{"id":3907,"date":"2013-07-20T18:36:36","date_gmt":"2013-07-20T16:36:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/?p=3907"},"modified":"2023-09-28T12:42:14","modified_gmt":"2023-09-28T10:42:14","slug":"volkswirtschaftliche-saldenmechanik-vergessene-grundlage-der-geldtheorie","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/volkswirtschaftliche-saldenmechanik-vergessene-grundlage-der-geldtheorie\/","title":{"rendered":"Volkswirtschaftliche Saldenmechanik &#8211; vergessene Grundlage der Geldtheorie"},"content":{"rendered":"<p>In den Beitr\u00e4gen <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wilhelm-lautenbach-der-deutsche-keynes\/\" title=\"Wilhelm Lautenbach\">\u00fcber den \u00d6konomen Wilhelm Lautenbach<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/sparen-und-investieren-versuch-einer-richtigstellung\/\" title=\"Sparen und Investieren\">Sparen und Investieren<\/a> habe ich ja bereits versucht, die grunds\u00e4tzlichen Gegens\u00e4tze zwischen den einzel- und gesamtwirtschaftlichen Bedeutungen dieser Begriffe darzustellen.<br \/>\n<center><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/w\/index.php?title=Datei:Saldenmechanik_(Volkswirtschaftliches_Sparen).png&#038;filetimestamp=20130128015515&#038;\" title=\"Saldenmechanik\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"> <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/a\/aa\/Saldenmechanik_%28Volkswirtschaftliches_Sparen%29.png\" width=\"408\" height=\"263\" alt=\"Eine Volkswirtschaft kann nicht sparen\"\/><\/a><br \/>\n<em>Eine Volkswirtschaft kann nicht sparen &#8211; Grafik: Wolfgang Waldner<\/em><\/center><\/p>\n<p>Dabei fiel auch der Begriff der &#8222;volkswirtschaftlichen Saldenmechanik&#8220;, der zufolge Geldschulden und Geldverm\u00f6gen immer exakt gleich sind, weil die Ersparnisse des einen die Schulden des anderen sind. Mit dieser auf Anhieb doch sehr paradox anmutenden Behauptung will ich mich nun in diesem Artikel etwas n\u00e4her auseinandersetzen.<\/p>\n<p><b>Saldenmechanik &#8211; Beachtung der Gegenbuchung<\/b><br \/>\nDie Grundlage f\u00fcr die Saldenmechanik ist die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung (VGR). <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Volkswirtschaftliche_Gesamtrechnung\" title=\"Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Diese<\/a> stellt vereinfacht gesagt die Entstehung, Verteilung und Verwendung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) dar. Die VGR besteht dabei aus reinen Buchhaltungs- identit\u00e4ten, die ohne Ber\u00fccksichtigung menschlichen Verhaltens allgemeing\u00fcltig sind. Diese Zusammenh\u00e4nge bildet auch die Saldenmechanik ab, die die Volkswirtschaftslehre damit auf ein Fundament logischen gesamtwirtschaftlichen Denkens stellt.<\/p>\n<p><!--more Weiterlesen...--><\/p>\n<p>Die Saldenmechanik unterscheidet sich von den sogennanten &#8222;Modellen&#8220; der herk\u00f6mmlichen makro\u00f6konomischen Theorien, weil sie sich nur auf die Analyse von Ver\u00e4nderungen des Nettogeldverm\u00f6gens, also der Differenz zwischen Forderungen und Verbindlichkeiten (Schulden) konzentriert.<\/p>\n<p>Sie bezieht sich dabei nur auf die Zusammenh\u00e4nge, \u00fcber die sich streng Allgemeing\u00fcltiges aussagen l\u00e4\u00dft, und eben nicht auf solche, die vom menschlichen Verhalten abh\u00e4ngen. Dabei geht es meist um eigentlich recht primitive Dinge, wie z. B. um die wirtschaftliche Bedeutung von T\u00e4tigkeiten von Marktteilnehmern gegen\u00fcber dem &#8222;Rest der Weltwirtschaft&#8220;.<\/p>\n<p>So ist demnach zu beachten, dass stets, wenn ein Teilnehmer mehr verkauft und einnimmt als er selbst kauft und ausgibt, die &#8222;\u00fcbrige Weltwirtschaft&#8220; in der gleichen Periode einen gleichgro\u00dfen \u00dcberschu\u00df ihrer K\u00e4ufe \u00fcber ihre gleichzeitigen Verk\u00e4ufe haben wird, da offensichtlich jeder Verkaufsakt f\u00fcr den Partner einen Kauf darstellt.  <\/p>\n<p>Dies hei\u00dft nichts anderes, als dass bei jeder Buchung auch die Gegenbuchung des Gesch\u00e4ftspartners zu beachten ist, also der Verkauf des einen der Kauf des anderen ist. Gesamtwirtschaftlich bedeutet das, da\u00df die Summe der Ausgaben einer Periode stets gleich der Summe der Einnahmen einer Periode sein mu\u00df.<\/p>\n<p>Damit ist die Saldenmechanik nichts anderes als die volkswirtschaftliche Anwendung des Rechensatzes 2+2=4. <\/p>\n<p>Entwickelt wurde die Saldenmechanik \u00fcbrigens von dem deutschen \u00d6konomen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wolfgang_St%C3%BCtzel\" title=\"Wolfgang St\u00fctzel\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wolfgang St\u00fctzel<\/a>, der dabei die Erkenntnisse von Wilhelm Lautenbach weiterentwickelte.<\/p>\n<p><b>Grundbegriffe und Lehrs\u00e4tze der Saldenmechanik<\/b><br \/>\nBei der Untersuchung saldenmechanischer Zusammenh\u00e4nge muss zwischen drei verschiedenen Ebenen unterschieden werden:<\/p>\n<p><strong>1) Gesamtheiten jeweils aller gleichartigen Wirtschaftssubjekte,<\/strong> d.h. etwa die Gesamtheit aller Haushalte, die Gesamtheit aller Unternehmen oder auch die Gesamtheit aller Wirtschaftssubjekte zusammengenommen;<br \/>\n<strong>2) Gruppen gleichartiger Wirtschaftssubjekte<\/strong>: eine Gruppe umfasst eine (um mindestens eins) geringere Anzahl als die Gesamtheit der jeweiligen Wirtschaftssubjekte;<br \/>\n<strong>3) Einzelne Wirtschaftssubjekte der jeweiligen Art<\/strong>, d.h. einzelne Haushalte, einzelne Unternehmer usw. <\/p>\n<p>Mit dieser Terminologie l\u00e4sst sich jede Gesamtheit von Wirtschaftssubjekten mindestens unterteilen in eine Gruppe (die auch nur aus einem einzelnen Wirtschaftssubjekt bestehen kann) und die jeweilige Komplement\u00e4rgruppe. Gruppe und Komplement\u00e4rgruppe bilden dann umgekehrt die Gesamtheit einer bestimmten Art von Wirtschaftssubjekten.<\/p>\n<p>Zentraler Inhalt der Saldenmechanik ist nun die Tatsache, dass viele wirtschaftliche Sachverhalte immer nur f\u00fcr einzelne oder Gruppen von Wirtschaftssubjekten gelten, nicht jedoch f\u00fcr die Gesamtheit der Wirtschaftssubjekte.<\/p>\n<p>Wolfgang St\u00fctzel hat das in seinem Buch &#8222;Volkswirtschaftliche Saldenmechanik&#8220; (1978, S. 22) so definiert: <\/p>\n<blockquote><p><b>Setzt die Existenz eines Sachverhaltes bei einem Wirtschaftssubjekt aber in dieser Weise voraus, da\u00df noch andere Wirtschaftssubjekte derselben Art vorhanden sind, dann kann dieser Sachverhalt offensichtlich h\u00f6chstens bei jeder Gruppe derartiger Wirtschaftssubjekte auftreten; er kann aber nicht bei der Gesamtheit aller derartigen Wirtschaftssubjekte auftreten.<\/b><\/p><\/blockquote>\n<p>Die Aussage \u00fcber einen solchen Sachverhalt, der f\u00fcr ein einzelnes Wirtschaftssubjekt (oder eine Gruppe von Wirtschaftssubjekten) gilt, wird als <strong>Partialsatz<\/strong> bezeichnet; demgegen\u00fcber ist der Satz, der f\u00fcr die Gesamtheit von Wirtschaftssubjekten gilt, logischerweise der <strong>Globalsatz<\/strong>. Die Beziehung zwischen beiden wird als <strong>Satz zur Gr\u00f6\u00dfenmechanik<\/strong> definiert.<\/p>\n<p>Zu beachten ist dabei noch, dass diese Definitionen sich gegenseitig ausschlie\u00dfen. &#8222;Partialbegriffe&#8220; k\u00f6nnen also niemals &#8222;Globals\u00e4tze&#8220; sein.<\/p>\n<p>Zur Bedeutung von Partials\u00e4tzen f\u00fcr die Wirtschaftstheorie merkte St\u00fctzel an (S. 26):<\/p>\n<blockquote><p><b>&#8230;denn nahezu alle Einzelplanung der Haushalte, Unternehmer und Banken beruht im Grunde (mit Recht) auf S\u00e4tzen dieses Typus: Um nur ein paar Beispiele zu nennen:<br \/>\nWenn man weniger f\u00fcr Konsum ausgibt, vergr\u00f6\u00dfert man den Realwert seines Gesamtverm\u00f6gens. Wenn man mehr investieren will, braucht man mehr Kredite.<\/b><\/p><\/blockquote>\n<p>Allgemein gilt dabei:<\/p>\n<p>Einnahme\u00fcbersch\u00fcsse einer Gruppe sind nur m\u00f6glich, wenn die Komplement\u00e4rgruppe einen Ausgaben\u00fcberschuss erm\u00f6glicht. Wirtschaftsbeziehungen sind immer zweiseitig, weil jeder Ausgabe eine Einnahme entspricht und jeder Schuld eine Forderung. Wenn eine Wirtschaftseinheit mehr einnimmt als sie ausgibt, muss die Komplement\u00e4rgruppe mehr ausgeben als einnehmen.<\/p>\n<p><center><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/w\/index.php?title=Datei:Saldenmechanik_500px.png&#038;filetimestamp=20121229100730&#038;\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"> <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/9\/99\/Saldenmechanik_500px.png\" width=\"508\" height=\"293\" alt=\"Saldenmechanik\"\/><\/a><br \/>\n<em>Ver\u00e4nderung des Nettogeldverm\u00f6gens, weil Ausgaben\u00fcbersch\u00fcsse = Einnahmen\u00fcbersch\u00fcsse der Komplement\u00e4rgruppe &#8211; Grafik: Wolfgang Waldner<\/em><\/center><\/p>\n<p>Daraus ergeben sich drei Kern-Lehrs\u00e4tze:<br \/>\n<strong>a) Einnahmen = Ausgaben<\/strong><br \/>\nDie Ausgaben des Einen sind die Einnahmen des Anderen und umgekehrt.<br \/>\n<strong>b) Geldforderungen = Geldschulden<\/strong><br \/>\nEine \u00d6konomie kann durch das Sparen von Geld nicht reicher werden. Die Summe aller Geldverm\u00f6gen und Schulden ist immer Null. Die H\u00f6he der Geldverm\u00f6gen bestimmt die H\u00f6he der Schulden.<br \/>\n<strong>c) Einnahmen\u00fcberschuss eines Sektors der \u00d6konomie = Ausgaben\u00fcberschuss der anderen Sektoren<\/strong><br \/>\nSobald alle Sektoren einer \u00d6konomie konsequent und unbeirrbar versuchen w\u00fcrden, weniger auszugeben als sie einnehmen, w\u00fcrde die \u00d6konomie sofort zum v\u00f6lligen Stillstand kommen = <strong>Sparparadoxon<\/strong>.<\/p>\n<p><b>Bedeutung der Saldenmechanik f\u00fcr die moderne \u00d6konomie<\/b><br \/>\nZur\u00fcck zur volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung: Bei der Betrachtung der Gesamtwirtschaft werden die einzelnen Wirtschaftssubjekte zu Sektoren aggregiert. Im Rahmen der VGR handelt es sich um vier: die privaten Haushalte, die Unternehmen, der Staat und das Ausland. <\/p>\n<p>Vereinfacht dargestellt f\u00fchren einzelwirtschaftliche Entscheidungen von Markt- teilnehmern zu gesamtwirtschaftlichen Saldenbildungen dieser Sektoren, die in der Regel in Einnahme- oder Ausgabe\u00fcbersch\u00fcssen m\u00fcnden.  <\/p>\n<p>Da aber die Einnahmen des Einen zwingend die Ausgaben des Anderen sind, bedeutet der Einnahmen\u00fcberschuss des Einen zwingend einen Ausgaben\u00fcberschuss des Anderen. Der positive Saldo des Einen ist zwingend gleich dem negativen Saldo des Anderen.<\/p>\n<p>Weil daher, wie oben beschr\u00edeben, das gleichzeitige Sparen aller Sektoren zum Schuldenabbau nicht m\u00f6glich ist, bzw. zum Zusammenbruch der Wirtschaft f\u00fchrt, muss dabei ber\u00fccksichtigt werden: die geplanten Einnahme\u00fcbersch\u00fcsse des einen Sektors m\u00fcssen kleiner oder gleich den geplanten Ausgabe\u00fcbersch\u00fcssen des anderen sein.<\/p>\n<p>Dies bedeutet aber nichts anderes als die bereits mehrfach nachgewiesene Feststellung: <\/p>\n<p><strong>Auch unter Ber\u00fccksichtigung der Saldenmechanik f\u00fchrt vermehrtes Geldsparen der Einen eben gerade nicht zu mehr Investitionen, sondern im Gegenteil zu einem erheblichen R\u00fcckgang der wirtschaftlichen Aktivit\u00e4t und daraus folgend zu erh\u00f6htem Nachfrageausfall, wenn nicht durch eine entsprechende Schuldenaufnahme anderer gegengesteuert wird.<\/strong><\/p>\n<p>Ebenso hatte St\u00fctzel (s. 3) bereits 1958 noch ein sch\u00f6nes Beispiel parat: <\/p>\n<blockquote><p><strong>Wir wollen von jener Karikatur des politischen Wahlredners absehen, der in einem Atemzug auf die unverantwortlich hohen Steuern und Staatsschulden hinweist und h\u00f6here Subventionen, h\u00f6here Renten und h\u00f6here Geh\u00e4lter f\u00fcr alle Beamten verspricht&#8230;<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p>In einem weiteren Beitrag werde ich nochmal anhand einiger Beispiele wie das Konkurrenz- und das Sparparadoxon ausf\u00fchrlicher auf m\u00f6gliche Anwendungsf\u00e4lle der Saldenmechanik zur\u00fcckkommen. <\/p>\n<p><b>Quellen:<\/b><br \/>\nDa die Grunds\u00e4tze der volkswirtschaftlichen Saldenmechanik seit den 50er Jahren feststehen und ich hier nicht das Rad neu erfinden m\u00f6chte, habe ich Formulierungen aus folgenden Quellen verwendet:<br \/>\naus dem Buch &#8222;Volkswirtschaftliche Saldenmechanik&#8220; Mohr, T\u00fcbingen 1978 (Nachdr. der 2. Aufl., 2011, Mohr Siebeck) von Wolfgang St\u00fctzel<br \/>\n<center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/bilder\/sonstiges\/stuetzel.jpg\" width=\"206\" alt=\"Volkswirtschaftliche Saldenmechanik\" \/><\/center><\/p>\n<p>sowie von:<br \/>\n<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Saldenmechanik\" title=\"wikipedia: Saldenmechanik\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">wikipedia: Saldenmechanik<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den Beitr\u00e4gen \u00fcber den \u00d6konomen Wilhelm Lautenbach und Sparen und Investieren habe ich ja bereits versucht, die grunds\u00e4tzlichen Gegens\u00e4tze zwischen den einzel- und gesamtwirtschaftlichen Bedeutungen dieser Begriffe darzustellen. 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