{"id":24356465,"date":"2025-07-03T07:00:41","date_gmt":"2025-07-03T05:00:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/?p=24356465"},"modified":"2025-07-24T09:10:31","modified_gmt":"2025-07-24T07:10:31","slug":"economic-history-was-ist-eigentlich-der-postkeynes-ianismus","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/economic-history-was-ist-eigentlich-der-postkeynes-ianismus\/","title":{"rendered":"Economic History: Was ist eigentlich der Postkeynes-ianismus?"},"content":{"rendered":"<p><em>&#8222;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/John_Maynard_Keynes\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">John Maynard Keynes&#8216;<\/a> Werk von 1936 <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Allgemeine_Theorie_der_Besch%C3%A4ftigung,_des_Zinses_und_des_Geldes\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Die Allgemeine Theorie der Besch\u00e4ftigung, des Zinses und des Geldes<\/a> gilt als ein Versuch, die klassische Theorie zu \u00fcberwinden und die Art und Weise zu revoluti-onieren, wie \u00d6konomen \u00fcber die Wirtschaft nachdenken.<\/em><\/p>\n<p><Center><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/larspsyll.files.wordpress.com\/2013\/12\/4273570080_b188a929801.jpg\" width=\"258\" alt=\"\" title=\"\"\/><br \/>\nUnsicherheit statt Risiko als bestimmende Pr\u00e4misse<\/Center><\/p>\n<p><em>Wirtschaftswissenschaftler, die auf Keynes&#8216; General Theory aufbauen, um die \u00f6konomischen Probleme der Weltwirtschaft des einundzwanzigsten Jahrhunderts zu analysieren, werden als <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Postkeynesianismus\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">&#8222;Post-Keynesianer&#8220;<\/a> bezeichnet.<\/em><\/p>\n<p><!--more Weiterlesen...--><\/p>\n<p><em>Keynes &#8222;Prinzip der wirksamen Nachfrage&#8220; (1936, Kap. 2) erl\u00e4uterte, dass die der klassischen Theorie zugrunde liegenden Axiome nicht auf ein geldbasiertes, unternehmerisch gepr\u00e4gtes Wirtschaftssystem anwendbar seien. <\/p>\n<p>Folglich sei diese &#8222;Lehre der Mainstream-Theorie&#8220; irref\u00fchrend und in ihren Auswirkungen katastrophal, wenn wir versuchen, sie auf die Tatsachen der Praxis anzuwenden&#8220;(Keynes 1936, S. 3). Um eine \u00f6konomische Theorie f\u00fcr eine Geldwirtschaft zu entwickeln schlug Keynes vor, drei grundlegende Axiome der klassischen \u00d6konomie zur\u00fcckzuweisen (1936, S. 16).<\/p>\n<p>Leider sind diese Grunds\u00e4tze, deren Abschaffung Keynes nahelegte, immer noch ein wichtiger Teil der Mainstream-Wirtschaftstheorie des 21. Jahrhunderts. <\/p>\n<p>Post-Keynesianer haben aber gerade diese von Keynes monierten drei Axiome \u00fcber Bord geworfen. Bei den betroffenen Grunds\u00e4tzen handelt es sich um das ergodische Axiom der berechenbaren Zukunft, das Brutto-Substitutionsaxiom (die Austauschbarkeit aller Produktionsfaktoren) und den Grundsatz des neutralen Geldes.<\/p>\n<p>Nur wenn diese Axiome abgeschafft werden, kann ein Modell entwickelt werden, welches folgende Eigenschaften aufweist:<\/p>\n<p>\u2022 Geld ist sowohl in der langen und der kurzen Frist wichtig, was bedeutet, \u00c4nderungen in der Geldmenge k\u00f6nnen Entscheidungen beeinflussen, die das Besch\u00e4ftigungsniveau und die reale Wirtschaftsleistung bestimmen.<\/p>\n<p>\u2022 Wenn sich das Wirtschaftssystem von einer unwiderruflichen Vergangenheit zu einer unsicheren Zukunft bewegt, erkennen die Entscheidungstr\u00e4ger dass sie unter unsicheren Bedingungen wichtige, kostspielige Entscheidungen treffen, wobei zuverl\u00e4ssige rationale Berechnungen in der Zukunft unm\u00f6glich sind.<\/p>\n<p>\u2022 Menschen und Organisationen treten in Geldvertr\u00e4ge ein. Diese Geldvertr\u00e4ge sind eine menschliche Einrichtung, die entwickelt wurde, um zeitaufw\u00e4ndige Produktions- und Austauschprozesse effizient zu organisieren. Der Geldlohnvertrag ist der allgegenw\u00e4rtigste dieser Vertr\u00e4ge.<\/p>\n<p>\u2022 Die Arbeitslosigkeit und nicht die Vollbesch\u00e4ftigung ist eine gemeinsame Laissez-faire-Situation in einer marktorientierten, monet\u00e4ren Produktionswirtschaft.<\/p>\n<p>\u2022 Das ergodische Axiom postuliert, dass alle zuk\u00fcnftigen Ereignisse statistisch vorhersehbar seien, d. h. dass die Zukunft aus einer Analyse bestehender Marktdaten genau prognostiziert werden kann. <\/p>\n<p>Infolgedessen bedeutet dieser Grundsatz, dass das Einkommen, das auf irgendeinem Besch\u00e4ftigungs-niveau erwirtschaftet wird, entweder ausschlie\u00dflich f\u00fcr produzierte Waren f\u00fcr den heutigen Verbrauch oder f\u00fcr den Kauf von Investitionsg\u00fctern ausgegeben wird, die zur Herstellung von Waren f\u00fcr den (be-kannten) zuk\u00fcnftigen Verbrauch der heutigen Sparer verwendet werden. <\/p>\n<p>Mit anderen Worten, die orthodoxe Theorie geht davon aus, dass alle Einkommen immer sofort f\u00fcr bereits erstellte G\u00fcter ausgegeben werden, so dass es nie einen Mangel an effektiver Nachfrage nach Dingen gibt, die die Industrie bei Vollbesch\u00e4ftigung produzieren kann&#8230; Die Post-Keynesianische Theorie lehnt das ergodische Axiom ab.<\/p>\n<p>In der post-keynesianischen Theorie&#8230;erkennen die Menschen, dass die Zukunft unsicher ist (nicht-ergodisch) und nicht zuverl\u00e4ssig vorhergesagt werden kann.&#8220;<\/p>\n<p>aus <a href=\"http:\/\/www.encyclopedia.com\/doc\/1G2-3045300684.html\" target=\"_blank\">Economics, Post Keynesian von Paul Davidson<\/a><\/em><\/p>\n<p>Die Finanzkrise von 2007-08 traf die meisten Laien und \u00d6konomen v\u00f6llig \u00fcberraschend. Was aber ging mit unseren makro\u00f6konomischen Modellen schief, da sie den Zusammenbruch offensichtlich nicht vor-hersagen oder sogar nur denkbar machen konnten?<\/p>\n<p>Es gibt viele, die es gewagt haben, Antworten auf diese Frage zu finden. Und sie haben eine Vielzahl von Antworten entdeckt, angefangen von der \u00fcbertriebenen Mathematik der \u00d6konomie bis hin zu irratio-nalen und korrupten Politikern.<\/p>\n<p>Aber die Wurzel des Problems geht eigentlich viel tiefer. Es bezieht sich letztlich darauf, wie wir die Daten betrachten, mit denen gearbeitet wird. In der &#8222;modernen&#8220; Makro\u00f6konomie &#8211; mit <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/DSGE-Modelle\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">DSGE-Modellen<\/a>, der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Neoklassische_Synthese\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Neoklassischen Synthese<\/a>, der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Neoklassische_Theorie\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Neoklassischen Theorie<\/a> an sich und dem <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Neokeynesianismus\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Neokeynesianismus<\/a> &#8211; werden Variablen wie von einem bekannten &#8222;Datenerzeugungsprozess&#8220; behandelt, der sich im Laufe der Zeit entfaltet und mit dem wir daher Zugang zu massenweise historischen Zeitreihen haben. <\/p>\n<p>Wenn wir nicht davon ausgehen, dass wir den &#8222;Datenerzeugungsprozess&#8220; kennen &#8211; wenn wir also nicht das &#8222;echte&#8220; Modell haben &#8211; kollabiert allerdings das gesamte &#8222;Geb\u00e4ude&#8220;. Und nat\u00fcrlich muss es das auch, denn wer glaubt schon ehrlich daran, dass wir Zugang zu diesem mythischen Heiligen Gral haben sollten, dem Verfahren der Datenerzeugung?<\/p>\n<p>Die &#8222;moderne&#8220; Makro\u00f6konomie hatte offensichtlich die Ungeheuerlichkeit der Probleme nicht vorher-sehen k\u00f6nnen, die die &#8222;effizienten&#8220; unregulierten Finanzm\u00e4rkte erzeugten. Warum? Weil sie auf dem Mythos aufbaut, dass wir den &#8222;Datenerzeugungsprozess&#8220; kennen und wir die Variablen unserer sich entwickelnden Volkswirtschaften wie aus einem Kessel mit bekannten stochastischen Wahrschein-lichkeitsfunktionen ziehen und Abweichungen damit erkl\u00e4ren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Dies ist in etwa so als wolle man bei einer Urlaubsreise genau wissen, dass die Chance auf sonniges Wetter mindestens 30% betr\u00e4gt, was f\u00fcr uns genug ist zu entscheiden, ob man nun seine Sonnenbrille mitnimmt oder nicht. <\/p>\n<p>Man sollte also in der Lage sein, den erwarteten Nutzen basierend auf der gegebenen Wahrschein-lichkeit von sonnigem Wetter zu berechnen und eine einfache Entscheidung von entweder-oder zu treffen. Die Unsicherheit wird auf ein Risiko reduziert.<\/p>\n<p>Aber wie Keynes in seiner monumentalen <a href=\"https:\/\/keynes-gesellschaft.de\/keynes-leben-und-werk\/keynes-14-monographien\/3-a-treatise-on-probability\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Abhandlung \u00fcber Wahrscheinlichkeit<\/a> (1921) \u00fcberzeugend argumentierte, erscheint dies nicht immer m\u00f6glich. Oft wissen wir es einfach nicht. <\/p>\n<p>Nach einem Modell ist die Chance auf sonniges Wetter vielleicht irgendwo um die 10% und nach einem anderen &#8211; aber gleich gutem &#8211; Modell betr\u00e4gt sie m\u00f6glicherweise etwa rund 40%. Aufgrund dieser Einsch\u00e4tzungen k\u00f6nnen wir keine genauen Zahlen aufstellen. Wir k\u00f6nnen auch keine Mittelwerte oder Abweichungen berechnen. Es gibt schlicht keine gegebenen Wahrscheinlichkeitsrechnungen, auf die wir uns verlassen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Am Ende ist das einfach alles, um das es eigentlich geht. Wir alle wissen, dass viele Aktivit\u00e4ten, Beziehungen, Prozesse und Ereignisse genau diesem keynesianischen Unsicherheitstyp entsprechen. Die Daten geben nicht eindeutig eine Entscheidung als die einzige &#8222;rationale&#8220; her. <\/p>\n<p>Weder der \u00d6konom noch das handelnde Individuum k\u00f6nnen genau vorgeben, wie die Menschen entscheiden werden, wenn sie mit Unsicherheiten und Unklarheiten konfrontiert werden, die als <a href=\"https:\/\/www.wortbedeutung.info\/Ontologie\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">ontologische<\/a> Tatsachen darstellen, wie diese Welt funktioniert.<\/p>\n<p>Einige Makro\u00f6konomen wollen aber trotzdem weiterhin ihren bekannten Hammer benutzen k\u00f6nnen. So beschlie\u00dfen sie, einfach so zu tun, als ob die Welt wie ein Nagel aussieht und eben so zu tun, als ob Ungewissheit auf das Risiko reduziert werden kann. So konstruieren sie ihre mathematischen Modelle aufgrund dieser Annahme. Das Ergebnis: Finanzkrisen und wirtschaftliche Verw\u00fcstung.<\/p>\n<p>Wie viel besser &#8211; und wie viel gr\u00f6\u00dfer w\u00e4re die Chance, dass wir uns nicht in den tr\u00f6stenden Gedanken hineinziehen lassen, alles zu wissen und alles f\u00fcr messbar zu halten und wir damit alles unter Kontrolle haben &#8211; wenn wir einfach nur zugeben k\u00f6nnen, dass wir oft einfach nicht genug wissen und wir mit dieser Ungewissheit so gut leben m\u00fcssen wie es eben geht.<\/p>\n<p>Die Menschen zu t\u00e4uschen und sie glauben zu machen, dass man mit einer unbekannten wirtschaft-lichen Zukunft auf eine Weise umgehen kann, die dem Spielen an Roulette-R\u00e4dern \u00e4hnelt, stellt nur f\u00fcr eine Sache ein sicheres Rezept dar &#8211; f\u00fcr ein \u00f6konomisches Desaster.<\/p>\n<p><em>(Eigene \u00dcbersetzung eines schon \u00e4lteren <a href=\"https:\/\/rwer.wordpress.com\/2017\/06\/01\/what-is-post-keynesian-economics-2\/\" target=\"_blank\">Blogbeitrages<\/a> des schwedischen \u00d6konomen <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Lars_P%C3%A5lsson_Syll\" target=\"_blank\">Lars Syll<\/a>)<\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;John Maynard Keynes&#8216; Werk von 1936 Die Allgemeine Theorie der Besch\u00e4ftigung, des Zinses und des Geldes gilt als ein Versuch, die klassische Theorie zu \u00fcberwinden und die Art und Weise zu revoluti-onieren, wie \u00d6konomen \u00fcber die Wirtschaft nachdenken. 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