{"id":295705,"date":"2014-10-26T00:15:32","date_gmt":"2014-10-25T22:15:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/?p=295705"},"modified":"2016-09-21T07:11:40","modified_gmt":"2016-09-21T05:11:40","slug":"mythos-new-deal-teil-1-vorgeschichte-und-historischer-hintergrund","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/mythos-new-deal-teil-1-vorgeschichte-und-historischer-hintergrund\/","title":{"rendered":"Mythos New Deal &#8211; Teil 1: Vorgeschichte und historischer Hintergrund"},"content":{"rendered":"<p>Mit dem Zusammenbruch des B\u00f6rsenhandels am <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Schwarzer_Donnerstag\" title=\"Schwarzer Donnerstag \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\">&#8222;Schwarzen Donnerstag&#8220;<\/a> im Oktober 1929 setzte in den USA auch ein massiver R\u00fcckgang der wirtschaftlichen Produktion ein. Gesch\u00e4fte und Fabriken schlossen, Banken waren zahlungsunf\u00e4hig, der gewaltige Anstieg der Arbeitslosigkeit verursachte soziales Elend unbekannten Ausma\u00dfes.<\/p>\n<p><Center><a title=\" U.S. Unemployment rate from 1910-1960, with the years of the Great Depression (1929-1939) highlighted. By Lawrencekhoo (Own work) [Public domain], via Wikimedia Commons\" href=\"http:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File%3AUS_Unemployment_1910-1960.gif\"><img decoding=\"async\" width=\"412\" alt=\"US Unemployment 1910-1960\" src=\"\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/5\/58\/US_Unemployment_1910-1960.gif\"\/><\/a><br \/>\n<em>Arbeitslosigkeit in den USA von 1910 bis 1960<\/em><\/center><\/p>\n<p>So begann die <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Weltwirtschaftskrise\" title=\"Weltwirtschaftskrise \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\">Weltwirtschaftskrise von 1929<\/a>. Es war das Ende der &#8222;New Era&#8220;, einer Phase \u00f6konomischen Aufschwungs in den Jahren zwischen 1924 und 1929, die allerdings auch einige enorme \u00dcbertreibungen produzierte.<\/p>\n<p>Die Ums\u00e4tze an der B\u00f6rse verdreifachten sich in dieser Zeit, w\u00e4hrend die reale Produktion weit dahinter zur\u00fcckblieb. Es waren vor allem die Spekulanten, die mittels Kreditaufnahme enorme Aktienpakete kauften und so die Kurse gewaltig steigerten. Dabei entstand eine riesige Spekulationsblase, die noch dadurch befeuert wurde, dass Kleinanleger in v\u00f6lliger Verkennung der tats\u00e4chlichen Lage in der Hoffnung auf ewigen Wohlstand ebenfalls mit einstiegen. <\/p>\n<p><!--more Weiterlesen...--><\/p>\n<p>Der Boom f\u00f6rderte unglaubliche \u00dcbertreibungen, es entwickelte sich ein Handel mit verbrieften Krediten \u00e4u\u00dferst unsicherer Herkunft und auch die Kurse angeblich renditetr\u00e4chtiger Rohstoffpapiere und auf Immobilien wurden in enorme H\u00f6hen getrieben.<\/p>\n<p>Korruption, Klientelismus und Machtmissbrauch standen zusammen mit pers\u00f6nlicher Bereicherung zudem ganz oben auf der Agenda der Banker und Trustmanager, Bilanzen wurden gef\u00e4lscht, eine funktionierende Banken- oder B\u00f6rsenaufsicht gab es damals noch nicht.<\/p>\n<p>Es gab aber noch andere Ursachen f\u00fcr den Ausbruch der Depression. So hatte die amerikanische Landwirtschaft im ersten Weltkrieg erhebliche \u00dcbersch\u00fcsse f\u00fcr die europ\u00e4ischen Alliierten produziert. Nach dem Krieg brach dieser Exportmarkt weg und in den 1920er Jahren k\u00e4mpften die Farmer auf den gro\u00dfen Plains mit erheblichen Absatzproblemen. H\u00f6fe und L\u00e4ndereien wurden verpf\u00e4ndet und Hypotheken aufgenommen.  <\/p>\n<p>Doch die R\u00fcckzahlungen stockten und auch die Hypothekenbanken litten nun unter der Krise.<\/p>\n<p>Ebenso erwies sich der industrielle Sektor als nicht immun gegen den Abschwung. Die extensive Rationalisierung durch die aufkommende Massenproduktion beg\u00fcnstigte die Unternehmensgewinne gegen\u00fcber den L\u00f6hnen und Geh\u00e4ltern. Die aufkommende Depression f\u00fchrte zu Nachfrageausf\u00e4llen und sinkenden Absatzzahlen, die vorher sprudelnden Investitionen trockneten aus und Preissenkungen aufgrund versch\u00e4rfter Konkurrenz und nachlassendem Konsum f\u00fchrten in die Abw\u00e4rtsspirale der Deflation.<\/p>\n<p>1933 war die gesellschaftliche Lage in den USA nur noch katastrophal zu nennen: das reale <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bruttoinlandsprodukt\" title=\"Bruttoinlandsprodukt \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\">BIP<\/a> war um 26 % geschrumpft, die Arbeitslosenquote auf 25 % angewachsen, das Preisniveau ebenfalls um 26 % zur\u00fcckgegangen. Die reale Schuldenlast stieg dadurch enorm und trieb wiederum Unternehmen, Banken und Farmer in den Bankrott. <\/p>\n<p>Der amtierende Pr\u00e4sident <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Herbert_Hoover\" title=\"Herbert Hoover \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\">Herbert Hoover<\/a> reagierte hilflos auf die Krise. Obwohl die Schlangen vor den Suppenk\u00fcchen immer l\u00e4nger wurden und die Arbeitslosigkeit nicht zur\u00fcckging, blieb Hoover bei seiner Ablehnung staatlicher Hilfen und setzte auf die Selbsterholung der Wirtschaft. F\u00fcr die Erwerbslosen hatte er nur die Unterst\u00fctzung \u00f6ffentlicher Arbeiten \u00e4hnlich dem englischen Almosensystem des 16. Jahrhunderts \u00fcbrig. <\/p>\n<p>Demgegen\u00fcber glaubte sein Konkurrent, der Demokrat <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Franklin_D._Roosevelt\" title=\"Franklin D. Roosevelt \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\">Franklin D. Roosevelt<\/a> an die Autorit\u00e4t der Zentralregierung in Washington, und wollte mit ihrer Hilfe staatliche Programme zur Bek\u00e4mpfung der Krise aufstellen. Ein grundlegender Kurswechsel in der Wirtschafts- und Sozialpolitik sollte den wirtschaftlichen Aufschwung wiederherstellen und den sozialen Zusammenhalt st\u00e4rken.<\/p>\n<p>Der Pr\u00e4sidentschaftswahlkampf von 1932 war daher haupts\u00e4chlich eine Debatte \u00fcber die Ursachen der Wirtschaftskrise und die verschiedenen Konzepte zur Schaffung m\u00f6glicher Abhilfen. Roosevelt wurde schlie\u00dflich mit seinen Ideen f\u00fcr mehr soziale Gerechtigkeit und gr\u00f6\u00dferer Marktregulierung, die er <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/New_Deal\" title=\"New Deal \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\">&#8222;New Deal&#8220;<\/a> nannte, gew\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Dieser Begriff ging auf den Titel eines damals sehr erfolgreichen Buches von <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Stuart_Chase\" title=\"Stuart Chase - Wikipedia, the free encyclopedia\" target=\"_blank\">Stuart Chase<\/a> zur\u00fcck, das erstmals 1931 erschien. Darin wurde die Krise als eine Distributionskrise erkl\u00e4rt, weil es nicht genug Kaufkraft g\u00e4be, um die \u00dcberschussproduktion sinnvoll anwenden zu k\u00f6nnen. Nach Chase hielten die Einkommen der Massen nicht mit der industriellen Erzeugung Schritt, so dass es zu immer wiederkehrenden Konjunktureinbr\u00fcchen kommen m\u00fcsse.  <\/p>\n<p>Die Ma\u00dfnahmen des New Deal sollten vor allem das Vertrauen in Politik und Wirtschaft wiederherstellen und so mithelfen, die verheerenden Folgen der Weltwirtschaftskrise zu \u00fcberwinden. Roosevelt war der \u00dcberzeugung, dass der Staat immer dann eingreifen sollte, wenn es im \u00f6ffentlichen Interesse als notwendig angesehen wurde. Deutlich h\u00f6here Steuern, aber auch eine Umverteilung der Kaufkraft zugunsten von Arbeit und Industrie hielt er dabei f\u00fcr vorrangig:<\/p>\n<blockquote><p><b>Was auch immer wir tun, um unserer maroden Wirtschaftsordnung Leben einzuhauchen, wir k\u00f6nnen dies nicht l\u00e4ngerfristig erreichen, solange wir nicht eine sinnvollere, weniger ungleiche Verteilung des Nationaleinkommens erreichen\u2026 <\/p>\n<p>die Entlohnung f\u00fcr die Arbeit eines Tages muss \u2013 im Durchschnitt \u2013 h\u00f6her sein als jetzt, und der Gewinn aus Verm\u00f6gen, insbesondere spekulativ angelegtem Verm\u00f6gen, muss niedriger sein.<\/b><br \/>\n\u2013 Franklin D. Roosevelt<\/p>\n<p><em>The New Deal: America&#8217;s Response to the Great Depression (Problems in American History), John Wiley &#038; Sons, 2000, S. 55<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Bis heute umstritten ist dabei die Frage, ob der New Deal eher als eine Abfolge von \u00f6konomischen Experimenten oder aber als ein von vornherein festgelegter Ablaufplan bestimmter Ma\u00dfnahmen angesehen werden kann. Wenn Roosevelt einer klaren Linie folgte, so muss man annehmen, dass es sich dabei um die Verfolgung eines bestimmten Ziels \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum unter besonderer Ber\u00fccksichtigung des politisch Machbaren handelte.<\/p>\n<p>Denn nur so wird die Zweiteilung der Ma\u00dfnahmen, die man heute als &#8222;First&#8220; und &#8222;Second New Deal&#8220; bezeichnet, verst\u00e4ndlich. Widerst\u00e4nde aus Politik und Wirtschaft machten Nachjustierungen und Verfeinerungen notwendig und f\u00fchrten zu unterschiedlichen Handlungen der Regierung gegen\u00fcber Gesch\u00e4ftsleuten und Gewerkschaften, aber auch zu einem Wandel in der Au\u00dfenpolitik.<\/p>\n<p>Der New Deal hatte also zun\u00e4chst nicht viel mit einer Erh\u00f6hung der Staatsausgaben zu tun. Wie schon sein Vorg\u00e4nger Hoover wollte auch Roosevelt das Ziel eines ausgeglichenen Haushaltes vorerst nicht aufgeben. Es ging immer zuerst um eine L\u00f6sung der Krise, also um einen dritten Weg, der weder sozialistisch noch faschistisch ausfallen sollte, sondern ein demokratischer amerikanischer Weg werden sollte.<\/p>\n<p>In der ersten Phase (New Deal One 1933\/34) konzentrierte sich Roosevelt auf drei Aktivit\u00e4tsfelder:<\/p>\n<p>Erstens, die sozial-psychologischen Aspekte der Depression, also die Bek\u00e4mpfung von Mutlosigkeit und Verzweiflung. Zweitens, die strikte Regulierung des Finanzsektors und damit der konsequente Kampf gegen die &#8222;Praktiken der skrupellosen Geldwechsler\u201c.<br \/>\nDrittens, die Belebung der Wirtschaft, insbesondere durch Schaffung von Jobs sowie durch Bek\u00e4mpfung von Deflation, Zwangsvollstreckungen in der Landwirtschaft, weiteren K\u00fcndigungen und zunehmender Wohnungslosigkeit.<\/p>\n<p>Roosevelt war damals klar, dass in allen drei Bereichen gleichzeitig und energisch gehandelt werden musste, damit sich die Ma\u00dfnahmen wechselseitig verst\u00e4rken konnten und so gemeinsam zum Erreichen der drei Teilziele beitragen sollten.<\/p>\n<p>Warum der erste New Deal scheiterte und es 1934 erneut zu einem Einbruch bei Produktion, Besch\u00e4ftigung und L\u00f6hnen kam, ist Thema von <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/mythos-new-deal-teil-2-das-scheitern-des-ersten-versuchs\/\" title=\"Mythos New Deal \u2013 Teil 2: Das Scheitern des ersten Versuchs \u203a \u00d6konomie und Sport\" target=\"_blank\">Teil 2 dieser Serie<\/a>.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit dem Zusammenbruch des B\u00f6rsenhandels am &#8222;Schwarzen Donnerstag&#8220; im Oktober 1929 setzte in den USA auch ein massiver R\u00fcckgang der wirtschaftlichen Produktion ein. 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