{"id":3331417,"date":"2016-09-12T07:21:43","date_gmt":"2016-09-12T05:21:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/?p=3331417"},"modified":"2016-09-23T10:17:49","modified_gmt":"2016-09-23T08:17:49","slug":"wilhelm-lautenbachs-kritik-der-klassischen-zinstheorie","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wilhelm-lautenbachs-kritik-der-klassischen-zinstheorie\/","title":{"rendered":"Wilhelm Lautenbachs Kritik der &#8222;klassischen&#8220; Zinstheorie"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>[Die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Zins#Klassisch.2FNeoklassisch\" target=\"_blank\">klassische Zinstheorie<\/a>] erkl\u00e4rt oder umschreibt [den Begriff Kapital] als vorgetane Arbeit; das Kapitalangebot soll durch die Ersparnisse bestimmt sein, die zuweilen noch als vorgetane Arbeit in Gestalt eines Vorrats von Subsistenzmitteln aufgefasst werden, auf deren unmittelbaren Konsum die Sparer verzichtet haben.\n<\/p><\/blockquote>\n<p><Center><a title=\"Eurom\u00fcnzen und Scheine von Nachrichtenseite http:www.newtimesmy.blogspot.de (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0)], via Wikimedia Commons\" href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File%3AEurom%C3%BCnzen_und_Scheine.jpg\"><img decoding=\"async\" width=\"238\" alt=\"Eurom\u00fcnzen und Scheine\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/f\/f0\/Eurom%C3%BCnzen_und_Scheine.jpg\/512px-Eurom%C3%BCnzen_und_Scheine.jpg\"\/><\/a><br \/>\nEurom\u00fcnzen und -scheine<\/Center><\/p>\n<blockquote><p>\nJedenfalls ist nach dieser Auffassung immer ein bestimmter Fonds von Ersparnissen gegeben, und durch den Zins soll die Kapitalverwendung auf den Betrag dieses Sparfonds beschr\u00e4nkt werden. Der Logik des theoretischen Systems entspr\u00e4che es, das Sparen selber als eine Funktion des Zinses aufzufassen. <\/p><\/blockquote>\n<p><!--more Weiterlesen...--><\/p>\n<blockquote><p>\nDa er der Lohn oder die Pr\u00e4mie f\u00fcr das Sparen, den Verzicht auf Verbrauch in der Gegenwart zugunsten k\u00fcnftiger Versorgung sein soll, so w\u00e4re es systemgerecht, wenn dies Sparen, die Enthaltsamkeit oder das \u00abWarten\u2015 selbst auf den Zins in der Weise reagierte, da\u00df bei niedrigem Zins weniger, bei hohem Zins mehr gespart w\u00fcrde. <\/p>\n<p>Die Beobachtung sowohl wie die \u00dcberlegungen widerlegen jedoch eine solche Annahme. Die Sparer reagieren nicht systemgerecht und der Theoretiker musste ihnen diesen Versto\u00df gegen die Logik und \u00c4sthetik seines Systems wohl oder \u00fcbel nachsehen und konnte es auch. Denn auch mit einem vom Zins unabh\u00e4ngigen festgegebenen Sparfonds w\u00e4re der Grundforderung dieser Theorie, dass der Zins die Nachfrage nach Kapital auf den Betrag der Ersparnisse beschr\u00e4nke, noch Gen\u00fcge getan. <\/p>\n<p>Von den geplanten oder m\u00f6glichen Investitionen k\u00e4men nur soviel zum Zuge, dass der Gesamtbetrag gleich dem Sparfonds w\u00e4re. Der Zins stiege jeweils so hoch, dass er der Grenzproduktivit\u00e4t der Kapitalinvestition bei der gegebenen verf\u00fcgbaren Kapitalmenge gleich w\u00e4re; die Mehrnachfrage f\u00fcr Verwendungszwecke, bei denen das Kapital eine geringere Ergiebigkeit h\u00e4tte, w\u00fcrde gekappt werden.<\/p>\n<p>Diese Erkl\u00e4rung des Zinses ist jedoch eine Fiktion. Sie erkl\u00e4rt nicht, wie der Zins zustande kommt, wie er wirkt und was er leistet, sondern sie gibt an, was er leisten sollte oder m\u00fcsste. Sie beschreibt nicht die tats\u00e4chliche Wirkungsweise des Zinses und gibt auch keine Anweisung daf\u00fcr, wie denn nun praktisch etwa der Zins von den Banken festgesetzt werden soll. <\/p>\n<p>Nun bed\u00fcrfte es einer solchen Regel freilich auch gar nicht, wenn die Pr\u00e4misse dieser Theorie, der Sparfonds, oder das verf\u00fcgbare Kapital in der gleichen Weise wie eine verf\u00fcgbare Warenmenge oder ein Warenvorrat greif- und fassbar und genau bestimmt, vorhanden w\u00e4re. Das ist nun aber gewiss nicht der Fall. Der Sparfonds, mit dem der Theoretiker rechnet, ist nur eine ideelle Gr\u00f6\u00dfe, die in dem Augenblick unbekannt und auch unbestimmbar ist, in dem \u00fcber die praktische Frage entschieden werden muss, ob und zu welchen Bedingungen Investitionen von den Banken finanziert werden d\u00fcrfen. <\/p>\n<p>Die Bankiers sprechen zwar von den Mitteln, die sie anlegen, aber diese Mittel sind ganz etwas anderes als die Ersparnisse im Sinne der Theorie, und auch die den Banken als Spareinlagen zuflie\u00dfenden Gelder lassen so wenig einen Schlu\u00df auf die Gr\u00f6\u00dfe jenes ideellen Sparfonds zu, wie man aus dem Schatten auf die Gr\u00f6\u00dfe eines K\u00f6rpers schlie\u00dfen kann, ohne den Neigungswinkel der Sonnenstrahlen gegen die Projektionsebene zu kennen.<br \/>\n&#8230;<br \/>\nDer Grundfehler in Vorschl\u00e4gen und Leits\u00e4tzen nach der Art Webers liegt in der Idee des festgegebenen Sparfonds, der Vorstellung, es m\u00fcsse erst gespart werden, damit investiert werden k\u00f6nne. In Wahrheit aber ist Ersparnis (Nettoersparnis) und Neuinvestition gesamtwirtschaftlich von Haus aus identisch. <\/p>\n<p>Investition ist der Produktionsbegriff, Ersparnis der Verteilungsbegriff, der sich auf das gleiche Ph\u00e4nomen bezieht, eben das, was wir Kapitalbildung nennen und worunter wir den realen Verm\u00f6genszuwachs, die reale Ersparnis, in Gestalt des bilanzm\u00e4\u00dfigen Zugangs an Anlagen und Vorr\u00e4ten verstehen. <\/p>\n<p>Weil Investition und Ersparnis in der geschlossenen Wirtschaft dasselbe sind und nur zwei Ausdr\u00fccke f\u00fcr ein und dieselbe Sache, kann man dem Zins theoretisch nicht die Funktion zuweisen, dass er die Investition oder die Kapitalverwendung den Ersparnissen anpasse. Freilich bestimmt oder begrenzt der Zins die Kapitalverwendung oder die Kreditierung, aber er kommt in ganz anderer Weise zustande, als die Theorie will.<br \/>\n&#8230;<br \/>\n<em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wilhelm_Lautenbach\" target=\"_blank\">Lautenbach<\/a>: <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wilhelm-lautenbach-der-deutsche-keynes\/\" target=\"_blank\">Zins, Kredit und Produktion<\/a> (1952), S. 54-58<\/em>\n<\/p><\/blockquote>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>[Die klassische Zinstheorie] erkl\u00e4rt oder umschreibt [den Begriff Kapital] als vorgetane Arbeit; das Kapitalangebot soll durch die Ersparnisse bestimmt sein, die zuweilen noch als vorgetane Arbeit in Gestalt eines Vorrats von Subsistenzmitteln aufgefasst werden, auf deren unmittelbaren Konsum die Sparer<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[27,43,36,29,18],"class_list":["post-3331417","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-oekonomie","tag-investition","tag-keynes","tag-lautenbach","tag-sparen","tag-wirtschaft"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3331417","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3331417"}],"version-history":[{"count":10,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3331417\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3974994,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3331417\/revisions\/3974994"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3331417"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3331417"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3331417"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}