{"id":2904884,"date":"2016-07-04T07:07:23","date_gmt":"2016-07-04T05:07:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/?p=2904884"},"modified":"2024-07-31T10:42:30","modified_gmt":"2024-07-31T08:42:30","slug":"fatale-irrtuemer-des-finanziellen-fundamentalismus-die-illusion-der-ricardianischen-aequivalenz","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/fatale-irrtuemer-des-finanziellen-fundamentalismus-die-illusion-der-ricardianischen-aequivalenz\/","title":{"rendered":"Fatale Irrt\u00fcmer des finanziellen Fundamentalismus \u2013 die Illusion der Ricardianischen \u00c4quivalenz"},"content":{"rendered":"<p><Center><a title=\"Dollar-Symbol von Svilen.milev (Eigenes Werk) [CC BY-SA 3.0 (http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0) oder GFDL (http:\/\/www.gnu.org\/copyleft\/fdl.html)], via Wikimedia Commons\" href=\"http:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File%3ADollar_symbol.jpg\"><img decoding=\"async\" width=\"312\" alt=\"Dollar symbol\" src=\"\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/b\/be\/Dollar_symbol.jpg\/512px-Dollar_symbol.jpg\"\/><\/a><\/Center><\/p>\n<p><Center><b>Eine Abhandlung \u00fcber die \u00d6konomie der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage<\/b><\/Center><\/p>\n<p><b>Irrtum Nr. 9: die abwegige Illusion der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ricardianische_%C3%84quivalenz\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Ricardianischen \u00c4quivalenz<\/a><\/b><\/p>\n<p>Der negative Effekt der \u00fcberbordenden Belastung im Angesicht der erh\u00f6hten Verschuldung w\u00fcrde, so wird behauptet, die stimulierende Wirkung des Defizits aufheben. Diese drastische (Fehl-)Hypothese entsteht meist durch das Vers\u00e4umnis, die wirtschaftliche Situation im Detail zu analysieren.<\/p>\n<p><!--more Weiterlesen...--><\/p>\n<p>Analytische Realit\u00e4t: Diese These der &#8222;Ricardianischen \u00c4quivalenz&#8220;, die zwar immer wieder gern <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/David_Ricardo\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">David Ricardo<\/a> zugeschrieben wird, wurde am Ende allerdings von ihm selbst auch wieder verworfen. In jedem Fall h\u00e4ngt die G\u00fcltigkeit dieses Theorems entscheidend von dem verwendeten Steuersystem ab, mit dem der Schuldendienst finanziert werden soll.<\/p>\n<p>In dem Extremfall einer <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Georgismus\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">georgistischen<\/a> \u00d6konomie, die ausschlie\u00dflich eine &#8222;Einheitssteuer&#8220; (engl. single tax) auf Grundst\u00fcckswerte verwendet, und in der sich die Grundst\u00fcckswerte voraussichtlich proportional im Laufe der Zeit entwickeln werden, bildet jede Forderung in der Tat eine kollektive Hypothek auf die Landparzellen. <\/p>\n<p>Jede Erh\u00f6hung der Staatsverschuldung als Ausgleich einer aktuellen Steuersenkung dr\u00fcckt den Marktwert des Landes um den gleichen Betrag, das aggregierte Verm\u00f6gen des Einzelnen wird dadurch nicht ver\u00e4ndert, die Ricardianische \u00c4quivalenz ist damit vollst\u00e4ndig und die reine Finanzpolitik erweist sich somit als impotent. <\/p>\n<p>H\u00f6here Schulden k\u00f6nnten dann immer noch w\u00fcnschenswert sein, um die Vorteile von m\u00f6glicherweise niedrigeren Zinsen f\u00fcr die Staatsverschuldung gegen\u00fcber denen einzelner Hypotheken zu nutzen und Immobilien mit einer effektiv viel eher annehmbaren Grundschuld zu versehen, welche zus\u00e4tzlich auch noch die Finanzierung weiterer Transfers erleichtert. Und eventuell besteht noch die M\u00f6glichkeit, die Wirtschaft mittels steuerfinanzierter Aufwendungen zu stimulieren, durch die die Einkommen zu den Haushalten mit h\u00f6herer Ausgabeneigung umverteilt werden.<\/p>\n<p>In einem anderen Szenario, in dem die Hauptsteuer auf jedes Grundeigentum erhoben wird, wie es zum Beispiel bei den kommunalen Finanzen in Amerika \u00fcblich ist, tritt eine drastisch andere Wirkung ein. In diesem Fall muss jeder Investor, der ein Geb\u00e4ude errichtet, davon ausgehen, dass er damit zumindest vorl\u00e4ufig einen Anteil an den Staatsschulden \u00fcbernimmt, auch wenn bei weiteren Bauma\u00dfnahmen der Anteil dieser Belastungen m\u00f6glicherweise immer geringer werden wird. <\/p>\n<p>Dies sorgt nicht nur daf\u00fcr, dass die Baut\u00e4tigkeit erheblich behindert wird, sondern auch daf\u00fcr, dass diese Erwartung der Lasten\u00fcbernahme durch andere ziemlich pl\u00f6tzlich verschwinden kann, wenn der Schulden\u00fcberhang zu gro\u00df wird und damit alles am Bau zum Erliegen kommen kann. Schulden werden damit zu einem starken Wachstumshemmnis. W\u00e4hrend dieses Ergebnis dem \u00e4hneln kann, was in der Theorie als &#8222;Crowding Out&#8220; bezeichnet wird, ist dieser Mechanismus allerdings keine Verdr\u00e4ngung, sondern eher ein Abschreckungsmittel.<\/p>\n<p>Mit einer Umsatz- oder Mehrwertsteuer als tragender S\u00e4ule hat ein aus der Absenkung der Steuers\u00e4tze resultierendes staatliches Defizit heute keinen negativen Effekt mehr auf die Kapitalwerte. Stattdessen entwickelt es durch die Erh\u00f6hung der Gesamtsumme an Verm\u00f6genswerten eine stimulierende Wirkung, m\u00f6glicherweise noch verst\u00e4rkt durch vorweggenommene Ausgaben in der Erwartung h\u00f6herer Steuern zu einem sp\u00e4teren Zeitpunkt zur Finanzierung des Schuldendienstes. Es wird daher keinen Ricardianischen \u00c4quivalenzeffekt geben; im Gegenteil werden durch die Erwartung h\u00f6herer zuk\u00fcnftiger Steuern die laufenden Ausgaben gef\u00f6rdert, zus\u00e4tzlich stimuliert noch durch das erh\u00f6hte Angebot an Wertpapieren.<\/p>\n<p>(Nicht nur) das US-Bundessteuersystem wird von der Einkommensteuer dominiert, bei der sich dieser Effekt irgendwo zwischen Verm\u00f6gens- und Verbrauchssteuern aufteilen wird. In der Praxis werden nur wenige Individuen eine klare Vorstellung von der H\u00f6he der Steuern haben, die m\u00f6glicherweise einmal in der Zukunft als Folge der Existenz einer gr\u00f6\u00dferen Staatsverschuldung erhoben werden k\u00f6nnten. Daher kann mit einiger Sicherheit davon ausgegangen werden, dass es zu keinem belegbaren Auftreten eines Ricardianischen \u00c4quivalenz-Ph\u00e4nomens kommen kann, auch wenn bei einigen Alarmisten das allgemeine Unbehagen in dieser Sache teilweise zu einer sich selbst erf\u00fcllenden Prophezeiung f\u00fchren mag.<\/p>\n<p><em>(Grundlage dieser Reihe ist der Artikel <a href=\"https:\/\/www.pnas.org\/doi\/full\/10.1073\/pnas.95.3.1340\" title=\"Vickrey, William. 1996. 15 Fatal Fallacies of Financial Fundamentalism\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">15 Fatal Fallacies of Financial Fundamentalism<\/a> von <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/William_Vickrey\" title=\"William Vickrey - Wikipedia, the free encyclopedia\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">William Vickrey<\/a>)<\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Abhandlung \u00fcber die \u00d6konomie der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage Irrtum Nr. 9: die abwegige Illusion der Ricardianischen \u00c4quivalenz Der negative Effekt der \u00fcberbordenden Belastung im Angesicht der erh\u00f6hten Verschuldung w\u00fcrde, so wird behauptet, die stimulierende Wirkung des Defizits aufheben. 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