{"id":24376850,"date":"2025-11-10T07:00:46","date_gmt":"2025-11-10T06:00:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/?p=24376850"},"modified":"2025-11-05T14:22:58","modified_gmt":"2025-11-05T13:22:58","slug":"warum-die-reichen-keine-steuern-zahlen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/warum-die-reichen-keine-steuern-zahlen\/","title":{"rendered":"Warum die Reichen keine Steuern zahlen"},"content":{"rendered":"<p>Hinter dem b\u00fcrgerlichen Ideal der Besteuerung als kollektives, gerechtes Unterfangen verbirgt sich eine tief verwurzelte Heuchelei: Die Architektur moderner Steuergesetze dient nicht dem Gemeinwohl, son-dern der Konsolidierung des privaten Verm\u00f6gens.<\/p>\n<p><center><iframe loading=\"lazy\" width=\"595\" height=\"335\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/aLKacgW6YOI\" title=\"Why the Rich Don\u2019t Pay Taxes\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/center><\/p>\n<p>Die Progressivit\u00e4t der Einkommensteuer wird in den obersten Stufen ausgeh\u00f6hlt, wo das Einkommen gr\u00f6\u00dftenteils aus Kapital stammt \u2013 zu Vorzugss\u00e4tzen besteuert, die Eigentum gegen\u00fcber Arbeit beloh-nen. Diese Ungleichheit wird durch den Zugang der Wohlhabenden zu Anw\u00e4lten und Finanzberatern noch versch\u00e4rft. <\/p>\n<p><!--more Weiterlesen...--><\/p>\n<p>F\u00fcr die lohnabh\u00e4ngige Mehrheit sind solche Privilegien unerreichbar. Das System ist in einem Teufels-kreis manipuliert: Reichtum kauft Macht, Macht schreibt die Regeln, und die Regeln sch\u00fctzen den Reichtum. Das Ergebnis ist ein regressives System, das die Steuerlast auf die einfachen B\u00fcrger abw\u00e4lzt, \u00f6ffentliche Dienstleistungen aushungert und die Grundlagen der Demokratie untergr\u00e4bt.<\/p>\n<p>Hinter der Rhetorik der progressiven Besteuerung verbirgt sich ein grundlegender Widerspruch. Obwohl die Steuersysteme nominell darauf ausgelegt sind, h\u00f6here Beitr\u00e4ge f\u00fcr h\u00f6here Einkommen zu erheben, bevorzugen sie in der Praxis die Zusammensetzung des Verm\u00f6gens der Reichen. Kapitalgewinne, Divi-denden und Carried Interest \u2013 die Haupteinnahmequellen der Elite \u2013 werden zu deutlich niedrigeren S\u00e4tzen besteuert als L\u00f6hne und Geh\u00e4lter. <\/p>\n<p>Wie Thomas Piketty in seinem Buch &#8222;Das Kapital im 21. Jahrhundert&#8220; gezeigt hat: Wenn die Kapital-renditen st\u00e4ndig h\u00f6her sind als das Wachstum der Wirtschaft, vertieft eine kapitalbeg\u00fcnstigte Besteu-erung unweigerlich die Ungleichheit. Was als fiskalische Neutralit\u00e4t dargestellt wird, reproduziert in Wirklichkeit eine Klassenhierarchie unter dem Deckmantel der Fairness.<\/p>\n<p>1991 setzte Schweden das um, was seither als die Steuerreform des Jahrhunderts bezeichnet wird. Diese Reform stellte eine tiefgreifende Umstrukturierung des schwedischen Steuersystems dar, die zu einer erheblichen Verringerung der Gesamtsteuerbelastung f\u00fchrte. Der K\u00f6rperschaftsteuersatz, der Ende der 1980er Jahre noch bei rund 60 Prozent gelegen hatte, wurde schrittweise gesenkt und liegt heute bei rund 21 Prozent.<\/p>\n<p>Ein zentrales Merkmal der Reform war die Trennung der Besteuerung von Kapitaleink\u00fcnften von der Besteuerung von Erwerbseinkommen. F\u00fcr bestimmte Kategorien von Kapitaleink\u00fcnften wurde der anwendbare Steuersatz auf 20 Prozent gesenkt. <\/p>\n<p>Parallel dazu wurden die Erbschafts- und Verm\u00f6genssteuern abgeschafft, w\u00e4hrend die Grundsteuer in eine nahezu pauschale Abgabe umgewandelt wurde. Durch die Einf\u00fchrung des Anlagesparkontos (ISK) wurde die effektive Besteuerung von Kapitalertr\u00e4gen aus B\u00f6rsenanlagen weiter verringert.<\/p>\n<p>Zusammengenommen f\u00fchrten diese Ma\u00dfnahmen zu einem deutlichen R\u00fcckgang sowohl der K\u00f6rper-schafts- als auch der Kapitalsteuer und trugen zu einem deutlichen R\u00fcckgang der Gesamtsteuerquote Schwedens bei \u2013 von rund 50 % des BIP im Jahr 1990 auf etwa 40 % heute.<\/p>\n<p>Es \u00fcberrascht nicht, dass diese Ver\u00e4nderungen den Unternehmen und Kapitalbesitzern \u00fcberpropor-tional zugute gekommen sind, w\u00e4hrend die finanzielle Last dieser neoliberalen &#8222;Reformen&#8220; zu einem \u00fcberw\u00e4ltigenden Teil von den einfachen Lohnabh\u00e4ngigen getragen wurde.<\/p>\n<p><em>(Eigene \u00dcbersetzung eines <a href=\"https:\/\/rwer.wordpress.com\/2025\/10\/28\/why-the-rich-dont-pay-taxes\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Blogbeitrages<\/a> des schwedischen \u00d6konomen <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Lars_P%C3%A5lsson_Syll\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Lars Syll<\/a>)<\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hinter dem b\u00fcrgerlichen Ideal der Besteuerung als kollektives, gerechtes Unterfangen verbirgt sich eine tief verwurzelte Heuchelei: Die Architektur moderner Steuergesetze dient nicht dem Gemeinwohl, son-dern der Konsolidierung des privaten Verm\u00f6gens. 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