{"id":4695111,"date":"2017-04-29T07:00:11","date_gmt":"2017-04-29T05:00:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/?p=4695111"},"modified":"2026-03-11T13:51:24","modified_gmt":"2026-03-11T12:51:24","slug":"eine-kindheit-in-armut-kann-erwachsene-spaeter-auch-die-psychische-gesundheit-kosten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/eine-kindheit-in-armut-kann-erwachsene-spaeter-auch-die-psychische-gesundheit-kosten\/","title":{"rendered":"Eine Kindheit in Armut kann Erwachsene sp\u00e4ter auch die psychische Gesundheit kosten"},"content":{"rendered":"<p>Eine gro\u00dfe und wachsende Anzahl an Forschungsergebnissen zeigt, dass arme Kinder sp\u00e4ter als Erwachsene eine Vielzahl von k\u00f6rperlichen Problemen haben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><Center><a title=\"Delphi234, CC0, via Wikimedia Commons\" href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:US_Poverty_Rate_by_Age.svg\"><img decoding=\"async\" width=\"412\" alt=\"US Poverty Rate by Age\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/5\/5f\/US_Poverty_Rate_by_Age.svg\"><\/a><br \/>\n<em>Armutsquoten nach Alter in den Vereinigten Staaten von 1959 bis 2014.<br \/>\nDaten aus der <a href=\"https:\/\/www.census.gov\/content\/dam\/Census\/library\/publications\/2015\/demo\/p60-252.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">US-Volksz\u00e4hlung<\/a>, Tabelle B-2 Seite 50<\/em><\/Center><\/p>\n<p>Nun m\u00fcsse man auch schwere seelische Sch\u00e4den zu dieser Liste hinzuf\u00fcgen, so die Aussage eines Forschers der amerikanischen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Cornell_University\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Cornell Universit\u00e4t<\/a>. Eine umfassende neue Studie, die ihre Teilnehmer \u00fcber einen Zeitraum von 15 Jahren begleitete, ist die erste, die beweist, dass Armut im Kindesalter erhebliche psychische Probleme im Erwachsenenalter verursachen kann.<\/p>\n<p><!--more Weiterlesen...--><\/p>\n<p>Verarmte Kinder zeigten gem\u00e4\u00df dieser Arbeit mehr antisoziales Verhalten wie Aggression und Mobbing sowie erh\u00f6hte Gef\u00fchle der Hilflosigkeit als Kinder aus mittleren Einkommensschichten. Kinder aus prek\u00e4ren Verh\u00e4ltnissen leiden auch mehr unter chronischem physiologischen Stress und haben zudem h\u00e4ufiger Defizite im kurzfristigen r\u00e4umlichen Ged\u00e4chtnis.<\/p>\n<p>&#8222;Dies bedeutet, wenn du arm geboren bist, befindest du dich von Anfang an auf einer absteigenden Kurve, die noch mehr von diesen psychologischen Problemen mit sich f\u00fchrt&#8220;, sagte <a href=\"https:\/\/www.human.cornell.edu\/people\/gwe1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Gary Evans<\/a>, der Autor der Studie und Professor f\u00fcr Umwelt- und Entwicklungspsychologie bei Cornell.<\/p>\n<p>Warum aber ist das so? &#8211; Mit einem Wort, Stress.<\/p>\n<p>&#8222;Durch die Armut sind Sie viel zu viel Stress ausgesetzt. Jeder hat Stress, aber Kinder aus einkommensschwachen haben viel mehr davon&#8220;, so Evans. &#8222;Und auch die Eltern befinden sich st\u00e4ndig unter Stress, demnach sind diese Kinder besonders geh\u00e4uften Risiken ausgesetzt.&#8220;<\/p>\n<p>Evans, ein Kinderpsychologe, der sich auf die Auswirkungen von Stress auf Kinder spezialisiert hat, ist der Autor von <a href=\"http:\/\/www.pnas.org\/content\/113\/52\/14949.abstract\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">&#8222;Armut in der Kindheit und die psychische Gesundheit als Erwachsene&#8220;<\/a>, ver\u00f6ffentlicht im vergangenen Monat in der Fachzeitschrift <em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Proceedings_of_the_National_Academy_of_Sciences\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Proceedings of the National Academy of Sciences<\/a><\/em>.<\/p>\n<p>Die Ergebnisse sind wichtig, weil Kinder, die in Armut aufwachsen, sehr wahrscheinlich auch als Erwachsene verarmt bleiben. Es existiert zum Beispiel eine 40-prozentige Chance, dass das Einkommen eines Sohnes das gleiche wie das seines Vaters sein wird.<\/p>\n<p>&#8222;Die Leute haben diese Idee im Kopf, dass, wenn Sie nur hart genug arbeiten und nach den Regeln spielen, sie auch voran kommen k\u00f6nnen&#8220;, sagte Evans. &#8222;Doch das ist nur ein Mythos, es ist einfach nicht wahr.&#8220;<\/p>\n<p>In seiner Studie verfolgte Evans 341 Teilnehmer \u00fcber einen Zeitraum von 15 Jahren und pr\u00fcfte sie im Alter von 9, 13, 17 und 24 Jahren.<\/p>\n<p>Das kurzzeitige r\u00e4umliche Ged\u00e4chtnis wurde getestet, indem Teilnehmer der Erwachsenen-Studie aufgefordert wurden, immer komplexere Sequenzen von Lichtern und T\u00f6nen zu wiederholen, indem sie vier farbige Pads in der richtigen Reihenfolge &#8211; \u00e4hnlich dem Simon-Spiel &#8211; dr\u00fcckten. Die Erwachsenen aus prek\u00e4ren Verh\u00e4ltnissen hatten eine verminderte F\u00e4higkeit sich an die Sequenzen zu erinnern, verglichen mit denen, die anders aufgewachsen sind. &#8222;Das ist ein wichtiges Ergebnis, weil die F\u00e4higkeit, Informationen im Kurzzeitged\u00e4chtnis zu behalten von grundlegender Bedeutung f\u00fcr eine Vielzahl von elementaren kognitiven F\u00e4higkeiten, einschlie\u00dflich der Sprache und Leistungsf\u00e4higkeit ist&#8220;, so die Aussage der Studie.<\/p>\n<p>Obwohl die Teilnehmer dieser Ma\u00dfnahme nur als Erwachsene beurteilt wurden, hatte dieser Test die st\u00e4rkste Verbindung zur kindlichen Armut der vier angewandten Methoden.<\/p>\n<p>Ohnmacht, Rat- und Hilflosigkeit wurden dadurch beurteilt, dass die Teilnehmer gebeten wurden, ein unm\u00f6gliches R\u00e4tsel zu l\u00f6sen. Erwachsene mit prek\u00e4rem Hintergrund gaben um 8 Prozent schneller auf als diejenigen, die als Kinder nicht arm waren. Fr\u00fchere Untersuchungen hatten zudem gezeigt, dass die chronische Exposition gegen\u00fcber unkontrollierbaren Stressfaktoren &#8211; wie etwa Unruhe in der Familie oder minderwertige Unterk\u00fcnfte &#8211; dazu tendiert, weitere Machtlosigkeit zu induzieren.<\/p>\n<p>Das seelische Wohlbefinden wurde mit einem gut validierten, standardisierten Index der mentalen und psychischen Gesundheit mit Aussagen wie &#8222;Ich argumentiere viel&#8220; und &#8222;Ich bin zu ungeduldig&#8220; gemessen. Erwachsene, die in Armut aufgewachsen waren, stimmten diesen Fragen eher zu als Erwachsene aus einem mittleren Einkommens-Background.<\/p>\n<p>Chronischer physiologischer Stress wurde durch Messung des Blutdrucks, der Stresshormone und des Body Mass Index der Teilnehmer getestet. Erwachsene, die in Armut aufwuchsen, hatten ein h\u00f6heres Niveau der chronischen k\u00f6rperlichen Belastung w\u00e4hrend der ganzen Kindheit und im Erwachsenenalter.<\/p>\n<p>Die Studie hat zwei Implikationen, sagte Evans.<\/p>\n<p>Erstens erscheint es effizienter und funktionaler, diese Probleme durch fr\u00fche Intervention zu verhindern. &#8222;Wenn Sie nicht fr\u00fch genug eingreifen, wird es wirklich schwierig und sp\u00e4ter viele kostspielige Interventionen erfordern&#8220;, sagte er.<\/p>\n<p>Zweitens ist das zunehmende Einkommen der armen Familien der effizienteste Weg, um das Armutsrisiko eines Kindes zu reduzieren und seinerseits das Risiko der Entwicklung psychologischer Probleme zu verringern. Evans unterst\u00fctzt die Schaffung eines Sicherheitsnetzes, \u00e4hnlich dem Zusatzeinkommen der Sozialversicherung f\u00fcr \u00e4ltere Menschen und Behinderte. Wenn eine Familie arm ist und Kinder hat, sollte die Bundesregierung ihnen zus\u00e4tzliche Einkommen zur Verf\u00fcgung stellen, die ausreichen, um an der Gesellschaft teilzunehmen, so Evans.<\/p>\n<p>&#8222;Es ist nicht wahr, dass man nichts gegen die Armut tun kann, sondern nur, ob es den politischen Willen gibt und ob die Menschen bereit sind, das Problem zu l\u00f6sen, statt die Armen zu beschuldigen und &#8211; noch widersinniger &#8211; ihren Kindern die Schuld zu geben&#8220;, sagte er weiter.<\/p>\n<p>&#8222;Dies ist eine gesellschaftliche Frage, und wenn wir beschlie\u00dfen Ressourcen umzuwandeln, wie wir es bei den \u00c4lteren und der sozialen Sicherheit machen, dann k\u00f6nnten wir die Art und Weise der Daten, die diese Studie zeigt, durchaus \u00e4ndern.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;K\u00f6nnten wir so aber die Armut tats\u00e4chlich loswerden? Wahrscheinlich eher nicht&#8220;, so Evans&#8216; Fazit. &#8222;Doch ich bin \u00fcberzeugt, dass wir sie drastisch \u00e4ndern k\u00f6nnten.&#8220;<\/p>\n<p><em>(eigene \u00dcbersetzung eines Artikels \u00fcber ein Forschungsprojekt des amerikanischen Psychologen Gary Evans)<\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine gro\u00dfe und wachsende Anzahl an Forschungsergebnissen zeigt, dass arme Kinder sp\u00e4ter als Erwachsene eine Vielzahl von k\u00f6rperlichen Problemen haben k\u00f6nnen. Armutsquoten nach Alter in den Vereinigten Staaten von 1959 bis 2014. 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