{"id":24358882,"date":"2025-07-14T07:54:16","date_gmt":"2025-07-14T05:54:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/?p=24358882"},"modified":"2025-07-24T09:10:06","modified_gmt":"2025-07-24T07:10:06","slug":"economic-history-saldenmechanik-und-die-frage-der-moral","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/economic-history-saldenmechanik-und-die-frage-der-moral\/","title":{"rendered":"Economic History: Saldenmechanik und die Frage der Moral"},"content":{"rendered":"<p>F\u00fcr viele Medien und Politiker war von Anfang an klar: <\/p>\n<p>Die Eurokrise sei verursacht worden von einigen &#8222;S\u00fcnderstaaten&#8220;, die \u00fcber ihre Verh\u00e4ltnisse gelebt hatten. Sie hatten sich etwas zu Schulden kommen lassen, hatten zu gut auf Kosten anderer gelebt, seien anf\u00e4llig f\u00fcr Korruption und zu wenig produktiv gewesen. <\/p>\n<p><center><a title=\"Ggia, CC BY-SA 3.0 &lt;https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0&gt;, via Wikimedia Commons\" href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:20110629_Greek_Riot_police_tear_gas_Kallimarmaro_Stadium_Athens_Greece.jpg\"><img decoding=\"async\" width=\"412\" alt=\"20110629 Greek Riot police tear gas Kallimarmaro Stadium Athens Greece\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/6\/6c\/20110629_Greek_Riot_police_tear_gas_Kallimarmaro_Stadium_Athens_Greece.jpg\/512px-20110629_Greek_Riot_police_tear_gas_Kallimarmaro_Stadium_Athens_Greece.jpg?20110702075842\"><\/a><br \/>\n<em>2011: Tr\u00e4nengas w\u00e4hrend der Proteste gegen den IWF in Athen<\/em><\/center><\/p>\n<p>Besonderes Ziel dieser Anschuldigungen waren nat\u00fcrlich die Griechen, die aufgrund ihrer extrem hohen Staatsverschuldung die gr\u00f6\u00dften S\u00fcndenb\u00f6cke darstellten.<\/p>\n<p><!--more Weiterlesen...--><\/p>\n<p>Und weil diese Ansichten auch von \u00d6konomen und Beamten der europ\u00e4ischen Organisationen, des Internationalen W\u00e4hrungsfonds (IWF) und der Gl\u00e4ubigerstaaten sofort \u00fcbernommen worden waren entstand f\u00fcr einen gro\u00dfen Teil der \u00d6ffentlichkeit der Eindruck, die Frage nach der &#8222;Schuld&#8220; f\u00fcr diese Krise sei klar erkennbar und eindeutig.<\/p>\n<p>So war es auch klar, dass nun die braven und flei\u00dfigen Staaten als Richter auftreten mussten, um diese S\u00fcnder abzuurteilen. Auf diese Weise wurden die <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/sind-die-schuldner-wirklich-immer-schuld\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Schuldner<\/em><\/a> ohne zu Z\u00f6gern von vornherein als <em>Schuldige<\/em> ausgemacht, ohne \u00fcber weitere m\u00f6gliche relevante Zusammenh\u00e4nge \u00fcberhaupt erst nachdenken und sprechen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Vor allem die Volkswirtschaftler der ordoliberalen und klassischen Schule geh\u00f6rten zu denen, die von Anfang an andere Erkl\u00e4rungsm\u00f6glichkeiten und Deutungen offenbar gar nicht zulassen wollten.<\/p>\n<p>Was aber war wirklich dran an solchen Vorw\u00fcrfen bzw. wie sollte eine gesamtwirtschaftliche Analyse eines solchen Krisenfalles tats\u00e4chlich aussehen?<\/p>\n<p>Wie beurteilt man die Ursachen und Bedingungen, die f\u00fcr die Ursachenforschung  und die Bewertung durch die National\u00f6konomie notwendigerweise zu beachten sind?<\/p>\n<p><b>Saldenmechanik als Modell wirtschaftstheoretischer Ursachenforschung<\/b><br \/>\nNun, auch zu dem Thema der Ursachenforschung durch wirtschaftstheoretische Modell-Analysen (denn um nichts anderes handelt es sich bei den Erkl\u00e4rungsversuchen von \u00d6konomen der verschiedenen volks- wirtschaftlichen &#8222;Schulen&#8220;) hat uns der deutsche \u00d6konom Wolfgang St\u00fctzel in seiner Abhandlung \u00fcber die <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/volkswirtschaftliche-saldenmechanik-vergessene-grundlage-der-geldtheorie\/\" title=\"volkswirtschaftliche Saldenmechanik\">volkswirtschaftliche Saldenmechanik<\/a> wertvolle Hinweise hinterlassen.<\/p>\n<p>Gegenstand der Saldenmechanik sind demnach nur die &#8222;trivial-arithmetischen&#8220; Zusammenh\u00e4nge, die nicht durch menschliches Verhalten verursacht werden und nicht auf den Annahmen und Voraus-setzungen eines volkswirtschaftlichen Modells beruhen (siehe auch <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/saldenmechanik-erklaerende-und-vertiefende-beispiele\/\" title=\"Saldenmechanik \u2013 erkl\u00e4rende und vertiefende Beispiele\">Saldenmechanik \u2013 erkl\u00e4rende und vertiefende Beispiele<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wettbewerb-der-nationen-als-saldenmechanisches-paradoxon\/\" title=\"Wettbewerb der Nationen als saldenmechanisches Paradoxon\">Wettbewerb der Nationen als saldenmechanisches Paradoxon<\/a> sowie <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/sparen-und-investieren-versuch-einer-richtigstellung\/\" title=\"Sparen und Investieren \u2013 Versuch einer Richtigstellung\">Sparen und Investieren \u2013 Versuch einer Richtigstellung<\/a>).<\/p>\n<p>Durch ihre Natur als Gleichungen \u00e4hnlich mathematischer Formeln sind diese Grunds\u00e4tze <strong>ohne Einschr\u00e4nkungen allgemein g\u00fcltig, sie bestehen in jedem Fall<\/strong>, gleichg\u00fcltig wie sich die Menschen verhalten oder welche Theorien gerade mal wieder &#8222;modern&#8220; sind. <\/p>\n<p>Daher bilden diese &#8222;S\u00e4tze&#8220; der Saldenmechanik nat\u00fcrlich den Rahmen, den jede wirtschaftstheoretische Aussage und Analyse zu beachten hat, um nicht von vornherein wegen des Versto\u00dfes gegen arithme-tische Grundregeln der Volkswirtschaft generell unbrauchbar zu sein. <\/p>\n<p>Durch die Allgemeing\u00fcltigkeit dieser Zusammenh\u00e4nge sind sie bei \u00dcberlegungen zur Ursachen-forschung volkswirtschaftlicher Problemstellungen zwingend und selbstverst\u00e4ndlich zu ber\u00fcck-sichtigen.<\/p>\n<p>In seinem Buch \u201cVolkswirtschaftliche Saldenmechanik\u201d (1978, S. 88) beschreibt St\u00fctzel dies treffend so:<\/p>\n<blockquote><p>Wo auch immer bei national\u00f6konomisch-theoretischen Aussagen oder auch bei Aussagen zur r\u00fcckblickenden Beschreibung der Zusammenh\u00e4nge in historischen wirtschaftlichen Verl\u00e4ufen an Stelle des vollst\u00e4ndigen Gef\u00fcges aller notwendigen und hinreichenden Bedingungen gewisse Faktoren hervorgehoben werden  und dadurch ausgezeichnet werden, dass man sie zur Ursache oder zur Mitursache bestimmter Verl\u00e4ufe stempelt, wird notgedrungen der strenge Funktionalismus der reinen Theorie verlassen und eine in gewissen Grenzen willk\u00fcrliche Bewertung vorgenommen.<\/p><\/blockquote>\n<p><b>Ist wertfreie Ursachenforschung \u00fcberhaupt m\u00f6glich?<\/b><br \/>\n\u00dcber die immer g\u00fcltigen Grunds\u00e4tze der Saldenmechanik hinaus weist St\u00fctzel damit allen anderen Ursachen und Bedingungen den Wert von &#8222;nachrangigen&#8220; Variablen zu. <\/p>\n<p>W\u00e4hrend also die trivial-arithmetischen Funktionen strengsten Anforderungen gerecht werden (sie sind <strong>immer erf\u00fcllt<\/strong>), ist dies bei anderen Ursachenerkl\u00e4rungen gerade nicht der Fall. Es m\u00fcssen dann andere &#8222;Parameter&#8220; gefunden werden, um \u00fcber die G\u00fcltigkeit solcher Aussagen urteilen zu k\u00f6nnen. Mit der Auswahl dieser Parameter aber wird dann oft der Bereich einer &#8222;wertfreien&#8220; wirtschaftswissenschaft-lichen Ursachenforschung verlassen.<\/p>\n<p>Denn St\u00fctzel stellte auch fest, dass eine solche wertfreie Wirtschaftstheorie eben nur im Rahmen von gleichrangigen Bedingungen (= Grunds\u00e4tze der Saldenmechanik) m\u00f6glich ist, alle dar\u00fcber hinaus-gehenden &#8222;Ursachen&#8220; sind im Prinzip beliebig beurteilbar. <\/p>\n<p>Eine eindeutige Abgrenzung ist dann nur noch durch moralische Werturteile m\u00f6glich. Aber selbst, wenn eine solche Abgrenzung aus pragmatischen Gr\u00fcnden vorgenommen wird, liegt trotzdem oft der Ver-dacht nahe, dass diese nur den Vorwand f\u00fcr die Verbreitung und Anerkennung von ganz spezifischen moralischen Urteilen als allgemeiner Sprachregelung liefern sollen. <\/p>\n<p><b>Beliebigkeit einzelwirtschaftlicher moralischer Werturteile<\/b><br \/>\nEin solcher Fall ist z. B. die Zuweisung der angeblich unhaltbar gestiegenen Staatsschulden als einer der Gr\u00fcnde f\u00fcr die Eurokrise. Diese Behauptung wurde aber inzwischen mehr als einmal eindeutig widerlegt und alles weist daraufhin, dass in dieser Frage eine eindeutige Schuldzuweisung aus dieser Richtung nur dem allgemeinen einzelwirtschaftlichen Werturteil &#8222;wer Schulden macht ist immer schuld&#8220; entspricht.<\/p>\n<p>Gesamtwirtschaftlich sind die Zusammenh\u00e4nge, die letztlich zur Finanz- und damit auch zur Eurokrise gef\u00fchrt haben, wesentlich komplizierter und nur unter Ber\u00fccksichtigung saldenmechanischer Grunds\u00e4tze erkl\u00e4rbar. Die H\u00f6he der Staatsschulden hat damit erst einmal so gut wie nichts zu tun, sie ist lediglich ein Verteilungsbegriff, der \u00fcber die Aufteilung von Verm\u00f6gen und Schulden in einer Volkswirtschaft informiert.<\/p>\n<p>\u00c4hnliches gilt \u00fcbrigens auch f\u00fcr die Korruption, die oft f\u00fcr den wirtschaftlichen Niedergang der europ\u00e4ischen Krisenl\u00e4nder verantwortlich gemacht wird. Es ist sicherlich unstrittig, dass eine ausufernde Korruption gro\u00dfe \u00f6konomische Sch\u00e4den hervorrufen kann. <\/p>\n<p>Aber wie ist dann zu erkl\u00e4ren, dass andere L\u00e4nder wie Venezuela oder Mexiko, die nach internationalen Ma\u00dfst\u00e4ben noch mehr unter Filz und Vetternwirtschaft litten als die S\u00fcdeurop\u00e4er, damals Jahren zu den wirtschaftlich st\u00e4rksten Nationen der Welt geh\u00f6rten?<\/p>\n<p>Auch hier zeigt sich, dass die Korruption allein nicht die einzige oder die bestimmende Ursache der folgenden Entwicklung sein kann. Die Festlegung dieses Parameters als einen der Hauptgr\u00fcnde f\u00fcr die Eurokrise beruht wieder auf einem bestimmten Werturteil, dass haupts\u00e4chlich aus moralischen (einzelwirtschaftlichen) Beweggr\u00fcnden erfolgte. <\/p>\n<p>Auch in diesem Fall werden die saldenmechanischen Grunds\u00e4tze, die unabh\u00e4ngig von solchen bewertenden Urteilen immer g\u00fcltig sind, zugunsten einer gro\u00dfen Beliebigkeit zumeist nicht beachtet.<\/p>\n<p><b>Die politische Diskussion muss wieder gesamtwirtschaftlich werden<\/b><br \/>\nDiese und andere nicht wertfreie moralische Beurteilungen erfordern dann aber auch nichts anderes, als das die Volkswirte die gesamtwirtschaftliche Logik wieder in die politische Diskussion einbringen m\u00fcssen, um diese nicht zu einem Diskurs \u00fcber Ideologie oder einzelwirtschaftliches Kalk\u00fcl verkommen zu lassen. <\/p>\n<p>Denn f\u00fcr den Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung, f\u00fcr Unternehmer ebenso wie f\u00fcr Politiker und Medien, ist im Allgemeinen das Verst\u00e4ndnis von \u00f6konomischen Abl\u00e4ufen in der Wirtschaft durch ihre einzelwirt-schaftliche, haush\u00e4lterische Erfahrung gepr\u00e4gt, die aber h\u00e4ufig in die Irre f\u00fchren kann, wie die oben gezeigten Beispiele der Eurokrise eindrucksvoll beweisen. <\/p>\n<p>Auf die Frage, ob der Schuldner gesamtwirtschaftlich tats\u00e4chlich immer &#8222;schuld&#8220; ist und ob nicht unter Ber\u00fccksichtigung der salbenmechanischen Grunds\u00e4tze nicht auch ein &#8222;Zwang zur Kreditaufnahme&#8220; bestehen kann, bin ich schon in einem <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/sind-die-schuldner-wirklich-immer-schuld\/\" title=\"Sind die Schuldner wirklich immer schuld? \u203a \u00d6konomie und Sport\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">gesonderten Beitrag<\/a> genauer eingegangen. Denn auch hier hilft Wolfgang St\u00fctzels Verm\u00e4chtnis zur Geld- und Konjunkturtheorie weiter.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr viele Medien und Politiker war von Anfang an klar: Die Eurokrise sei verursacht worden von einigen &#8222;S\u00fcnderstaaten&#8220;, die \u00fcber ihre Verh\u00e4ltnisse gelebt hatten. Sie hatten sich etwas zu Schulden kommen lassen, hatten zu gut auf Kosten anderer gelebt, seien<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[54,48,28,32,29,37,44,18],"class_list":["post-24358882","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-oekonomie","tag-economic-history","tag-geldtheorie","tag-saldenmechanik","tag-schulden","tag-sparen","tag-stuetzel","tag-volkswirtschaftslehre","tag-wirtschaft"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/24358882","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=24358882"}],"version-history":[{"count":9,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/24358882\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":24360556,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/24358882\/revisions\/24360556"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=24358882"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=24358882"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=24358882"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}