{"id":2309105,"date":"2015-12-03T09:29:13","date_gmt":"2015-12-03T08:29:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/?p=2309105"},"modified":"2024-10-18T08:12:04","modified_gmt":"2024-10-18T06:12:04","slug":"treiben-hoehere-mindestloehne-produktivitaet-und-innovation-an","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/treiben-hoehere-mindestloehne-produktivitaet-und-innovation-an\/","title":{"rendered":"Treiben h\u00f6here Mindestl\u00f6hne Produktivit\u00e4t und Innovation an?"},"content":{"rendered":"<p>Vor der Einf\u00fchrung eines <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Mindestlohngesetz_(Deutschland)\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">gesetzlichen Mindestlohnes<\/a> habe ich <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/?s=mindestlohn\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">hier mehrfach<\/a> \u00fcber die Vorteile einer solchen Lohnuntergrenze geschrieben. Nun stie\u00df ich auf einen sehr interessanten Artikel des amerikanischen \u00d6konomen <a href=\"http:\/\/noahpinionblog.blogspot.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Noah Smith<\/a> zu dieser Thematik. Er stellte sich die Frage, ob Mindestl\u00f6hne in der langen Frist nicht sogar die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Produktivit%C3%A4t\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Produktivit\u00e4t<\/a> und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Innovation\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Innovation<\/a> steigern w\u00fcrden.<\/p>\n<p><center><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.boeckler.de\/data\/impuls_grafik_2015_14_2_rdax_1440x902_75s.jpg\" width=\"408\" alt=\"Jobboom nach der Mindestlohneinf\u00fchrung\"\/><a href=\"https:\/\/www.boeckler.de\/de\/boeckler-impuls-mehr-beschaeftigung-mit-mindestlohn-9152.htm\" title=\"Hans-B\u00f6ckler-Stiftung\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><br \/>\n<em>Grafik: Hans-B\u00f6ckler-Stiftung<\/em><\/a><\/center><\/p>\n<p>Normalerweise w\u00e4ren es ja die Gegner von Lohnuntergrenzen, die \u00fcber die Auswirkungen von Mindestl\u00f6hnen \u00fcber l\u00e4ngere Zeitr\u00e4ume reden w\u00fcrden, so Smith. Ihrer Ansicht nach h\u00e4tten Erh\u00f6hungen der Mindestl\u00f6hne keine oder nur geringe Konsequenzen f\u00fcr das Besch\u00e4ftigungsniveau einer Volkswirtschaft. Langfristig aber w\u00fcrden sie angeblich doch zu negativen Folgen f\u00fcr den Abbau der Erwerbslosigkeit f\u00fchren.<\/p>\n<p><!--more Weiterlesen...--><\/p>\n<p>Noah Smith aber folgt einem ganz anderen Ansatz, er ist n\u00e4mlich davon \u00fcberzeugt, dass Lohnuntergrenzen sich \u00fcber die lange Frist vielmehr auf die Produktivit\u00e4t als auf die Besch\u00e4ftigung auswirken w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Langfristig habe Produktivit\u00e4t sehr viel mit Technologie und technischem Fortschritt zu tun. \u00d6konomen behandeln diesen technologischen Wandel allerdings oft so, als ob er einfach direkt vom Himmel fiele. Tats\u00e4chlich aber seien es die Innovationsbem\u00fchungen von Unternehmern und Forschern, die die Technik voranbr\u00e4chten.<\/p>\n<p>Warum aber werden Unternehmen innovativ? Smith verneint den Ansatz, dass Firmen quasi automatisch jede Technologie erfinden w\u00fcrden, die sie produktiver werden lie\u00dfe. Seiner Ansicht nach k\u00f6nnen innovative Unternehmen gar nicht im Voraus wissen, welche Dinge sie in der Lage w\u00e4ren zu produzieren. Technischen Fortschritt zu entwickeln sei riskant, und Unternehmen in der Regel eher risikoscheu.<\/p>\n<p>Als zweiten Punkt f\u00fchrt Noah Smith an, dass Firmen normalerweise kurzfristig planen w\u00fcrden und deshalb dazu neigen, m\u00f6glichst wenig Geld in Forschung und Entwicklung zu investieren, die sich erst Jahre sp\u00e4ter auswirken k\u00f6nnten. Und zuletzt w\u00fcrden sich auch viele Unternehmen auf dem erreichten Status Quo einrichten und erst dann in Innovationen denken, wenn sie durch die Marktlage dazu gezwungen w\u00e4ren.  <\/p>\n<p>Was passiert also, wenn sich eine Firma pl\u00f6tzlich in der Situation bef\u00e4nde, h\u00f6here L\u00f6hne zahlen zu m\u00fcssen? Sie k\u00f6nnte den Einbruch bei der Gewinnmarge einfach so hinnehmen und weitermachen wie bisher. M\u00f6glich w\u00e4re aber auch, dass das Unternehmen k\u00fcrzer tritt, Besch\u00e4ftigte entl\u00e4sst und seine T\u00e4tigkeiten einschr\u00e4nkt.<\/p>\n<p>Oder es w\u00fcrde sich dazu entscheiden, in arbeitssparende Technologien zu investieren. Smith verweist an dieser Stelle auf einen <a href=\"http:\/\/www.forbes.com\/sites\/modeledbehavior\/2013\/07\/30\/doubling-mcdonalds-salaries-a-great-way-to-get-workers-replaced-by-machines\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Beitrag<\/a> des <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Forbes_(Zeitschrift)\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Forbes<\/a>-Kolumnisten <a href=\"https:\/\/eig.org\/about-us\/executive-team-staff\/dr-adam-ozimek\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Adam Ozimek<\/a> aus dem Jahr 2013 mit der \u00fcberaus treffenden \u00dcberschrift <b>&#8222;Eine Verdopplung der Geh\u00e4lter bei McDonalds w\u00e4re ein guter Weg, die Arbeiter durch Maschinen zu ersetzen&#8220;<\/b> und zitiert daraus:<\/p>\n<blockquote><p>Wir h\u00f6ren mehr und mehr davon, dass Maschinen Arbeiter ersetzen und auch bei McDonalds gibt es einige offensichtliche Anw\u00e4rter f\u00fcr einen Austausch &#8230; [Automatisierte Bestellungs- und Bezahlungssysteme sind] nur die naheliegendste M\u00f6glichkeit, mit Maschinen die Arbeitnehmer zu ersetzen. Ein Unternehmen &#8230; arbeitet bereits an Robotern, um auch die K\u00f6che ersetzen  zu k\u00f6nnen &#8230; Langfristig f\u00fchrt ein solcher technologischer Wandel allerdings im Durchschnitt zu mehr Wohlstand[.]<\/p><\/blockquote>\n<p>In den zwei Jahren seitdem seien Ozimeks Prophezeiungen wahr geworden, so Noah Smith. McDonalds hat bereits <a href=\"http:\/\/www.sltrib.com\/home\/3161311-155\/video-we-built-our-own-mcdonalds\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">eine Reihe von automatischen Kiosken installiert<\/a>, mit denen Kunden ihre eigenen Burger erstellen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich h\u00e4lt Smith Ozimek f\u00fcr einen hartn\u00e4ckigen Mindestlohn-Gegner, der mit dem Argument, Mindestl\u00f6hne w\u00fcrden ihre Arbeitspl\u00e4tze vernichten, versuche die Arbeitnehmer zu beunruhigen. Doch er sieht das anders: die Besch\u00e4ftigten sollten nicht so sehr Angst davor haben, dass sie von dieser Art des technologischen Fortschritts ersetzt w\u00fcrden. Letztendlich d\u00fcrfte er sie stattdessen produktiver machen und aktuell sogar helfen, mehr zu verdienen.<\/p>\n<p>Noah Smith liefert f\u00fcr diese paradoxe Ansicht folgende Erkl\u00e4rung: In der Vergangenheit, als Unternehmen arbeitssparende Technologien einf\u00fchrten, egal ob Montagelinien oder Computer, wurden ihre Arbeiter dadurch trotzdem nicht einfach in die Arbeitslosigkeit entlassen. Stattdessen wurden sie produktiver als zuvor und erstritten sich damit auch h\u00f6here L\u00f6hne. <\/p>\n<p>Diejenigen, die trotzdem entlassen wurden, fanden schlie\u00dflich Arbeitspl\u00e4tze bei anderen Unternehmen &#8211; und da die Wirtschaft aufgrund der Innovationen auch insgesamt produktiver geworden war, konnten dadurch mehr neue Firmen gegr\u00fcndet werden. In fr\u00fcheren Zeiten erg\u00e4nzte die Automatisierung immer die Menschen, anstatt sie irrelevant zu machen. Das k\u00f6nnte sich in der Zukunft m\u00f6glicherweise \u00e4ndern, aber momentan stimmt dieses alte Muster noch immer.<\/p>\n<p>Damit Arbeiter produktiver sein konnten, um die Vorteile der neuen Technologien f\u00fcr sich zu nutzen, mussten sie oft ihre F\u00e4higkeiten verbessern. Zu jeder Zeit haben Arbeitnehmer dies recht erfolgreich geschafft. Als die industrielle Revolution von den Menschen erforderte, das Lesen zu lernen, haben sie das getan. Als die Informationsrevolution die Menschen dazu zwang, Computer zu benutzen, lernten sie, damit umzugehen. <\/p>\n<p>Gering qualifizierte Arbeitskr\u00e4fte waren bisher bei der Weiterbildung recht zur\u00fcckhaltend, weil sie meistens eher kurzfristig planen (m\u00fcssen), die Erfordernisse eines technologisch fortschrittlicheren Arbeitsplatzes k\u00f6nnte sie dagegen zuk\u00fcnftig dazu bringen, l\u00e4ngerfristig zu denken und neue F\u00e4higkeiten zu entwickeln.<\/p>\n<p>So k\u00f6nnten also Mindestlohngesetze, die uns zwingen niedrig qualifizierte Arbeit aufzugeben, tats\u00e4chlich zu erh\u00f6hten technologischen Innovationen f\u00fchren. Einige Leute spekulieren sogar damit, dass dieser Effekt bereits durch die industrielle Revolution selbst begonnen habe, meint Noah Smith. <\/p>\n<p>Der Wirtschaftshistoriker <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Robert_C._Allen\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Robert C. Allen<\/a> argumentiere in einem aufsehenerregenden Aufsatz, dass die industrielle Revolution in Europa und nicht in China vor allem deshalb begann, weil die europ\u00e4ischen Arbeitgeber gezwungen waren, h\u00f6here L\u00f6hne an ihre Arbeiter zu bezahlen. <\/p>\n<p>Da die Arbeit damit teurer wurde, investierten die Unternehmen vermehrt in Technologie, die dann die Produktivit\u00e4t so sehr erh\u00f6hte, dass die L\u00f6hne noch mehr stiegen und die Unternehmer dazu zwangen noch weiter auf den technischen Fortschritt zu setzen, auch weil ihre eigenen erh\u00f6hten Einkommen es ihnen erlaubten, diese Investitionen zu t\u00e4tigen. <\/p>\n<p>Der als Pionier der Wachstums\u00f6konomie geltende Wirtschaftswissenschaftler <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Paul_Romer\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Paul Romer<\/a> <a href=\"http:\/\/faculty.wcas.northwestern.edu\/~lchrist\/papers\/specialization.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">bediente sich schon 1987<\/a> bei einem \u00e4hnlichen Prinzip &#8211; teure Arbeit bewirke eine Aufw\u00e4rtsspirale der technologischen Verbesserungen. Seine Ausarbeitung bietet bereits eine fr\u00fche Best\u00e4tigung der Ansichten sowohl von Noah Smith als auch von Robert C. Allen.<\/p>\n<p>So k\u00f6nnten gem\u00e4\u00df Smith auf sehr langer Sicht Mindestlohngesetze die  Unternehmen dazu zwingen, etwas zu tun, was sie sonst nicht in Erw\u00e4gung ziehen w\u00fcrden &#8211; n\u00e4mlich riskante Wetten auf neue Technologien einzugehen. Und wenn die Arbeiter ihr eigenes Qualifikationsniveau anheben, w\u00fcrde dieser technische Fortschritt auch die L\u00f6hne entsprechend erh\u00f6hen. <\/p>\n<p>Die gesamte Wirtschaft, einschlie\u00dflich der Arbeitnehmer, die vor\u00fcbergehend ihre Niedriglohn-Jobs verl\u00f6ren, w\u00fcrde auf lange Sicht davon profitieren. Sicherlich ist diese Theorie von Noah Smith recht spekulativ &#8211; zumal sich Theorien, die sich erst \u00fcber Jahre oder Jahrzehnte hinaus auswirken, nur schlecht mit realen Daten testen lassen. Aber es w\u00e4re ein potenzieller Nutzen des Mindestlohns, der eine \u00dcberlegung wert w\u00e4re.<\/p>\n<p>Ich halte die Ausf\u00fchrungen von Noah Smith f\u00fcr sehr interessant, zumal in dem <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/der-mythos-von-der-roboter-job-okalypse\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Beitrag \u00fcber die Roboter-Job-okalypse<\/a> ein \u00e4hnlicher Ansatz verfolgt wird, der noch \u00fcber die Auswirkungen von Mindestl\u00f6hnen hinausgeht. <\/p>\n<p>Demnach bedeuten generell h\u00f6here L\u00f6hne tats\u00e4chlich einen gr\u00f6\u00dferen Anreiz f\u00fcr Unternehmen, in den technischen Fortschritt zu investieren. Im Umkehrschluss f\u00fchrt das aber logischerweise dazu, dass Niedrigl\u00f6hne und prek\u00e4re Besch\u00e4ftigung mit Mini-Geh\u00e4ltern die Einf\u00fchrung neuer Technologien verlangsamen, da sie die Firmen vom Risiko kostspieliger Neuentwicklungen weitestgehend befreien.<\/p>\n<p>Die Folgen der dadurch stagnierenden oder nur noch sehr langsam steigenden Produktivit\u00e4t sind in den angels\u00e4chsischen Staaten (und auch im Rest von Europa) in den letzten Jahrzehnten deutlich zu beobachten: anhaltende Arbeitslosigkeit und die immer weiter rotierende Spirale andauernd sinkender (oder zumindest nicht steigender) L\u00f6hne gef\u00e4hrden den Wohlstand und die Altersabsicherung ganzer Generationen, f\u00fcr die eine stetig zunehmende Produktivit\u00e4t aufgrund der demographischen Entwicklung eminent wichtig w\u00e4re. <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor der Einf\u00fchrung eines gesetzlichen Mindestlohnes habe ich hier mehrfach \u00fcber die Vorteile einer solchen Lohnuntergrenze geschrieben. 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