{"id":24310389,"date":"2024-09-10T10:35:34","date_gmt":"2024-09-10T08:35:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/?p=24310389"},"modified":"2026-04-14T15:10:13","modified_gmt":"2026-04-14T13:10:13","slug":"noch-einmal-ist-wachstum-gut","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/noch-einmal-ist-wachstum-gut\/","title":{"rendered":"Noch einmal: Ist Wachstum gut?"},"content":{"rendered":"<p>Wann immer das Thema des Wirtschaftswachstums angesprochen wird gibt es eine weit verbreitete und verst\u00e4ndliche Reaktion in dem Sinne, dass Wachstum \u00f6kologisch nicht nachhaltig oder sozial sch\u00e4dlich sei.<\/p>\n<p><Center><a title=\"User:Abbasi786786, CC BY-SA 4.0 &lt;https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/4.0&gt;, via Wikimedia Commons\" href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Countries_by_Real_GDP_Growth_Rate_in_2018.png\"><img decoding=\"async\" width=\"412\" alt=\"Countries by Real GDP Growth Rate in 2018\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/3\/37\/Countries_by_Real_GDP_Growth_Rate_in_2018.png\"><\/a><br \/>\n<em>L\u00e4nder nach realer BIP-Wachstumsrate im Jahr 2018<br \/>\n(Daten aus der WEO-Datenbank des IWF, April 2020)<\/em><\/Center><\/p>\n<p>Da eines der Hauptanliegen dieses Blogs das nachfragegesteuerte Wachstum ist, lohnt es sich viel-leicht innezuhalten, um \u00fcber die Angemessenheit dieses Themas nachzudenken. <\/p>\n<p><!--more Weiterlesen...--><\/p>\n<p>Die generelle Problematik kann dabei in zwei Abschnitte unterteilt werden. Warum sollte man \u00fcber-haupt das Wachstum als solches betrachten? Und warum die M\u00f6glichkeit hervorheben, dass Wachs-tum nachfragegeleitet sein kann?<\/p>\n<p><b>Das Wachstum als solches<\/b><br \/>\nWirtschaftswachstum bedeutet einen kontinuierlichen Ausbau der Produktion. Output ist im Sinne der nationalen Buchhaltungsvorschriften ein monet\u00e4rer Ma\u00dfstab. Dies gilt unabh\u00e4ngig davon, ob der Wert f\u00fcr das Bruttoinlandsprodukt (oder \u00e4hnlichen Berechnungen) nominal (zu Marktpreisen) oder in so-genannten &#8222;realen&#8220; (d.h. zu konstanten Preisen) Gr\u00f6\u00dfen angegeben wird. <\/p>\n<p>Das Wachstum der Produktion, wenn der nationale Output auf diese Weise definiert wird, kann mit oder ohne Umweltrisiken und sozialen Sch\u00e4den erfolgen. In diesem Sinne ist Wachstum weder von Natur aus gut noch schlecht.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich h\u00e4ngt die Attraktivit\u00e4t und Nachhaltigkeit des Wachstums von der Art dieses Wachstums ab. Im Prinzip k\u00f6nnte eine \u00d6konomie, die haupts\u00e4chlich aufs Lernen (durch Bildung, Forschung und Entwicklung, Wissenschaft und Technologie, Kunst und Geisteswissenschaften), die Wiederherstellung und Erneuerung der nat\u00fcrlichen Umwelt, die Bereitstellung erstklassiger Gesundheit und Pflegedienste, den Aufbau von Qualit\u00e4tsinfrastrukturen, die Entwicklung sozial harmonischer Institutionen und Prozesse sowie die F\u00f6rderung von Kreativit\u00e4t und Spiel ausgerichtet ist, genauso gut wachsen wie eine auf milit\u00e4risches Abenteurertum, Pl\u00fcnderung nat\u00fcrlicher Ressourcen und die Verbreitung von sozialen und psychologischen Krankheiten ausgerichtete. <\/p>\n<p>Wenn eine Gesellschaft mehr Wissen hervorbringt, zum Beispiel mit den gleichen Ausgaben f\u00fcr Bildung, Wissenschaft und Forschung, sollte dies wirklich in angemessener Weise als Erg\u00e4nzung zu &#8222;echtem&#8220; Output betrachtet werden, obwohl nat\u00fcrlich Schwierigkeiten bei der Bewertung und Messung auftreten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Eine Schl\u00fcsselimplikation der modernen Geldtheorie ist die F\u00e4higkeit, einer entsprechend erm\u00e4chtigten und verantwortlichen w\u00e4hrungsgebenden Regierung die Mittel bereitzustellen, um nachhaltige Akti-vit\u00e4ten und Entwicklungspfade auszuw\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Dennoch k\u00f6nnte die Frage immer noch gestellt werden, warum wir das Bed\u00fcrfnis oder den Wunsch haben zu wachsen? Warum sich nicht mit einer station\u00e4ren \u00d6konomie zufrieden geben, oder vielleicht ist es sogar besser ein wenig zu schrumpfen?<\/p>\n<p>Streng genommen erfordert nichts bei einer Betrachtung des Wirtschaftswachstums notwendiger-weise, dass wir hohe oder sogar positive Wachstumsraten priorisieren. Insbesondere wenn wir an eine zuk\u00fcnftige Gesellschaft mit Arbeitsplatzgarantie denken, k\u00f6nnte Vollbesch\u00e4ftigung mit oder ohne positive Wachstumsraten aufrechterhalten werden. <\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen versuchen, die Merkmale des Wachstumsverhaltens einer Volkswirtschaft zu verstehen, egal ob dieses Wachstum quantitativ positiv oder negativ ist. <\/p>\n<p>Trotzdem erscheint es nach dieser Feststellung wahrscheinlich, dass die meisten Menschen Wachs-tum als positiv ansehen werden, vorausgesetzt, es ist das richtige Wachstum. Letztendlich kann und sollte Wachstum im weitesten Sinne die nachhaltige Entwicklung der Menschheit und anderer Spezies sein. <\/p>\n<p>Ein solches Wachstum wird immer weniger \u00fcber die Produktion von irgendwelchen Dingen sondern immer mehr \u00fcber das Erreichen von Wissen, Frieden und Verst\u00e4ndnis, sozialem Zusammenhalt, einem erweiterten Spielraum f\u00fcr individuelle F\u00e4higkeiten und Kreativit\u00e4t und so weiter erreicht.<\/p>\n<p><b>Nachfragegetriebenes Wachstum<\/b><br \/>\nEin Motiv daf\u00fcr, die M\u00f6glichkeit dieser Wachstumsart in Betracht zu ziehen, ist die Implikation, dass dies f\u00fcr die Makro\u00f6konomie als Ganzes gelten w\u00fcrde. Die zentrale Idee des nachfrageorientierten Wachstums besteht aus deiner Schl\u00fcsselannahme, der die kaleckische oder keynesianische Sichtweise der Output-Bestimmung zugrunde liegt. <\/p>\n<p>Diese Auffassung geht davon aus, dass eine Ver\u00e4nderung der Nachfrage Schwankungen im Produktionsniveau (reale Produktion) mehr oder weniger unabh\u00e4ngig von Ver\u00e4nderungen (zum Teil) des Preisniveaus verursacht. Eine kritische dieser Position zugrunde liegende Annahme geht davon aus, dass es freie Kapazit\u00e4ten und Reserven an Arbeitskraft und anderen Ressourcen gibt, mit denen sich die Produktion auf die vorgeschlagene Weise an die Nachfrage anpassen kann.<\/p>\n<p>Die bedarfsorientierte Wachstumstheorie macht Sinn bei der Idee, dass freie Kapazit\u00e4t nicht nur eine kurzfristige, sondern normalerweise \u00fcber einen beliebigen Zeitrahmen g\u00fcltige Annahme ist. Auf lange Sicht ist sie sogar noch besser anwendbar als in der kurzen Frist. <\/p>\n<p>Der Grund liegt als besondere Betonung der nachfrageorientierten Wachstumstheorie darin, dass die Produktion nicht nur durch eine umfassendere Nutzung vorhandener Kapazit\u00e4ten sondern auch durch Investitionen selbst auf die Nachfrage reagieren kann. <\/p>\n<p>Moderne Volkswirtschaften operieren fast immer weit unter ihrer physischen Maximalkapazit\u00e4t. Durchschnittliche Auslastungsraten von etwa 80 bis 85 Prozent scheinen typisch zu sein. In den USA zum Beispiel schwankte die Nutzungsrate zwischen ca. 67 und 90 Prozent, seit die Aufzeichnungen 1967 ver\u00f6ffentlicht wurden.<\/p>\n<p>Wie ist das m\u00f6glich?<\/p>\n<p>Es ist m\u00f6glich, weil Unternehmen schon lange bevor die volle Kapazit\u00e4t erreicht ist, \u00fcber die von ihnen als &#8222;normal&#8220; angesehenen Nutzungsraten hinaus operieren &#8211; d.h. \u00fcber die Auslastungsraten hinaus, die sie f\u00fcr die durchschnittlich erwartete Nachfrage f\u00fcr angemessen halten, was sie dann auch zu weiteren kapazit\u00e4tsausweitenden Investitionen verleitet.<\/p>\n<p>Warum wollen Firmen unterhalb der vollen Kapazit\u00e4t arbeiten?<\/p>\n<p>Sie tun dies vor allem wegen der Ungewissheit, zu welchem \u200b\u200bGrad die Nachfrage ihre Produktion tats\u00e4chlich auslasten wird. Geplante Margen von Kapazit\u00e4tsreserven geben ihnen Spielraum, so dass sie auf Schwankungen der Nachfrage mit Produktions\u00e4nderungen reagieren k\u00f6nnen und nicht riskieren, Kunden an Konkurrenten zu verlieren. Kurz gesagt, freie Kapazit\u00e4ten geben Flexibilit\u00e4t.<\/p>\n<p>F\u00fcr diese Ansicht des nachfragegesteuerten Wachstums ist es nicht kritisch, dass die Preise als konstant angenommen werden. Es ist nur notwendig, dass der reale Output in der vorgesehenen Weise auf die Nachfrage reagiert. <\/p>\n<p>Auf kurze Sicht kann eine verst\u00e4rkte Nachfrage vor\u00fcbergehende Preiseffekte in den Sektoren verur-sachen, die n\u00e4her an der Kapazit\u00e4tsgrenze operieren als andere. Dieser Preisdruck kann so lange anhalten, bis neue Kapazit\u00e4ten geschaffen wurden, sei es durch neue Firmen oder durch den Ausbau bestehender Betriebe. <\/p>\n<p>Solange das Produktionsniveau insgesamt auf die Nachfrage in der angenommenen Weise reagiert, gibt es f\u00fcr die nachfrageorientierte Wachstumstheorie keine Schwierigkeiten, da ihr Schwerpunkt auf dem Verhalten der realen Produktion liegt. <\/p>\n<p>Gleichzeitig macht die M\u00f6glichkeit vor\u00fcbergehender Preiseffekte tats\u00e4chlich langfristig eine praxistaugliche Annahme der Unabh\u00e4ngigkeit zwischen Preisniveau und Output plausibler als kurzfristig, weil der l\u00e4ngere Zeitrahmen eine volle Wirkung von Investitionen auf die Kapazit\u00e4ten erm\u00f6glicht.<\/p>\n<p>\u00dcbersch\u00fcssige Arbeitskraftreserven sind ebenfalls ein normales Merkmal des Systems. Dies liegt zum Teil daran, dass der Kapazit\u00e4tsausbau nicht nur durch eine Erweiterung der Skalenertr\u00e4ge bei gegebener technischer Effizienz sondern auch durch technischen Fortschritt erreicht wird, der es erm\u00f6glicht, das gleiche Produktionsniveau mit weniger Arbeitsaufwand zu erreichen. <\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus liegt es teilweise daran, dass Kapitalisten bisher ungenutzte Quellen von Arbeitskraft in nichtkapitalistischen Bereichen der Weltwirtschaft nutzen k\u00f6nnen (unabh\u00e4ngig davon, ob diese Individuen in so genannten entwickelten oder sich entwickelnden Volkswirtschaften leben). <\/p>\n<p>Es besteht auch die Tendenz, dass sich das Angebot an Arbeitskr\u00e4ften in Zeiten starker Nachfrage aufgrund individueller Entscheidungen \u00fcber die Erwerbst\u00e4tigkeit ausweitet. Einige Personen, die in Phasen der Stagnation bei der Arbeitssuche entmutigt werden, treten wieder in den Arbeitsmarkt ein, wenn sich die Aussichten verbessern. <\/p>\n<p>Wie bei den Anlagen und Maschinen, die normalerweise in unterschiedlicher Anzahl in verschiedenen Sektoren auf der Grundlage eines unausgewogenen Wachstums eingesetzt werden, kann die Ver-sorgung mit Arbeitskr\u00e4ften in einigen Bereichen eher &#8222;austrocknen&#8220; als in anderen. <\/p>\n<p>Auch hier k\u00f6nnen sich Preiseffekte in betroffenen Sektoren ergeben. Wie bei den \u00fcberz\u00e4hligen Kapazit\u00e4ten ist die Annahme eines \u00dcberschusses an Arbeitskr\u00e4ften \u00fcber l\u00e4ngere Zeitr\u00e4ume eher plausibel als ein Mangel. Auf lange Sicht gibt es gen\u00fcgend Zeit, neue Arbeitskr\u00e4fte auszubilden oder eben Neuerungen einzuf\u00fchren, um den Bedarf an bestimmten Arbeitskr\u00e4ften zu reduzieren.<\/p>\n<p>Die dr\u00e4ngendste Einschr\u00e4nkung ist dabei die durch die Umwelt. Wie schon betont, m\u00fcssen wir uns innerhalb der Grenzen der nat\u00fcrlichen Ressourcen der Art des Wachstums und der Art von Aktivit\u00e4ten bewusst sein, die wir priorisieren.<\/p>\n<p>Hier sollten Regierungen mit eigener W\u00e4hrung (also auch die EU!) in der Lage sein, die richtigen Akti-vit\u00e4ten zu f\u00f6rdern oder durchzuf\u00fchren und eine umweltsch\u00e4dliche Produktion zu verhindern oder zu verbieten.<\/p>\n<p><em>(Eigene \u00dcbersetzung eines schon \u00e4lteren <a href=\"http:\/\/heteconomist.com\/growth-is-good\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Blogbeitrages<\/a> des australischen \u00d6konomen Peter Cooper, der aber nichts an Aktualit\u00e4t verloren hat)<\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wann immer das Thema des Wirtschaftswachstums angesprochen wird gibt es eine weit verbreitete und verst\u00e4ndliche Reaktion in dem Sinne, dass Wachstum \u00f6kologisch nicht nachhaltig oder sozial sch\u00e4dlich sei. 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