{"id":4084115,"date":"2016-12-01T07:18:25","date_gmt":"2016-12-01T06:18:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/?p=4084115"},"modified":"2020-08-31T07:26:49","modified_gmt":"2020-08-31T05:26:49","slug":"wilhelm-lautenbach-kapitalbildung-und-sparen-teil-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wilhelm-lautenbach-kapitalbildung-und-sparen-teil-2\/","title":{"rendered":"Wilhelm Lautenbach: Kapitalbildung und Sparen \u2013 Teil 2"},"content":{"rendered":"<p><em>Fortsetzung von <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wilhelm-lautenbach-kapitalbildung-und-sparen-teil-1\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Teil 1<\/a>:<\/em><\/p>\n<p>Volkswirtschaftlich wird Kapital gebildet, wenn die technische Ausstattung einer Volkswirtschaft in irgendeiner Weise vergr\u00f6\u00dfert oder verbessert wird, also wenn \u00fcber den Ersatz des Verschlei\u00dfes hinaus Produktionsanlagen irgendwelcher Art oder dauerhafte Nutzungsg\u00fcter, wie etwa H\u00e4user, geschaffen werden, oder wenn die Vorr\u00e4te gr\u00f6\u00dfer werden. <\/p>\n<p><center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/bilder\/verbrauchsgueter.jpg\" width=\"350\" title=\"Verbrauchsg\u00fcter und Investitionen\" alt=\"Anteile von Faktorkosten, Abschreibungen und Unternehmergewinn an den abgesetzten Verbrauchsg\u00fctern\"\/><br \/>\n<em>Zusammenhang Investition und Produktionsvolumen<\/em><\/center><\/p>\n<p>Ganz allgemein gesagt: Die volkswirtschaftliche Kapitalbildung setzt bestimmte Dispositionen in der Sph\u00e4re der Produktion voraus. Unter Sparen verstehen wir auf der anderen Seite ein bestimmtes Verhalten der Einkommensbezieher, n\u00e4mlich den Verzicht auf den Verbrauch eines Teiles des Einkommens. <\/p>\n<p><!--more Weiterlesen...--><\/p>\n<p>Die Ersparnis ist der nichtverbrauchte Teil des Einkommens. Nun ist offenbar insgesamt volkswirtschaftliche Kapitalbildung und Ersparnis gleich; denn die Kapitalbildung oder Investition ist der nichtverbrauchte Teil des Sozialeinkommens. Da aber Sozialprodukt und Sozialeinkommen nur verschiedene Aspekte desselben Sachverhalts sind \u2013 Sozialprodukt ist der Produktionsbegriff, Sozialeinkommen der Verteilungsbegriff \u2013, so ist auch unvermeidlich, wenigstens in der geschlossenen Volkswirtschaft, die Investition gleich der Ersparnis.<\/p>\n<p>In der Konstatierung dieses Faktums sind sich alle National\u00f6konomen einig, und auch jedem volkswirtschaftlichen Laien leuchtet es unmittelbar ein. Um so mehr Streit gibt es um die Erkl\u00e4rung des Faktums. <\/p>\n<p>Die orthodoxe Auffassung erkl\u00e4rt die Gleichheit von Kapitalbildung und Ersparnis durch einen Vorgang auf dem Kapitalmarkt, der den Vorg\u00e4ngen auf dem Warenmarkt entspricht, n\u00e4mlich etwa so: \u201eDas ersparte Einkommen wird als Geldkapital auf dem Kapitalmarkt angeboten. Der Zins sorgt dabei daf\u00fcr, dass alles angebotene Kapital auch verwendet wird. Wenn viel Kapital angeboten wird, sinkt der Zins, und je mehr er sinkt, um so mehr wird die Investition angeregt, so dass schlie\u00dflich so viel investiert wird, wie gespart wird.\u201c <\/p>\n<p>Die moderne Theorie bestreitet die Richtigkeit dieser Argumentation. Sparwille und Investitionswille sind nicht in dieser Weise miteinander verkoppelt. Das Sozialeinkommen, das ja die Quelle der Ersparnis ist, h\u00e4ngt selbst von der H\u00f6he der Investition ab, so dass volkswirtschaftlich die Ersparnis durch die Investition und nicht umgekehrt die Investition durch die Ersparnis bestimmt wird. <\/p>\n<p>Der Zusammenhang zwischen Investition und Produktionsvolumen l\u00e4sst sich durch ein einfaches Diagramm veranschaulichen [siehe oben]; zugleich wird damit klar, weshalb und in welcher Weise das Einkommen von der Investition abh\u00e4ngig ist.<\/p>\n<p>Wir wollen nun zun\u00e4chst einmal nur den Teil des Sozialprodukts betrachten, der verbraucht wird. Wir nehmen an, dass in einem bestimmten Zeitraum, sagen wir in einem Jahr, eine bestimmte Menge von Verbrauchsg\u00fctern produziert und dass die gleiche Menge auch an Verbraucher abgesetzt wird. <\/p>\n<p>Zwischen Produktion und Absatz an den Verbraucher ist immer die Lagerhaltung von Fabrikanten, Gro\u00dfh\u00e4ndlern und Kleinh\u00e4ndlern geschaltet. Nehmen wir an, dass die Lager auf jeder Stufe der Produktion im Laufe der Beobachtungsperiode gleich bleiben, die Zug\u00e4nge also immer gleich den Abg\u00e4ngen seien. <\/p>\n<p>Die S\u00e4ule V soll das in einer geschlossenen Volkswirtschaft w\u00e4hrend eines Jahres hergestellte Verbrauchsgut darstellen, gemessen nach den Herstellungskosten und zugleich aufgegliedert nach den einzelnen Kostenbestandteilen. Soweit von den einzelnen Betrieben, die Verbrauchsg\u00fcter herstellen, Vorprodukte oder Hilfsstoffe verwendet werden, sind nur die bei der Herstellung dieser Vorprodukte oder Hilfsstoffe aufgewendeten urspr\u00fcnglichen Kosten gerechnet. <\/p>\n<p>Zu den urspr\u00fcnglichen Kosten geh\u00f6ren erstens die im Diagramm mit F (Faktorkosten) bezeichneten Betr\u00e4ge, n\u00e4mlich alle diejenigen Zahlungen, die die Unternehmer an die beteiligten Produktionsfaktoren zu zahlen haben. Es sind dies die bei der Produktion aufgewendeten Geh\u00e4lter, L\u00f6hne, Steuern, Zinsen; ferner rechnet zu den urspr\u00fcnglichen Kosten das Unternehmereinkommen selbst, im Diagramm mit U bezeichnet, und endlich die Amortisation der Produktionsanlagen, im Diagramm mit A bezeichnet. <\/p>\n<p>Der Unternehmer muss dem Verschlei\u00df seiner Produktionsanlagen durch Abschreibung Rechnung tragen, weil die Gegenst\u00e4nde des Anlagekapitals regelm\u00e4\u00dfig erst im Laufe mehrerer Jahre v\u00f6llig aufgebraucht und alsdann durch neue ersetzt werden. <\/p>\n<p>Betriebswirtschaftlich ist jedes Jahr ein entsprechender Bruchteil des Anschaffungswertes als Betriebsaufwand zu verrechnen. Ist die Amortisation, wenigstens wenn man auf haarscharfe Genauigkeit verzichtet, verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig einfach zu definieren und in ihrer Gr\u00f6\u00dfe zu bestimmen, so sto\u00dfen wir bei der Definition und Gr\u00f6\u00dfenbestimmung des Kostenanteils Unternehmereinkommen auf gewisse Schwierigkeiten. <\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Faktorkosten immer, wenn produziert wird, fest bestimmt sind, da sie ja die Form einer tats\u00e4chlichen Ausgabe des Unternehmers haben, und die Amortisation auch noch ziemlich eindeutig durch das technische Moment des Verschlei\u00dfens bestimmt ist, h\u00e4ngt das Einkommen, das die Unternehmer erzielen, von der Marktgestaltung und den Preisen ab. <\/p>\n<p>In dem Diagramm ist als Unternehmereinkommen nun nicht das Ist-Einkommen gemeint, sondern das Soll-Einkommen, d. h. jener Betrag, der insgesamt als Unternehmereinkommen erzielt werden muss, wenn die Produktion in dem gedachten Umfang aufrechterhalten werden soll. <\/p>\n<p>Ein Zahlenbeispiel mag den Sinn verdeutlichen: Nehmen wir einmal an, das in einer bestimmten Periode hergestellte Verbrauchsgut w\u00fcrde voll an die Verbraucher abgesetzt und die Unternehmer erzielten hierbei einen Erl\u00f6s von 120. In Faktorkosten seien 84 aufgewendet, die Amortisation erfordere 15, zusammen also 99, und der Rest, also 21, w\u00e4re Unternehmereinkommen. <\/p>\n<p>H\u00e4tten die Hersteller der Verbrauchsg\u00fcter dieses Produkt nicht zu 120, sondern zu 110 abgesetzt, so w\u00e4re der Gesamtgewinn statt 21 nur 11 gewesen. Wenn insgesamt ein Gewinn von 11 erzielt w\u00e4re, so hie\u00dfe das nat\u00fcrlich nicht, dass jeder einzelne Unternehmer etwa 12 % \u00fcber die aufgewendeten eigentlichen Kosten hinaus verdient h\u00e4tte; viele Unternehmungen w\u00fcrden mehr und viele andere w\u00fcrden erheblich weniger, ja eine Reihe von ihnen vielleicht \u00fcberhaupt nichts verdient oder gar Verluste erlitten haben. <\/p>\n<p>Die Folge davon w\u00e4re, dass solche Unternehmungen fr\u00fcher oder sp\u00e4ter den Betrieb einstellen m\u00fcssten. Die Produktion im ganzen w\u00fcrde dann zur\u00fcckgehen. Als Soll-Einkommen der Unternehmer wollen wir auf Grund dieser \u00dcberlegung jenes Gesamteinkommen verstehen, bei dem die Produktion von Verbrauchsg\u00fctern in einem gewissen Beharrungszustand sein w\u00fcrde. W\u00e4re aber das Einkommen kleiner als dieser Betrag, so w\u00fcrde es zu Produktionseinschr\u00e4nkungen kommen, weil bei den gegebenen Preisen viele Unternehmungen nicht auf die Kosten k\u00e4men. <\/p>\n<p>Umgekehrt w\u00fcrde, wenn das Einkommen h\u00f6her w\u00e4re als jener Betrag, die Produktion kr\u00e4ftig angeregt und ausgedehnt werden. Die national\u00f6konomische Theorie hat eine sehr griffige Formel, um das &#8222;Normal&#8220;einkommen = Solleinkommen = Gleichgewichtseinkommen zu definieren: es ist das Unternehmereinkommen, das entsteht, wenn die Preise gleich den \u201eGrenzkosten\u201c sind.<\/p>\n<p>Das w\u00e4ren Preise, bei denen die \u201eGrenzbetriebe\u201c, d. h. die am schlechtesten arbeitenden Betriebe gerade noch etwas mehr als die Faktorkosten beim Verkauf erl\u00f6sen. Weniger genau, aber wirklichkeitsn\u00e4her w\u00fcrde man definieren: die Preise entsprechen den Grenzkosten, wenn in der Wirtschaft Ausdehnungs- und Drosselungstendenzen sich gerade kompensieren, so dass die Besch\u00e4ftigung konstant bleiben kann.<\/p>\n<p><em>Weiter hier mit <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wilhelm-lautenbach-kapitalbildung-und-sparen-teil-3\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Teil 3<\/a>.<\/em><\/p>\n<p><em>Auszug aus einem <a href=\"http:\/\/www.saldenmechanik.info\/files\/saldenmechanik\/Lautenbach_-_Kapitalbildung_und_Sparen.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Vortrag<\/a> von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wilhelm_Lautenbach\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Wilhelm Lautenbach<\/a> vom 28. Oktober 1937, gehalten im \u201eVerein zur Bef\u00f6rderung des Gewerbeflei\u00dfes von 1821\u201c \u2013 aus altdeutscher Schrift \u00fcbertragen durch <a href=\"http:\/\/www.saldenmechanik.info\/index.php\/impressum\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">C.G.BRANDSTETTER<\/a>.<\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fortsetzung von Teil 1: Volkswirtschaftlich wird Kapital gebildet, wenn die technische Ausstattung einer Volkswirtschaft in irgendeiner Weise vergr\u00f6\u00dfert oder verbessert wird, also wenn \u00fcber den Ersatz des Verschlei\u00dfes hinaus Produktionsanlagen irgendwelcher Art oder dauerhafte Nutzungsg\u00fcter, wie etwa H\u00e4user, geschaffen werden,<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[27,36,28,32,29,44,18],"class_list":["post-4084115","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-oekonomie","tag-investition","tag-lautenbach","tag-saldenmechanik","tag-schulden","tag-sparen","tag-volkswirtschaftslehre","tag-wirtschaft"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4084115","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4084115"}],"version-history":[{"count":12,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4084115\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4725341,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4084115\/revisions\/4725341"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4084115"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4084115"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4084115"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}