeh\u00f6rde ein g\u00e4nzlich andere Berechnungsmethode auf der Grundlage potenziell geleisteter Arbeitsstunden (und nicht die der tats\u00e4chlich besch\u00e4ftigten Arbeitskr\u00e4fte) anwendete. Angebliche amerikanische Produktivit\u00e4tssteigerungen waren also in Wirklichkeit nur die Darstellung sinkender Arbeitslosigkeit.<\/p>\n<p>Ebenso problematisch stellte sich die Messung der Produktivit\u00e4t als Steigerung des Pro-Kopf-BIPs dar. Ohne eine Ber\u00fccksichtigung der Arbeitszeiten (US-Arbeitnehmer waren im Vergleichszeitraum wesentlich l\u00e4nger pro Jahr besch\u00e4ftigt als ihre Kollegen in Europa und Japan) wurde auch hier kein Produktivit\u00e4tsanstieg, sondern nur eine h\u00f6here Besch\u00e4ftigungsrate ermittelt. Bei der Produktivit\u00e4t als BIP pro Arbeitsstunde lagen die Amerikaner dagegen hinter vielen europ\u00e4ischen und asiatischen L\u00e4ndern zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Da diese Methode wegen mangelnder Vergleichbarkeit die Behauptung des st\u00e4rkeren amerikanischen Produktivit\u00e4tsanstiegs nicht belegen konnte und andere Messungen \u00fcber l\u00e4ngere Zeitr\u00e4ume f\u00fcr fast alle anderen Staaten (u. a. auch Japan) eine h\u00f6here Produktivit\u00e4t als die USA ermittelten, musste 2002 mit einer Studie von <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Fumio_Hayashi\" title=\"Fumio Hayashi - Wikipedia, the free encyclopedia\" target=\"_blank\">Fumio Hayashi<\/a> und <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Edward_C._Prescott\" title=\"Edward C. Prescott \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\">Edward Prescott<\/a> eine andere Begr\u00fcndung f\u00fcr das angeblich schwache Produktivit\u00e4tswachstum Japans gefunden werden. <\/p>\n<p>Die beiden \u00d6konomen erkl\u00e4rten das schwache Wachstum in den fr\u00fchen 1990ern als Folge eines externen Produktivit\u00e4tsschocks und nicht bedingt durch schwache Nachfrage. Doch auch diese Behauptung lie\u00df sich nicht aufrecht erhalten. Da Hayashi und Prescott in ihrer Analyse schlicht von der Vollbesch\u00e4ftigung aller Produktionsfaktoren ausgegangen waren, stellte sich der angebliche Produktivit\u00e4tsabfall als nachlassende Faktorauslastung durch steigende Arbeitslosigkeit heraus.<\/p>\n<p>Ber\u00fccksichtigte man bei ihren Berechnungen diesen Faktor, so zeigte sich, dass die Produktivit\u00e4t Japans in diesem Zeitraum keineswegs so stark zur\u00fcckging, wie Hayashi und Prescott urspr\u00fcnglich dargelegt hatten. Eine andere Studie mit besser vergleichbaren Statistiken (Jorgenson und Motohashi 2003) fand sogar das Gegenteil heraus und zeigte ein st\u00e4rkeres Produktivit\u00e4tswachstum in den 1990ern als in der Dekade davor. <\/p>\n<p>So gelangte Richard A. Werner zu folgender Feststellung:<\/p>\n<blockquote><p><b><br \/>\nEs gibt keinerlei Belege, dass die japanische Rezession durch mangelnde Produktivit\u00e4t erkl\u00e4rt werden kann.<\/p>\n<p>Forscher, welche einen R\u00fcckgang der Produktivit\u00e4t aufzudecken glaubten, f\u00fchrten irrige Analysen durch, da sie Besch\u00e4ftigungsgrad mit Produktivit\u00e4t verwechselten. <\/p>\n<p>Korrekt gemessen stellte sich sogar heraus, dass das japanische Produktivit\u00e4ts- wachstum in den 1990er Jahren anstieg.<\/b><\/p><\/blockquote>\n<p>Auch die neoklassische Handelstheorie, nach der internationale Warenstr\u00f6me durch die unterschiedliche Produktivit\u00e4t der Volkswirtschaften erkl\u00e4rbar w\u00e4ren, lieferte keine empirische Fakten zur Unterst\u00fctzung des Strukturreform-Arguments.<\/p>\n<p>So ging man davon aus, dass die japanische Handelsbilanz ein zuverl\u00e4ssiger Indikator f\u00fcr die Produktivit\u00e4t Nippons darstellte. Dies war vor allem auch in Amerika bekannt und bewusst, da bereits in den 1980ern viele US-\u00d6konomen damit besch\u00e4ftigt waren, den Produktivit\u00e4tsvorsprung Japans zu erforschen.<\/p>\n<p>Wie aber kam man darauf, dass das Land der aufgehenden Sonne damals einen Vorsprung bei der Ertragsf\u00e4higkeit hatte? Die Experten verglichen schlicht die Handelsbilanz der beiden L\u00e4nder und erkannten, dass Japan hier sehr viel erfolgreicher war als die USA.<\/p>\n<p>Demnach f\u00fchrt auch der Vergleich der Handelsbilanzen als Begr\u00fcndung f\u00fcr eine Verringerung der japanischen Produktivit\u00e4t nicht weiter. Im Gegenteil wuchs die Produktivit\u00e4t in den 1990ern mindestens genauso schnell, wenn nicht noch schneller als vorher. Damit aber kann mangelnde Produktivit\u00e4t nicht als Ursache f\u00fcr die Rezession gedeutet werden und es d\u00fcrfte damit auch klar sein, dass strukturelle Ma\u00dfnahmen zu ihrer Steigerung die Krise auch nicht beendet h\u00e4tten.<\/p>\n<p>In <strong><a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/keine-erholung-ohne-strukturreformen-beispiel-japan-der-1990er-jahre-teil-3-mangel-an-produktionsfaktoren\/\" title=\"Keine Erholung ohne Strukturreformen? Beispiel Japan der 1990er Jahre \u2013 Teil 3: Mangel an Produktionsfaktoren? \u203a \u00d6konomie und Sport\" target=\"_blank\">Teil 3<\/a> dieser Serie<\/strong> soll dann gepr\u00fcft werden, ob ein Mangel an den Produktionsfaktoren Boden, Arbeit, Kapital und Technologie f\u00fcr das geringe Wirtschaftswachstum vor der Krise verantwortlich gemacht werden kann.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie in Teil 1 bereits er\u00f6rtert, ist der Ruf nach &#8222;Strukturreformen&#8220; eine der zentralen Forderungen neoliberaler Wirtschaftspolitik. Anhand der &#8222;verlorenen Dekade&#8220; im Japan der 1990er Jahre soll hier versucht werden, die G\u00fcltigkeit dieser These zu \u00fcberpr\u00fcfen. Durchschnittliches reales Wachstum des<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[33,24,16,15,32,29,18],"class_list":["post-483514","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-oekonomie","tag-deflation","tag-globalisierung","tag-lohnstueckkosten","tag-produktivitaet","tag-schulden","tag-sparen","tag-wirtschaft"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/483514","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=483514"}],"version-history":[{"count":33,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/483514\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":723217,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/483514\/revisions\/723217"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=483514"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=483514"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=483514"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}