{"id":4069671,"date":"2017-01-15T07:00:14","date_gmt":"2017-01-15T06:00:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/?p=4069671"},"modified":"2020-07-29T07:05:18","modified_gmt":"2020-07-29T05:05:18","slug":"moeglichkeiten-der-besteuerung-eine-skandinavische-loesung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/moeglichkeiten-der-besteuerung-eine-skandinavische-loesung\/","title":{"rendered":"M\u00f6glichkeiten der Besteuerung: eine skandinavische L\u00f6sung"},"content":{"rendered":"<p>Wenn es ums Steuern zahlen geht, scheinen unsere Politiker entschlossen, diesen Prozess so plump und schmerzhaft wie m\u00f6glich zu gestalten.<\/p>\n<p><Center><a title=\"Flaggen der skandinavischen L\u00e4nder von Agnesberman (Eigenes Werk) [CC BY-SA 4.0 (http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/4.0)], via Wikimedia Commons\" href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File%3ANordens_flaggor.jpg\"><img decoding=\"async\" width=\"356\" alt=\"Nordens flaggor\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/a\/a6\/Nordens_flaggor.jpg\/512px-Nordens_flaggor.jpg\"\/><\/a><br \/>\n<em>Flaggen der skandinavischen L\u00e4nder<\/em><\/Center><\/p>\n<p>Wenn ein Politiker ein Chirurg w\u00e4re mit der Aufgabe, ein Bein zu amputieren, k\u00f6nnen wir uns gut vorstellen wie es gehen w\u00fcrde. Zuerst w\u00fcrde er leugnen, dass er plant das Bein zu entfernen. Dann w\u00fcrde er ein Gesetz verabschieden, welches es illegal macht das Bein zu amputieren. <\/p>\n<p><!--more Weiterlesen...--><\/p>\n<p>Dann w\u00fcrde er sagen, dass er stattdessen das Bein eines Investment-Bankers abnehmen werde. Schlie\u00dflich w\u00fcrde er \u00fcber das Chaos jammern, das ihm die fr\u00fcheren Chirurgen hinterlassen haben und dann w\u00fcrde er beginnen, die Zehen mit einer K\u00e4sereibe wegzunehmen.<\/p>\n<p>So \u00e4hnlich ist es auch mit den Steuern. Es macht definitiv keinen Spa\u00df, sie zu bezahlen, doch die \u00f6ffentlichen Ausgaben m\u00fcssen halt irgendwie finanziert werden. Und trotzdem scheinen unsere Politiker finster entschlossen, diesen Prozess so ungeschickt, schmerzhaft und unaufrichtig wie m\u00f6glich zu machen.<\/p>\n<p>Dies liegt vor allem daran, weil Politiker Steuern rein politisch betrachten. Sie glauben, dass das gr\u00f6\u00dfte Problem bei der Besteuerung sei, dass die Menschen sie nicht bezahlen wollen, weshalb sie ihnen sagen, dass die Steuern nur auf multinationale Unternehmen, Investment-Banker und Steuerhinterzieher aller Couleur erhoben werden. Politiker beschwichtigen ver\u00e4rgerte W\u00e4hler mit Steuerbefreiungen und Nachl\u00e4ssen. All dies erscheint politisch verst\u00e4ndlich, sorgt aber auch f\u00fcr den Effekt, dass die Steuern viel mehr Schaden anrichten als sie es eigentlich m\u00fcssten.<\/p>\n<p>Das wahre Problem mit den Steuern ist ein ganz Anderes. Es besteht darin, dass die Menschen in dem Bem\u00fchen, weniger Steuern zu zahlen  einige au\u00dfergew\u00f6hnliche Dinge machen. Am offensichtlichsten und kontroversesten erscheint dabei die \u00dcbernahme merkw\u00fcrdiger rechtlicher Bezeichnungen mit der einzigen Wirkung, ihre Steuerschuld zu reduzieren. <\/p>\n<p>Einige sind teuflisch komplexe internationale Regelungen, um verschiedene Besteuerungsabkommen gegeneinander auszuspielen und Unternehmensgewinne so zu erzeugen, dass sie von jeder Steuerbeh\u00f6rde f\u00fcr das Problem von jemand anderem gehalten werden. Andere sind dagegen ganz einfach gehalten. Alle zusammen sind unfair und erzeugen vor allem jede Menge Papierkram.<\/p>\n<p>Ein zweites Problem, weniger \u00f6ffentlichkeitswirksam aber wahrscheinlich umso ernster, betrifft die Tatsache, dass die Menschen ihr Verhalten \u00e4ndern werden und nicht nur die rechtliche Bezeichnung ihrer Handlungsweisen. Zum Beispiel frischgebackene M\u00fctter, die lieber zu Hause bleiben anstatt zu arbeiten, weil sie die Kinderbetreuung aus ihrem hoch besteuerten Einkommen nicht bezahlen wollen. Die Mutter wird nicht die Karriere machen, die sie eigentlich erreichen wollte und der Fiskus erh\u00e4lt keine Steuereinnahmen. Beide verlieren also dabei.<\/p>\n<p>Zwei Artikel im <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Journal_of_Economic_Perspectives\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Journal of Economic Perspectives<\/a> erforschten im letzten Jahr, wie die Regierungen ernsthafter und seri\u00f6ser mit Steuererh\u00f6hungen umgehen k\u00f6nnten. Einer davon, von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gabriel_Zucman\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Gabriel Zucman<\/a>, unterstreicht dabei, wie es die Komplexit\u00e4t und Widerspr\u00fcchlichkeit der verschiedenen Steuersystemen verm\u00f6genden Privatpersonen und multinationalen Unternehmen erlauben, grenz\u00fcberschreitende L\u00fccken zu nutzen und Steuern zu vermeiden. <\/p>\n<p>Zucmans Berechnungen deuten darauf hin, dass US-Unternehmen zunehmend ihre Gewinne in dem verbuchen, was er als &#8222;die Hauptsteueroasen&#8220; bezeichnet, Rechtssysteme, in denen noch 1984 nur etwa 2 Prozent der US-Unternehmensgewinne, 2013 aber bereits 18 Prozent untergebracht wurden.<\/p>\n<p>Doch eine andere M\u00f6glichkeit, das Problem hoher Steuererhebung anzugehen, besteht darin, danach zu fragen wer es gel\u00f6st hat. Die Antwort: D\u00e4nemark, Norwegen und Schweden. Die US-Steuereinnahmen betragen etwa 25 Prozent des BIP, Gro\u00dfbritannien und Deutschland liegen bei etwa 35 Prozent, und die Skandinavier bei etwa 45 Prozent, so der \u00d6konom <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Henrik_Kleven\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Henrik Jacobsen Kleven<\/a>. Irgendwie haben es die Skandinavier offenbar geschafft, gro\u00dfe Summen von ihren B\u00fcrgern einzuziehen, ohne die Wirtschaft zu zerst\u00f6ren. Doch wie?<\/p>\n<p>Das ist die Frage, die Kleven sich anschickt zu beantworten und nat\u00fcrlich ist die Antwort zum Teil kulturell bedingt. Es liegt aber auch an der umfassenden Steuererfassung in Skandinavien, die ein v\u00f6lliges Entziehen sehr schwer gestaltet. Norwegische Steuererkl\u00e4rungen werden ver\u00f6ffentlicht und jeder kann sie \u00fcberpr\u00fcfen. (Kein Wunder, dass Gabriel Zucman &#8211; vielleicht etwas unplausibel &#8211; von einem globalen Finanzregister tr\u00e4umt, um Steuerhinterzieher leichter aufzusp\u00fcren.)<\/p>\n<p>Nicht jeder wird sich \u00fcber das Gef\u00fchl freuen, eine allessehende Regierung im Namen h\u00f6herer Steuern in die Privatsph\u00e4re eindringen zu lassen. Doch es gibt auch andere Elemente der skandinavischen Besteuerung, die jede Regierung gern emulieren w\u00fcrde: die skandinavischen L\u00e4nder minimieren die Verzerrungen ihres Steuersystems, indem sie die schlechten Gewohnheiten der Politiker in anderen L\u00e4ndern vermeiden.<\/p>\n<p>Die wichtigste dieser Angewohnheiten ist das Abzielen auf eine m\u00f6glichst beschr\u00e4nkte Steuerbasis. Das US-Steuersystem ist voll von Ad-hoc-Abz\u00fcgen und Befreiungen. Das britische System schlie\u00dft unn\u00f6tig weite Teile der Wirtschaft von der Steuer aus. Anstatt eine 10-prozentige Mehrwertsteuer auf alles zu erheben, besteuert die britische Regierung etwa die H\u00e4lfte von dem, was die Verbraucher ausgeben mit 20 Prozent. Die D\u00e4nen haben dagegen eine viel breitere Bemessungsgrundlage und auch noch eine h\u00f6here Rate.<\/p>\n<p>Der einfachste Weg, die Steuerbasis zu verbreitern besteht in dem Abbau von Barrieren, um einen Job zu bekommen. Skandinavische Regierungen subventionieren Bildung, Verkehrsmittel und die Pflege von Kindern und \u00e4lteren Menschen mit dem Ziel, Menschen in Arbeit zu bringen, die ansonsten vielleicht zu Hause festsitzen w\u00fcrden. Als Ergebnis k\u00f6nnen selbst hohe Steuern sie nicht vom Arbeitsmarkt fernhalten.<\/p>\n<p>Das macht durchaus Sinn. Wenn der Chirurg wirklich daran geht, ein Bein zu amputieren, w\u00e4re ein prothetischer Ersatz sehr vern\u00fcnftig.<\/p>\n<p><em>(Eigene \u00dcbersetzung eines <a href=\"http:\/\/timharford.com\/2015\/05\/tax-a-scandinavian-solution\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Blogbeitrages<\/a> des britischen \u00d6konomen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Tim_Harford\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Tim Harford<\/a>)<\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn es ums Steuern zahlen geht, scheinen unsere Politiker entschlossen, diesen Prozess so plump und schmerzhaft wie m\u00f6glich zu gestalten. Flaggen der skandinavischen L\u00e4nder Wenn ein Politiker ein Chirurg w\u00e4re mit der Aufgabe, ein Bein zu amputieren, k\u00f6nnen wir uns<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[24,18],"class_list":["post-4069671","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-oekonomie","tag-globalisierung","tag-wirtschaft"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4069671","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4069671"}],"version-history":[{"count":18,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4069671\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":14613791,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4069671\/revisions\/14613791"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4069671"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4069671"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4069671"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}