{"id":4410911,"date":"2017-01-29T07:00:33","date_gmt":"2017-01-29T06:00:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/?p=4410911"},"modified":"2024-10-18T10:40:35","modified_gmt":"2024-10-18T08:40:35","slug":"die-torheiten-und-trugschluesse-der-chicago-oekonomik","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/die-torheiten-und-trugschluesse-der-chicago-oekonomik\/","title":{"rendered":"Die Torheiten und Trugschl\u00fcsse der Chicago-\u00d6konomik"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Jeder Dollar der gestiegenen Staatsausgaben muss einem Dollar weniger f\u00fcr private Ausgaben entsprechen. Die durch die Konjunkturausgaben geschaffenen Arbeitspl\u00e4tze werden durch verloren gegangene Arbeitspl\u00e4tze aufgrund des R\u00fcckgangs der privaten Ausgaben kompensiert.<\/p>\n<p><Center><a href=\"https:\/\/larspsyll.files.wordpress.com\/2016\/05\/savings-and-investments.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/larspsyll.files.wordpress.com\/2016\/05\/savings-and-investments.jpg\" width=\"312\" alt=\"\" title=\"\"\/><\/a><\/Center><\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen Stra\u00dfen anstelle von Fabriken bauen, aber fiskalische Impulse k\u00f6nnen uns nicht helfen, mehr von beidem zu bauen. Diese Form der &#8222;Verdr\u00e4ngung&#8220; ist einfach nur Buchhaltung, und beruht nicht auf irgendwelchen Wahrnehmungen oder Verhaltensannahmen.&#8220; &#8211; <em><a href=\"https:\/\/www.chicagobooth.edu\/review\/authors-experts\/c\/john-h-cochrane#sort=%40articledate%20descending&#038;numberOfResults=9\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">John Cochrane<\/a><\/em><\/p>\n<p>Und was ist das winzige Problem dabei? Es ist schlicht durch und durch falsch!<\/p>\n<p><!--more Weiterlesen...--><\/p>\n<p>Was <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/John_H._Cochrane\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Cochrane<\/a> hier wiederholt, ist nichts anderes als das sogenannte <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/says-law-der-grosse-irrglaube-der-angebotstheoretiker\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Say&#8217;s Law<\/a>, welches grunds\u00e4tzlich aussagt, dass die Ersparnisse gleich den Investitionen sind und dass, wenn der Staat Investitionen erh\u00f6ht, die privaten Investitionen automatisch zur\u00fcckgehen (&#8222;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Crowding-out\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Crowding Out<\/a>&#8222;). <\/p>\n<p>Als Buchhaltungsidentit\u00e4t gibt es nat\u00fcrlich nichts zu sagen \u00fcber das Gesetz, aber als solches ist es auch v\u00f6llig uninteressant aus \u00f6konomischer Sicht. Wie einige meiner schwedischen Vorg\u00e4nger &#8211; <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gunnar_Myrdal\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Gunnar Myrdal<\/a> und <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Erik_Lindahl\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Erik Lindahl<\/a> &#8211; bereits vor mehr als 80 Jahren betonten, handelt es sich eigentlich tats\u00e4chlich nur um <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ex_ante\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Ex-ante<\/a>&#8211; und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ex_post\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Ex-post<\/a>-Anpassungen. <\/p>\n<p>Und wie ein <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/William_Vickrey\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">ber\u00fchmter englischer \u00d6konom<\/a> etwa zur gleichen Zeit betonte, erhalten wir grunds\u00e4tzlich Output-Anpassungen, wenn Ex-ante-Einsparungen und Investitionen sich unterscheiden. Ver\u00e4nderungen des BIPs sorgen nur daf\u00fcr, dass Einsparungen und Investitionen im Nachhinein gleich bleiben. Und das sagt zudem gar nichts \u00fcber den Erfolg oder Misserfolg der Fiskalpolitik aus!<\/p>\n<blockquote><p><strong>Staatsverschuldung soll vermeintlich private Investitionen \u201everdr\u00e4ngen\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Die aktuelle Realit\u00e4t stellt allerdings das genaue Gegenteil dar, durch die Verwendung der geliehenen Fremdmittel (im Gegensatz zu den Ausgaben durch Steuereinnahmen) werden n\u00e4mlich zus\u00e4tzlich verf\u00fcgbare Einkommen erzeugt, die die Nachfrage nach den Produkten der Privatwirtschaft erh\u00f6hen und private Investitionen erheblich rentabler machen. <\/p>\n<p>Solange viele freie Ressourcen ungenutzt bleiben und sich die Zentralbanken vern\u00fcnftig verhalten (anstatt zu versuchen, den angeblichen inflation\u00e4ren Effekten der Defizite entgegenzuwirken), sollten diejenigen mit einer Perspektive f\u00fcr eine gewinnbringende Investition aktiviert werden und eine entsprechende Finanzierung erhalten. <\/p>\n<p>Unter diesen Umst\u00e4nden wird jeder zus\u00e4tzliche Dollar Defizit mittel- und langfristig zwei oder mehr zus\u00e4tzliche Dollar an privaten Investitionen induzieren. Das so geschaffene Kapital erh\u00f6ht somit den Wohlstand irgendeiner Person und unweigerlich auch dessen Ersparnisse. \u201eJedes Angebot schafft sich seine Nachfrage selbst\u201c stimmt dann nicht mehr, wenn ein Teil des durch das Angebot generierten Einkommens gespart wird, Investitionen dagegen erzeugen eigene Ersparnisse und mehr. <\/p>\n<p>Alle Verdr\u00e4ngungseffekte, die auftreten k\u00f6nnen, sind nicht das Ergebnis der zugrunde liegenden wirtschaftlichen Realit\u00e4t, sondern die Folge ungeeigneter restriktiver Reaktionen seitens einer monet\u00e4ren Institution auf das Defizit.<\/p>\n<p><em>Aus <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/fatale-irrtuemer-des-finanziellen-fundamentalismus-staatsverschuldung-und-die-angebliche-verdraengung-privater-investitionen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Fatale Irrt\u00fcmer des finanziellen Fundamentalismus \u2013 Staatsverschuldung und die angebliche Verdr\u00e4ngung privater Investitionen<\/a><\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>In einem Vortrag \u00fcber die US-Rezession gab <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Robert_E._Lucas\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Robert Lucas<\/a> einen <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/uwecon\/posts\/10150183676598008\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u00dcberblick<\/a> dar\u00fcber, was die neue klassische Schule der Makro\u00f6konomie heute \u00fcber die j\u00fcngsten Konjunkturabschw\u00fcnge in der US-Wirtschaft und ihre Zukunftsaussichten denkt.<\/p>\n<p>Lucas geht davon aus, dass das reale BIP der USA seit 1870 mit einer durchschnittlichen j\u00e4hrlichen Rate von 3 Prozent gewachsen ist, mit einem sehr gro\u00dfen Einbruch w\u00e4hrend der Depression der 1930er Jahre und einem \u00e4hnlich gro\u00dfen, aber insgesamt doch kleineren Dip in der j\u00fcngsten Rezession.<\/p>\n<p>Nach der Feststellung, dass die 2008 begonnene US-Rezession im Wesentlichen auf einen &#8222;Run&#8220; auf Liquidit\u00e4t zur\u00fcckzuf\u00fchren sei, geht Lucas darauf ein, die Aussichten auf eine Erholung der heutigen US-Wirtschaft zu diskutieren. <\/p>\n<p>Demnach w\u00fcrde seiner Ansicht nach die bisherige Erfahrung eine &#8222;automatische&#8220; Erholung suggerieren, indem man das System des freien Marktes sich selbst \u00fcberl\u00e4sst, damit es sich selbst ungehindert von sozialen Wohlfahrtsaktivit\u00e4ten der Regierung wieder in ein Gleichgewicht bringen kann.<\/p>\n<p>Wie zu erwarten war, gibt es dabei keinen Platz f\u00fcr irgendwelche keynesianischen \u00dcberlegungen zu eventuellen Engp\u00e4ssen der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage, die die Erholung der Wirtschaft verhindern k\u00f6nnten. Nein, wie es in den Erkl\u00e4rungen und Rezepten der neuen klassischen makro\u00f6konomischen Schule eben \u00fcblich ist, wird die gesamte Schuld auf die Regierung und ihre fehlende Angebotspolitik geschoben.<\/p>\n<p>Lucas ist davon \u00fcberzeugt, dass h\u00f6here Steuern f\u00fcr die Reichen, die gr\u00f6\u00dfere Regierungsbeteiligung im medizinischen Sektor sowie die strengeren Vorschriften f\u00fcr den Finanzsektor die wirtschaftliche Erholung bisher aufhalten. Doch wenn alles so bleibt, damit der Aufschwung ungehindert durch Wohlfahrtsstaatsaktivit\u00e4ten europ\u00e4ischer Art seinen Kurs beibehalten kann, werde der freie Markt schon alles regeln.<\/p>\n<p>In nicht gerade edelm\u00fctiger Weise &#8211; ohne einen Hauch von Argumentation oder gar Beachtung empirischer Tatsachen &#8211; verwirft Lucas schlicht die M\u00f6glichkeit eines Nachfrager\u00fcckgangs. Von jemandem, der schon vor 30 Jahren den Keynesianismus verurteilt hat (&#8222;die Leute nehmen die keynesianische Theorie nicht mehr ernst; das Publikum beginnt untereinander zu fl\u00fcstern und zu kichern&#8220;) kann man eigentlich auch nichts anderes erwarten. <\/p>\n<p>Die Ber\u00fccksichtigung der Nachfrage wird einfach aus theoretischen und ideologischen Gr\u00fcnden ausgeschlossen, so wie wir es auch bei anderen neoliberalen \u00d6konomen schon gesehen haben, die immer wieder versuchen die Tatsache weg zu diskutieren, dass die j\u00fcngsten Wirtschaftskrisen zeigen wie die M\u00e4rkte versagt haben. Wenn es ein Problem mit der Wirtschaft gibt, muss einfach die Regierung die wahre Ursache sein.<\/p>\n<p>Diese Art der Chicago-\u00d6konomik stellt eine gef\u00e4hrliche pseudo-wissenschaftliche Zombie-Ideologie dar, die sich letztlich auf die Armen st\u00fctzt, die f\u00fcr die Fehler der Reichen zahlen m\u00fcssen. Der Versuch, die Konjunkturzyklen in Bezug auf rationale Erwartungen zu erkl\u00e4ren, hat dabei krass versagt. <\/p>\n<p>Vielleicht w\u00e4re es zu viel erwartet von &#8222;S\u00fc\u00dfwasser&#8220;-\u00d6konomen wie Lucas und Cochrane, dies zuzugeben, aber das ist immer noch eine Tatsache, die ihnen eigentlich peinlich sein sollte. Meine rationale Erwartung dagegen ist, dass in 30 Jahren niemand mehr wissen wird, wer eigentlich Robert Lucas oder John Cochrane waren. John Maynard Keynes dagegen wird auch dann noch immer als einer der Meister im Fach der \u00d6konomie bekannt sein.<\/p>\n<p><em>(eigene \u00dcbersetzung eines <a href=\"https:\/\/rwer.wordpress.com\/2016\/11\/23\/follies-and-fallacies-of-chicago-economics\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Blogbeitrages<\/a> des schwedischen \u00d6konomen <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Lars_P%C3%A5lsson_Syll\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Lars Syll<\/a>)<\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Jeder Dollar der gestiegenen Staatsausgaben muss einem Dollar weniger f\u00fcr private Ausgaben entsprechen. Die durch die Konjunkturausgaben geschaffenen Arbeitspl\u00e4tze werden durch verloren gegangene Arbeitspl\u00e4tze aufgrund des R\u00fcckgangs der privaten Ausgaben kompensiert. 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