{"id":3222759,"date":"2016-06-22T10:04:02","date_gmt":"2016-06-22T08:04:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/?p=3222759"},"modified":"2026-05-05T14:23:22","modified_gmt":"2026-05-05T12:23:22","slug":"die-oekonomische-profession-und-der-turmbau-zu-babel","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/die-oekonomische-profession-und-der-turmbau-zu-babel\/","title":{"rendered":"Die \u00f6konomische Profession und der Turmbau zu Babel"},"content":{"rendered":"<p>In <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Lewis_Carroll\" target=\"_blank\">Lewis Carrolls<\/a> <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Alice_hinter_den_Spiegeln\" target=\"_blank\">&#8222;Alice hinter den Spiegeln&#8220;<\/a> erkl\u00e4rte <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Humpty_Dumpty\" target=\"_blank\">Humpty Dumpty<\/a> stolz: \u201eWenn ich ein Wort verwende, dann bedeutet es genau, was ich es bedeuten lasse, und nichts anderes.\u201c \u201eDie Frage ist aber doch\u201c, erwiderte Alice, \u201eob du den Worten einfach so viele verschiedene Bedeutungen geben kannst\u201c.<\/p>\n<p><Center><a title=\"Alice und Humpty Dumpty von \u0414\u0436\u043e\u043d \u0422\u0435\u043d\u043d\u0438\u0435\u043b [Public domain], via Wikimedia Commons\" href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File%3AAlice_Humpty_Dumpty.jpg\"><img decoding=\"async\" width=\"256\" alt=\"Alice Humpty Dumpty\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/3\/3c\/Alice_Humpty_Dumpty.jpg?utm_source=commons.wikimedia.org&#038;utm_campaign=index&#038;utm_content=original\"\/><\/a><br \/>\n<em>Alice und Humpty Dumpty in &#8222;Alice hinter den Spiegeln&#8220;<\/em><\/Center><\/p>\n<p>Humpty Dumpty h\u00e4tte ein \u00d6konom sein k\u00f6nnen. Die moderne \u00f6konomische Profession traf vor langer Zeit die gemeinsame Entscheidung, einen eigenen Jargon zu entwickeln, in dem W\u00f6rter mehrere, manchmal widerspr\u00fcchliche Bedeutungen haben. Ungl\u00fccklicher-weise neigt die \u00d6ffentlichkeit dazu, darauf \u00e4hnlich wie die arme Alice zu reagieren.<\/p>\n<p><!--more Weiterlesen...--><\/p>\n<p>Ein paar Beispiele gef\u00e4llig? Kein Problem, es existiert dazu absolut kein Mangel.<\/p>\n<p>Lassen Sie uns beispielsweise das Wort &#8222;Investition&#8220; nehmen. Die meisten Leute verbinden damit den Erwerb von finanziellen Verm\u00f6genswerten wie etwa Aktien oder Anleihen. Das ist im Grunde eine Form der Kreditvergabe &#8211; man gibt jemandem heute Geld und hofft, dass man morgen mehr Geld wieder zur\u00fcckbekommt. <\/p>\n<p>\u00d6konomen nennen das eine &#8222;finanzielle Investition&#8220;, doch die Art der Investition, die damit in der Regel gemeint ist, ist die Investition von Unternehmen, die damit Investitionsg\u00fcter erwerben. Da die Unternehmen Fremdkapital nutzen, um Waren zu kaufen (oder ihr eigenes Geld dazu verwenden, was aber im wesentlichen das gleiche ist), bedeutet diese Art der &#8222;Investition&#8220; eigentlich eine Kreditaufnahme per Anleihe.<\/p>\n<p>So verwenden \u00d6konomen das gleiche Wort und meinen damit sowohl Anleihen als auch Kredite! Das kann nat\u00fcrlich unm\u00f6glich zu irgendeiner Verwirrung f\u00fchren, oder?<\/p>\n<p>Zwei \u00e4hnliche Beispiele sind das &#8222;Kapital&#8220; und &#8222;Equity&#8220;. &#8222;Equity&#8220; kann sich einerseits auf Aktien beziehen, als Teileigentum an einem Unternehmen, oder es ist damit der &#8222;Marktwert&#8220; gemeint, der ein Ma\u00df f\u00fcr den Wert eines Unternehmens darstellt.<\/p>\n<p>&#8222;Kapital&#8220; in der \u00d6konomie kann als das Finanzkapital gedeutet werden, das hei\u00dft schlicht das Geld auf der Bank. H\u00e4ufiger bezieht es sich aber auf Investitionsg\u00fcter &#8211; produktive Sachen wie Geb\u00e4ude oder Maschinen, die dabei helfen, mehr Waren herzustellen. Obwohl \u00d6konomen in der Regel diesen Begriff in der zweiten Art und Weise benutzen, beziehen sich viele Menschen au\u00dferhalb der Wissenschaft auf das Finanzkapital als &#8222;\u00f6konomisches Kapital&#8220;.<\/p>\n<p>Verwirrt? Wir haben doch gerade erst begonnen. Jeder wei\u00df, dass \u00d6konomen Modelle lieben, in denen rationale Akteure in einem effizienten Markt interagieren, der dann ein Gleichgewicht erreicht, oder? Doch fast jedes Wort in diesem Satz ist eigentlich v\u00f6lliger Unsinn, dank der Humpty Dumpty-\u00e4hnlichen Tendenz der \u00d6konomen, W\u00f6rter neu zu definieren, ohne dies allerdings jemandem mitzuteilen.<\/p>\n<p>So wie etwa &#8222;Gleichgewicht&#8220;? Dieses Wort wird eigentlich verwendet, um eine Situation zu bezeichnen, in der sich die Preise automatisch anpassen, damit M\u00e4rkte ger\u00e4umt werden und sich Angebot und Nachfrage ausgleichen k\u00f6nnen. Sp\u00e4ter kamen Spieltheoretiker mit dem &#8222;Nash-Gleichgewicht&#8220; (benannt nach dem Mathematiker John Nash) dazu, welches sich auf eine Situation bezieht, in der jeder optimal auf alle anderen in einer strategischen Lage reagiert. Andere Konzepte verwendeten diesen Begriff stark inflation\u00e4r, und so hat heute dieses Wort nahezu jegliche Bedeutung vollst\u00e4ndig verloren. Wenn \u00d6konomen von &#8222;Gleichgewicht&#8220; reden, meinen sie tats\u00e4chlich &#8222;jede L\u00f6sung zu jeder Gleichung, die ich meine aufschreiben zu m\u00fcssen.&#8220;<\/p>\n<p>Dann gibt es die &#8222;Rationalit\u00e4t&#8220;. Wenn einige \u00d6konomen von &#8222;rational&#8220; sprechen, meinen sie damit, dass die Leute einfach ihrem Verlangen nachgehen. Andere verwenden dieses Wort um auf eine besondere Modellierungstechnik namens &#8222;rationaler Erwartungen&#8220; zu verweisen, welches allerdings nichts anderes aussagt, als dass die Ansichten der Menschen \u00fcber die Welt mit dem \u00f6konomischen Modell an sich \u00fcbereinstimmen. Wieder andere verweisen auf die &#8222;Bayessche Rationalit\u00e4t&#8220;, was nichts anderes bedeutet, als das man je nach Ber\u00fccksichtigung vorliegender Beweise die M\u00f6glichkeit hat, seine \u00dcberzeugungen zu revidieren.<\/p>\n<p>&#8222;Effizient&#8220; kann zwei sehr verschiedene Dinge bedeuten. Es kann implizieren, dass in einer Gesellschaft keine Ressourcen verschwendet werden. Oder es k\u00f6nnen alle verf\u00fcgbaren Informationen auf der Welt gemeint sein, die sich in den Marktpreisen  widerspiegeln (letzteres wird in der Regel im Zusammenhang mit den Finanzm\u00e4rkten verwendet, wie etwa in der Theorie effizienter M\u00e4rkte).<\/p>\n<p>Wie beim &#8222;Markt&#8220;, das ist einerseits eine Situation, in der Menschen Dinge erwerben und verkaufen, oder aber es bezieht sich auf eine Reihe von Regeln, die es Menschen erlauben, Sachen zu kaufen und zu verkaufen, auch wenn niemand dies wirklich tut.<\/p>\n<p>Und der &#8222;Agent&#8220; ist dann v\u00f6llig sinnlos. Es ist damit kein Mensch gemeint, da \u00d6konomen gro\u00dfe Schwierigkeiten dabei haben zu erkl\u00e4ren, dass die &#8222;Agenten&#8220; in ihren Modelle nicht unbedingt die einzelnen Menschen darstellen sollen, auch wenn diese Agenten als &#8222;Verbraucher&#8220; oder &#8222;Arbeiter&#8220; bezeichnet werden. Die Bedeutung ist dabei so vage gehalten, als ob es ein Wort w\u00e4re, mit dem \u00d6konomen Nicht\u00f6konomen, die sie mit Fragen wie: &#8222;Also, was genau soll Ihr Modell denn nun darstellen?&#8220; bel\u00e4stigen stoppen k\u00f6nnen. Es symbolisiert nat\u00fcrlich Agenten! Dumme Nicht\u00f6konomen.<\/p>\n<p>Somit ist das \u00f6konomische Vokabular unverbl\u00fcmt gesagt ein einziges Desaster.<\/p>\n<p>Als Ergebnis neigen akademische \u00d6konomen beizeiten dazu, direkt aneinander vorbeizureden. Beispielsweise k\u00f6nnen Wirtschaftswissenschaftler lange dar\u00fcber streiten, ob die Menschen &#8222;rational&#8220; sind, nur um dann festzustellen, dass sie zwei verschiedene Definitionen verwenden und eigentlich komplett \u00fcbereinstimmen.<\/p>\n<p>Doch eine viel schlimmere Folge ist die Kluft, die dieser schlampige Jargon zwischen \u00d6konomen und der \u00d6ffentlichkeit schafft. Alice mag noch h\u00f6flich zu Humpty Dumpty gewesen sein, aber die Amerikaner neigen dazu, auf \u00d6konomen in einer Weise zu reagieren, die eher&#8230;extravagant und bunt ausf\u00e4llt. Sie beschimpfen \u00d6konomen f\u00fcr ihre Vorstellung, dass die M\u00e4rkte ein Gleichgewicht erreichen, nicht ahnend, dass f\u00fcr die \u00d6konomen alles ein &#8222;Gleichgewicht&#8220; darstellen kann.<\/p>\n<p>Liegt die Schuld f\u00fcr solche Missverst\u00e4ndnisse bei der \u00d6ffentlichkeit? Wohl eher nicht, es ist eher das Vers\u00e4umnis der Wirtschaftswissenschaftler, sich nicht richtig zu erkl\u00e4ren. Die \u00d6konomie ist eine Sozialwissenschaft, und ihre Praktiker neigen dazu, in ihren kleinen Silos zu leben, stolz darauf die Au\u00dfenwelt zu ignorieren. Aber jenseits dieser Silos werden immer wirkliche politische Entscheidungen getroffen, die das Leben von Millionen von Agenten&#8230;\u00e4h Menschen beeinflussen. Wenn der Jargon eine immer gr\u00f6\u00dfere Trennung schafft zwischen dem, was \u00d6konomen wirklich annehmen und dem, was die \u00d6ffentlichkeit denkt, was sie glauben, wachsen die Chancen, dass die Disziplin einen Humpty-Dumpty-artigen R\u00fcckgang an Prestige und Einfluss erleidet.<\/p>\n<p><em>(eigene \u00dcbersetzung eines <a href=\"http:\/\/www.japantimes.co.jp\/opinion\/2016\/04\/24\/commentary\/world-commentary\/economic-profession-builds-tower-babel\/#.Vz2tnE1-NxA\" target=\"_blank\">Blogbeitrages<\/a> des amerikanischen \u00d6konomen <a href=\"http:\/\/noahpinionblog.blogspot.de\/\" target=\"_blank\">Noah Smith<\/a>)<\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Lewis Carrolls &#8222;Alice hinter den Spiegeln&#8220; erkl\u00e4rte Humpty Dumpty stolz: \u201eWenn ich ein Wort verwende, dann bedeutet es genau, was ich es bedeuten lasse, und nichts anderes.\u201c \u201eDie Frage ist aber doch\u201c, erwiderte Alice, \u201eob du den Worten einfach<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[18],"class_list":["post-3222759","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-oekonomie","tag-wirtschaft"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3222759","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3222759"}],"version-history":[{"count":12,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3222759\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3739586,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3222759\/revisions\/3739586"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3222759"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3222759"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3222759"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}